Zum Wochenende: Ralf macht sich überflüssig

  Ralf Hersel   Lesezeit: 3 Minuten Auf Mastodon ansehen

Dieser Artikel stammt aus dem prallen Leben. Um genauer zu sein, basiert er auf meinem Büroalltag. Der Artikel beschreibt den Versuch, KI zum Vorteil meiner Organisation einzusetzen. Ob ich mich damit überflüssig mache, wird sich ein paar Absätze später zeigen.

zum wochenende: ralf macht sich überflüssig

Als IT-Projektleiter treffen bei mir häufig Anwendungswünsche der Fachabteilungen ein. Üblicherweise prüfen wir, ob es bestehende Lösungen dafür gibt. Idealerweise sollten es Open-Source-Anwendungen sein oder zumindest aus Europa stammen. Im konkreten Fall geht es um eine Lösung für das Projektmonitoring. Mit Projekten sind soziale Vorhaben gemeint, die im Rahmen eines Innovationskreislaufes auf ihre Wirksamkeit überprüft und miteinander verglichen werden sollen. Im Grossen und Ganzen geht es darum, eine mandantenfähige Lösung bereitzustellen, in der Wirkungsziele über Ist- und Soll-Werte abgebildet werden können.

Hier sind zwei Beispiele, um das zu veranschaulichen:

  1. Die gewünschte Wirkung von Social-Media-Posts soll über Aktivitäten und Zielwerte gemessen werden.
  2. Ein Projekt zur Unterstützung der Queer-Community soll hinsichtlich der Wirkung bewertet werden.

Die Schwierigkeit liegt darin, die Messgrössen so zu wählen, dass verschiedenste Vorhaben miteinander verglichen werden können. Ziel der Übung ist es, die Investitionen in die Richtung zu lenken, wo sie die beste Wirkung entfalten können.

Die Fachabteilung hat eine sechsseitige Anforderungsspezifikation abgeliefert. Es galt abzuschätzen, ob diese Spezifikation gut genug ist, um unserem Entwicklungsteam eine grobe Aufwandschätzung zu ermöglichen. Das Dokument bestand nur aus Text, ohne ein einziges Diagramm. Ich bin ein Freund von grafischen Darstellungen, weil ein Bild mehr als tausend Worte sagt. Konkret wünschte ich mir ein Business Object Model (BOM) und ein paar Darstellungen der Prozessabläufe. GUI-Mockups sind auch nett, aber für eine grobe Abschätzung des Entwicklungsaufwands nicht zwingend. Die kann man später mit der definitiven Spezifikation nachliefern.

Die Erstellung eines BOMs auf der Basis eines Fachtextes ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Um mich überflüssig zu machen, habe ich diese Aufgabe an die Microsoft-KI Copilot delegiert. Dazu habe ich die Anforderungsspezifikation der KI zum Frass vorgeworfen (hochgeladen) und gebeten befohlen, daraus ein BOM im PlantUML-Format zu erstellen.

Das war der Prompt:

Ich gebe dir eine Anforderungsspezifikation der Fachabteilung für die Entwicklung einer Anwendung für das Projektmonitoring von sozialen Vorhaben. Die Anwendung soll die Wirkung von Vorhaben messen und vergleichbar machen. Erstelle aus der Anforderungsspezifikation ein Business Object Modell im PlantUML-Format. Hier ist das Dokument: (hochgeladen).

Das Ergebnis kam in Sekundenschnelle und sah so aus:

Dazu gab es einen erläuternden Text, den ich euch erspare.

Das Erzeugen eines Business Object Models auf der Grundlage einer fachlichen Vorgabe erachte ich als eine Kernkompetenz meines Jobs. Um ein BOM zu entwickeln, hätte ich mindestens zwei Stunden gebraucht, eher länger. Mein Modell hätte vermutlich etwas einfacher und anders ausgesehen.

Nun galt es, das Modell auf Halluzinationen zu überprüfen. Dafür habe ich 20 Minuten benötigt und keine groben Fehler gefunden. Ich hätte Copilot auch auffordern können, ein Prozessmodell und die passenden GUI-Mockups zu generieren. Das habe ich nicht gemacht, bin mir aber sicher, dass die Qualität ähnlich wie beim BOM ausgefallen wäre. Vermutlich hätte ich auch einen Prototyp der Anwendung generieren können.

Fazit

Ein solches Modell generieren zu lassen und anschliessend anzuschauen, ist etwas ganz anderes, als es selbst zu entwickeln. Während des Entwurfs erhält man ein viel tieferes Verständnis der Zusammenhänge als durch blosses Anschauen. Es fördert auch die Fähigkeit, mit der Fachabteilung zu sprechen, weil Dinge unklar sind oder Verbesserungsmöglichkeiten aufscheinen. Für mich ist es wichtig, ein Modell selbst erstellt und vollständig verstanden zu haben, weil das Konsequenzen für den weiteren Verlauf der Anwendungsentwicklung hat. Das hat auch mit Verantwortung zu tun. Falls sich später herausstellt, dass die Architektur fehlerhaft ist, kann ich die Schuld nicht auf die KI schieben.

Mir macht meine Arbeit Spass und ich bin stolz auf selbst erstellte Ergebnisse. Prompten und Überprüfen gefällt mir nicht und hat auch viel weniger mit meiner Expertise zu tun. Na ja, in drei Jahren werde ich pensioniert.

Titelbild: https://pixabay.com/photos/man-adult-young-break-corporate-7116367/ (modifiziert)

Quellen: im Text

Tags

Künstliche Intelligenz, Büro, Projekt, Projektmanagement

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