Notenverwaltung auf einem Tablet mit Linux

  Hartwig   Lesezeit: 10 Minuten

Wie lassen sich gescannte Noten als Chormitglied mit einem Linux-Tablet verwenden? Ein Erfahrungsbericht.

notenverwaltung auf einem tablet mit linux

Seit über einem Jahr habe ich geplant, einen Artikel zu dem Thema zu schreiben. Jetzt hat mich die Urlaubszeit motiviert, es endlich auch zu machen.

Ich singe seit vielen Jahren im Chor. Dabei hat sich viel Notenmaterial angesammelt, das für die verschiedenen Auftritte und Proben benötigt wird. Ich habe etwa 3 DIN A4 Ordner voller Noten. Oft ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass in einer Probe „spontan“ ein Stück geprobt werden sollte, von dem ich die Noten dann nicht mit hatte. Denn im Normalfall nehme ich nur die Noten zu den Proben mit, die für den nächsten Auftritt geplant sind.

Erster Akt:

Vor etwa drei Jahren wollte ich eine bessere Lösung haben, als ständig Papier mit mir herumzuschleppen. Ich habe nach einer Software gesucht, mit der ich meine (eingescannten) Noten verwenden kann. Dabei waren mir diese Funktionen wichtig:

  • Darstellen von PDF-Dateien im Vollbild
  • Bedienung per Touchscreen
  • Automatisches Drehen in Hoch- und Querformat
  • Flüssiges Umblättern (fast) ohne Verzögerung
  • Zusammenstellen verschiedener Stücke in Play- bzw. Setlisten
  • Wiederholtes Darstellen von Seiten bzw. Teilen einer Seite (bei Noten werden die Wiederholungen oft nur durch entsprechende Kennzeichnung hervorgehoben). Mit Papiernoten kann ich dann relativ schnell Vor- und Zurückblättern, wenn ich ein Post-it oder meine Finger an der Stelle, die wiederholt wird, verwende. Das Blättern auf dem Display zu einer Stelle, die z. B. mehrere Seiten vorher oder nachher liegt, ist nach meiner Erfahrung zeitlich nicht machbar.
  • Markierungen mit einem Stift auf dem Display erstellen (zur Not auch mit dem Finger), die nicht destruktiv sind, das orginal PDF-Dokument also nicht verändern. Markierungen sind immer wieder notwendig, da vom Chorleiter z.B.: bestimmte Betonungen festgelegt werden, die so in den Noten nicht zu finden sind.

Ich habe dann ein Programm entdeckt, das die genannten und weitere Funktionen hatte. Zusätzlich zu den genannten Funktionen können PDF-Dateien beschnitten werden. Das ist gerade bei einem kleinen Display wichtig. Häufig sind Noten von den Verlagen so gedruckt, dass ein recht großer Rand vorhanden ist. Durch das Beschneiden kann die Displaygröße besser genutzt werden. Weitere Funktionen sind mir nicht so wichtig gewesen, manchmal aber ganz nützlich. So lassen sich z. B. MP3-Dateien mit einem Musikstück verknüpfen. Ich kann dann eine bereits vorhandene Aufnahme vom Chor anhören und zum Üben meine Stimme in den Noten mitverfolgen und mitsingen.

Da ich nach meiner Recherche nicht sicher war, ob ich bei den Proben und Auftritten mit der Software und der Vorgehensweise klarkommen würde, wollte ich mir keine teure Hardware kaufen. Daher habe ich mein vorhandenes Microsoft Surface mit einem 10-Zoll-Display benutzt. Die Software wurde (wie fast alle Anwendungen mit ähnlicher Funktionsweise) für iOS und Android angeboten. Zusätzlich gibt es aber auch eine Windows-Version. So konnte ich mein Tablet benutzen und habe es etwa zwei Jahre verwendet.

Ich will keine Werbung für eine Firma machen. Die bisherigen Ausführungen sollen nur die Ausgangslage bzw. die Gedankengänge und Abhängigkeiten verdeutlichen. Wer dennoch Interesse an der Software hat, kann sich gerne bei mir melden.

Zweiter Akt:

Irgendwann kam aber ein Punkt, an dem ich mir ein größeres Display gewünscht habe. Der Grund war eine Kopie von Noten mit mehreren Stimmen, die so klein war, dass ich nahezu nichts lesen konnte.

Meine Überlegung war, dass ich endlich den nächsten Schritt in Richtung Linux gehen kann. Ich besorge mir ein (gebrauchtes) Windows-Tablet. Aber das installierte Windows muss ich ja nicht benutzen. Meine Wahl fiel auf ein Dell Latitude 7200 2-in-1 mit 12,3 Zoll Displaygröße. Laut verschiedener Berichte sollte es gut mit Linux laufen. Und die Kosten lagen bei etwa 300 € (der Preis ist aber schon einige Zeit alt). Also, frisch ans Werk.

