Captain it's Wednesday - Folge 193 - Wer braucht einen Browser?

  Ralf Hersel   Lesezeit: 5 Minuten  🗪 13 Kommentare Auf Mastodon ansehen

Folge 193 des CIW Podcasts. Wie sieht der Webbrowser-Markt aus und brauchen wir einen?

captain it's wednesday - folge 193 - wer braucht einen browser?

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Shownotes

CIW - Folge 193 - 02.09.2026 - Wer braucht einen Browser?

  • Wir begrüssen alle Surfer zur Folge 193 von "Captain it's Wednesday", dem Podcast über Freie Software und Freie Gesellschaft von GNU/Linux.ch, aufgenommen am 1. September von Lucas Peters und Ralf Hersel. In dieser Folge reden wir über freie Webbrower und darüber, ob diese überhaupt noch benötigt werden.

Hausmitteilungen

  • Letzte Woche keine Folge; nächste Woche keine Folge.

Thema: Webbrowser

Firefox - gestern und heute

Seit über zehn Jahren wird Firefox regelmäßig für tot erklärt. Mal ist es ein Datenschutz-Skandal, mal eine Umstrukturierung bei Mozilla, mal der Blick auf die Marktanteile und jedes Mal heißt es in Artikeln und Videos: Das war's jetzt wirklich.

Wir schauen mal in Ruhe zurück. Was war an der Kritik dran, was war Aufregung um der Aufregung willen? Warum reagiert ausgerechnet die Open-Source-Community bei Mozilla so empfindlich? Und was wäre eigentlich die Alternative, wenn Firefox tatsächlich verschwände?

Vorfälle:

  • 2020: Ca. ¼ der Belegschaft wurde entlassen.
  • 2024: PPA Einführung
  • 2025: Terms of Use Anpassung
  • 2025: KI Einbindung
  • Google Abhängigkeit
  • Geringer Marktanteil (weltweit 3,3%, DE: 8,8% sinkend)
  • 2026: Ab September, zweiwöchiger Releasezyklus
  • Heute ist Version 155 erschienen, u. a. mit Geschwindigkeitsverbesserungen und einem eingebauten Werbe-Blocker.
Die Engines

Die Engines der Webbrowser sind interessanter und wichtiger als die Browser selbst, weil die Hauptarbeit darin geschieht. Wie gut eine Website aufgebaut und dargestellt wird, hängt davon ab. Heute gibt es drei primäre Engines:

  • 79 % - Blink - alle Chromium-basierten Browser (Chrome, Edge, Vivaldi, Opera, Brave, uvm.)
  • 16 % - Webkit - Safari, GNOME Web
  • 5 % - Gecko - Firefox und Forks

Blink hat eine marktbeherrschende Stellung (ich würde es Monopol nennen). Google finanziert Mozilla zu 80 %, damit sie einen Konkurrenten am Leben erhalten können, um sich nicht den Monopolklagen stellen zu müssen.

Neue Engines

Es gibt zwei neue Engines, die sich in der Entwicklung befinden: Ladybird und Servo.

Das gut finanzierte Ladybird-Projekt befindet sich im Pre-Alpha-Status und möchte bis Ende 2026 eine erste Alpha-Version herausbringen. Eine nutzbare Version soll bis Ende 2027 erscheinen. Ihr könnt den Browser aus den Quellen kompilieren, doch das empfehle ich nicht, ausser ihr gehört zu den 1274 Contributoren, die sich an der Entwicklung beteiligen. Wer sich über den Projektfortschritt informieren möchte, kann den monatlichen Newsletter abonnieren (Achtung: sehr technisch).

Servo ist eine Browser-Engine, die von Mozilla und Samsung gemeinsam entwickelt wurde. Erste Benchmarks von Servo zeigen eine im Vergleich zu Gecko deutlich kürzere Renderingzeit. Bei den zwei veröffentlichten Testergebnissen war Servo im Vergleich zu Gecko im Einzelthread-Modus mehr als doppelt so schnell, im Betrieb mit vier Threads vier- bis fünfmal schneller. Die Entwickler hatten für das vierte Quartal 2015 eine Alpha-Version angekündigt. Im November 2020 übertrug Mozilla das Projekt an die Linux Foundation. Seither verzeichnet das Projekt weniger Contributions. 2023 wanderte das Projekt zur Linux Foundation Europe. Für die Jahre 2025 und 2026 erhielt das Projekt vom Sovereign Tech Fund eine Förderung in Höhe von 545'400 EUR. Auch das Servo-Team veröffentlicht monatliche Neuigkeiten über die Entwicklung. Servo kann man herunterladen und installieren.

Lucas, was halten wir davon?

App versus Anwendung

Ralf: Ich weiss nicht, wie ihr das bezeichnet. Für mich sind Apps Handy-Apps und Anwendungen laufen auf dem PC-Desktop. Darüber hinaus gibt es die Frage, ob und wo man Anwendungen nativ oder im Webbrowser aufruft. Auf dem PC verwende ich lieber Anwendungen als den Webbrowser, z. B. für PIM-Aufgaben, Multimedia-Bearbeitung, Programmieren und Office-Sachen. Konsequent bin ich jedoch nicht, weil ich die Newsfeeds im Browser lese. Ich muss einmal die neue Version von Tuba für Mastodon lokal ausprobieren.

