PhotoCraft, VectorCraft, WordCraft und Co. erinnern in Aufbau und Bedienung deutlich an Adobe- und Microsoft-Produkte – und zeigen zugleich, wie weit KI-gestützte Entwicklung inzwischen trägt. Ob das alles viel Zukunft hat oder eher ein Strohfeuer ist, muss sich noch zeigen.
Zwölf Apps, ein gemeinsames Konzept
Die „Crafting Apps“ umfassen inzwischen Bildbearbeitung, Vektorgrafik, Videoschnitt, RAW-Entwicklung, PDF-Bearbeitung, Motion Graphics, Layout, Textverarbeitung, Audio, Präsentationen, CAD und Tabellenkalkulation. Jede Anwendung ist als eigenständiges Repository auf GitHub verfügbar, wird in Rust entwickelt und steht unter der Apache-2.0 Lizenz.
Die Namen lassen die Anlehnung kaum verbergen: PhotoCraft soll Photoshop ähneln, VectorCraft Illustrator, FilmCraft Premiere Pro, LightCraft Lightroom, PdfCraft Acrobat, EffectCraft After Effects und DesignCraft InDesign. Dazu kommen WordCraft Word, DeckCraft Powerpoint, CADCraft AutoCAD und GridCraft Excel.
ArtCraft betont, dass es sich um eine „Clean-Room“-Neuimplementierung handelt: Die Programme sollen ausschließlich auf öffentlich dokumentiertem Verhalten, Dateiformaten und eigenen Spezifikationen basieren, nicht auf proprietären Anwendungsdateien, Shadercode oder Grafikressourcen etc. Ob das angesichts gut besetzter Rechtsabteilungen bei Adobe und Microsoft ausreicht, um sich vor teuren amerikanischen Gerichtsverfahren zu schützen, ist fraglich.
Rust statt Electron
Technisch hebt sich das Projekt von vielen aktuellen KI-Demos ab. Die Apps stehen nativ für macOS, Windows und Linux zur Verfügung, also ohne Electron oder eingebettete Webviews. Ein Großteil der Anwendungen lässt sich zusätzlich nach WebAssembly übersetzen und so im Browser starten.
Besonders interessant für Entwickler: Jede Aktion ist als Befehl modelliert. Die Programme lassen sich demnach nicht nur über die grafische Oberfläche bedienen, sondern auch über eine CLI, einen JSON-Kontrollkanal oder einen MCP-Server. Damit sind sie von vornherein für Automatisierung und KI-Agenten ausgelegt. So macht es jedenfalls den Anschein.
Das passt zum übrigen ArtCraft-Ökosystem: Die gleichnamige Anwendung versteht sich als „Crafting Engine“ für kontrollierte Content-Erzeugung, mit 2D-Compositing, 3D-Bühne und wählbaren Modellen. Finanzieren soll sich das Ganze über zubuchbare KI-Token, die den Anwendungen die passenden KI-Funktionen hinzufügen.
Entwicklung im Agenten-Takt
Der auffälligste Aspekt ist das Entwicklungstempo. ArtCraft-Gründer Brandon Thomas beschrieb den Ansatz selbst als „Vibe Coding“: Mehrere parallele Claude-Opus-Agenten sollen Menüs, Werkzeuge und Grundfunktionen generiert, getestet und iterativ verbessert haben.
Das Ergebnis ist beeindruckend: Allein PhotoCraft hat auf GitHub fast 55.000 Sterne. Die Repositories werden täglich aktualisiert und neue Versionen erscheinen alle paar Tage. Wo viele "Vibe Coding" Projekte überhaupt keine Traktion bekommen und sich nie andere Entwickler für den "Slop Code" interessieren, hat Artcraft in kürzester Zeit eine ordentliche Zahl an Kontributoren und externer Commits gesammelt. Das dürfte in dem Bereich außergewöhnlich sein.
Schnell Sichtbares, doch wenig ausgereift
Die KI-basierte Entwicklung macht vor allem eines klar: Wie schnell moderne Codeagenten eine glaubwürdige Anwendungshülle erzeugen können. Fenster, Werkzeugpaletten, Ebenenverwaltung, Filtermenüs, Import- und Exportfunktionen entstehen in Tagen statt Jahren.
Genau darin liegt aber auch die Grenze. Professionelle Kreativsoftware lebt nicht von der Oberfläche, sondern von Jahren gereifter Details: Dateiformatvarianten, Farbmanagement, Druck-Workflows, Stabilität bei großen Dokumenten, Plugins, Tastaturbedienung und unzähligen behandelten Randfällen. ArtCraft räumt selbst ein, dass PhotoCraft in einer frühen Alpha steckt und es für den täglichen Einsatz bisher nicht ausreicht.
Bei PhotoCraft fehlen laut Projektangaben unter anderem zentrale generative KI-Funktionen, duzende Werkzeuge, tiefere Typografie- und Profi-Workflows sowie Plugin-Unterstützung. Die übrigen Crafting Apps befinden sich in einer noch früheren Entwicklungsphase.
Was ArtCraft wirklich beweist
ArtCraft ist damit weniger ein fertiger Adobe-Ersatz als ein Experiment über die neue Ökonomie der Softwareentwicklung. Die These lautet: Wenn KI-Agenten den Großteil der ersten Implementierung übernehmen, verschiebt sich der Engpass von „Code schreiben“ zu Spezifikation, Architektur, Testabdeckung, Wartung und dem ausdauernden Testen ungewöhnlicher Anwendungsfälle.
Für Open Source könnte das ein realer Vorteil sein. Statt jahrelang an einer einzelnen Alternative zu GIMP, Inkscape, Kdenlive oder Scribus zu arbeiten, entstehen schnell viele parallele Ausgangspunkte – mit moderner Rust-Basis, lokaler Ausführung und einer agentenfreundlichen Befehlsschnittstelle. Es könnte aber auch nur viel Aufsehen generieren und sich nie zu etwas Stabilem entwickeln. Das muss sich noch zeigen.
