Wann ist das Jahr des Linux Desktops?

  Lioh Möller   Lesezeit: 3 Minuten  🗪 8 Kommentare

Wir gehen der Frage nach wann endlich das Jahr des Linux Desktops sein wird und liefern mögliche Lösungsansätze.

wann ist das jahr des linux desktops?

Wann ist das Jahr des Linux Desktops? Dieser Frage gehen sehr viele Menschen nach. Dabei haben wir allerdings vergessen, dass unter den aktuellen Bedingungen Linux kaum mehr Verbreitung im Desktopbereich finden wird. Linux gilt als kompliziertes Nerd-Betriebssystem und alleine die Auswahl der passenden Distribution stellt viele vor ein unlösbares Hindernis. Den Ruf nur für Geeks und Hacker geeignet zu sein, hat sich Linux dabei hart erarbeitet und er wird in vielen Kreisen gepflegt und kultiviert (Stichwort: I use xyz, btw!)

Tatsächlich wurde das so weit verbreitete Windows Betriebssystem auch von Nerds konzipiert. Es erfreut sich lediglich einer höheren Akzeptanz, da unsere Gesellschaft bereits Kinder auf dessen Nutzung vorbereitet. Windows ist geprägt von Mutlosigkeit und wirkt auch im neuen Look in der Version 11 eher angestaubt. Radikale Umbauversuche, wie es mit Windows 8 der Fall war, wurden schnell wieder zurückgebaut.

Doch was braucht es, damit Linux im Massenmarkt mehr Akzeptanz findet? Insbesondere Einsteiger haben in der Regel nur wenige Bedürfnisse:

  • wartungsfrei
  • einfache Bedienbarkeit
  • Sicherheit

Wartungsfrei bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass regelmässig Updatemeldungen generiert werden, denn diese werden in den meisten Fällen gekonnt ignoriert. Systemaktualisierungen müssen bedienerlos im Hintergrund installiert werden. Dabei muss sichergestellt werden, dass auch bei einem Abschalten des Computers während des Updatevorgangs, dieser ohne Schwierigkeiten weiter funktioniert. Denn wer kennt das nicht? Genau dann, wenn die Meldung Schalten Sie Ihren Computer nicht aus erscheint, ist der Laptopakku leer.

Einfach und sicher gilt in der Regel als unvereinbar, doch mit den aktuellen Entwicklungen hat die Linux-Community erstmalig die Chance diese zwei Gegenpole miteinander zu verbinden.

Insbesondere mit GNOME steht eine Desktopoberfläche zur Verfügung, die sich konzeptionell stark von bisherigen Paradigmen unterscheidet und sehr zugänglich ist. Jung und Alt, mit oder ohne Vorwissen, finden sich dort schnell zurecht.

Auch die Grundlagen für ein möglichst sicheres System wurden bereits gelegt. Die meisten grösseren Projekte wählen aktuell den sogenannten immutable Ansatz, welcher zu einer Härtung der Basiskomponenten führt und Systemaktualisierungen deutlich vereinfacht. Kombiniert wird dies oftmals mit Flatpak als Paketformat, welches eine zusätzliche Isolation von Anwendungen erlaubt.

Technisch sind natürlich noch einige Vorarbeiten nötig, beispielsweise die Integration von Systemaktualisierungen in PackageKit, sodass sich Kernkomponenten parallel zu Flatpaks updaten lassen.

Einen etwas anderen Ansatz wählt das hochinnovative Clear Linux* Projekt, welches Updates bereits jetzt bedienerlos im Hintergrund installiert. Ähnliche Ansätze werden mit aller Wahrscheinlichkeit bei der Spielkonsole Steam Deck gewählt, die mit einem Linux Betriebssystem auf Arch Basis ausgeliefert werden wird.

Wenn technisch bereits nahezu alle Voraussetzungen erfüllt sind, ist dies der letzte offene Punkt, damit 2022 tatsächlich auch das Jahr des Linux Desktops werden kann. Hersteller müssen damit beginnen, Geräte direkt mit dem Freien Betriebssystem auszuliefern. Andernfalls wird 2022 alleine aufgrund der anzunehmenden Verbreitung der Steam Deck Konsole, welche sich auch als vollwertiger PC nutzen lässt, mit grosser Sicherheit das Jahr des Linux Desktops.