Auch auf dem Smartphone verwende ich überwiegend Apps statt des Webbrowsers. Davon ausgenommen sind Nachrichten, die ich lieber im Browser anschaue. Generell fühle ich mich mit nativen Apps oder Anwendungen wohler als mit Zeug, welches im Browser läuft.

Lucas: Auf dem Desktop verwende ich überwiegend Web-Anwendungen wie z. B. Nextcloud. Diese nutze ich für Mails, Dokumente, Chats etc. Daher ist der Browser für mich dort die wichtigste Anwendung - aktuell ist es der Firefox. Ich habe immer mal wieder andere Browser ausprobiert, welche den Browsermarkt umkrempeln sollten. Irgendwie ging es immer wieder zurück zum Firefox.

Auf dem Smartphone sind es überwiegend Apps. Gerade durch die 1A Internetversorgung in Deutschland, sind Webapps unterwegs nicht das Gelbe vom Ei.

Wozu benötigt man noch einen Webbrowser?

Vorhin haben wir von neuen Web-Engines gesprochen. Ich frage mich, ob man diese überhaupt noch braucht. Die Websuche wird mehr und mehr durch KI-Chatbots ersetzt, ob uns das gefällt oder nicht. Ich nehme an, dass eine KI-basierte Suchfunktion als Basisfunktion in die Distributionen einziehen wird. Super-Taste drücken, Prompt eingeben, fertig.

Ich bin generativer KI gegenüber grundsätzlich kritisch eingestellt. Mir ist aber klar, dass man die Büchse der Pandora nicht mehr schliessen kann. Deshalb hoffe ich auf lokale und offene Modelle. Die massenhaften Urheberrechtsverstösse, sollen die Urheber und die Verlage bitte mit den KI-Buden vor Gericht aushandeln, was ja zurzeit geschieht.

Also, wozu benötigen wir in Zukunft Webbrowser? Sicher nicht für die Suche und die allgemeine Beschaffung von Informationen. Vielleicht noch als generische Applikationsplattform.

Lucas, wie siehst Du das?

Outro

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Quellen

Tags

Podcast, CIW, Captain

Herbert Hertramph
Geschrieben von Herbert Hertramph am 2. September 2026 um 13:48

Interessantes Thema! Ich gebe zu: Firefox ist seit einigen Jahren nur noch mein Zweit-Browser. Mein Haupt-Browser ist seit längerer Zeit Vivaldi wegen seiner Funktionsvielfalt. Was für mich ganz gut passt: Da ich viele Sachen auf meinen Homeservern laufen habe, werden die alle in Firefox aufgerufen. Die "normalen" Web-Angelegenheiten erledige ich über Vivaldi.

Ob lokale Anwendung oder Web ist für mir für einfache Dinge nicht ganz so wichtig (ob ich den Kalender in Thunderbird oder auf der Nextcloud-Seite anschaue macht keinen großen Unterschied). Die Startzeiten einer Anwendung sind mir wichtig und die Integration im System - so würde ich z. B. immer einen lokalen Editor bevorzugen. Unterschätzt wird oft die einfache Möglichkeit, ein Web-Angebot als PWA/Webapp zu speichern - damit erhält man auch eine ablenkungsfreie Variante mit mehr Bildschirmplatz.

Johannes
Geschrieben von Johannes am 2. September 2026 um 16:30

Firefox ist wichtig, um Google nicht die volle Kontrolle über das WWW zu geben. Firefox ist – neben Safari – der letzte große Browser, der nicht auf Chromium aufbaut. Die Entwicklung von Chromium wird von Google kontrolliert. Ohne Firefox droht ein Monopol, das Google sicher nicht zum Guten verwenden wird. Vivaldi ist leider letzten Endes auch zu über 90 % Chromium. Darüber hinaus kommt Vivaldi aus einem anderen Grund für mich nicht infrage: Der Quellcode ist closed source. Warum so etwas unterstützen, wenn es gute Open Source-Alternativen gibt?

Peter
Geschrieben von Peter am 2. September 2026 um 20:13

Wobei die Engine von Firefox auch closed source ist, oder? (Achtung: Nur Halbwissen meinerseits)

Froschi
Geschrieben von Froschi am 2. September 2026 um 21:26

Gecko (die Engine von Firefox) ist wie Firefox auch Open Source. Auf Windows und anderen Betriebssystemen (nicht Linux) benötigt Gecko proprietäre Compiler oder Linker. Siehe https://github.com/mozilla-firefox/firefox und https://en.wikipedia.org/wiki/Gecko_(software), bzw. https://de.wikipedia.org/wiki/Gecko_(Software).

