GNOME 42 - Erster Eindruck

Fr, 25. März 2022, Ralf Hersel

Vorgestern ist die Version 42 der GNOME-Desktop-Umgebung erschienen. Die neue Arbeitsfläche wird von aktualisierten GNOME-Anwendung begleitet. Da juckt es dem geneigten Distro-Hopper in den Fingern, weshalb ich mir einen Kurztest nicht verkneifen konnte. Wie immer in solchen Fällen sind meine Aussagen subjektiv; sie pendeln zwischen bisherigen Erfahrungen und den Erwartungen an die neue GNOME-Shell.

Für diesen Kurztest habe ich GNOME OS in der virtuellen Maschine GNOME-Boxes unter Manjaro als Host-System installiert. Zwar gibt es mit ClearLinux von Intel eine sehr frühe Implementierung von GNOME 42 in einer Distribution, welche ich jedoch nicht zum Laufen gebracht habe. Mir ist bewusst, dass ein Test in einer VM nicht mit einer Installation auf echter Hardware zu vergleichen ist; für einen ersten Eindruck reicht es aber allemal.

Genug der Vorrede - was waren meine Eindrücke?

Zur Installation möchte ich gar nichts sagen, weil GNOME OS eine Test-Distro ist, und daher nicht die üblichen Kriterien für einen benutzerfreundlichen Einrichtungsprozess angewendet werden können. Nur so viel: Die Installation lief ohne Probleme ab.

Der erste Eindruck

Nicht erst mit Version 42, öffnet sich der Desktop im Übersicht-Modus (siehe Screenshot). Was viele als ungewohnt empfinden, erweist sich nach ein paar Gedanken als sinnvoll. Was möchte ich machen, nachdem der Rechner gestartet ist? Ich möchte eine Anwendung starten oder nach etwas suchen. Dafür ist die Übersicht genau der richtige Startpunkt.

Das Standard-Hintergrundbild wurde neutral gewählt, weshalb es den meisten Anwender:innen gefallen dürfte. Schön finde ich, dass es sich je nach gewähltem UI-Modus (hell/dunkel) anpasst. Bei allen angebotenen Hintergründen werden jeweils die hell/dunkel-Darstellungen angezeigt.

Es gibt insgesamt 11 Varianten für die Hintergründe; eigene können selbstverständlich hinzugefügt werden. Wie man dabei die hell/dunkel-Paare erzeugt, ist mir noch nicht klar. Generell finde ich die Hintergrundbilder zu ausdrucksstark. Sie sind zwar abstrakt, aber nicht leicht genug. Hier hätte ich mir mehr Fingerspitzengefühl der Designer gewünscht, zumal der GNOME-Desktop sein Design als Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Desktops in die Waagschale werfen kann.

Sonstige erste Eindrücke:

  • Die Übersetzungen sind unvollständig, und zwar an vielen Stellen.
  • Der Erweiterungs-Manager sollte zwingender Bestandteil der GNOME-Shell sein, da man ohne diesen nicht wirklich mit dem Desktop arbeiten kann: entweder dieser oder dieser.
  • Im Dateimanager Nautilus (GNOME Files) funktionieren wesentliche Dinge nicht: kein Single-Click, kein Drag-and-Drop.
  • Essenzielle Erweiterungen wie: Dash-to-Dock und Dash-to-Panel gibt es noch nicht für GNOME 42.
  • Auch das Werkzeug GNOME-Optimierungen fehlt.

Zwei neue Standard-Anwendungen

GNOME 42 bringt zwei neue und wichtige Standard-Anwendungen: Texteditor und das Terminal (Console).

Der Texteditor bietet einige neue Funktionen, wie Emojis, Tabs, Syntax Highlighting, automatische Einrückung, Rechtschreib-Korrektur, eine Minimap, die nicht funktioniert (siehe im Screenshot rechts) und Vim Keybindings. Das ist alles ganz nett, aber nicht spektakulär. Dennoch hat die 42er-Version dem Editor gutgetan.

Auch die zweite neue Standard-Anwendung ist wichtig: Console. Der Ersatz für das GNOME-Terminal ist meiner Meinung nach unbrauchbar, weil es so gut wie keine Einstellmöglichkeiten bietet.

Zwar gibt es Tabs, die jedoch ziemlich sinnlos sind, weil sie nicht benannt werden (siehe Screenshot). Console weist eine sehr schwache Transparenz auf, die im Screenshot nicht sichtbar ist. Was mir gut gefällt, ist die Suchfunktion (Lupe links oben), die nach Befehlen in der History sucht. Dennoch ist Console ein typischer GNOME-Schnellschuss mit extrem reduzierter Funktionalität und einigen wenigen Goodies. Wie bei anderen neuen GNOME-Apps ist zu vermuten, dass es noch ein paar Jahre dauert, bis diese an den Funktionsreichtum bisheriger GNOME-Anwendung heranreichen.

Meiner Meinung nach, richten sich die beiden neuen Standard-Apps an Einsteiger, denen man optisch ansprechende und einfach zu bedienende Anwendungen bieten möchte. Diese Stossrichtung kann ich verstehen, wenn man den Linux-Desktop für Nicht-Nerds attraktiv gestalten will. Erfahrene Anwender:innen wissen sowieso, wie sie die funktionalen Schwächen kompensieren können.

