Ralf regt sich auf über: GNOME 51

  Ralf Hersel   Lesezeit: 5 Minuten Auf Mastodon ansehen

Die neue Version kommt mit vielen Verbesserungen. Für meinen Geschmack sind es zu wenige, für eine führende Desktop-Umgebung. Insbesondere wenn wichtige Funktionen auf der Strecke bleiben.

ralf regt sich auf über: gnome 51

Der letzte Aufreger ist schon wieder über einen Monat alt. Da ist es an der Zeit, einen neuen zu schreiben. Wenn ihr bei uns regelmässig mitlest, wisst ihr, dass ich gelegentlich mit dem GNOME-Desktop hadere, andere Umgebungen ausprobiere, um dann doch wieder bei Mutter GNOME (pun intended) zu landen. Bevor ich mich aufrege, möchte ich die Neuerungen der Version 51 des Top-2-Desktops aufzählen.

Was ist neu?

Habe ich beim Standard abgeschrieben, ohne das Gadsen-Foto einzubinden.

  • Bessere Qualität bei fraktionaler Skalierung der Bildschirmanzeige.
  • Bessere Desktop-Performance durch Änderungen am Fenstermanager Mutter.
  • Leistungssteigerungen beim Screen-Recording.
  • Smartcards können jetzt auch bei einer Remote-Verbindung genutzt werden.
  • Beim Login-Manager werden jetzt Web-basierte Zugänge unterstützt.
  • GNOME Keyring wird durch oo7 für Passwörter und Schlüssel abgelöst.
  • Sehr alte Versionen des proprietären Grafiktreibers von Nvidia wurden entfernt.
  • Die Dialoge zum Einrichten von Fingerabdrücken wurden komplett neu gestaltet.
  • Die Bildschirmdarstellung kann automatisch zwischen Porträt- und Querdarstellung wechseln kann, wenn ein entsprechender Sensor verbaut ist.
  • Ein Touchpad kann automatisch deaktiviert werden, wenn eine Maus angeschlossen ist.
  • Die Monitorhelligkeit überlebt einen Neustart des Rechners.
  • WEP-Verschlüsselung wurde entfernt.
  • Der Dateimanager zeigt jetzt an, wie viele Dateien bei einem Drag-und-Drop-Vorgang ausgewählt sind.
  • Die Performance beim Laden von grossen Verzeichnissen wurde verbessert.
  • Die Softwarezentrale warnt vor Programmen, die nicht mehr aktiv gewartet werden.

Auch bei den GNOME-Apps gibt es Verbesserungen:

  • GNOME-Maps: Offline-Support für Kartenmaterial. Bessere Unterstützung für öffentliche Verkehrsmittel. Anzeige der Fusswegdauer bei gemischten Verbindungen.
  • GNOME-Kalender beschleunigt die Darstellung und verlinkt mit GNOME-Maps.
  • Der Dokumentanzeiger des Desktops kann jetzt handschriftliche Unterschriften in Dokumente einfügen.
  • Das Bildanzeigeprogramm Loupe zeigt in der neuen Version erheblich mehr Metadaten an.
  • Der GNOME-Webbrowser kann sichere Passwörter erzeugen. Der integrierte Passwort-Manager wurde überarbeitet.
  • Sushi, die Dateivorschau für den Dateimanager Nautilus wurde auf Gtk4 portiert.

Was fehlt?

Die kontinuierliche Arbeit am GNOME-Desktop ist zu begrüssen. Dennoch fehlen mir die grossen Sprünge.

  • Trotz der oben genannten Performance-Verbesserungen, ist der GNOME-Desktop immer noch zu langsam. KDE Plasma ist schneller, alle anderen auch. Die Unterschiede mögen marginal sein, weshalb ich Linus Torvalds zitiere: „Kriminell langsam“. Damit meint er nicht den GNOME‑Desktop, sondern die Kernel-Funktion "expr_lookup()". Ein Frontier-Desktop wie die GNOME-Shell muss auch bei der Geschwindigkeit in der ersten Liga spielen.
  • Seit wie vielen Jahren wurde uns "Session Restore" versprochen? Ich glaube mittlerweile nicht mehr daran, den Desktop so starten zu können, wie ich ihn verlassen habe.
  • Und warum zum Teufel, schafft es kein Desktop, die Grösse und Position eines Anwendungsfensters in Erinnerung zu behalten?
  • Bei GNOME gibt es die 28 Core-Apps, die üblicherweise in jeder Installation enthalten sind. Hinzu kommen 72 Circle-Apps, die vom GNOME-Team empfohlen werden. Was für mich schmerzlich fehlt, ist eine PIM-Anwendung. In diesem Reigen gibt es noch nicht einmal eine E-Mail-Anwendung. Als PIM-Bestandteile gibt es Kalender und Kontakte; immerhin. Doch sind Einzelanwendungen, die nichts voneinander wissen wollen. Na ja, ich komme mit Evolution gut zurecht. Und bei KDE-Plasma sieht es auch nicht besser aus, wenn es um PIM geht.

