Zum Wochenende: Schere im Kopf

Fr, 9. September 2022, Ralf Hersel

Am vergangenen Mittwoch gab es in unserem TALK-Chat eine angeregte Diskussion zwischen DxU und mir über eine Aussage meinerseits in der Podcast-Folge GLN024. Dort hatte ich zum Thema "The State of Mass Surveillance" den Begriff "Schere im Kopf" mit einem Beispiel aus der ehemaligen DDR erläutert.

Fragt man Bekannte, die in der DDR aufgewachsen sind, hört man von diesen oft folgende Aussage:

Die ahnungslosen Kinder wurden gefragt, ob die Uhr bei den Nachrichten für die Stunden Punkte oder Striche hatte. Danach wusste dann der Lehrer (und hinter ihm die Stasi) ob die Eltern Westfernsehen schauten.

Ich habe davon vor vielen Jahren erfahren und im Podcast das Beispiel etwas verändert erzählt. Ich sprach von eckigen oder runden Uhren bei der westdeutschen Tagesschau und bei der ostdeutschen Aktuellen Kamera. Ob die Uhren eckig oder rund waren, oder die Indizes Striche oder Punkte waren, spielt überhaupt keine Rolle.

Wichtig ist lediglich der Unterschied, der in den sechziger/siebziger Jahren verraten hat, ob jemand West- oder Ost-Fernsehen schaute. Ob der Lehrer dann die Eltern an die Stasi verpfiffen hat, spielt auch keine Rolle. Bei den betroffenen Schüler:innen und Eltern löst das die titelgebende "Schere im Kopf" aus. Die Schüler wurden darauf getrimmt, "Punkte" als nicht verratende Antwort zu geben. Dieses Verhalten nennt man Selbstzensur, bei der Meinungen, Verhaltensweisen, Überzeugungen zurückgehalten werden, um keine gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Nachteile zu erfahren.

Wenn ihr überlegt, findet ihr vielleicht bei euch selbst Beispiele für diese Schere im Kopf. Im Alltag sind es oft gesellschaftliche Konventionen, die euch zu einer bestimmten Handlungsweise zwingen. Obwohl euer Körper es möchte, pisst ihr nicht in die Büsche, sondern geht zur nächsten Toilette. Da der Mensch ein Gruppentier ist, unterwirft er sich gerne einer gesellschaftlichen und rechtlichen Ordnung, weil diese Vorteile für ihn bedeuten.

"Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt." Immanuel Kant (Falschzitat)

korrekt ist:

"Die Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet" Artikel 4 der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789

Um den Bogen zu Freier Software und Freier Gesellschaft zu schlagen, nenne ich Kopfscheren aus diesem Bereich. In meinem Job als IT-Projektleiter bin ich jeden Tag mit dem IT-Mainstream konfrontiert:

  • Anwender:innen wollen die bequemste Lösung haben: Windows365
  • Sie wollen Zoom und WhatsApp verwenden
  • Viele verlangen ein Adobe Creative Cloud Abo, um ein Bild drehen zu können

Selbst bei meinen Kollegen in der IT stosse ich mit meinem FLOSS-Aktivismus häufig an Grenzen des Verständnisses.

"Schaut her, da kommt er wieder, der Ralf, der Dorfdepp, der Weltverbesserer, dieser Gutmensch, der Büro-Idiot. Will uns wieder etwas von dieser Anarcho-GPL erzählen. Huldigt einem zehennagelfressenden Guru; Stallmann, oder wie der heisst. Erzählt uns von den vier Freiheiten, dabei wollen wir nur funktionierende Systeme und Bequemlichkeit. Wir opfern lieber den Mammon auf dem Altar der Marktführer." (stark übertrieben)

Dann schlägt die Schere im Kopf zu: Warum mache ich das? Möchte ich gegen Windmühlen kämpfen? Oder halte ich lieber meinen Mund? Ich passe meine Empfehlungen und Aussagen mehr und mehr an das Etablierte, bzw. Gewünschte an; das ist die Schere.

Wie zieht man die Schere aus dem Kopf?

Kurze Antwort: gar nicht. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, welches auf Effizienz getrimmt ist. Der Weg des geringsten Widerstands ist oft der beste Weg. Rationale Menschen machen eine Vollkostenrechnung: Wenn A, dann nicht B, aber C und D. Als Kind oder Schülerin in der DDR hatte man diese Wahl nicht. Es gibt Voraussetzung, um eine informierte Entscheidung treffen zu können:

  • Man muss sich der Schere bewusst sein, was bei den meisten Menschen nicht der Fall ist.
  • Die Fähigkeit der Selbstreflexion ist notwendig, was bei den meisten Menschen nicht der Fall ist.
  • Es gilt, die Konsequenzen abzuwägen (Vollkostenrechnung).
  • Die Schmerzen müssen gross genug sein, um eine Entscheidung durchzuziehen.

Bei mehr als 100'000 Russen und Russinnen ist das seit Monaten der Fall, die ihr Land in Richtung Georgien verlassen. Schaut man sich die Profile dieser Menschen an, so sieht man überwiegend junge und gut gebildete Leute, bzw. Fachkräfte und die Intelligenzija, die Russland den Rücken kehren. Die oben genannten Punkte treffen auf diese Gruppe zu.

Die Schere im Kopf lässt sich nur bekämpfen, wenn sie an mehreren Stellen schneidet: gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich, persönlich. Selbstverständlich gibt es (emotionale) Leute, bei denen ein Schnitt genügt, um in den Sack zu hauen; das ist aber eher die Ausnahme:

Ihr wollt nicht verstehen, welche Vorteile euch Freie Software in der Firma bringt? Fuck you, ich kündige meinen Job!

Ich rate von solchen Kurzschlusshandlungen ab. Man zieht die Schere aus dem Kopf, falls die Gesamtrechnung stimmt. Du willst nicht unglücklicher enden, als du begonnen hast.

Tags

Schere, Kopf, Selbstzensur, DDR