Ückück und das Fediverse: Was ist der Wert von Social Media?

  Ückück   Lesezeit: 10 Minuten  🗪 4 Kommentare Auf Mastodon ansehen

Warum nutzen so viele von uns Social Media und was macht die Relevanz von Sozialen Netzwerken aus? Ein kritischer Blick auf Soziale Medien, aber durch die Fediverse-Brille.

Ückück und das fediverse: was ist der wert von social media?

Titelbild: Eine in grün gefärbte alte Waage mit Gewichten, darüber in gelb die Frage: Was ist der Wert von Social Media?

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Sie seien Zeitverschwendung, Schuld an Desinformations- und Hetzkampagnen und würden durch Echo-Kammern immer mehr zur Spaltung der Gesellschaft führen: Social Media.

Die Sozialen Medien haben keinen guten Ruf. Deshalb möchte ich heute mit euch einen genaueren Blick darauf werfen, warum viele von uns trotzdem auf Social Media miteinander vernetzt sind und was die Relevanz von Sozialen Netzwerken ausmacht. Aber mit einem Blick durch die "rosarote Fediverse-Brille".

Wer spricht denn heute noch über das Fediverse?

Auch wenn die Berichterstattung um Mastodon und das Fediverse etwas abgenommen hat, ist das Netzwerk immer noch sehr aktiv. Die aktuellen Nutzendenzahlen im Fediverse pro Monat liegen sogar bei über 1 Millionen. Das zeigt, dass auch wenn die letzten Hype-Wellen nun vorüber sind, das Fediverse nachhaltig gewachsen ist und sich auch außerhalb der Freien Software Community etabliert hat.

Verlauf der monatlich aktiven Nutzenden im Fediverse; Quelle: https://mastodont.cat/@fediverse/112388021622988195

Was bedeutet etabliert?

Oft steht die Frage im Raum, ob sich das Fediverse wirklich im Vergleich zu anderen Social Media Plattformen etabliert hat. Da diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten ist, lohnt sich ein Blick von mehreren Seiten.

Schauen wir auf die absoluten Nutzendenzahlen, ergibt sich ein sehr durchwachsenes Bild. Laut Statista nutzen weltweit etwa 5,04 Milliarden Menschen Social Media. Weit vorn liegen Instagram mit aktuell 2 Milliarden monatlich aktiven Nutzenden und Facebook mit 2,9 Milliarden monatlich aktiven Nutzenden (Stand 2021). Weiter hinten, aber immer noch vor dem Fediverse, liegt X ehemals Twitter mit durchschnittlich 421 Millionen aktiven Nutzenden im Jahr 2023. Ein Problem beim direkten Vergleich der bloßen Zahlen ist jedoch, dass hinter den aktiven Accounts nicht in jedem Fall auch tatsächlich Menschen stecken. So kann die Anzahl durch Werbeträger*innen oder Bots in die Höhe schnellen. Andererseits kann auch ein Mensch mehrere Accounts haben, was zum Beispiel durch die verschiedenen Funktionsweisen der unterschiedlichen Plattformen im Fediverse oft der Fall ist.
Doch die Relevanz allein an solchen Zahlen fest zu machen ist zu kurz gedacht. Was aktive Nutzung tatsächlich bedeutet ist nicht klar definiert. Ein reiner Zahlenvergleich der Aktiven bzw. der Aktivitäten kann nur zur Orientierung dienen.

Zudem werden die Plattformen sehr unterschiedlich genutzt. Auf einigen wird mehr diskutiert, auf anderen eher konsumiert. Meiner Erfahrung als Teil der Social Media Teams mehrerer unterschiedlicher Gruppen ist die Quote der Rückmeldungen im Fediverse jedoch um ein Vielfaches höher, als auf anderen Plattformen wie X, Facebook oder Instagram. Auch kommt es bei Kontakten, die im Fediverse geknüpft werden, viel öfter vor, dass sich diese in die Offline-Welt übertragen. Es ist bei Aufrufen zu Veranstaltungen stets das Gleiche: Wenn Menschen aufgrund von Social Media Beiträgen vorbei kommen, dann sind sie meist durch das Fediverse darauf aufmerksam geworden.