Bildquelle: https://xkcd.com/456/

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Linux, Jahr, Desktops, Windows, Betriebssystem, Desktop, Systemaktualisierung, Akzeptanz

Niklas
Geschrieben von Niklas am 18. Januar 2022 um 09:16

Ich warte auch schon lange auf das Jahr des Linux Desktops und mir ist es irgendwie ein Raetsel, warum es sich noch nicht durchgesetzt hat. Jeder, dem ich bisher ein Linux installiert habe, war absolut begeistert und wollte nichts anderes mehr. Aber so wie du das hier beschreibst, mit GNOME und Flatpak und so weiter, da klingt das mehr nach einem Horrorszenario fuer mich. Sollte das Jahr genau dieses Linux Desktops tatsaechlich kommen, muss ich meine negative Haltung gegenueber Windows 11 wohl nochmal ueberdenken...

Ares
Geschrieben von Ares am 18. Januar 2022 um 12:03

Zur Thematik security würde ich aber kein Ubuntu und Derivate zählen, denn was mir aufgefallen ist, das dort viele Pakete sehr schlecht gepflegt werden. Universe und multiverse sowie Snaps.

OpenSuse, Debian und Arch als auch Fedora sind da besser. Meine Meinung!

Ralph
Geschrieben von Ralph am 20. Januar 2022 um 13:57

Na ja, aber auch bei Debian muss man schon genau hinschauen. Es gab ja erst Ende 2021 das Problem mit Firefox oder auch Thundbird, die über mehrere Wochen nicht auf die neuen Versionen aktualisiert werden konnten. Ebenso Chromium, vor dessen Nutzung sogar Debian selbst wegen fehlendem Support gewarnt hatte.

Dazu noch etliche verwaiste Pakete, für die Entwickler fehlen.

Lioh
Geschrieben von Lioh am 20. Januar 2022 um 14:06

Flatpak ist dein Freund.

hugh
Geschrieben von hugh am 20. Januar 2022 um 14:28

Da geht's schon wieder los ... "Mein Linux ist aber besser als deins!"

Bitte nicht falsch verstehen, Charon. Als frisch eingestiegener Linux-Nutzer kann ich (noch) nicht beurteilen, wie viel Wahrheit in deinen Worten liegt. Aber: Genau diese Mini-Grabenkämpfe, wie Lioh sie schon im ersten Absatz angesprochen hat und wie sie nahezu unvermeidlich früher oder später aufflammen, waren es, die mich lange vom Umstieg abgehalten haben. Was, wenn ich mir aus all der Vielfalt das Falsche herauspicke, weia?! Nachdem ich gefühlt unzählige Foren-Threads, Videos, Wiki- und Zeitschriftenbeiträge (die c't bespielt das Thema gerade wieder einmal) gelesen/gesehen habe, vermute ich inzwischen: Für die allermeisten Nutzer ist es egal, mit welcher Distribution sie anfangen (Exoten mal ausgenommen). Office, Surfen, Mailen, Spielen – geht in der Regel immer. Und wenn etwas partout nicht rund laufen sollte, hat man sich schon eingefunden und der Wechsel der Distribution ist umso einfacher und der des Desktops sowieso. Ich lasse mich als Neuling aber gern korrigieren! BTW: Ich nutze Debian mit Xfce und finde es gut. ;-)

Poldi
Geschrieben von Poldi am 19. Januar 2022 um 22:19

Schöner Artikel! Über dieses Thema hab ich mir auch schon öfter den Kopf zerbrochen.

Letztlich bringen die ganzen Vergleiche, was Linux alles besser macht als Windows oder nicht, am Ende nichts. Es läuft meiner Meinung nach darauf hinaus, dass Linux bei den Rechnern nicht vorinstalliert ist. Wieso sollte sich der Durchschnittsanwender die Mühe machen, ein anderes Betriebssystem zu installieren (obwohl er so etwas vermutlich noch nie gemacht hat und erstmal gar nicht weiß, wie das geht) ?

