Einsteigerlinux: Ubuntu 22.04 LTS (daily)

Fr, 4. Februar 2022, Ralf Hersel

Zum Abschluss unserer Serie 'Einsteigerlinux', werfe ich noch einen Blick auf eine der beliebtesten GNU/Linux-Distributionen des letzten Jahrzehnts: Ubuntu 22.04 LTS. Bisher habe ich einen Bogen um das Canonical-Produkt gemacht, weil Ubuntu zu viele Eigenwege geht und damit immer gescheitert ist (TV, Smartphone, MIR, Unity, Snap). Dennoch muss man Canonical zugutehalten, dass sie den Begriff 'Einsteigerlinux' massgeblich geprägt und gefördert haben. Ich selbst habe 15 Jahre lang ausschliesslich Ubuntu auf meinen Rechnern verwendet.

Da die kommende Ubuntu-Version zurzeit erst in der Beta-Version vorliegt, ist dieser Test etwas unfair. Dem habe ich Rechnung getragen, indem ich die Punktevergabe etwas angehoben habe. Canonical bietet mit der neusten LTS-Version eine Unterstützung bis April 2027 an und setzt auf den Kernel 5.15. Ubuntu wird mit Gnome Shell 42 erscheinen aber überwiegend Gnome 41 Core Apps bringen, die noch auf GTK3 basieren.

1. Installation

Die ISO-Datei von 'Jammy Jellyfish' ist 3.3 GB gross und kann hier heruntergeladen werden. Nach dem Booten muss man die Sprache auswählen und zwischen einem Live-Boot und der direkten Installation auswählen. Ich entscheide mich für die Installation. Zuerst wählt man das Tastaturlayout, wobei man aufpassen muss, das richtige Land zu wählen. Das Schweizer-Layout befindet sich nicht unter 'Deutschland', sondern unter 'Schweiz', was ungewöhnlich ist. Im nächsten Schritt wählt man zwischen 'normaler' und 'minimaler' Installation aus und kann Software von Drittanbietern mitinstallieren lassen. Nach den üblichen Einstellungen zur Partitionierung und der Zeitzone, gibt man Name und Passwort ein. Eine Besonderheit ist die Möglichkeit, die Unterstützung für 'Active Directory' auszuwählen.

Nun beginnt die eigentliche Installation. Meiner Meinung nach gibt es keine Unterschiede zur letzten Version 21.10; das Hintergrundbild wurde noch nicht auf 'Jammy Jellyfish' angepasst. Während der Installation wird eine Slideshow gezeigt, die wichtige Informationen über die Ubuntu-Distribution bietet. Der Vorgang dauert etwas länger als bei den anderen Distro-Tests, was an den Drittquellen liegen könnte. Fazit: absolut Einsteiger-freundlich: 4 Punkte.

2. Einführung

Nach dem Abschluss der Installation wird man zum Neustart aufgefordert. Dieser hat bei mir nicht funktioniert; nach dem Login-Screen geschah nichts mehr. Beim zweiten Versuch habe ich von Wayland auf X-Org umgeschaltet, was von Erfolg gekrönt war. Das muss nichts heissen und liegt wahrscheinlich an meiner Testumgebung (Ubuntu 20.04, VM: Boxes). So sieht Ubuntu direkt nach der Installation aus:

Ubuntu bleibt dem Unity-Stil treu, indem eine Dash am linken Rand angeboten wird. Die Ersteinrichtung beginnt mit den Online-Konten, was für mich keine ideale Begrüssung ist. Schlimmer wird es im zweiten Schritt, bei dem die Übertragung von Telemetrie-Daten standardmässig ausgewählt ist. Zum Glück sind im dritten Schritt der Einführung, die Ortungsdienste ausgeschaltet. Im letzten Schritt wird die Anwendung 'Software' für die Installation von Anwendungen angepriesen. Danach wartet die Aktualisierungsverwaltung mit einem ersten Update auf dich.

Fazit: Das machen andere Distros besser. Bei Ubuntu wird man nicht herzlich willkommen geheissen: 2 Punkte.

3. Vollständigkeit

Ubuntu 22.04 (daily build) kommt mit diesen wesentlichen Anwendungen daher:

  • Kernel 5.15
  • GNOME 41.3
  • LibreOffice 7.2.5.2
  • Firefox 96.0.3
  • Thunderbird 91.5.1
  • Rhythmbox 3.4.4
  • Dateien 41.1 (Nautilus)
  • Shotwell 0.30.14

Die GNOME-Optimierung (Tweak-Tool) ist nicht installiert. Auch die 'Erweiterungen' zur Verwaltung der GNOME-Shell Extentions sind nicht installiert. Ubuntu-eigene Werkzeuge zur Konfiguration des Desktops sucht man auch vergebens.

Zur Installation von weiteren Anwendungen setzt Canonical auf 'Ubuntu Software', vermutlich eine Adaption von 'GNOME Software'. Diese grafische Oberfläche für den Debian-Paketmanager 'apt' ist eine Zumutung. Nicht nur, dass das Werkzeug sehr langsam startet, es dauert auch ewig, bis das Portfolio an Apps angezeigt wird. Da ich diese Lahmheit auch schon beim Test von Fedora-Silverblue festgestellt habe, laste ich das nicht zwingend Canonical an, sondern behaupte, dass 'GNOME Software' einer der zähsten Paketmanager.

