Als begeisterter Hörer des Podcasts "Methodisch inkorrekt", hat Nicolas Wöhrl in der Folge Mi380 - "Löchriger Käse" auf das Buch "Misstrauensgemeinschaften von Aladin El-Mafaalani" hingewiesen. Der Autor legt darin eine gedankliche Verbindung nahe, die mir bisher nicht in den Sinn gekommen ist. Seine These hat zwar nichts mit Freier Software oder Freier Gesellschaft zu tun, oder vielleicht doch? Mal sehen.
Die Kernaussage dieses Buches lautet in meinen Worten:
Komplexität befördert Schwurbler und Populisten
Ich gehe davon aus, dass sich alle Leser:innen darin einig sind, dass die Komplexität des Lebens zugenommen hat. Mit "Komplexität des Lebens" meine ich alle Aspekte, die Menschen betreffen: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Technologie, Wissenschaft, usw. Möchte man die Zunahme der Komplexität seit Anbeginn der Menschheit grafisch darstellen, ergibt sich eine exponentielle Kurve:
Die Zeitachse beginnt vor 2,6 Mio Jahren und erstreckt sich bis zur heutigen Zeit. Über den längsten Zeitraum ist nicht viel passiert. Der Mensch war überwiegend mit Wetterschutz, Ernährung und der Abwehr von Feinden beschäftigt. Die Situation hat sich mit dem Aufkommen von Wissenschaft, Aufklärung und gesellschaftlicher Teilhabe geändert. Dabei reden wir (gut gemeint) von den letzten 500 Jahren. Seit dieser Zeit hat die Exponentialkurve ihr mörderisches Wachstum begonnen. Was im letzten Satz negativ klingt, führte tatsächlich zur Wohlfahrt der Menschen. Es wurden Rechtsordnungen geschaffen, die (fast) alle Menschen berücksichtigten. Der wissenschaftlichen Erkenntnis folgte der technologische Fortschritt, der das Leben aller Menschen erleichterte. Ich könnte noch viele Errungenschaften nennen, die sich positiv auf unser Leben ausgewirkt haben: weniger Hunger, mehr Teilhabe und Gerechtigkeit.
Die Chronologie der Technik gibt einen guten Überblick zu diesem Aspekt der Entwicklung.
Diese Entwicklung führte zwangsläufig zu mehr Wissen und damit zu mehr Komplexität.
Exkurs: komplex versus kompliziert
In einem komplizierten System gibt es eindeutig definierte Verbindungen der einzelnen Elemente. Es mag ein grosses System sein, das unser Können und unsere Kenntnisse übersteigt. Doch alle Zusammenhänge darin sind kausal und können vorhergesagt werden.
In einem komplexen System sieht das anders aus. Es ist lebendig und seine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge sind unüberschaubar. Komplexe Organisationen nehmen durch Offenheit zu ihrem Umfeld Informationen auf und entwickeln sich daran angelehnt autonom weiter.
Kurz gesagt: Kompliziertheit ist verstehbar, Komplexität nicht.
Früher gab es Universalgelehrte, wie Leibniz, Newton oder Goethe, die einen Grossteil des vorhandenen Wissens aufnehmen und verstehen konnten. Solche Personen gibt es heute nicht mehr. Bestenfalls gibt es "Fachleute", die einen Teilbereich begreifen. Doch diese Teilbereiche werden immer kleiner. Man sieht das gut an den universitären Studiengängen. Schon zu meiner Ausbildungszeit wurde das Informatikstudium in "Technische Informatik", "Wirtschaftsinformatik", "Allgemeine Informatik" und "Medizin Informatik" unterteilt, und das war vor 35 Jahren.
Wenn die Fähigkeit, den Überblick zu behalten, bei Wissenschaftler:innen und Fachleuten, aufgrund der exponentiellen Entwicklung, abnimmt, sollte es bei den normalen Leuten nicht besser aussehen.
Überforderung
Folgt man der These des oben erwähnten Buches, führt die natürliche Unfähigkeit, alles verstehen zu können, zu Misstrauen. Das erklärt sich nicht von selbst. Die Gegenthese würde sagen, dass das Vertrauen in diejenigen, die es noch verstehen, obsiegt. Doch ein solches Verhalten ist im menschlichen Genom nicht angelegt. Unverständnis wird als Gefahr ausgelegt, und nicht dem Vertrauen in die Gesellschaft überlassen.