Für einige bemisst sich die Relevanz einer Plattform und ob sie etabliert ist oder nicht auch an der Höhe der Werbeeinnahmen, die sich auf ihr generieren lassen. Da das Fediverse nicht über Werbeeinnahmen oder ähnliches finanziert wird, müssen wir an dieser Stelle nicht weiter auf diesen Punkt eingehen.

Ein wichtiger Maßstab ist zudem der Informationsgehalt, den ein Netzwerk bietet. Dieser wird maßgeblich von den aktiven Accounts beeinflusst, die eine Plattform besiedeln. Finden sich viele Journalist*innen und Nachrichtenportale oder Institutionen wie Behörden oder Vereine, steigt für die meisten die Relevanz des Netzwerkes. Natürlich kommt hier der Netzwerkeffekt sehr zu tragen: Wer besser vernetzt ist, findet auch im Fediverse schneller Nachrichten und mittlerweile ist es oft so, dass mir Beiträge von Instagram oder X gezeigt werden, die ich bereits vor einigen Tagen im Fediverse entdeckt habe. Da hat sich das Fediverse vor allem in den letzten Jahren sehr stark gemausert.
Wie objektiv dieser Blick ist, sei an dieser Stelle jedoch mit Vorsicht zu genießen, da auch ich wie wir alle meine Lieblingsthemen habe und die natürlich als wichtig ansehe und andere Themengebiete, die noch schwächer vertreten sind, nicht so auf dem Schirm habe.

Warum nutzen wir Social Media?

Aber etabliert oder nicht, die Frage ist immer noch offen: Warum nutzen wir Social Media? Die Gründe sind vermutlich genau so vielfältig, wie die Menschen, die sich in den Sozialen Netzwerken tummeln, aber für die meisten ist es wohl eine Mischung aus den folgenden Punkten: Sie wollen Informationen und Nachrichten erhalten, in den Austausch mit anderen treten und diskutieren, selbst Informationen verbreiten und ihre eigene Meinungen oder die ihrer Gruppen bewerben oder über ihren Tellerrand schauen.

Daraus können Freundschaften und Bande für das ganze Leben entstehen, sich neue Netzwerke und Gruppen gründen oder sich blitzschnell Nachrichten verbreiten. Gerade die Geschwindigkeit, in der sich Informationen verbreiten und die Stimmenvielfalt in Sozialen Netzwerken sind für viele Gründe, sich zunehmend auf Social Media über das Weltgeschehen zu informieren und nicht über klassische Medien wie etwa Zeitungen, Funk und Fernsehen.

Aber für viele hat die oft tägliche Social Media Nutzung auch Schattenseiten.

Wie kann uns Social Media schaden?

Bei einigen, auch bei mir, ist es vielleicht nur die FOMO (fear of missing out), die einen sehr häufigen Blick auf das Handy und die Social Media Apps zur Folge hat. Aber Zunehmend ist bei vor allem jungen Menschen auch ein Suchtverhalten auf Bezug auf die Internetnutzung zu beobachten. Auch fällt es oft schwer, für sich die Inhalte fern zu halten, die persönlich negative Gefühle hervorrufen. Sei es, weil bei der Recherche zum aktuellen Ereignissen dann doch viel mehr Zeit verstreicht, als beabsichtigt, die Konfrontation mit bearbeiteten Bildern von leicht bekleideten Menschen das eigene Körperbild negativ beeinflusst wird oder es schwer fällt, nicht weiter auf negative Kommentare einzugehen. Ein großes Problem sind auch die sogenannten Echo-Kammern und Filter-Blasen, die je nach Plattform entweder durch Algorithmen oder händischen Filtern sehr einseitige Weltbilder bestärken können. Auch wenn diese Algorithmen eigentlich zum längeren Verweilen auf der Plattform ausgelegt sind, führen sie doch oft dazu, dass Menschen immer mehr mit extremen und einseitige Inhalten konfrontiert werden
Auch werden durch die sehr schnelle Verbreitung von Inhalten Phänomene wie die Entstehung von Fake News oder auch Cyber-Mobbing begünstigt.

Und im Fediverse ist jetzt alles besser?

Nein, natürlich nicht. Soziale Netzwerke sind nur so gut, wie wir sie machen und wie wir sie nutzen. Und da auch im Fediverse Menschen unterwegs sind, gibt es natürlich auch dort Probleme.

