Captain it's Wednesday - Folge 196 - Migrationsangst

  Ralf Hersel   Lesezeit: 7 Minuten Auf Mastodon ansehen

Folge 196 des CIW Podcasts. Warum zögern Unternehmen bei der Umstellung auf Freie Software?

captain it's wednesday - folge 196 - migrationsangst

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Shownotes

CIW - Folge 196 - 07.10.2026 - Migrationsangst

  • Wir begrüssen alle Zauderer zur Folge 196 von "Captain it's Wednesday", dem Podcast über Freie Software und Freie Gesellschaft von GNU/Linux.ch, aufgenommen am 26. September von Michel Ketterle und Ralf Hersel. In dieser Folge reden wir über mögliche Gründe, die Unternehmen den Umstieg auf Freie Software erschweren.

Hausmitteilungen

  • keine

Thema: Warum zögern Unternehmen bei der Umstellung auf Freie Software?

Die Zurückhaltung gegenüber Open-Source-Anwendungen hat meist weniger mit der Software selbst zu tun als mit organisatorischen, wirtschaftlichen und psychologischen Faktoren. Die Gründe lassen sich in mehrere Kategorien einteilen:

Strategische und organisatorische Gründe

Bei proprietärer Software gibt es einen klaren Hersteller, der für Support, Fehlerbehebung und Weiterentwicklung verantwortlich ist. Bedenken: Wer haftet bei Problemen? Wer garantiert die Weiterentwicklung? Wer ist Ansprechpartner bei Sicherheitsvorfällen?

Viele Organisationen bevorzugen einen festen Lieferanten mit: Service Level Agreements (SLAs), definierten Eskalationswegen, langfristigen Verträgen. Open Source wird oft als „Community-getrieben“ wahrgenommen, auch wenn es kommerzielle Anbieter gibt.

Viele Firmen hätten gerne Dienstleister, die in der Gegend tätig sind und ggf. schnell vorbeikommen können. In diesem Zusammenhang weisen wir auf das neue Partnerprogramm des ZenDiS hin.

Behörden und grosse Unternehmen sind typischerweise risikoarm organisiert. Das Motto lautet häufig: Niemand wird entlassen, weil er Microsoft, SAP oder Oracle gekauft hat. Für Open Source muss die Entscheidung oft stärker begründet werden.

Wenn auch nur ein Windows-System vorhanden ist, muss man sich auch um die Administration des Gerätes kümmern und geschäftliche Lizenzen dafür kaufen. Viele Firmen haben ein/zwei Anwendungen/Server und/oder Clients, die nicht gewechselt werden können.

Wirtschaftliche Gründe

Die Lizenzkosten entfallen zwar, andere Kosten bleiben jedoch bestehen: Einführung, Schulung, Betrieb, Integration, Migration, Support. Dadurch entsteht häufig die Wahrnehmung: Kostenlos in der Anschaffung bedeutet nicht kostenlos im Betrieb.

Viele Organisationen haben bestehende Investitionen in: Microsoft 365, SAP, Oracle, Fachapplikationen. Ein Wechsel verursacht: Datenmigration, Prozessanpassungen, Schulungen, Parallelbetrieb. Diese Kosten übersteigen oft die eingesparten Lizenzkosten.

Langfristige Verträge mit Herstellern machen einen Wechsel wirtschaftlich unattraktiv (Lock-in Effekt).

Die langfristeigen Verträge sind nicht wirklich relevant. Sie erfordern es lediglich, dass man den Wechsel auf das bestimmte Datum hin plant. Solche Wechsel dauern ohnehin sehr lange.

Technische Gründe

Sorge vor Problemen bei der Kompatibilität von Dateiformaten, Schnittstellen, Fachanwendungen, Hardware-Treibern.

Hardware und Treiber sollten kein Problem mehr darstellen. Schnittstellen auch nicht mehr zwingend. Was fehlt, sind die schon fertig programmierten Hilfsmittel, die ein Tool ergänzen. Anpassungen müssen immer erst entwickelt werden. Mir sind Fälle bekannt, in denen man sogar Treiber deaktiviert hat, weil ein Spezialfeature nur Neid hervorgebracht hätte.

Open-Source-Lösungen müssen oft integriert werden in: Active Directory, Identity Management, ERP-Systeme, Dokumentenmanagement, Fachanwendungen.

Fertige bekannte Integrationen und Presets fehlen komplett. Hier muss alles selbst erarbeitet werden. Bei Microsoft sind zumindest ihre Tools und Oberflächen schon bekannt.

Nicht alle Open-Source-Produkte bieten dieselbe Funktionstiefe wie etablierte kommerzielle Lösungen. Besonders kritisch sind: Spezialsoftware, Branchenanwendungen, CAD-Systeme, Engineering-Lösungen.

Eine praxistaugliche Lösung ist ein hybrider Ansatz: Open-Source-Produkte werden dort eingesetzt, wo sie funktional ausreichen, während für Spezialsoftware, Branchenanwendungen, CAD- und Engineering-Lösungen gezielt etablierte kommerzielle Systeme genutzt und über standardisierte Schnittstellen integriert werden.

Sicherheits- und Compliance-Gründe

Obwohl Open Source oft sehr sicher ist, existiert die Vorstellung: Jeder kann den Quellcode sehen, also auch Angreifer. Technisch ist dies nicht zwangsläufig ein Nachteil, beeinflusst aber Entscheidungen.

Ich denke nicht, dass das noch Gültigkeit hat. Ich denke, dass Linux im Compliance-Bereich sogar die Nase vorn hat.