Mal sehen, ob ich ein anschauliches Beispiel finde. Wissenschaftliche Studien belegen, dass ein Tempolimit auf Autobahnen nur positive Auswirkungen hat. Es sterben weniger Leute, die Infrastruktur wird weniger belastet, der CO₂‑Ausstoss reduziert sich signifikant, Fahrer:innen kommen entspannter und sicherer am Ziel an, und es gibt keinen messbaren Zeitverlust. Nein, das ist ein schlechtes Beispiel:
55 Prozent der ADAC-Mitglieder sind für ein generelles Tempolimit.
Wie wäre es damit? Migration ist ein komplexes Thema. Das bewegt sich zwischen Herrn Merz’ Stadtbild, Grenzkontrollen, Fachkräftemangel, Beiträgen für die Sozialwerke und den geliebten Nachbarn, die wirklich wissen, wie man ein Tom Yam Gung zubereitet. Das überfordert einen Grossteil der Gesellschaft. Es gibt zu viele Variablen zu bedenken, die sich jeden Tag ändern. Das ist komplex.
Offene Flanke
Sobald sich eine Schwäche in der Gesellschaft zeigt, sind die Schwurbler und Populisten nicht weit entfernt. Verschwörungsbeförderer (BILD-Zeitung et al.) und die populistischen Parteien riechen solche Chancen wie die Fliegen das Aas. Dann werden einfache Ursachen genannt und einfache Rezepte präsentiert, zum Beispiel:
- Die Ausländer sind an eurem Niedergang schuld (Feindbildung auf dem Rücken der Schwächeren)
- Die Eliten beuten euch aus (Verschwörungsmythos)
- Ihr arbeitet nicht genug (soziale Spaltung)
Die Komplexität wird weiter ansteigen und damit auch die Bereitschaft, Misstrauensgemeinschaften zu bilden. Damit wird es für Schwurbler und Populisten immer einfacher, euch mit Stammtisch-Parolen einzufangen. Hinzu kommt die sprunghaft wachsende Desinformation durch Schwärme von KI-Agenten, was einen eigenen Artikel wert wäre.
Wie kann man Misstrauensgesellschaften entgegentreten?
Die zunehmende Komplexität der Welt treibt uns in Misstrauensgesellschaften. Wer misstraut, traut den Falschen. Die Komplexität wird durch Desinformation verstärkt. Wenn die vierte Gewalt nicht mehr funktioniert, wird es schwierig, verlässliche Informationen zu finden. Doch verlässliche Informationen sind eine Voraussetzung für eine freiheitlich demokratische Gesellschaft. Was kann man machen?
- Positive Narrative verbreiten. Es ist gut, über Errungenschaften zu berichten, insbesondere, wenn früher niemand daran geglaubt hat. Beispiele: Ausstieg aus der Atomkraft, Deutschland deckt seinen Energiebedarf überwiegend mit erneuerbaren Energien.
- Loben statt Jammern. Lobt Organisationen und Politiker für erfolgreiche Aktionen, anstatt ihre Misserfolge hervorzuheben.
- Gemeinschaften bilden, oder sich bestehenden Gemeinschaften anschliessen. Gemäss dieser Studie, ist das der beste Weg, um Veränderungen zu bewirken.
- Vertrauen statt Misstrauen. Die Einsicht, dass man die "moderne Zeit" nicht mehr vollständig verstehen kann, sollte in das Vertrauen in Wissenschaft und Fachleute münden, anstatt in Resignation und Misstrauen.
- Fallt nicht auf "einfache Antworten" herein. Es gibt keine "einfachen Antworten" mehr.
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende. Denkt doch mal darüber nach, wie ihr in der Gemeinschaft wirksamer werden könnt.