Vorhandenes Betriebssystem sicherheitshalber mit Clonezilla sichern. Dann die Installation. Ich entschied mich für Ubuntu, weil die Berichte hierfür guten Hardware-Support genannt haben. Auch der Touchscreen sollte „Out of the Box“ funktionieren. Und tatsächlich. Alle notwendigen Funktionalitäten liefen auf Anhieb. Als weitere Distribution wurde immer wieder Linux Mint genannt. Diese Distribution habe ich aber nicht getestet.

Nun waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Jetzt ging es darum, eine Alternative für das Programm zu finden, das ich auf dem Surface verwendet habe. Sollte ja kein Problem sein. Oder? Erster Versuch: Gibt es die Software vielleicht doch auch für Linux? Ergebnis: nein. Und eine Linux-Version ist auch nicht in Planung, weil es einfach zu wenig Nutzer (Musiker) gibt, die Linux verwenden. Die absolute Mehrheit der Musiker benutzen die Geräte mit dem Apfel. Dafür gibt es auch jede Menge guter Software. Selbst ganze Orchester reihen sich in die Nutzergruppe ein.

Ok, der erste Versuch war nicht erfolgreich. Aber wir sprechen ja über Linux. Da gibt es doch für alles eine Lösung. Dann ging die Odyssee los. Schon die Suche mit verschiedenen (auch KI-) Suchmaschienen brachte eher mittelmäßige Ergebnisse. Im Prinzip ließen sich eine ganze Reihe von Apps finden, die PDF-Dateien lesen konnten. Aber die oben genannten Anforderungen erfüllt keines von den Programmen.

Nicht mal das flüssige Umblättern ist selbstverständlich. Oft scheiterte es auch an der Touchscreen-Bedienung oder der Darstellung im Vollbildmodus. Nachdem ich sicher drei Wochen intensiv erfolglos gesucht habe, wollte ich schon aufgeben. Dann habe ich mir überlegt, dass ich die Funktionalitäten aufteile. Das Ergebnis waren drei Arbeitsschritte, die jeweils durch eine entsprechende Software erledigt werden sollte:

  1. Scannen von Noten; dabei können Ränder beschnitten, die Reihenfolge (für Wiederholungen) angepasst und Teile einer Seite entfernt werden.
  2. Markieren auf dem Display an beliebigen Stellen (z. B. Notenzeile für eine Stimme „highlighten“) Hier ist mir „Xournal++“ als beste Software aufgefallen. Ich kann vorhandene PDF-Dateien öffnen. In einem neuen Layer kann ich beliebige Anmerkungen oder Markierungen anbringen, ohne das Original zu verändern. Nach den Änderungen wird das Ergebnis als neue Datei exportiert. Dort verwende ich dann z. B. einen Namen wie „Liedname_markiert.pdf“.
  3. Bearbeitete PDF-Dateien als Vollbild auf dem Display darstellen und per Touchscreen bedienen (blättern). Hier habe ich nach langer Suche keinen klassischen PDF-Reader ausgewählt, obwohl das ja nahe liegt. Ich habe mit „Thorium Reader“ einen eBook-Reader genommen. Das Programm lässt sich recht gut per Touschscreen bedienen. Es gibt eine Vollbild-Darstellung. Mit der Verwendung von Tags habe ich versucht Setlisten „nachzubilden“. So richtig toll funktioniert das nicht. Man muss ständig die Suche neu starten und ein Tag eingeben, damit alle Stücke mit diesem Tag aufgelistet werden. Aber besser als nichts.

Alle drei Programme können über die Softwareverwaltung von Ubuntu direkt installiert werden.

Hier habe ich mich nach verschiedenen Experimenten für „gscan2pdf“ entschieden. Mit der Software kann ich scannen, Seiten kopieren, löschen, einfügen, zuschneiden, also alle notwendigen Bearbeitungen (bis auf Markieren) erledigen. Zum Schluss kann das Ergebnis als neue PDF-Datei exportiert werden. Besonders praktisch finde ich, dass vorhandene PDF-Dateien geöffnet und bearbeitet werden können. So konnte ich die vorhandenen Dateien benutzen, ohne die Noten erneut einzuscannen zu müssen.

Eine weitere Software ist mir noch positiv aufgefallen: Scan Tailor (https://github.com/scantailor/scantailor). Mit dieser Software kann man Scannen und die gescannten Seiten umfangreich bearbeiten. Oft werden Seiten nicht rechtwinklig in den Scanner gelegt. Mit Scan Tailor kann das korrigiert werden. Die Anwendung dient eher dazu, ganze Bücher zu scannen und daraus dann eine saubere Vorlage zum Drucken zu erstellen.

Als Ergebnis wird jede Seite als eine eigene Bilddatei erstellt. Es wird zum Erstellen einer PDF-Datei also eine weitere Anwendung benötigt. Dazu kann u. a. auch gscan2pdf benutzt werden. Ich verwende Scan Tailor inzwischen nur noch dann, wenn ich nur eine schon (schlecht gescannte) PDF-Datei bekomme. Dann wandle ich das PDF in einzelne Bilddateien, korrigiere die Lage, den Kontrast etc. und erstelle aus den resultierenden Bilddateien wieder ein PDF. Das Ganze ist langwierig. Das ist der Grund für den seltenen Gebrauch.

