Das Unwort des Jahres wird seit 1991 in Deutschland bis zum Jahresende von einer Jury gewählt. Aktuell geschieht das durch das Institut für Germanistische Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg unter der Leitung von Prof. Dr. Constanze Spieß. Zur Definition der Unwörter, liest man auf der Marburger Seite:
Sprachliche Ausdrücke werden dadurch zu Unwörtern, dass sie von Sprecher:innen entweder gedankenlos oder mit kritikwürdigen Intentionen vor allem im öffentlichen Kontext verwendet werden. Die Reflexion und Kritik des Gebrauchs von Unwörtern zielt dabei auf die Sensibilisierung für diskriminierende, stigmatisierende, euphemisierende, irreführende oder menschenunwürdige Sprachgebräuche und auf die Verantwortlichkeit der Sprecher:innen im Hinblick auf sprachliches Handeln.
Die Unwörter der letzten 33 Jahre findet ihr hier. Das Unwort des Jahrhunderts heisst: "Menschenmaterial".
Bei der Recherche zur Podcast-Folge CIW158, kamen mir zwei Wörter in den Sinn, die mir in den letzten Jahren als potenzielle Unwörter aufgefallen sind. Obwohl ich diese nicht der Jury vorlegen möchte, schreibe ich jetzt darüber im Kontext von "Freier Software und Freier Gesellschaft".
Alternativlos
Dieses Wort höre ich oft, wenn es um die Abkehr von proprietärer Software und Betriebssystemen geht. Hier sind ein paar exemplarische Ausreden:
- Windows ist alternativlos, wenn es um Spiele geht.
- Die Microsoft-365-Cloud ist alternativlos.
- Adobe ist alternativlos.
- Für das Spezialprogramm XY gibt es keine Alternative. (Beim Wienux-Projekt war es eine Sprachförderlösung für Kindergärten).
"Alternativlos" ist ein politisches Schlagwort, welches die Möglichkeit von Lösungen bestreitet. Der Begriff ist zutiefst konservativ im Sinne von "das haben wir immer so gemacht", bzw. "das haben wir noch nie so gemacht". Eine Argumentation, die Alternativen ausschliesst, ist keine Argumentation, sondern ein Verharren in der Kompromisslosigkeit. Wer "alternativlos" ist, verweigert sich dem Diskurs und steckt den Kopf in den Sand.
Wenn es um Computersysteme und Software geht, wird der Begriff "alternativlos" meist aus einer Komfortzone betrachtet:
Wenn ich die Wahl zwischen GIMP und Photoshop habe, entscheide ich mich für das Adobe-Produkt, weil ich es kenne und daran gewöhnt bin. Ausserdem ist es der Industriestandard. Alle Designer nutzen es und es kann bestimmt mehr als GIMP. GIMP ist für mich keine Alternative!
Selbst wenn wir ignorieren, dass das (erfundene) Zitat vor Logikfehlern strotzt, ist es dennoch falsch. Man geht von der Annahme aus, dass Photoshop (oder: MS365, AWS, ChatGPT, Windows, Google, etc.) aus politischen, ethischen, rechtlichen, finanziellen, ökologischen oder wirtschaftlichen Gründen überhaupt eine Option ist. Wer daran glaubt, ist immer noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Die realistische Annahme ist, dass die erwähnten Produkte aus den genannten Gründen nicht mehr nutzbar sind.
Und wenn Herrn Trump nächste Woche eure Nase nicht mehr gefällt, könnt ihr dieselbe stolz in den Wind strecken und weiterhin über die Alternativlosigkeit von Oracle oder CISCO schwafeln. Wer mit "alternativlos" argumentiert, verdrängt die Realität und wähnt sich im Wolkenschloss. Wer keine Alternativen hat, rennt lachend in die Kreissäge.
"Alternativlos" muss ich nicht mehr als Unwort des Jahres vorschlagen, weil das bereits von Angela Merkel im Jahr 2010 erledigt wurde.
Technologieoffen
Hey, das klingt doch viel positiver als "alternativlos". Darin sind zwei progressive Wörter enthalten: "Technologie" und "offen". Das klingt doch fast wie "Freie Software". In den letzten Jahren haben wir das Adjektiv "technologieoffen" meist in einem politischen Kontext gehört.
Technologieoffenheit ist ein Konzept, welches die Ausgestaltung von technologischen Transformationsprozessen charakterisieren soll. Häufig wird Technologieoffenheit in der politischen Debatte jedoch als politisches Schlagwort oder rhetorisches Stilmittel verwendet, um die Einführung spezifischer Technologien zu verlangsamen oder zu verhindern, und somit den Status quo aufrechtzuerhalten. (Wikipedia)
Die Übersetzung für "Technologieoffenheit" lautet "nach mir die Sintflut". Wer mit diesem Begriff argumentiert, hofft auf eine wundersame Lösung für technische Herausforderungen in einer unbestimmten Zukunft. Es offenbart das Fehlen einer Strategie in der Gegenwart. Technologieoffene Personen drücken sich vor der Verantwortung und haben keine zielführenden Ideen. Solche Leute möchten im Hier und Jetzt verharren.