Bildquellen:
Titelbild von Khanh Do auf Unsplash
https://freesvg.org/gear-mechanics-vector-illustration
https://freesvg.org/robot-on-wheel-vector-graphics
Sonstige Quellen:
https://minkorrekt.podigee.io/387-mi380-lochriger-kase
(Hinweis: Da die Jungs von Minkorrekt! ihr Wordpress geschrottet haben, ist das nicht der übliche Link.)
https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/A1076388325
(Hinweis: Minkorret! verlinkt in ihren Shownotes auf Amazon. Ich verlinke lieber auf einen lokalen Buchladen, weil ich nicht Bezos füttern möchte.)
https://minkorrekt.podigee.io/387-mi380-lochriger-kase
https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/A1076388325
https://de.wikipedia.org/wiki/Chronologie_der_Technik
https://de.wikipedia.org/wiki/Universalgelehrter
https://www.adac.de/verkehr/standpunkte-studien/positionen/tempolimit-autobahn-deutschland/
https://de.wikipedia.org/wiki/Vierte_Gewalt
https://academic.oup.com/pnasnexus/article/5/1/pgaf400/8439560?login=false


Anmerkung: Zwischen Steinzeit und industrieller Revolution liegen mehr als 2 Millionen Jahre und in der Zeit hat sich die Komplexität mindestens um den Faktor 100, wenn nicht sogar noch viel mehr, erhöht. Da stimmt die im Artikel dargestellte exponentielle Kurve überhaupt nicht.
Das mag sein, doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Komplexität über die Zeit exponentiell zunimmt.
Interessante These, aber... mit Blick in die Geschichte nicht wirklich haltbar. Aberglaube, Verschwörungstheorien und Misstrauen haben über die Jahrhunderte bei zunehmender Komplexität massiv abgenommen. So verbrennen wir beispielsweise heute aus Aberglauben keine Frauen als Hexen mehr oder versuchen bei Schizophrenen Dämonen auszutreiben. Wenn man sich die Gesellschaft der frühen Neuzeit anschaut, so fällt auf, dass sie von einem Misstrauen gegenüber dem Fremden, dem Unbekannten und dem Nicht-Normativem geprägt war wie wir es uns heute kaum noch vorstellen können.
Dann schaue Dir bitte die wissenschaftlichen Studien zur Korrelation von Misstrauen und Komplexität an. Die sind sich alle einig.
> "Alles sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher!"
Angeblich wird dies einem Nobelpreisträger zugeschrieben. Jetzt bin ich selber zwar keiner, aber manche Dinge sind tatsächlich recht einfach. Es ist auch keineswegs so, dass wir heute nicht mehr mit "Wetterschutz, Ernährung und der Abwehr von Feinden" beschäftigt wären.
Die vorgenommene Unterscheidung zwischen "Kompliziertheit" und "Komplexität" teile ich hingegen überhaupt nicht:
Komplexität wird über die Bildung von Modellen verstehbar gemacht. Richtig ist freilich, dass es Leute gibt, die komplett unverständig sind, und natürlich auch komplett untaugliche oder einfach falsche Modelle. "Gelogen" wird also ggf. von Wissenschaftlern und Nichtwissenschaftlern.
PS: Techies wie ein P. Thiel von Palantir halten heute Vorträge über das Wirken des Teufels, und sie geben dabei vor, gegen selbigen ein "Katechon" zu sein, was leider heute schon die Hölle auf Erden erforderlich mache. Womöglich ist er "besessen" oder er leidet an "Profilneurose" :D
PPS: Die Jungsteinzeit liegt nachweislich keine zwei Mio Jahre zurück. Die Dinge waren aber auch damals schon keineswegs so entspannt oder unblutig, wie manche das hier suggerieren, und es waren dabei sogar sehr viel weniger Leute (tatsächlich weniger "Komplexität").
Das Zitat stammt von Albert Einstein.
Mein Exkurs zu Komplexität und Kompliziertheit entspricht der gängigen Definition; ich habe das nicht erfunden.
Selbstverständlich sind wir immer noch mit der Befriedigung der Grundbedürfnisse beschäftigt. Doch früher war das eine schwierigere und lebensfüllende Aufgabe.
Wenn jemand etwas behauptet, ueberpruefen: durch Hinschauen, Hoeren, Tasten; oder durch mathematischen, logischen Beweis.