Weitere Anwendungen

Das neue Screen/Video-Capturing-Werkzeug ist nett, kommt aber nicht an Flameshot oder Shutter heran. Das soll es auch nicht. Seine Aufgabe ist es, einfache Screen- und Video-Aufnahmen zu erstellen, und das macht es gut. Man löst es durch 'Print Scr' aus und wird dann mit einer wirklich narrensicheren Bedienung empfangen. Besonders gefällt mir, dass die Freihand-Auswahl als Standard gesetzt ist, weil das die häufigste Aufnahmemethode ist. Was mir gar nicht gefällt ist, dass das Werkzeug nicht aus dem Weg geht, wenn man die Aufnahme dort machen möchte, wo sich das Fenster befindet. Man sieht das gut in diesem Bild:

Profi-Werkzeuge weichen dem Aufnahmebereich automatisch aus. Beim neuen GNOME-Tool ist es noch nicht einmal möglich, das Werkzeug-Fenster vorher an einen anderen Platz zu verschieben. Dennoch ist das neue Capturing-Werkzeug eine grosse Verbesserung gegenüber dem alten Tool.

GTK 4 und libadwaita sind schön und gut, solange es von den Anwendungen verwendet wird. Neuentwicklungen und gut gepflegte GNOME-Apps benutzen diese Bibliotheken bereits, aber noch lange nicht alle. Im Titel-Screenshot seht ihr die IDE Geany, die sich noch nicht daran hält (sonst wäre sie dunkel). Von den vielen Qt-Anwendungen ganz zu schweigen. Es ist eine Illusion, dass im Alltag einer Anwenderin nur neue GNOME-Apps zum Einsatz kommen. Ein weiteres Beispiel für eine wichtige Anwendung, die sich nicht an die Design-Konzepte von GNOME hält, ist LibreOffice.

GNOME 42 bietet 'Web' als Internet-Browser an. Web basiert auf WebKitGtk 2.35 und ist somit eine Schwester von Apples Safari-Browser. Dennoch bietet Web eine Integration mit Firefox-Sync an, die es ermöglicht, ein Firefox-Konto mit Web zu synchronisieren. Die Optionen des Browsers sind (GNOME-typisch) sehr reduziert, was aber der Entlastung des Anwenders entgegenkommt (verglichen mit den hunderten Optionen in Firefox). Plugins für Web gibt es nicht, was manchem Nerd Albträume bereiten könnte: wo ist uBlock-Origin? Hier muss man sich voll und ganz auf die Datenschutz- und Privacy-Einstellung des GNOME-Browsers verlassen.

Die Anwendung 'Verbindungen' unterstützt neben VNC auch das RDP-Protokoll, mit dem Windows-Rechner verbunden werden können. Das habe ich nicht ausprobiert. Was nicht funktionierte, war die VNC-Verbindung zu einem Rechner in meinem LAN. Im Vergleich zu unfreien Lösungen wie TeamViewer oder AnyDesk ist das alles noch viel zu kompliziert. Auch das ist wieder ein Beispiel für 'gut gedacht und schlecht gemacht'.

Fazit

GNOME 42 ist eine moderne, benutzerfreundliche und intuitive Desktop-Umgebung. Das gilt auch für die (neuen) Anwendungen aus dem GNOME-Portfolio (Kalender, Kontakte, Wetter, Karten, Verbindungen, Boxen, Web, usw.). Meiner Meinung nach steht GNOME damit an der Spitze der Arbeitsoberflächen; vor Windows 11 (uneinheitlich), MacOS Monterey (staubig und ideenlos), KDE Plasma (overengineered) und Xfce (altbacken), wobei die beiden letzteren andere Ziele verfolgen und in ihrem Segment Spitzenklasse sind.

Das grosse Problem von GNOME lautet: "mehr Schein als Sein"; der GNOME-Ansatz ist das Gegenteil von "form follows function". Das Projekt opfert die Funktionalität sehr stark auf dem Altar der Form. Seit Version 3 wissen wir, dass dieses Konzept gewollt ist und konsequent verfolgt wird. Der Desktop und die (neuen) Anwendungen werden auf 'sugarboo' getrimmt und funktional minimalistisch ausgeliefert: Erst anfixen und dann ausbauen.

Wir wissen, dass fast alle Open-Source-Projekte und -Initiativen an Blasenschwäche leiden. Deshalb geht der GNOME-Weg vermutlich in die genau richtige Richtung. Man will nicht die Nerds (das seid ihr, liebe Leser:innen) überzeugen und keine Eulen nach Athen tragen, sondern neue Nutzer von einer ansprechenden Desktop-Erfahrung überzeugen.

Das gelingt dem GNOME-Team mit der Version 42 sehr gut. Hoffen wir, dass die praktische Benutzbarkeit und Funktionalität in Kürze folgt.

Nachtrag

Freundliche Leser:innen haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass es keine gute Idee war, GNOME OS als Basis für diesen Artikel zu nehmen. GNOME OS basiert auf dem Main-Zweig des Repositories und ist damit schon einige Runden weiter als die stabile Version, die demnächst in den Distributionen erscheinen wird. Dies erklärt auch die oben beschriebenen Auffälligkeiten, wie unvollständige Übersetzungen und fehlende Funktionen. Dennoch war mein erster Eindruck gut und kann in Bälde nur noch besser werden.