Organisationen müssen Vorgaben erfüllen bezüglich: Datenschutz, Informationssicherheit, Auditierbarkeit, Zertifizierungen. Fragen sind beispielsweise: Wer garantiert die Einhaltung? Gibt es ISO- oder Branchenzertifizierungen? Wie werden Sicherheitsupdates bereitgestellt?

Open-Source-Lizenzen können komplex sein (GPL, LGPL, AGPL, Apache, MIT). Rechtsabteilungen fürchten: Lizenzverletzungen, Offenlegungspflichten, Haftungsfragen.

Eine der ersten Fragen, die man sich stellen wird, ist: Wie sichere ich Laptops der Mitarbeiter im Aussendienst ab?. Festplattenverschlüsselung, Fingerprint-Access. Remote-Wipe. Und hier hapert es bei Linux

Personelle Gründe

Viele IT-Abteilungen sind stärker auf proprietäre Produkte spezialisiert. Es gibt oft mehr Experten für Windows, Microsoft 365, Azure als für Linux, Kubernetes, PostgreSQL, Nextcloud usw.

Selbst wenn die IT Erfahrungen mit Linux hat, sind es meist nur die von Anwendern.

Ein Technologiewechsel erfordert Weiterbildung der IT, Schulung der Benutzer, neue Betriebsprozesse. Das verursacht kurzfristige Produktivitätseinbussen.

Eher langfristig, da so eine Administration komplett neue Tools und Arbeitsweisen erfordert. Selbst Linux-interessierte Windows-ITler haben unter Linux kaum Terminalerfahrungen. Die Schulung - integriert in den allgemeinen Arbeitsalltag - und fehlende Erfahrungswerte können die Produktivität noch lange reduzieren.

Politische und kulturelle Gründe

Menschen bevorzugen bekannte Werkzeuge. Typische Aussagen sind „Mit Microsoft funktioniert es doch”, oder „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Das wird meist heisser gekocht, als es am Ende gegessen wird. Das Problem ist eher, dass geänderte Abläufe schlecht designt sind und kritische Mitarbeiter bei den ersten Schritten nicht begleitet werden. Kritische Mitarbeiter dürfen auch dafür gelobt werden und sie gebeten werden zu helfen die kritischen punkte zu verbessern. Gleichzeitig muss man sie auch darauf hinweisen, dass es kein zurück mehr gibt.

Bekannte Hersteller vermitteln Sicherheit: Microsoft, SAP, Oracle, Salesforce. Open-Source-Projekte besitzen oft weniger Markenbekanntheit, auch wenn sie technologisch führend sind.

Ein Wechsel verändert Verantwortlichkeiten, Budgets, Zuständigkeiten, Lieferantenbeziehungen. Dadurch entstehen interne Widerstände.

Ein kritisches Element ist auch, wie man den Wechsel organisiert. Welche Abteilung wechselt man zuerst? Wie teste ich die neuen Workflows?

Beschaffungs- und Vergabegründe

Beschaffungsstellen kaufen oft lieber Produkte, Wartungsverträge, und klar definierte Leistungen als Community-Projekte. Bei einer Beschaffung müssen Kriterien dokumentiert werden, wie z. B. Herstellerstabilität, Supportfähigkeit, Referenzen und Marktpräsenz. Bei Open Source ist dieser Nachweis manchmal schwieriger.

Ein Thema, das man lange diskutieren könnte:
Eine IT‑Abteilung hätte lieber einen Vertrag mit einem Unternehmen als zu spenden, weil Verträge dauerhafter und stabiler sind.
Eigentlich müsste nicht viel in einen Vertrag. Aber auch kleine Softwarehersteller wollen t.w. keine Verträge eingehen, weil dann plötzlich der Staat mit seiner Bürokratie daher kommt.

Psychologische Gründe

Entscheidungsträger kennen häufig die Risiken eines bestehenden Systems besser als die Risiken einer Alternative. Das führt zum sogenannten Status-quo-Bias: Bekannte Probleme werden gegenüber unbekannten Chancen bevorzugt.

Gilt nur, wenn der Entscheidungsträger nicht aus der IT kommt. IT-ler wissen, dass keine Änderung des Systems – und sei es nur ein Upgrade von Win 10 zu Win 11 – problemlos ist.

Bei einer Fehlentscheidung mit einer bekannten kommerziellen Lösung lässt sich die Verantwortung leichter rechtfertigen als bei einer weniger verbreiteten Open-Source-Lösung.

Fazit

Interessanterweise zeigen viele erfolgreiche Open-Source-Einführungen, dass die technischen Gründe oft weniger entscheidend sind als die organisatorischen und kulturellen. Die grössten Hürden liegen meist nicht in der Software, sondern in den Prozessen und Strukturen der Organisation.

Ich denke, die Grösse der IT‑Abteilung könnte hier auch noch entscheidend sein.

Was wäre nötig, damit Firmen leichter migrieren können?
Einfach die Stärke von Linux ausspielen. Es müsste ein kostenloses Set an VMs geben, vorkonfiguriert zu einer virtuellen Firma. Client-Rechner, verschiedene vorkonfigurierte User und Admins (für ein modernes Rechtemanagement), Firewall, User- und Berechtigungsadministration, Mailserver, Fileserver, On-Premise-Firmen-Cloud, eine BackupVM, ein einfaches kostenloses ERP, ein DMS.

Alles state of the Art in VLANs unterteilt und ready-to-use vorbereitet. Per Image auf einen PC installierbar. Folge einem Wizard und am Ende läuft ein Basic-Firmennetz. Das z. B. auch Startups nutzen könnten. Admins könnten da das Aufsetzen neuer PCs üben, neue User anlegen und andere Daily-Business-Administration testen. Mags der Admin, ist das Wichtigste geschafft.

Outro

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Quellen

  • keine

Tags

Podcast, CIW, Captain

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