Dritter Akt:

Nachdem ich mehr oder minder zufrieden mit meinem Notebook zu den Chorproben gegangen bin (ich hatte immer alle Noten dabei ;-)), habe ich festgestellt, dass mein Linux-Notebook zu meinem Hauptarbeitswerkzeug geworden ist. Für alle Dinge, die ich mit einem Computer so mache, habe ich das Tablet als Notebook benutzt.

Das hat mich besonders gefreut, weil ich den Sprung zu Linux schon längst machen wollte. Jetzt hat es geklappt. Der Nachteil an der Sache ist, dass so ein Notebook ein empfindliches Gerät ist. Runterfallen (was im Gedrängel bei einem Konzertauftritt passieren könnte) wäre sehr schlecht. Auch wenn die Datensicherung vorhanden ist (und auch funktioniert), müsste ich nach einem Unfall spontan ein neues Gerät besorgen und die Installation mit Konfiguration herstellen, um wieder arbeitsfähig zu sein.

So ist mein Entschluss gereift, ein weiteres Gerät zu beschaffen. Das sollte nahezu ausschließlich für die Noten und die Verwaltung der Noten benutzt werden. Als Backup-Gerät würde ich im Falle eines Falles das bisherige Dell-Gerät benutzen. Nach längerer Suche (ich wollte möglichst wieder ein Gerät mit einem etwas größeren Display haben und das Gerät sollte natürlich auch nicht so teuer sein und musste Linux gut unterstützen) wurde es ein Microsoft Surface PRO 6. Nicht wegen des Herstellers, sondern wegen der hervorragenden Hardware mit großem und gut lesbares Display und relativ geringem Gewicht.

Schließlich halte ich das Teil auch schon mal eine Stunde in der Hand. Gebraucht habe ich für das Gerät ca. 300 € ausgegeben. Installation wurde wie gehabt mit Ubuntu gemacht. Zusätzlich wurde noch ein spezieller Kernel installiert. Es gibt eine sehr aktive Entwicklung auf Github, die auch weiter Komponenten entwickelt (https://github.com/linux-surface/linux-surface). Nachdem nun die Grundinstallation gemacht war, und nach etwas Feintuning auch alles lief, bin ich wieder mal auf die Suche nach einem geeigneten Programm für die Notenverwaltung mit Notenanzeige gegangen.

Schließlich war wieder eine ganze Weile seit der letzten Recherche vergangen. Auf den ersten Blick war immer noch nichts zu finden. Durch das „Linux Surface“ Projekt inspiriert, habe ich eine systematische Suche auf Github gestartet. Der größte Teil der Projekte war entweder „am Thema vorbei“, nicht erkennbar, worum es eigentlich geht, oder aus irgendeinem anderen Grund nicht für mich nutzbar.

Ein Projekt fiel mir aber auf: SheetMusicViewer (https://github.com/calvinhsia/SheetMusicViewer). Es ist zwar nur ein Einpersonen-Projekt, aber letztlich zählt das Ergebnis. Die Software macht im Wesentlichen das, was ich brauche. Ich kann PDF-Dateien importieren, im Vollbild anzeigen, in Setlisten verwalten und im Hoch- oder Querformat darstellen. Die Bedienung geht per Touchscreen. Außerdem kann ich Markierungen und ggf. Notizen machen. Das geht auch mit dem Finger, wenn kein Stift zur Hand ist.

Einzig die Vorbereitung der PDF-Dateien muss nach wie vor anders erfolgen. Ich muss also weiterhin beim Scannen die Abfolge für Wiederholungen ergänzen und die Ränder – falls notwendig – entfernen. Trotzdem eine für mich gute Lösung. Bei meinen ersten Versuchen zeigte sich ein Fehler, den ich über Github gemeldet habe. Der Entwickler hat sich recht schnell der Sache angenommen und innerhalb von 14 Tagen gab es eine neue, funktionierende Version.

Abschließend möchte ich noch betonen, dass ich nicht dazu aufrufe, sich Kopien von gekauften Noten zu erstellen. Jeder ist verpflichtet, sich an die gesetzlichen Regelungen (u. a. Urheberrecht) zu halten. Insofern sind Kopien nur in wenigen Fällen rechtlich zulässig. Anders sieht es mit selbst erstellten Noten aus. Aber rechtliche Fragen sind hier nicht im Fokus gewesen. Es ging eher um die technischen Möglichkeiten.

Quellen:
https://github.com/scantailor/scantailor
https://github.com/linux-surface/linux-surface
https://github.com/calvinhsia/SheetMusicViewer

Tags

Musiknotenverwaltung, SheetMusic, Linux-Tablet

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