Anna sichert Spotify

  Ralf Hersel   Lesezeit: 3 Minuten  🗪 5 Kommentare Auf Mastodon ansehen

Nahezu der komplette Musikkatalog von Spotify ist ausserhalb des Streaming-Dienstes öffentlich zugänglich geworden. Verantwortlich ist das Projekt Anna’s Archive, das bislang vor allem für das Archivieren von Büchern und wissenschaftlichen Texten bekannt war.

anna sichert spotify

Wenn es um den Zugang zu wissenschaftlichen Dokumenten geht, wird der Markt vom Verlag Elsevier dominiert. Diese Firma ist eine globale Schande, da sie von der Gesellschaft finanzierte Forschung teuer verkauft. Zum Glück gibt es Alternativen dazu:

Wenn es nicht nur um wissenschaftliche Dokumente geht, gibt es das Internet Archive und Anna's Archive. Beide gehören zur Spezies der Hochverfolgten, weil sie den Rechteverwertern grosse Dornen im Auge sind. Dem Internet Archive ist nichts heilig; es konserviert alles, was es im Internet zu sichern gibt:

Am 22. Oktober 2025 feierte das Internet Archive einen außergewöhnlichen Meilenstein: 1 Billion Webseiten wurden gespeichert und sind über die Wayback Machine zugänglich.

Bei Anna ist der Fokus etwas anders ausgerichtet:

Anna’s Archive ist eine kostenfrei nutzbare Metasuchmaschine für Schattenbibliotheken. Als solche bietet sie freien Zugang zu Büchern, wissenschaftlichen Aufsätzen, Comics und Zeitschriften. Die Website wird von einem anonymen Team von Archivaren betrieben, die sich Anna und das „Pirate Library Mirror (PiLiMi) team“ nennen, und finanziert sich über Spenden. Nach eigenen Angaben stehen Metadaten zu über 120 Millionen Werken zur Verfügung. Jeden Tag werden schätzungsweise 650.000 Bücher heruntergeladen.

Wer denkt, dass 120 Mio. Werke Peanuts sind, sollte sich jetzt stabil hinsetzen. Am 20. Dezember 2025 berichtet Anna das:

Wir haben Spotify (Metadaten und Musikdateien) gesichert. Es wird in großen Torrents (~300 TB) verteilt, gruppiert nach Beliebtheit. Diese Veröffentlichung umfasst die größte öffentlich zugängliche Musik-Metadatenbank mit 256 Millionen Titeln und 186 Millionen eindeutigen ISRCs. Es handelt sich um das weltweit erste vollständig offene „Archiv zur Bewahrung” von Musik (d. h. es kann von jedem mit ausreichend Speicherplatz problemlos gespiegelt werden) mit 86 Millionen Musikdateien, die etwa 99,6 % aller Wiedergaben ausmachen.

Ja, da hört auch die Oma mit dem Stricken auf. Schaut mal in Annas Blog, dort finden sich alle Informationen zum grössten Backup in der Musikgeschichte und viele nützliche Grafiken. Ein Zugriff auf die Musikdateien ist zurzeit nicht möglich, soll aber folgen. Ich bin mir nicht sicher, wie man das bewerten soll, habe jedoch ein paar Denkansätze:

  • Spotify ist eine Zitronenpresse, die Künstler aussaugt und den Konsumenten die Musik zum Max-Preis verkauft.
  • Spotify ist eine Aufmerksamkeits-Plattform, die dafür sorgt, dass kleine Künstler keine Chance haben und die Megastars überproportional bevorzugt werden. Das ist ein Abbild der Arm-Reich-Schere.
  • Die grossen Anwaltskanzleien werden sich die Hände reiben, um die Spotify-Verträge zu verteidigen.
  • Wird Anna den Klagen standhalten können? Ich bin mir sicher, dass Anna nicht ladungsfähig ist.

Doch was bedeutet das jetzt für die freie Gesellschaft? Die Befreiung aller weltweit verfügbaren Musiktitel hört sich so lange gut an, bis man über die Rechte der Künstler:innen nachdenkt. Die meisten von denen stecken in langfristigen Verträgen mit den Major-Labels. Wie gut sie damit fahren, sei dahingestellt.

