Die Shortstory: Klebezettel 007

  Herbert Hertramph   Lesezeit: 5 Minuten  🗪 7 Kommentare Auf Mastodon ansehen

Eine Shortstory und ein Experiment erwarten euch. Wir möchten gerne sehen, ob - jenseits von Technik-Artikeln - auch hin und wieder Kurzgeschichten für euch interessant sind.

die shortstory: klebezettel 007

Vorspann

Wir haben uns überlegt, gelegentlich mal einen Artikel zu bringen, der etwas "aus dem Rahmen" fällt. In vorliegendem Fall ist das eine kleine Satire zu den üblichen Medien-Darstellungen, wenn es um das Thema Entschlüsselung geht. Seid nachsichtig - wir sind ja keine Bestsellerautoren :-) Aber meldet Euch in den Kommentaren gerne zu Wort, ob ihr an solchen Beiträgen überhaupt interessiert seid. Und vielleicht entdecken wir ja noch Autor:innen, die selbst gerne Geschichten schreiben!

Die Shortstory: Klebezettel 007 

Es war eigentlich ein guter Auftrag. Jürgen, der für eine Tatortreihe die Drehbuch-Vorlagen schrieb, hatte mich angesprochen. In einer Szene sollte ein verschlüsselter Datenträger entschlüsselt werden. Die Handlung solle möglichst realitätsnah dargestellt werden, ohne zu "nerdig" zu wirken. Ob ich ihm da nicht einen Entwurf schreiben könne. Von Drehbüchern müsse ich nicht viel verstehen - den Feinschliff würde er später übernehmen.

So, nun saß ich da vor dem Bildschirm und kam nicht recht voran. Aber wofür hatte ich meinen IT-lastigen Mitbewohner Felix? "Felix!" rief ich in Richtung Küche. Der Ruf löste eine Reihe von Geräuschen aus: Löffel-Klirren in einer Tasse, schabende Stuhlbeine, schlürfende Schritte. Schließlich stand Felix mit Kaffeetasse, fragendem Gesicht und einem T-Shirt mit der Aufschrift "Don't Panic!" im Türrahmen.

Geduldig hörte er zu, während ich ihm meine ersten Einfälle schilderte. Der Ermittler sollte als Passwortversuch den Namen einer Jugendfreundin des Verdächtigen eingeben, zusammen mit der Jahreszahl ihres ersten Kusses. Felix schüttelte missbilligend den Kopf: "Kein Mensch nimmt für Passwörter heute noch Vornamen, die derart leicht zu entschlüsseln sind!" Ich dachte an den Zugang zu meinem Bankkonto bei der Sparkasse Lengenheide und beschloss, "Brundhilde1994" bei Gelegenheit zu ändern.

"Okay", sagte ich. "Hier mein zweiter Einfall: Das Passwort steht auf einem Klebezettel, der unter der Tischplatte angebracht ist. Na?!" Erwartungsvoll schaute ich Felix an. Der schüttelte mitleidig den Kopf: "Das funktioniert, wenn du in einem Hamburger Polizeirevier nach einem Zugangscode suchst. Aber sonst schreibt kein normaler Mensch mehr Passwörter auf kleine gelbe Klebezettel!" Ich zog schuldbewusst meine Schreibtischunterlage etwas nach vorn, damit die Zettel nicht zu erkennen waren.

"Hm", meinte ich jetzt. "Wie wäre es mit dem Namen eines Buchtitels? Damit es schwerer wird, noch '3vl' für 'das 3. von links' dazu. Also etwa 'Odyssee3vl'. Die Kamera könnte dann über das Bücherregal schwenken und unvermittelt beim korrekten Buch stehenbleiben. Der Ermittler erkennt, dass dies das einzige Buch ist, auf dem kein Staub liegt, und schwupp, hat er die geniale Idee für die Entschlüsselung!"

Beifall heischend schaute ich Felix an, der sich inzwischen auf das Sofa gesetzt und die Beine auf den Sofatisch gelegt hatte, obwohl er genau wusste, dass ich das hasste. Jetzt blickte er stöhnend zur Zimmerdecke. "Neun Zeichen, läppische neun Zeichen! Und ein Begriff aus dem Wörterbuch! Aus dem Wörterbuch! Das knackt dir ein Grundschüler mit einem Brute-Force-Tool in wenigen Minuten!"

Nun wurde ich langsam ärgerlich, aber ich hatte noch einen Trumpf im Ärmel: "Gut, gut. Wenn du derart pingelig bist, dann passe ich das Drehbuch einfach etwas an. Der Ermittler hat früher in der Crypto-Abteilung gearbeitet und kennt daher noch ein Tool, das das Passwort Stück für Stück auflöst. Ähnlich wie bei einem Tresorschloss. Ziffern und Buchstaben rattern durch Felder, dann bleibt zunächst der erste richtige Buchstabe stehen, dann der zweite usw. Das erhöht die Spannung, macht sich mit Musik unterlegt filmisch gut und ..." Felix unterbrach mich harsch: "So ein Unsinn! Passwörter werden nicht Stück um Stück aufgelöst! Sofern das System nach einigen Fehleingaben nicht ohnehin blockiert, muss immer wieder von vorne begonnen werden. Und das kann dauern!" Er machte eine kleine Pause und fuhr dann mit einer wegwerfenden Handbewegung fort: "Sofern man nicht ohnehin nur neun Zeichen verwendet."

