Das ist ein Meinungsartikel.
In der Podcastfolge CIW196 "Migrationsangst" habe ich mit Michel darüber gesprochen, warum Unternehmen bei der Umstellung auf Freie Software zögern. Dazu haben wir von Stefan einen Kommentar erhalten, den ich in diesem Artikel zum Wochenende behandeln möchte.
Hier ist Stefans Kommentar:
Ich bin in der IT im Gesundheitswesen unterwegs: Software ohne einen Hersteller Support einzusetzen macht hier keiner, die IT hat keine Ressourcen um den Support selbst bereitstellen zu können. Fachanwendungen, wie es ja immer so schön heisst, sind meistens Windows basiert, und diese sind Alternativlos, wenn man z.B. eine Medizingerät zur Diagnostik von Hersteller XY ein Produkt kauft und der Hersteller die Software vordiktiert. Und die Anzahl der Fachanwendungen ist sehr groß.
Auch ist Software bereits seit Jahrzehnten im Einsatz mit riesigem Datenbestand und wird nicht mal eben so gewechselt.
Vieles setzt auch auf MS Office auf, weil's historisch so gewachsen ist. Also mehrere Faktoren warum man in der MS Welt gefangen ist! Und da man größere, über mehrere Standorte verteilte, standardisierte Umgebungen mit tausenden von Clients, Servern und Anwendungen hat, bewegt man sich auch mal eben nicht so einfach um Gegebenheiten zu ändern.
Fachanwendungen, insbesondere, wenn sie an technische Geräte gebunden sind und von einem Hersteller kommen, sind sicherlich ein Problem. Ich kenne das aus unserer eigenen Bude. Da muss es nicht einmal um Medizingeräte gehen. Es genügt schon eine Anwendung für ein Schliesssystem, für das es exakt eine Anwendung gibt, die vom Lieferanten des Schliesssystems kommt.
Ganz schlimm ist es, wenn diese Fachanwendung nur als native Windows-Anwendung verfügbar ist. Das wäre für mich ein Ausschlusskriterium bei der Beschaffung. Stattdessen soll es eine Anwendung sein, die im Webbrowser läuft und damit unabhängig vom Betriebssystem ist. Das hat auch erhebliche Vorteile bei der Verteilung und der Software-Aktualisierung. Dem kann man entgegenhalten, dass man solche Anwendungen nicht als SaaS irgendwo in der Cloud haben möchte.
Was für Eigenentwicklungen selbstverständlich ist, sollte auch für Fachanwendungen von externen Lieferanten gelten. Unsere Eigenentwicklungen sind (seit mindestens 10 Jahren) alle webbasiert und laufen beim Hoster unseres Vertrauens auf virtuellen Maschinen. Gegenüber on-premise Lösungen hat das den weiteren Vorteil, dass die Anwendungen fast beliebig skalieren. Natürlich kann man ein solches Rechenzentrum auch on-prem betreiben, was in der Regel von der Grösse des Unternehmens abhängt.
Bei allen Ausschreibungen für Fachanwendungen sollte die Möglichkeit des Self-hostings ein wichtiges Kriterium sein. In Spezialgebieten (z. B. bei Medizin-Software) kann diese Anforderung schnell am zu kleinen Markt scheitern. Wenn man nur zwei bis drei Anbieter hat und keiner davon Self-hostings anbietet, schaut man in die MRT-Röhre. Dennoch ist es wichtig, auf der Anforderung zu bestehen, zumindest, um auf ein Umdenken im Markt hinzuarbeiten. Dabei wird man en passant auch MS-Windows los, weil keine Fachanwendung dieser Welt auf Windows-Servern läuft (hoffentlich).
Es ist nicht einfach, Software auszutauschen, die seit vielen Jahren im Einsatz ist und bei der grosse Datenmengen angefallen sind. Wie lange die Software verwendet wird, ist egal. Wichtiger ist, ob die Software gepflegt und weiterentwickelt wird. Auch sind die grossen Datenmengen irrelevant. Entscheidender ist, in welchem Format die Daten vorliegen. Sind sie proprietär oder folgen sie einem (offenen) Standard? Proprietäre Datenformate sind der Hauptgrund, weshalb Kunden an eine proprietäre Lösung gefesselt sind.
Falls euch weitere Argumente zu diesem Thema einfallen, schreibt sie bitte in die Kommentare.
Ich wünsche euch ein entspanntes Wochenende.
Titelbild: https://pixabay.com/photos/medical-equipment-medicine-4099428/