Noch dazu wissen die meisten Leute, die nunmal nicht computeraffin sind, nicht mal genau, was Linux ist, geschweige denn, was Distributionen sind und wie die alle heißen.

DerWiener
Geschrieben von DerWiener am 22. Februar 2022 um 21:50

Seit Jahren versuche ich, von Windows wegzukommen wegen der bekannten, unschönen Aktionen (Schnüffeleien und Bevormundungen). Immer wieder gibt es stichhaltige Argumente, KEIN Linux zu verwenden. Der für mich massivste Grund, bei Windows zu bleiben und nicht zu Linux zu wechseln, liegt in der Tatsache begründet, dass es in der Linux-Welt immer noch nicht gelungen ist, die Industrie mit ins Boot zu holen. Linux wird - so scheint es von außen - in Hinterhöfen von Nerds und Freaks zusammengeschraubt/-genagelt/-gekleistert, die sich in keinster Weise darum kümmert, wie die Welt außerhalb des eigenen Kellers - und damit real - funktioniert.

Linux hat schon mindestens 15 Jahre das Zeug, Windows zu 100% zu ersetzen. Und erst recht heute, wo sich seitdem sehr viel zum Besseren gewandt hat. Das stelle ich in keinster Weise in Frage. Wer übliche Büroarbeiten erledigen möchte, ist mit Linux mindestens genauso gut bedient wie mit Windows. Probleme gibt es da kaum. Und das ist echt bewundernswert.

Sobald man aber von Spezialanwendungen oder besonderer Hardware abhängig ist, zeigen sich die offenen Wunden, die in Linux immer noch herrschen. Und das kommt eben daher, dass die Industrie die Linuxwelt komplett außen vor lässt. Man entwickelt zu der neuen Hardware keine Linux-Treiber und das schränkt das Benutzen aktueller Hardware unter Linux eben ziemlich ein. Man muss Geduld beweisen, bis sich jemand die Arbeit gemacht hat, die neue Hardware zu analysieren und dann einen entsprechenden Treiber für Linux zu schreiben. Mitunter ist die Hardware dann bereits veraltet, weil schon wieder die nächste Version in den Regalen der Läden zu kaufen ist.

Ähnlich ist es mit der Software. Und nein, nicht jede Windows-Anwendung lässt sich durch irgendeine dubiose, mitunter mehr schlecht als recht funktionierende, Open-Source Anwendung ersetzen. Typisches Beispiel war lange Zeit Photoshop. Auch wenn es noch so oft herunter gebetet wurde: Ein Gimp wird einem professionellen Photoshop niemals das Wasser reichen können. Aber auch andere Software gibt es, für die es kein Pendant unter Linux gibt. Manche Software gibt es noch nicht mal für den Mac.

Anfragen an die Hersteller von Hard- und Software bringen immer wieder das selbe Argument: Durch die Vielfalt in der Linux-Szene lohnt es sich nicht, dafür zu produzieren. Denn man müsse dann sein Produkt auch für die vielen Linux-Versionen supporten und dafür fehle schlicht das notwendige Personal. Das stellt sich ähnlich dar wie die Frage, was zuerst auf der Welt war: Die Henne oder das Ei. Abgewandelt: Gibt es wenig Linux-Anwender, weil die Hersteller Linux nicht unterstützen - oder gibt es wenig Unterstützung der Industrie für Linux, weil es wenig Linux-Anwender gibt?

Man kann das Jahr des Linux-Desktops noch so oft propagieren - so lange genau diese Aspekte nicht gelöst werden, so lange bleibt es Wunschdenken unter einigen Linux-Fans, dass Windows endlich eine gehörige Konkurrenz durch Linux erfährt.

Alexander
Geschrieben von Alexander am 22. März 2022 um 14:06

Zitat: "Windows ist geprägt von Mutlosigkeit" Woran machst du das fest? Im Übrigen sehe ich das ähnlich wie DerWiener