Haiku (Teil 6): Verfügbare Software

Mi, 21. April 2021, Niklas

Nachdem wir uns im letzten Teil angeschaut haben, welche Software Haiku schon mitbringt, wollen wir heute anfangen, zusätzliche Software zu installieren. Auch wenn auf Haiku noch lange nicht jedes Programm verfügbar ist, das es auf Linux oder BSD gibt, so ist die Auswahl doch schon erstaunlich gross.

Wer Haiku gerne für Büroaufgaben einsetzen möchte, wird dabei überhaupt keine Schwierigkeiten haben, denn es stehen sogar zwei grosse Office Suiten zur Auswahl. Mit LibreOffice ist auf Haiku die umfangreichste und beliebteste Open-Source Office Suite erhältlich. Alternativ ist auch Calligra vom KDE Projekt verfügbar. Beide können ganz unkompliziert über das HaikuDepot installiert werden.

Auch einige weitere KDE Programme sind bereits im HaikuDepot verfügbar. Das gilt etwa für die hervorragende KDevelop IDE mit Unterstützung für zahlreiche Programmiersprachen, das Zeichenprogramm KolourPaint, die Sternenkarte KStars und den Torrent-Client KTorrent.

Für die GNOME Liebhaber unter euch ist die Situation nicht so erfreulich: Da die Portierung des GTK Toolkit auf Haiku trotz zahlreicher Versuche bislang nicht gelungen ist, können GNOME Programme und alles, was darauf basiert, auf Haiku nicht benutzt werden. Dazu gehören auch der Firefox Browser und alle seine Forks.

Als Alternativen bieten sich Otter Browser oder NetSurf an. Während die Linux Version von NetSurf auch auf besagtem GTK Toolkit basiert, wurde er für Haiku so umgeschrieben, dass er die nativen Haiku UI Elemente benutzt. Er hat seine eigene Rendering Engine, die nur sehr einfach aufgebaute Webseiten sinnvoll darstellen kann. Punkten kann er bei der Geschwindigkeit. Er ist für Seiten zu empfehlen, die viel Text und wenige interaktive Elemente haben. Auch cool: Obwohl NetSurf eigentlich keine Tabs unterstützt, kann man hier welche nutzen, denn beim Öffnen eines neuen Fensters bedient man sich automatisch der Stacking Funktion der Haiku Desktopumgebung.

Otter Browser ist schon eher etwas für den Alltag. Er basiert auf Qt und nutzt QtWebKit als Rendering Engine. Dadurch kann er auch die meisten modernen Webseiten anzeigen. In der Hinsicht ist er etwa auf dem Level von Haikus eigenem WebPositive Browser. Otter Browser bietet jedoch bedeutend mehr Funktionen und Einstellungsmöglichkeiten an und ist wesentlich schneller und stabiler. Für die, die Haiku eine Chance im Alltag geben wollen, gehört Otter Browser fast schon zum Pflichtprogramm.

Die Gesprächigen unter euch werden auch keine Probleme mit Haiku bekommen: Mit Vision kommt ein IRC Client vorinstalliert, daneben gibt es mit Renga auch einen nativen XMPP/Jabber Client für Haiku. Für Matrix kann der Qt-basierte Multi-Plattform-Client Quaternion installiert werden und für Telegram ist der ebenfalls Qt-basierte offizielle Desktop Client als inoffizieller Port zu haben. Auch für IRC und XMPP/Jabber sind Qt-basierte Multi-Plattform-Clients verfügbar, die genutzt werden können, wenn einem die nativen Programme nicht zusagen.

Schon Haikus Vorgänger BeOS war für hervorragende Multimedia Fähigkeiten bekannt. Auch Haiku bietet eine grosse Auswahl an Software zur Bearbeitung und zum Abspielen von Medien an. Der prominenteste Vertreter dieser Gruppe ist wohl der Editor Blender, der für 3D-Modelle benutzt werden kann.

Für Video und Audiodateien gibt es sogar ein natives, speziell für Haiku entwickeltes Bearbeitungsprogramm namens Medo. Und auch hier gibt es wieder viele Alternativen, etwa den KWave Audioeditor auf Basis des KDE Frameworks oder die Programme OpenShot und Avidemux für Videos.