Eine Suche in diesem App-Center fördert in erster Linie Snap-Pakete zutage, zum Beispiel für Gimp oder Inkscape. Fatal finde ich die Tatsache, dass einer der wichtigsten Anwendungen, nämlich der Webbrowser Firefox als Snap-Paket installiert ist. Jeder, der bereits mit Snaps gearbeitet hat, weiss, dass diese sehr langsam starten. Der Ubuntu-Firefox braucht sagenhafte 10 Sekunden für den Start; normal sind 1-2 Sekunden. Hinzukommt, dass nach der Installation der GNOME-Extentions, Ubuntu den 'Native Host-Connector' (sudo apt-get install chrome-gnome-shell) nicht vorinstalliert hat, was Anfänger vor ein unlösbares Problem stellt, wenn sie ihren Desktop anpassen möchten.

Fazit: 2 Punkte

4. Stabilität

Hier muss ich nicht viel schreiben oder testen (zumal ich eine Beta-Version anschaue). Ubuntu 22.04 ist eine Long-Term-Support Version, basiert auf Debian und gehört damit zu den Stabilsten: 5 Punkte.

5. Vorkonfiguration

Als Thema verwendet Ubuntu 'Adwaita/Yaru' mit einer hellen Darstellung, wobei dies nicht konsequent angewendet wird: Shotwell erscheint mit einem dunklen Thema. Auch das System-Thema kommt mit dunkler Färbung (Kalender, System-Tray, Benachrichtigungen). Das Erscheinungsbild ist nicht konsistent.

In den GNOME-Einstellungen gibt es die Möglichkeit, zwischen einem hellen und dunklem Thema umzuschalten. Wählt man das dunkle Thema, wird der Gesamteindruck konsistenter. Dennoch fällt auf, dass die Window-Dekorations zwischen hell und dunkeln schwanken:

Schauen wir erneut auf den Paketmanager. Natürlich kann man 'synaptic' installieren oder 'apt' im Terminal verwenden. Da wir Einsteigerlinuxe testen, ist das keine Option. Canonicals Paketmanager 'Ubuntu Software' ist eine Zumutung von vorne bis hinten. Auf der Suche nach den Einstellungen, um die Repositories auszuwählen, stiess ich nur auf die Option 'Anmelden', welche ich nicht geklickt habe. Auch über die Optionen der Aktualisierungsverwaltung hat man keine benutzerfreundlichen Einstellungen, um z.B. Snap-Pakete gegen Flatpak-Pakete auszutauschen.

Fazit: 3 Punkte.

6. Update-Prozess

Die Aktualisierungsverwaltung war schon immer eine Stärke von Ubuntu. Man kann auswählen, wie oft auf Aktualisierungen geprüft werden soll und ob das System die Änderungen direkt herunterlädt.

Der Update-Prozess funktioniert gut und hält sich angenehm zurück. Wer möchte, kann sich die Einzelheiten der laufenden Aktualisierung anschauen. Aber auch hier sieht man wieder Schwächen beim Theming.

Fazit: Läuft unaufdringlich und zuverlässig. Ich beobachte jedoch Inkonsistenzen zwischen den Einstellungen und der Update-Häufigkeit: 4 Punkte.

Bewertung

Kriterium Bewertung (max. 5)
Installation 🏆️🏆️🏆️🏆️
Einführung 🏆️🏆️
Vollständigkeit 🏆️🏆️
Stabilität 🏆️🏆️🏆️🏆️🏆️
Vorkonfiguration 🏆️🏆️🏆️
Update-Prozess 🏆️🏆️🏆️🏆️
Summe 20+5 = 25

Fazit

Was 2004 mit 'Warty Warthog' begann, hat in den letzten 18 Jahren den Weg für Linux auf dem Desktop geebnet, und hat insbesondere Umsteigern und Anfängern einen Anlaufpunkt für ihren Einstieg in die wunderbare GNU/Linux-Welt gegeben. Für Hunderttausende von Schülern, Neugierige und Homeoffice-Geplagte ist und war Ubuntu die erste Wahl, um aus dem proprietären Sumpf zu entkommen.

Wer über so viele Jahre ein solides Produkt auf den Schultern von Debian, GNOME und der Community abliefert, hat Dank für die Wertschöpfung verdient. Insbesondere, wenn diese Leistung durch das Kapital einer Privatperson finanziert wurde.

Die Geschichte lehrt, dass nach dem Hochmut der Fall kommt. Canonical war mutig und hat viele Versuche zur Differenzierung unternommen, hat Ideen entwickelt und Projekte gestartet. Leider war keiner dieser Vorstösse erfolgreich, sondern hat eher dazu geführt, nicht mehr am gemeinsamen Strang der grossen GNU/Linux-Community mitzuziehen.

Heute ist Canonical eine erfolgreiche Firma, die Gewinn für Mark Shuttleworth abwirft. Er hat es wahrlich verdient. Erfolg geht meist Hand in Hand mit der Summe an USPs (unique selling proposition). Durch diese Abgrenzung hat sich Ubuntu nach und nach aus dem Zirkel der bevorzugten Distributionen ausgeschlossen. Heute wählen Einsteiger eher MX-Linux, Linux-Mint, Pop!_OS, Manjaro, ElementaryOS, Zorin oder die Originale aus: Debian, Red Hat, OpenSUSE, Arch-Linux und die darauf aufbauenden Derivate.

Lange Rede, kurzer Sinn: Weil ich eine Beta-Version getestet habe, gebe ich 5 Zusatzpunkte, womit Ubuntu 22.04 LTS (daily) bei 25 Punkten landet.