Doch welche Bedeutung hat der Begriff im Kontext von Freier Software und Freier Gesellschaft? Jetzt wird es schwierig, weil der Begriff in diesem Kontext ein zweischneidiges Schwert ist. Politisch kann er von konservativen Akteuren genutzt werden, um Verantwortungslosigkeit zu verschleiern und den Status quo zu schützen. Technisch‑ethisch steht er für Plattformunabhängigkeit, Interoperabilität und Nutzerwahlfreiheit, also für eine vorwärtsgerichtete Haltung gegenüber Innovation.
Die Herausforderung besteht darin, im jeweiligen Diskurs klar zu benennen, welche Bedeutung gerade im Vordergrund steht, und die dahinterliegenden Absichten kritisch zu hinterfragen. So kann verhindert werden, dass ein Prinzip durch politische Rhetorik entwertet wird.
Titelbild: (bearbeitet) https://pixabay.com/photos/scale-justice-weight-health-2634795/
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Unwort_des_Jahres_(Deutschland)

So sollte man nie argumentieren, schon weil es Widersprüche genauso leicht macht. Dazu ist oben alles gesagt.
Aber es ist trotzdem nicht so, dass daraus folgt, dass die genannten Programme für bestimmte Aufgabe eben gleichwertig sind und das kann man diskutieren.
Beispiel: Libre Office ist hochgradig sympatisch gegenüber Microsoft Office, weil es ersten kostenfrei ist (natürlich nicht ganz, wenn man bereits einen Bestand an MSO-Dokumenten hat) und zweitens auch lokal ohne Datenabfluss betrieben werden kann, jaja und Open Source aber ich habe mich noch nie hingesetzt und Quellcode analysiert - aber ich könnte es. Dennoch gibt es Funktionen, die bei der bösen Konkurrenz extrem reibungslos funktionieren und bei Libre Office nicht ganz.
Der Tabellendesigner war schon unter Word 97 um Längen besser als bei Libre Office heute, der Formeleditor (selbst Word kann mittlerweile LaTeX-Eingaben interpretieren) ist immer noch rudimentär, der Formatpinsel klappt immer mal und immer mal nicht und und und ... und das hat nichts mit Konservatismus zu tun. Sich hinzustellen und zu sagen, es geht doch, kannst halt nicht Malen, sondern musst mühsam über Dialoge Einstellungen ändern, wer dazu zu doof ist ... ist ebenfalls hochgradig konservativ. Ich kann auch LaTeX, da muss ich gar nix aber das ist halt wenig austauschbar mit anderen in meiner Bubble.
Ich nutze Libre Office aus den genannten Gründen aber schiele trotzdem manchmal sehnsuchtsvoll zum großen Bruder, der Basisfunktionen nicht selten flüssiger implementiert hat und das manchmal schon seit 30 Jahren.
Wir nutzen auch auf Arbeit Libre Office unter einem Linux - es läuft super stabil auf älteren Rechnern ... bis irgendein Partner ein PDF-Formular schickt, das nur in der VM mit dem Adobe-Reader aufgeht, weil die zu doof sind, das Formular in der minimalen PDF-Version zu exportieren oder einfach ein Webformular anzubieten. Nun könnte man sagen, dass ist doch deren Problem, stellt euch quer, aber wenn man keine Projektanträge ausfüllen kann oder das eigene Geld daran hängt ... manchmal sind bestimmte Programme eben leider doch alternativlos, weil man in Strukturen gefangen ist, die fix sind und die man nicht von heute auf morgen ändert.
Ich bin ein regelmäßiger Leser eurer Artikel und finde die meisten sehr interessant. Ich stimme mit diesem Artikel inhaltlich auch überein.
ABER! Der Artikel klingt eher wie ein Dampfablassen vor dem Wochenende und versucht ungültige Argumente mit eigenen ungültigen Argumenten zu widerlegen. Hin und wieder eine sprachliche Spitze in Richtung der Politik ist meiner Meinung nach völlig in Ordnung, jedoch schadet Polemik dem eigentlichen Ziel "Menschen von Open Source überzeugen".
Man kann Argumente, wie das Photoshop Beispiel sehr einfach logisch widerlegen.
Dein Fazit ist meiner Meinung nach absolut richtig, allerdings vermisse ich das in deinem Artikel ein wenig bzw. er enthält für meinen Geschmack ein wenig zu viel Polemik (aber sprachliche Finesse) und zu wenige gültige oder gar schlüssige Argumente. > Die Herausforderung besteht darin, im jeweiligen Diskurs klar zu benennen, welche Bedeutung gerade im Vordergrund steht, und die dahinterliegenden Absichten kritisch zu hinterfragen. So kann verhindert werden, dass ein Prinzip durch politische Rhetorik entwertet wird.
Genug kritisiert. Danke, dass du dich so leidenschaftlich für Open Source, digitale Unabhängigkeit und vieles mehr einsetzt und auch danke für deine Artikel, auch wenn ich mich nicht immer mit der Art anfreunden kann, steckt doch genug Wahrheit und Weisheit darin, um den Artikel trotzdem gerne zu lesen.
Liebe Grüße
Ich mache das gerne; danke für dein Lob. Selbstverständlich habe ich die Weisheit nicht gepachtet. Bei den Artikeln "Zum Wochenende" schreibe ich meine Gedanken auf, sofern ich sie für relevant für die Community halte. Ich freue mich, wenn ihr darauf reagiert, egal ob positiv oder negativ. Solange ich Gedanken anstossen kann, haben diese Artikel ihren Sinn erfüllt.