Ich schwenkte meinen Bürostuhl direkt zu ihm hin und fragte nun verärgert: "Oh, großer Meister aller Rechenkünste! Welches Passwort darf es denn sein, das gefällt?!" Felix stand auf, überlegte kurz und griff sich einen Zettel auf meinem Schreibtisch. Mit überheblichem Schwung schrieb er darauf: "qR&PffT§,,X*-93876_SypThklr_42!" Dann ging er wieder in Richtung Küche. Ich blickte auf den Zettel und rief ihm nach: "Ha! Und wie bitte soll der Ermittler das lösen?!" Er blieb kurz im Küchenrahmen stehen, wandte den Kopf zu mir und sagte in einem Tonfall, mit dem man etwas kleinen Kindern erklärt: "Gar nicht. Es ist halt ein sicheres Passwort. Alternativ: Lass ihn einfach wild auf den Tasten herumtippen. Das ist das Prinzip des unendlichen Unwahrscheinlichkeitsantriebs. Und dazu erklärt eine Stimme aus dem Off, was unter subatomaren Quantenfunktionen zu verstehen ist. War das jetzt so schwer?" Sprach's und verschwand in der Küche.

Ich seufzte, griff zur Tastatur und schrieb: "Der Ermittler gab auf gut Glück 'Nemo2003' ein. Er hatte die DVD im Regal stehen gesehen und wusste aus den Akten, dass dieser Animationsfilm eine entscheidende Rolle im Leben des Verdächtigen gespielt hatte." Um die Spannung zu erhöhen, fügte ich an: "Die erste Eingabe führte nicht zum Erfolg. Aber mit 'Nemo2003_3vl' lagen plötzlich alle Dokumente im Klartext vor!"

Zufrieden schickte ich das Skript an Jürgen. Ich konnte mir gut vorstellen, dass ich auch in Zukunft Folgeaufträge erhalten könnte! Allerdings würde ich Felix aus dem Spiel lassen ...

Bildnachweis:
Titelbild vom Artikelautor
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Tags

Krimi, Shortstory

Lexi
Geschrieben von Lexi am 6. August 2026 um 17:29

Na gut. Aber qR&PffT§,,X*-93876_SypThklr_42! würde ein frustrierter Endanwender garantiert irgendwo aufgeschrieben haben.

Jens
Geschrieben von Jens am 6. August 2026 um 18:43

Vielen Dank! Endlich habe ich, dank Felix, ein sicheres Passwort. Werde ich gleich für alles benutzen. Sicherheit geht schließlich vor. 😉

mozarella
Geschrieben von mozarella am 6. August 2026 um 21:07

Zitat:"Aber sonst schreibt kein normaler Mensch mehr Passwörter auf kleine gelbe Klebezettel!"

Auf Klebezettel nicht, aber mit Dymo ausgedruckt auf die Wand, Pinwand, Kabelkanal oder den Bildschirm.

42
Geschrieben von 42 am 6. August 2026 um 22:28

Ich bin kein Geschichtenerzähler. Das mit "Per Anhalter durch die Galaxis" hat was. Schließlich trieben die Protagonisten im Weltall und wurden vom Raumschiff aufgesammelt...

Marco
Geschrieben von Marco am 7. August 2026 um 06:04

Witzig, eine prise satire, süffig zu lesen... Ich habe beim lesen an den nitrokey artikel gedacht und mir überlegt dass der Ermittler die Tischschublade aufmacht ind dort den Schlüssel findet 😅

Understater
Geschrieben von Understater am 7. August 2026 um 10:03

Erst mal Daumen hoch! Ich lese gerne Kurzgeschichten. Zu dieser Geschichte: Musste Überlegen welche realen Fälle von Entschlüsselung durch die "Ordnungskräfte" ich kenne. Dabei fiel mir ein Fall ein, von dem ich gehört habe. Dort soll eine Polizistin einem Verdächtigen, in seiner Wohnung, mit Gewalt, seinen Finger auf das Smartphone gedrückt haben. Warum also nicht diese Methode: Den Verdächtigen verprügeln, bis er das Passwort selber eingibt.

Herbert Hertramph
Geschrieben von Herbert Hertramph am 7. August 2026 um 17:05

Das wäre sicher nicht akzeptabel und würde auch nicht zu einer Shortstory passen, die in erster Linie unterhalten möchte. Bei den Sachartikeln kann auf Fragen zur Sicherheit, politische Ansinnen, Zugang zu Daten zu erhalten usw. eingegangen werden.