Aufreger

Doch nun zu den Aufregern. Die haben nicht alle mit GNOME 51 zu tun, sondern sind auch auf das Extension-System zurückzuführen oder liegen an der Distribution. Da mein Manjaro noch auf GNOME 51 wartet (es hat wohl seinen Grund, warum das dieses Mal so lange dauert), habe ich CachyOS mit GNOME 51.1 in einer virtuellen Maschine installiert und getestet.

Dabei sind mir diese Aufreger aufgefallen:

  • Als Ergänzung zum GNOME-Desktop installiere ich gerne das ArcMenu. Diese Erweiterung unterstützt mit der aktuellen Version 70 den GNOME‑51er-Desktop. Doch Pustekuchen, die Erweiterungsverwaltung wirft für das ArcMenu einen Fehler, weil 'gmenu' fehlt. Ich habe das nicht weiter verfolgt. Vielleicht liegt es an der GNOME-Konfiguration von CachyOS.

  • Zu den Höhepunkten von GNOME gehören für mich die Online-Konten. Verbindet man sich darin mit seiner Nextcloud, werden automatisch DAV-Verbindungen für Dateien, Kontakten und Kalender angelegt. Diese sieht man dann im Dateimanager und in den PIM-Anwendungen (Evolution, GNOME-Kontakte, GNOME-Kalender). Bei GNOME 51 passiert gar nichts.

  • Die Funktion "Abmelden" fehlt im Systemmenü von 51 ganz. Der Hintergrund ist, dass diese Funktion nur erscheint, fall es mehrere Benutzer gibt. Den GNOME-Entwicklern kam nicht in den Sinn, das auch bei nur einem Benutzer anzubieten, um z. B. den Desktop neu zu starten.

  • In 51 kommt für die Verwaltung/Generierung von Passwörtern und Schlüsseln statt Seahorse die Anwendung "oo7" zum Einsatz. Leider gibt es dafür (zumindest bei CachyOS) keine vorinstallierte Anwendung, in der man sich die Schlüssel ansehen kann.

Abhilfe

Mir fällt es schwer, zu beurteilen, ob diese Aufreger an GNOME 51 oder an der GNOME-Implementierung von CachyOS liegen. Demnächst werde ich Fedora 45 ausprobieren, um diese Probleme zu verifizieren. Für alle Aufreger gibt es Abhilfe:

  • Statt des ArcMenus kann man ein anderes Menü aus den Extensions auswählen. Das habe ich nicht ausprobiert, weshalb ich keine Empfehlung aussprechen kann. Alternativ kann man auf ein klassisches Menü verzichten und das App-Grid von GNOME verwenden.

  • Wenn die Nextcloud-Anbindung über Online-Konten nicht funktioniert, kann man die Daten über WebDAV (Dateien), CalDAV (Kalender und Aufgaben) und CardDAV (Kontakte) in den jeweiligen Anwendungen einbinden.

  • Die fehlende Abmelden-Funktion kann durch eine Tastenkombination ersetzt werden. Dazu legt man den Befehl "gnome-session-quit" auf eine Tastenkombination oder führt ihn im Terminal aus.

  • Wer unbedingt die System-Schlüssel sehen möchte, kann die Anwendung "oo7-cli" installieren.

Überprüfung

Wie oben angekündigt, ist demnächst jetzt. Um den Befund zu überprüfen, habe ich mal schnell (hahaha) Fedora 45 Silverblue in der virtuellen Umgebung GNOME-Boxes installiert (Warnung: Macht das nicht!).

  • Das ArcMenu funktioniert tatsächlich nicht. Der (blaue) Extensions-Manager informiert einen darüber. Es wird wohl noch ein paar Tage dauern, bis die Entwickler des besten Menüs nachgezogen haben.

  • Wie gewohnt, wurde das Fedora-Release mit Verzögerung herausgebracht. Einer der Gründe dafür war, dass es bei den Online-Accounts einen Blocker gab. Das kann ich bestätigen. In Fedora 45 funktioniert die Nextcloud-Integration über die Online-Konten einwandfrei. Da war CachyOS ein wenig zu schnell.

  • Und die fehlende Abmelden-Funktion ist kein Fehler, sondern gewollt. Siehe oben.

Ich wünsche euch viel Vergnügen mit GNOME 51. Das ist nicht ironisch gemeint. Falls ihr weitere Aufreger findet oder mein Gequengel zurechtrücken möchtet, schreibt es bitte in die Kommentare.

Titelbild: https://www.gnome.org/de/ (modifiziert)

Quellen:

https://www.derstandard.de/story/3000000340120/gnome-51-ist-da-viel-neues-vom-und-fuer-den-linux-desktop

https://www.pcgameshardware.de/Linux-Software-26761/News/Torvalds-kriminell-langsam-Kconfig-Performance-Fehler-1558699/

https://gitlab.com/arcmenu/ArcMenu

https://wiki.archlinux.org/title/Oo7

https://fedoraproject.org/atomic-desktops/silverblue/

Tags

GNOME, GNOME-51, Desktop

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