Wir Menschen sind mehrheitlich stinkfaule Gewohnhitstiere und gehen mehrheitlich immer den einfacheren Weg. Wir hier gehen davon aus, dass das was du richtigerweise vorschlägst, die naheliegenste Vorgehensweise sei. Hand auf's Herz: Wer macht das (immer)?
Schöner Artikel, Ralf. Danke!
Hallo Ralf, ich find deine These etwas steil. Und der Verweis auf die gängige Forschungsmeinung ist mir zu dünn. Absolut betrachtet, über den gesamten Zeitraum, mag es stimmen. Ich frage mich aber, ob diese Darstellung überhaupt sinnvolle Ergebnisse produziert, bzw. produzieren kann. Ich finde, dass man diese Betrachtung besser auf Generationen herunterbricht. Es wäre für mich sicherlich kompliziert, als Steinzeitmensch zu leben und und die Komplexität der Lebensumgebung eines Steinzeitmenschen zu erfassen. Die Arten von Komplizierheit und Komplexität haben sich über die Zeit gewandelt und wir mit ihnen. Das gilt selbst innehalb der Lebensspanne eines jeden Menschen ganz indivuduell für diesen. Um auf deine exponentielle Kurve zurückzukommen: Wir befinden uns alle in diesem Moment ganz hart am rechten Rand der Zeitachse. Ich argumentiere daher, dass das Delta in der exponentiellen Kurve vernachlässigbar klein ist zwischen dem Beginn meines Lebens und dessem Ende. Weiterhin glaube ich, dass der Unterschied zwischen meinem Lebensdelta und einer Person, die direkt vor mir gelebt hat, kaum nenneswert sein wird. Alles natürlich unter der Prämisse, dass ich ebenso lebenstüchtig bin im Umgang mit der Lebenskomplexität und -kompliziertheit wie die Vergleichsperson.
Da wir gerade über Mißtrauen sprechen: Soll ich diesem Artikel trauen? Ralf im Abschnitt über die „frohen Botschaften“, die er für verkündenswert hält: „Deutschland deckt seinen Energiebedarf überwiegend mit erneuerbaren Energien“ „Überwiegend“ bedeutet „mehr als 50%“, sehe ich das richtig?
Ich finde folgendes: https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/384/bilder/dateien/3_abb_pev-energietraeger_2025-12-18.pdf
Prozentuale Aufteilung des Primärenergieverbrauchs nach Energieträgern 2024 in Deutschland: Mineralöl 36,4% Gase 25,9% Erneuerbare Energien 19,9% Braunkohle 7,7% Steinkohle 7,3% Sonstige Energieträger 2,8%
Für 2025: https://ag-energiebilanzen.de/daten-und-fakten/primaerenergieverbrauch/
Mineralöl 35,7% Erdgas 26,9% Erneuerbare Energien 20,6% Braunkohle 7,2% Steinkohle 7,1% Sonstige Energieträger 1,9%
Mir scheint, da ist Mißtrauen gegenüber Ralfs Aussage sehr angebracht.
Auch wenn wir an dieser Stelle entschieden anderer Meinung sind: Herzlichen Dank an Ralf und das gnulinux-Team für das Engagement und die vielen interessanten Berichte.
Hallo Erik
Vielen Dank für Dein Lob an das Team und an mich.
Bezüglich der Zahlen verweise ich auf zwei Quellen: Umweltbundesamt und Statistisches Bundesamt:
https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/erneuerbare-energien/erneuerbare-energien-in-zahlen#berblick
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/03/PD25_091_43312.html
Hallo Ralf, danke für die Links. Ich zitiere daraus wörtlich: "Vorläufige Berechnungen zeigen, dass im Jahr 2024 nach den für alle EU-Länder einheitlichen Berechnungsvorschriften der EU-Richtlinie zur Förderung erneuerbarer Energien (RED) 22,4 Prozent des deutschen Bruttoendenergieverbrauchs mit erneuerbaren Energien gedeckt wurde." Die Zahl weicht nur geringfügig von der in meiner Quelle genannten ab. Lediglich bei der Stromerzeugung liegt der Anteil der erneuerbaren Energien in D in den letzten Jahren über 50%. Du hast im Artikel von "Energiebedarf" gesprochen. Das ist quantitativ schon etwas wesentlich anderes.