Unsere treuen Podcast-Hörer werden sich bestimmt auch über BePodder freuen. Das native Haiku Programm kann Podcasts und auch andere RSS Feeds verwalten. Podcasts können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden. In der seitlichen Übersicht werden Name, Icon und Anzahl der neuen Einträge angezeigt. Im Informationsbereich unten sieht man die Beschreibung der Folge. In der oberen Leiste kann man den Podcast direkt abspielen oder herunterladen.

Die Auswahl an Software für Haiku ist riesig. Es ist absolut beeindruckend, was dieses Projekt mit ein paar Freiwilligen geleistet hat. Ich kann hier nicht auf jedes Programm im Detail eingehen, aber hier sind noch ein paar interessante native Haiku Programme, die zumindest erwähnt werden sollten:

  • Beam
    • BEware, Another Mailer - Ein alternativer E-Mail-Client, der sich am klassischen Outlook Layout aus den frühen 2000ern orientiert. Unterstützt Spamfilter und mehrere Accounts.
  • Becasso
    • Ein Zeichenprogramm, das ursprünglich von Sum Software für BeOS geschrieben und später auf Haiku portiert wurde.
  • BeShare
    • Dateien für andere Nutzer freigeben. Unterstützt Haiku Dateiattribute.  Die Dateiliste wird in Echtzeit aktualisiert. Enthält ausserdem eine einfache Chatfunktion.
  • Clipdinger
    • Bessere Zwischenablage, die einen Verlauf behält. Der Verlauf wird auch über Neustarts hinweg gespeichert. Oft benötigte Informationen können als Favoriten gespeichert werden.
  • DeskNotes
    • Ein einfaches Programm, um Notizzettel zu erstellen. Diese können als Replikant auf den Desktop geheftet werden. Grösse und Hintergrundfarbe können angepasst werden.
  • TaskManager
    • Ein alternativer Taskmanager, der dem von Windows ähnelt. Bietet eine Übersicht der CPU und RAM Auslastung, eine Prozessliste und eine Seite für selbst konfigurierbare Graphen.
  • Haiku Theme Manager
    • Das Aussehen des Systems anpassen. Kompatibel mit ZETA Themes. Einige Themes zur Auswahl sind in einem weiteren Paket verfügbar. Kann durch Add-ons erweitert werden.

Und morgen klären wir die Frage, ob sich Haiku eigentlich auch für Gaming eignet und ob irgendwelche nennenswerten Spiele verfügbar sind. Es bleibt spannend. Wer bis hierher durchgehalten hat, hat sich dann auch endlich mal ein bisschen Spass verdient.

einfach-ich
Geschrieben von einfach-ich am 22. April 2021

Ich kann deinen Test soweit bestätigen. Wenn es bessere Browser-Lösungen geben würde, wäre mein Interesse an Haiku nicht wieder so leicht abgeflacht.

Niklas
Geschrieben von Niklas am 23. April 2021

Ich hoffe, dass da irgendwann mal ein Browser kommt, der mehr Funktionen bietet und hoffentlich auch Erweiterungen unterstuetzt. Im Chat und Forum heisst es immer, die WebKit Browser seien gut genug. Kann ich so nicht bestaetigen, aber Otter Browser ist zumindest mal ein Anfang.

Horst
Geschrieben von Horst am 21. April 2021

"...Die Auswahl an Software für Haiku ist riesig. Es ist absolut beeindruckend..."

> Nein, keineswegs. Der Casual-User verschwendet imho vielmehr mit dieser Entwickler-Fingerübung seine Zeit.

Während ich etwa bei Debian-Stable oder auch einem Exot wie Solus den "Brother DCP-1512-Drucker/Scanner" schnell und problemlos zum laufen bringe, ist das mit "HAIKU" nicht möglich, weil keine "deb" oder "rpm" Treiber einspielbar sind und das haiku-eigene Repository imho, imho, imho noch zu schmalbrüstig ist.

