Mein Weg, ein Nextclouder zu werden

Di, 2. März 2021, Jonas Sulzer

Alles begann, als ich mich für ein Thema für meine Maturaarbeit entschied. (Die Maturaarbeit ist die Arbeit, die man an Schweizer Gymnasien im Abschlussjahr einreicht.) Mein Ziel war es, die schulinterne Infrastruktur zu verbessern oder zumindest einen umsetzbaren Vorschlag dafür zu erarbeiten.

Die Infrastruktur zur Datenspeicherung und deren gemeinsamen Nutzung war bis zu diesem Zeitpunkt nichts Weiteres als ein WebDAV-Server. Die meisten der technisch nicht sehr bewanderten Schüler*innen und Lehrpersonen wissen nicht, wie sie diesen Server, der zudem chronisch an Fehlern und Problemen zu leiden scheint, nutzen können.

Ehrlicherweise kann man von durchschnittlichen Nutzer*innen nicht erwarten, dass sie wissen, wie man einen Zugriff auf ein Netzlaufwerk aufsetzt und konfiguriert. Und wenn es andauernd Probleme gibt, wie sollen die Leute wissen, ob sie Schuld daran haben oder ob die Infrastruktur nicht funktioniert? 

Als jemand, der sich der Privatsphäre bewusst ist, weiss ich, dass es dafür andere Möglichkeiten gibt als Google Drive, Microsoft Onedrive oder Dropbox. Es existieren diverse open source Softwarelösungen, welche nicht nur die Synchronisation und das Teilen von Dateien mit einfach zu nutzenden Apps für Smartphones sowie einem Webinterface, sondern auch die Arbeit mit verschiedenen Kollaborationstools ermöglichen. Zudem ist es möglich, diese auf der eigenen Infrastruktur zu betreiben (hosten) und somit die gesamte Kontrolle über Sicherheit und Privatsphäre zu haben.

Eine detaillierte Nutzwertanalyse zeigt deutlich, dass Nextcloud in allen Punkten von UI/UX über die Lizenz bis hin zur Erweiterbarkeit führend ist. Es ist also klar, dass Nextcloud die Software meiner Wahl für mein Pilotprojekt wäre, das ich mit vier Schulklassen und etwa zehn interessierten Lehrpersonen durchgeführt habe. Während meiner Arbeit kam ich immer mehr in Kontakt mit der Software Nextcloud und deren Quellcode ― ich fing an, Vorabversionen zu testen und meldete eigene kleine Probleme, auf welche ich gestossen war. Anfangs habe ich mir nur den Code angesehen, doch bald schon begann meine Motivation, selbst etwas dazu beizutragen, zu wachsen.

Die Probleme, die ich melden musste, waren zu Beginn zu anspruchsvoll, weil ich noch nicht wusste, wo ich nach dem entsprechenden Quellcode suchen sollte.

Daher wollte ich mein Glück bei einer leichten Sache versuchen  und hielt Ausschau nach Problemen mit dem Label "good first issue" um mit etwas Einfachem anfangen zu können. So kam ich zu meinem ersten angenommenen, winzig kleinen Pullrequest (Ein Pullrequest ist ein Vorschlag für eine Codeänderung am Projekt): Ich habe ein Mastodon-Symbol, das mit dem Mastodon-Konto von Nextcloud verlinkt ist, in der Seite "Persönliche Einstellungen" hinzugefügt.

Ja, richtig gelesen: es war nicht mein erster Pullrequest. Und das ist völlig normal und in Ordnung so. Es gibt keinen Grund zur Angst und man sollte es einfach erneut mit etwas anderem versuchen, wenn der erste Pullrequest nicht der beste Weg ist, um ein Problem zu beheben oder etwas zu verbessern. Das Nextcloudteam und so gut wie alle Contributor*innen unterstützen immer und helfen, wo sie können. Nach einigen weiteren Pullrequests war ich positiv überrascht darüber, dass Jan (Designleiter von Nextcloud) mich zur anstehenden Nextcloud Contributer Week (alias Hackweek) einlud. Obwohl ich bereits wusste, dass alle Nextclouder*innen motiviert und hilfsbereit sind, war ich erstaunt darüber als ich dann tatsächlich in Stuttgart ankam (das war noch vor der Corona-Pandemie). Ich durfte an einer grossartigen Lern- und Codingwoche teilnehmen. Ich freute mich auch, endlich mit all den Menschen zusammen zu sein, die ich bereits von GitHub und den anderen Kommunikations- und Kollaborationsplattformen kannte.

Sie alle arbeiten konzentriert, sind aber gleichzeitig humorvoll und hilfsbereit in einer daher angenehm entspannten Atmosphäre. So viele verschiedene Menschen aus vielen verschiedenen Nationen zu treffen gefiel mir ebenfalls sehr gut. Da waren Leute von Albanien über die Tschechische Republik bis Polen, den Niederlanden oder Spanien. Sind sie alle so unterschiedlich, so haben sie doch alle die gleiche Leidenschaft und dasselbe Ziel:

An open source Software zu arbeiten und sie zu verbessern.

Gleich zu Beginn der Woche durfte ich am Planungstreffen teilnehmen, bei welchem über neue Funktionen sowie über weitere Ideen diskutiert wurde. Ich war beeindruckt von der Ehrlichkeit (gerade auch bei Frank, dem Gründer von Nextcloud). Die Balance zwischen Produktivität/Fokus und Humor war perfekt. Beispielsweise wurde die Idee, etwas mit künstlicher Intelligenz zu tun, besprochen. Frank machte ein einfaches Beispiel mit Statistiken und da kam der folgende Witz:

> Worin besteht der Unterschied zwischen Künstlicher Intelligenz und Statistik? ― Marketing

Ich kümmerte mich am Anfang der Woche um einfachere Aufgaben, die ich mir bereits zu Hause angeschaut hatte. Zwar arbeiteten alle selbständig und für sich, trotzdem waren immer alle für Fragen offen.

Später erzählte mir Jan von der neuen Social App für Nextcloud. Sie kann mit Twitter verglichen werden, nutzt aber das Activity Pub Protokoll um mit anderen Servern wie beispielsweise Mastodon zu kommunizieren. Somit bleibt alles gepostete auf der eigenen Nextcloud und doch besteht die Möglichkeit, mit Nutzer*innen von anderen Servern zu kommunizieren.

Diese Idee kam wie gerufen für mich und so fragte Jan Julius (einen der beiden Social-Entwickler) nach einer Aufgabe für mich. Diese bekam ich, doch damit nicht genug: Julius wurde fast wie zu einem Mentor für mich und ich konnte dank seiner Unterstützung viel Neues lernen. Ein riesiges Dankeschön an Jan, Julius, Morris und alle anderen Nextclouder*innen, die diese Woche auf diese wundervolle Art ermöglicht haben.

Quelle: https://violoncello.ch/de/blog/2019/01/about-my-journey-to-become-a-nextclouder/
Foto: Nextcloud

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