Aber das Fediverse hat einen ganz entscheidenden Unterschied zu den klassischen Sozialen Netzwerken und der ist, dass es uns allen gehört. Ihr kennt das bestimmt, öffentliche Toiletten sehen oft unter aller Kanone aus, sind dreckig und eine nähere Beschreibung erspare ich uns allen lieber an dieser Stelle. Aber zu Hause, da kümmern wir uns darum, das Bad und die Toilette zu putzen, auch wenn es nicht unbedingt die schönste Aufgabe ist, die im Haushalt ansteht.

Da das Fediverse aus vielen unterschiedlichen Servern und Diensten besteht und wir oft auch wissen, wer unseren Server betreibt, ist das Gefühl viel größer, zu Hause und mit dafür verantwortlich zu sein, dass eben die Toilette sauber bleibt. Neben einem oft, aber natürlich nicht immer, respektvolleren Umgangston ist es nicht zuletzt das Mithelfen der einzelnen Communities und die häufig verantwortungsbewusste Moderation, die den Ton positiv prägen.

Auch wenn der aktuelle Hype um das Fediverse verebbt ist, die Stärke ist und bleibt die aktive Community, die die Server betreibt und nutzt. Das ist zum Beispiel durch stetig neu entstehende örtliche Community-Treffen, aber auch neue Dienste, die immer wieder hinzukommen, spürbar.

Es ist eben wie mit allem im Leben: Social Media kann ein großer Gewinn sein, wenn wir uns den Gefahren bewusst sind und verantwortungsbewusst damit umgehen.

Und letztendlich: Utopien bauen sich nicht von selbst. Deshalb ist es so wichtig, dass wir es in den freien dezentralen Sozialen Medien zusammen besser machen, als in den Walled Gardens von Meta, X Corp und Co.

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Dieser Beitrag ist der erste Artikel meiner neuen Kolumne hier bei GNU/Linux.ch. Ab jetzt erscheint an jedem ersten Montag im Monat ein neuer Meinungsbeitrag von mir zum Fediverse.

Weiterführende Links:
https://gnulinux.ch/tag/fediverse
https://gnulinux.ch/tag/ückück
https://podcasts.homes/@ueckueck_und_das_fediverse/episodes/was-ist-der-wert-von-social-media/embed
https://mastodont.cat/@fediverse/112388021622988195
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/739881/umfrage/monatlich-aktive-social-media-nutzer-weltweit/
https://www.matthiashaltenhof.de/blog/instagram-nutzer-statistiken/
http://allfacebook.de/zahlen_fakten/state-of-facebook
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/318483/umfrage/twitter-nutzerzahlen-weltweit-prognose/
https://de.wikipedia.org/wiki/FOMO
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/o/online-sucht
https://gnulinux.ch/wzs-ueckueck-und-das-fediverse

Tags

Social Media, Soziale Netzwerke, Soziale Medien, Fediverse, Ückück

Der Linuxer
Geschrieben von Der Linuxer am 6. Mai 2024 um 16:19

Toller Beitrag. Ich freue mich schon auf die nächsten Artikel :)

Ralf Hersel Admin
Geschrieben von Ralf Hersel am 6. Mai 2024 um 19:16

Bei Deinem Artikel gefällt mir der Toiletten-Vergleich sehr gut: "My home is my castle". Moderation funktioniert im Kleinteiligen besser als in der Masse. Das sehen wir auch in unserem TALK-Raum: Freundlich und faktisch. Moderation ist nicht nur die Aufgabe von Moderierenden, sondern von allen Teilnehmenden.

Robert Lender
Geschrieben von Robert Lender am 9. Mai 2024 um 20:46

Ich würde das Fediverse auch als Möglichkeit sehen, dass wir uns darin üben es besser zu machen. Nicht alles ist dort perfekt, aber wir haben es gemeinsam in der Hand.

Danke für den Artikel. Bin auf die nächste Kolumne gespannt.

Kater
Geschrieben von Kater am 12. Mai 2024 um 02:05

Danke für den Artikel. Es freute mich sehr das du den Artikel persönlich eingesprochen hast! :)