> Mein Fazit: Interessant, aber leider noch im Entstehungsprozeß und keineswegs produktiv einsetzbar. > So wie viele Linux-Forks die Entwicklerkräfte imho, imho, imho unnötig aufsplittern, so ist auch dieses Projekt imho, imho, imho ressourcenaufweichend, statt bündelnd.

nipos
Geschrieben von nipos am 22. April 2021

Kann es sein, dass dir mein erster Teil mit der Geschichte und den Hintergruenden zu Haiku entgangen ist? Nochmal zusammengefasst: Es handelt sich hier um ein Hobbyprojekt, das von einigen freiwilligen Entwicklern in der Freizeit entwickelt wird. In dem Zusammenhang ist es schon beeindruckend, wie viel hier schon moeglich ist.
DEB und RPM Treiber oder Programme allgemein kannst du natuerlich nicht installieren. Die sind fuer Linux. Haiku ist keine Linux Distribution. Es hat einen eigenen Kernel, der eigene Treiber braucht. Es ist nicht binaerkompatibel.
Die Treibersituation ist tatsaechlich noch ziemlich problematisch, darauf will ich morgen in meinem Abschlussbeitrag naeher eingehen. Lediglich fuer (W)LAN werden Treiber vom FreeBSD Projekt uebernommen, die anderen sind speziell fuer Haiku geschrieben und da ist es fuer so ein kleines Projekt natuerlich schwierig, mit den Grossen wie Linux mitzuhalten. Zu der anderen Frage: Es ist problemlos moeglich, Dateien ueber einen USB Stick mit Windows auszutauschen. Haiku unterstuetzt das FAT32 Dateisystem und wenn ich das richtig weiss sogar NTFS mit gewissen Einschraenkungen. Linux EXT Dateisysteme werden nicht unterstuetzt, hier sollte man besser auch FAT32 nutzen, wenn man Daten mit Haiku austauschen will.

Horst
Geschrieben von Horst am 22. April 2021

Nachtrag:

Und wie steht es mit der Möglichkeit, Daten mit Windows- oder Linux-PC`s per USB auszutauschen, angesichts des solitären HAIKU-eigenen File-Systems, welches verwendet wird?

Horst
Geschrieben von Horst am 22. April 2021

P.S.:

"...Linux EXT Dateisysteme werden nicht unterstuetzt, hier sollte man besser auch FAT32 nutzen, wenn man Daten mit Haiku austauschen will..."

> Vielen Dank für diese Information. Ich konnte zu diesem Aspekt trotz intensivem eigenen Recherchieren keine Angaben finden.

postlet
Geschrieben von postlet am 22. April 2021

https://dev.haiku-os.org/wiki/HardwareInfo

Haiku OS unterstützt mitunter btrfs, ext2, FAT und NTFS. Für Datenaustausch im Netzwerk können SSH oder FTP verwendet werden, inzwischen sollte auch Samba für Freigaben stabil laufen.

Ansonsten möchte uns Horst vermutlich verständlich machen, warum er persönlich dieses Betriebssystem nicht benutzen möchte. Der genaue Sinn seines Unterfangens erschließt sich mir im Kontext der Artikelserien zwar nicht, aber seit wann müssen Dinge im Internet Sinn ergeben.

Niklas
Geschrieben von Niklas am 23. April 2021

Danke fuer den Hinweis zur Hardware Liste, die ist wirklich sehr schwierig zu finden. Auch das mit EXT2 ist gut zu wissen, auch wenn das heutzutage wohl kaum noch jemand einsetzt. Kann man aber gut zum Datenaustausch mit Linux nutzen.

Horst
Geschrieben von Horst am 22. April 2021

Damit kein falscher Eindruck von meinen Kommentaren zu HAIKU entsteht:

"... Es handelt sich hier um ein Hobbyprojekt, das von einigen freiwilligen Entwicklern in der Freizeit entwickelt wird. In dem Zusammenhang ist es schon beeindruckend, wie viel hier schon moeglich ist..."

> So sehe ich das auch. Ich bin so gestrickt, dass ich mich, wenn ich mich mit einer Distribution beschäftige, voll reinknie. Ich fand HAIKU angenehm "lean" und pfeilschnell programmiert. Daher habe ich mit den Gedanken gespielt, es "ernsthaft" einzusetzen. Und dabei fielen mir leider noch viele Unfertigkeiten auf. Daher dann mein Fazit, dass HAIKU für einen Casual-User noch keineswegs geeignet ist.

> Wenn HAIKU die Treiberinstallation verbessert - Wlan ist imho übrigens bereits exzellent inplementiert - und ein USB-Daten-Austausch mit Windows und Linux vereinfacht ist, dann würde zumindest ich es für den Alltagseinsatz gerne verwenden. Das Icon-Design und welche Software man zu was nimmt, sind dabei für mich nebensächliche Aspekte. Ich denke, dass das Softwareangebot des HAIKU-Depots ausreichen dürfte.