Fazit
Ob daraus belastbare Werkzeuge werden, entscheidet sich erst in der Phase nach dem ersten viralen Moment. Bislang liefert ArtCraft vorwiegend einen überzeugenden Beweis dafür, dass KI die Zeit bis zur ersten lauffähigen Version drastisch verkürzen kann. Ob sie auch die Jahre bis zur professionellen Reife komprimieren kann, ist eine ganz andere Frage. Meine Einschätzung ist, dass die ersten 80 % scheinbar funktionieren und in kürzester Zeit erstellt werden können. Aber ob die letzten 20 % wie üblich Jahre benötigen oder nur Monate und ob sich so lange Leute finden werden, die ihre Zeit, und ihr Geld in Token oder Strom investieren wollen, werden wir wohl erst in ein paar Jahren sehen.
Bildquellen: https://getartcraft.com/
Quellen:
ArtCraft — Controllable AI for Artists
https://de.wikipedia.org/wiki/WebAssembly


Zwei Punkte
Clean Room stelle ich mal in Frage, wer weiss mit was die Models Trainiert wurden. Wären die Ressourcen nicht vielleicht bei bestehenden OpenSource Projekten nützlicher gewesen statt etwas neues zu Kopieren.
Ich denke die erste Frage werden bei großem Erfolg auch Anwälte vor Gericht klären wollen ;-)
Zur zweiten: Ich denke kein gewachsenes FOSS-Projekt möchte so einen Schwall an KI-Slob bekommen. Das sind Zehntausende von Commits in ein paar Tagen. Das können wir ausschließen. Daher ist das hier schon irgendwo ein verständlicher Weg, aber ob was daraus wird .. fraglich.
Deswegen meine ich Resourcen, diese könnten ja auch als Support für Fehlerbehebungen genutzt werden bzw. als Unterstützung und nicht als reiner selbst Läufer.
Das setzt aber voraus, dass die Leute, die mit KI einen Photoshop-Klon bauen wollen die gleichen sind, die GIMP auf andere Weise helfen wollen. Das sehe ich so nicht. Let's agree to disagree ;-)
Hier passiert das gleiche mit einem sehr bekannten Computerspiel https://www.computerbase.de/news/gaming/ki-statt-entwicklerteam-taipei-gta-verschlingt-10-000-dollar-an-ki-tokens.99674/ Wer das Spiel einmal ausprobieren möchte, findet hier eine ONLINE spielbare Version https://www.taipei-rush.app/ - kann man leicht auf Englisch umstellen. In den Kommentaren finden sich noch einige weitere Beispiele aus dem Spielebereich.
Weil die KI-Fähigkeiten im Bereich Decompiling und Reverse Engineering einfach unglaublich mächtig sind, sprechen andere gar schon vom Ende der Closed Source Software https://www.heise.de/news/Open-Source-Papst-Raymond-KI-setzt-Closed-Source-Software-ein-Ende-11480624.html Das ganze zeigt wirklich mehr als eindrucksvoll, wohin sich derzeit die App & Softwareentwicklung durch KI hinbewegt.
Also beim Lightcraft für Mac hat das Importieren von 1000 grossen PSD/Tif-Bildern + Raw schon mal besser geklappt, als bei den anderen proprietären (z.T. teuren) Anwendungen, die ich bisher probiert habe. Sehr vielversprechend. Einfache Bildbearbeitungen von PSD-Dateien sind jetzt auch schon mit Photocraft in Linux möglich, ohne den Gimp-Murks.. und ENDLICH besteht Aussicht auf eine anständige Bilderverwaltung, die auch PSD kann, unter Linux. Ich hoffe, dass man das Projekt nicht stoppt (stoppen kann). Viel (KI)-Liebe bekommt es ja im Moment. PDFcraft ist jetzt schon durchaus brauchbar und ersetzt bei mir in Linux den bisherigen PDF-Kram.
Interessant! Du kannst ja mal die Entwicklung verfolgen und hier bei Zeiten einen kleinen Erfahrungsbericht zu ein paar von den Programmen schreiben ;-) Das unterstützt dann auch die Popularität der Programme, die Du magst. Stell Dir einfach vor es wären 5x ein solcher Kommentar und schon ist es ganz wenig Arbeit 😇.
Na ja, bis jetzt ist das ja alles noch Alpha.. da muss man doch erst noch ein bissel abwarten. Im Augenblick kommt man jedenfalls mit dem Herunterladen von Updates kaum hinterher.. Die Anwälte von Adobe und Microsoft schieben sicher bereits Überstunden. Heise hat schon einen Test: "was die vermeintlichen Adobe-Alternativen leisten". Leider hinter der Paywall... aber wenn man in diesem Stadium schon einen Artikel mit dieser Überschrift bringt, ahne ich doch, was damit bezweckt werden soll. Jetzt beginnt der Feldzug der Platzhirsche..
Hier kannst du dir gerne durchlesen was sie schreiben.
https://telegra.ph/Vermeintliche-Adobe-Alternativen-im-Test-Was-die-Crafting-Apps-leisten-10-14
Ein besserer Ansatz für Software finde ich immer noch:
Ich verbinde Linux immer noch mit der kindischen Freude daran, dass die Community gottlob selbst ein freies OS und freie Software geschaffen hat, welche eine gute Alternative zu Windows, Mac, Office und Adobe Suite bietet. Dies, auch wenn Manches etwas hölzig wirkt oder Gtk-Programme, Qt-Programme und CLI Programme bunt gemischt zusammen trotzdem bestens zum Ziel führen.