Naja
Geschrieben von Naja am 2. September 2026 um 15:35

Ich verstehe nicht wie eine KI einen Browser ersetzen soll. Für mein Surfverhalten kann ich mir das nicht im geringsten vorstellen. Mal ganz abgesehen davon, dass KI ja im Browser laufen.

Ralf Hersel Admin
Geschrieben von Ralf Hersel am 2. September 2026 um 22:32

Dann habe ich das im Podcast nicht gut genug erklärt - sorry. Ich möchte dieses Thema demnächst in Artikeln beschreiben. Ganz kurz: Du hast eine Anforderung oder eine Frage und erwartest eine Ausführung oder eine Antwort. Für beides benötigt man keinen Webbrowser. Mir fällt momentan wenig ein, wofür man zwingend einen Browser braucht.

Naja
Geschrieben von Naja am 3. September 2026 um 16:08

Surfen? Einfach Sachen lesen, ohne vorher etwas konkretes zu suchen? Schlauer werden durch unerwartete Funde?

Nick
Geschrieben von Nick am 2. September 2026 um 15:57

Als "Applikationsplattform" brauche ich sicher KEINEN Webbrowser, auch wenn es natürlich mehr oder weniger "interaktive" Webseiten gibt, mit denen ich arbeite (oder arbeiten muss). Seit JAHRZEHNTEN(!) bin ich aber froh, dass es den (ESR) Firefox gibt - Hurra!


PS: Tatsächlich war ich mal genötigt gewesen, den "IE6" als "Applikationsplattform" verwenden zu sollen, und meinen Webkram hatte ich damals separat mit dem FF erledigen können. Heute verwende ich –der Vollständigkeit halber– für einige wenige Dinge w3m.

Peter
Geschrieben von Peter am 2. September 2026 um 20:12

Ich habe lange Zeit aus rein ideologischen Gründen an Firefox festgehalten. Weil es wichtig ist, dass es neben Chromium noch eine weitere Engine gibt. Ich habe es "ertragen", dass Mozilla in AI-Features investiert hat statt in die nach wie vor klar mangelhafte Performance. Dass viele Datensammeleinstellungen opt-out sind. Dass die Kommunikation mehr als einmal völlig missglückt ist und die Konsumenten im Grunde keine Ahnung haben, wohin Mozilla will. Nur diese Engine, das ist der einzige USP von Firefox.

Seit dem letztem Update komme ich nicht mehr auf mein Homeserver-UI (irgend ein "Sicherheitsfeature" für Verbindungen ohne SSL, für das ich keine Einstellungen finden konnte). Vor wenigen Tagen habe ich Firefox definitiv deinstalliert und nutze nun Brave (und Vivaldi zum Arbeiten).

So eine Engine scheint eine extrem komplexe Software zu sein, fast eine Art "Betriebssystem" (und auch eine KI braucht solche Engines). Ich wünsche Ladybird & Co. von Herzen, dass da was tolles rauskommt. Ich werde es auf jeden Fall ausprobieren.

kamome
Geschrieben von kamome am 3. September 2026 um 07:50

Eine KI braucht eine Web-Engine doch wohl höchstens zum Sammeln (wo Websites den Inhalt nicht mehr in ordentlichem Markup ausliefern).

mawe
Geschrieben von mawe am 6. September 2026 um 13:48

Warum um Himmels willen soll man denn den neuen Browser nicht selbst kompilieren? Was sind denn das für Anweisungen? Darf kä nicht jeder machen was er will?

Ich mach es jetzt einfach aus Prinzip!

Bitte verfallt nicht in die selbe unangenehme Art und Weise News und andere Infos besserwisserich mit massiv Meinung darzustellen wie linuxnews.de. wäre echt schade noch eine Seite meiden zu müssen (wollen).

Peter
Geschrieben von Peter am 7. September 2026 um 00:01

Es geht nicht ums Kompilieren, sondern darum, dass der Browser noch nicht fertig ist und für den praktischen Einsatz nicht ready ist. Von "dürfem" war im Podcast sowieso nie die Rede.

Und natürlich ist massenweise "Meinung" drin, was ist daran verkehrt? Vielleicht kannst du dich vor dem nächsten Kommentar mal reflektieren, wie du gegenüber einem Freiwilligen-Projekt auftrittst.

tuxfanmatze
Geschrieben von tuxfanmatze am 25. September 2026 um 19:08

Ich finde es auch sehr wichtig, Firefox als Gegenalternative zu Google und dem Safari-Browser zu haben, insbesondere wegen der vollständigen Adblocker-Möglichkeit (kein Adblock Lite wie bei Chrome-basierten Browsern) oder auch wegen hilfreichet Programme wie Video Download Helper, die noch deutlich besser unter Firefox als unter Chrome-basierten Browsern funktionieren, oder FeedBro, das irgendwie scheinbar unter Chrome-basierten Browsern auch nicht mehr funktioniert. Alleine schon wegen der zusätzlichen besseren Blocking-Möglichkeiten halte ich Firefox für extrem wichtig. Ich selber benutze LibreWolf und als Backup den Brave-Browser.