Wenn Anna demnächst alle Musiktitel dieser Welt veröffentlicht, stellen sich viele Fragen. Für mich sind die wichtigsten:

  • Wer vertritt die Rechte der Künstler:innen?
  • Wie soll die unkontrollierte Vermarktung der dann frei zugänglichen Musiktitel verhindert werden?
  • Welche Intention hat Anna's Archive in Bezug auf diesen Scoop?

Titelbild:

Quellen:

Tags

Annas Archive, Spotify, Musik

Roland
Geschrieben von Roland am 9. Januar 2026 um 12:33

Wer vertritt die Rechte der Künstler?

Dieselben Leute wie zuvor auch, mit dem Unterschied dass man nicht gegen alle Filesharing-Dienste dieser Welt gleichzeitig und überall vorgehen kann. Es werden weiterhin nur lokal agierende und damit für die Anwälte greifbare Raub(mord)kopierer im Namen der Rechteinhabern getroffen. Wobei IMHO Gerichte endlich mal Eigengebrauch /-konsum oder kommerzielle Verbreitung unterscheiden sollte. Man erinnere sich an die Anklagen gegen unschuldige Omas an deren Internet-Anschlüssen EINE (1 !!) Bit-Torrentdatei heruntergeladen wurde. Auch wichtig zu beachten: Musik ist nicht global geschützt, weil es einen Haufen Länder in Asien, Afrika und bestimmt auch im Nahen Osten oder Südamerika gibt, denen die hiesige Rechtslage vollkommen am Allerwertesten vorbeigeht.

Wie soll die unkontrollierte Vermarktung der dann frei zugänglichen Musiktitel verhindert werden?

Wenn etwas frei zugänglich ist, kann die Verbreitung nur noch äußerst schwer kontrolliert oder eingeschränkt werden. Die Situation erinnert mich daran das man Ende der 80er Jahre Mitten in Istanbul die gerade erst vor wenigen Tagen erschienene Nagelneuen Top-Album BAD von Michael Jackson und die von vielen anderen weiteren Künstlern ganz problemlos auf dem dortigen "Schwarzmarkt" (war dort vor Ort aber nicht illegal) kaufen konnte. Zwar damals nur als kopierte Audio-Kassette aber die Qualität des Tapes war sehr gut und sie machten sich zudem den Aufwand die Inlay-Einlagen der Original-Tapes irgendwie zu Fotokopieren, errinnere mich jetzt nicht ob das damals schon in Farbe war.

Welche Intention hat Anna's Archive in Bezug auf diesen Scoop?

Erstellung und Bewahrung eines weltweiten Musik-Archivs für die Nachwelt. Musik ist ein Kulturgut und hier wird einfach alles komplett aus den Systemen und Händen von privaten Unternehmen "befreit". Also eine Art von Kulturgutsicherung für die Geschichtsbücher.

V wie Vendetta
Geschrieben von V wie Vendetta am 9. Januar 2026 um 13:16

Mir sind die Geschftspraktiken von Spotify bekannt (z.B. muss ein Lied mindestens 1000x abgespielt werden, bevor der Künstler auch nur einen Cent sieht) und mein Mitleid hält sich dementsprechend in Grenzen. Auf den beiden im Artikel genannten Plattformen findet man Schätze, die ansonsten verschollen wären.

Denis
Geschrieben von Denis am 10. Januar 2026 um 02:49

Es ist schwer vorstellbar, wie groß eine Torrent-Datei mit 300 TB Daten ist. Und wie schnell Torrent-Clients sie verarbeiten können, wenn Sie beispielsweise einen einzelnen Song herunterladen möchten – das ist eine echte Herausforderung. Und natürlich ist das Herunterladen eines solchen Torrents nicht sicher.

Denis
Geschrieben von Denis am 10. Januar 2026 um 04:02

Im Gegenteil: Für den Verbraucher ist Spotify sehr günstig, man kann sogar kostenlos Musik hören. Aber DRM, Chromium-Client, instabile Qualität und Verfügbarkeit.

👓
Geschrieben von 👓 am 12. Januar 2026 um 10:43

Ich möchte hier gerne den Beitrag der Sendung MaiThinkX empfehlen, welche etwas die Schwierigkeiten von OpenAccess beleuchtet. https://www.zdf.de/play/shows/mai-think-x-die-show-102/maithink-x-publikation-100