Ein Troll lauert hinter einer Holzhütte mit seiner Keule. Wird man rechtzeitig das magische Schwert in der Truhe finden? Oder helfen kleine Gnome aus dem Unterholz, die mit Feenstaub den Weg zum "Turm der Verdammten" weisen? Die Begeisterung für Erzählungen, die in magischen Welten spielen, ist alt. Eines der frühesten und erfolgreichsten Computer-Text-Adventures - "Zork" - entstand Anfang der 80-er Jahre und wurde von Sheldon Cooper mit Begeisterung gespielt [1]. Wer nun Lust bekommt, eine eigne Mittelerde-Drachen-Bergstollen-Wurfmaschinen-Roman zu schreiben, der sollte sich Hammer einmal näher ansehen.
Die Open-Source-Anwendung gibt es für eine Reihe von Linux-Paket-Formaten, auch Windows, MacOS, Android und iOS ist dabei. Da die Dateien in einem Projekt-Ordner abgelegt werden, ist ein Sync unkompliziert. Es gibt aber zusätzlich auch eine (Home-)Serveranwendung, die für den Austausch sorgt. Die eigentlichen Texte landen im Markdown-Format in "Szene-Ordnern". Über zusätzliche Module sprechen wir gleich noch.
Dashboard
Jedes Story-Projekt erhält ein Statistik-Board, das beeindruckend ist:
Schreibziele, Kapitelverteilung, Charakter-Erwähnungen, Tagespensum - alles ist auf einen Blick ersichtlich. Wer sich also sagt: "Ich möchte meine Geschichte 'Einsamer Landjunge verliebt sich in Ork-Dame' in zwei Monaten fertig haben", der kann sich entsprechende Ziele setzen. Ideal auch für Wettbewerbe wie den NaNoWriMo: 50.000 Zeichen in 30 Tagen.
Notizen, Tags, Metadaten und Zeitstrahl
Tags spielen eine wichtige Rolle in Hammer. Sie könnenTexten und Notizen mitgegeben werden:
Die farbliche Darstellung in kleinen Kästchen ist unaufdringlich - trotzdem kann man die Tags leicht erkennen. Sie dienen auch als Filter, um eine Suche einzugrenzen. Notizen werden in einem eigenen Bereich gesammelt:
Die Notizen zu einem Abschnitt werden in dessen Metadaten aufgeführt:
Dort können auch Verweise zu Figuren, Orte oder zentralen Ereignissen aufgenommen werden.
Epische Geschichten erstrecken sich gerne mal über viele Jahrhunderte. Wann gab es den ersten Unsterblichen? Wann geschah die Schlacht um den Berg Gundel-Gaukel? Und wer vererbte wann wem die Rüstung der Unsichtbaren? Fans sind unerbittlich und merken jede Abweichung. Hammer bietet daher für die korrekte Einordnung eine eigene Zeitstrahl-Sektion:
Storypedia
Biographien und Charaktermerkmale der Hauptfiguren, Besonderheiten von Orten und Schauplätzen, Stammbaum-Daten, besondere Ereignisse usw. usw. All dies gehört in den Lexikon-Bereich. Auf diese Weise entwickelt man seine eigene Storypedia und hat zu jeder Zeit wichtige Daten griffbereit.
In den Einträgen wird auf die Kapitel verwiesen, in denen die betreffende Person oder der beschriebene Ort vorkommt. Auch hier finden sich wieder kleine Statistiken und verschiedene Tags:
Auch kann angegeben werden, ob die Rechtschreibeprüfung um das Lexikon-Stichwort ergänzt werden soll: "Grinsekatze" wird dann beispielsweise innerhalb der Story als korrekte Bezeichnung erkannt. Verwendet man Personennamen oder Ortsnamen, die bereits im Lexikon stehen, so werden die Metadaten automatisch um entsprechende Links ergänzt.
Server und Vorab-Leser:innen
Wenn eine Geschichte oder Teile davon vorab einer kleinen Leserunde zugänglich gemacht werden soll, so ist die Server-Anbindung genau darauf ausgerichtet. Dieser kann auf dem eigenen Homeserver mit Docker installiert werden, allerdings muss die IP über ein Zertifikat (https://) erreichbar sein.
Alternativ gibt es gegen kleine Gebühr einen Hammer-Server zur Miete, um das Projekt zu unterstützen. Der Ablauf ist gut durchdacht: Zunächst wählt man aus, welche Kapitel überhaupt mit dem Server synchronisiert werden sollen. Anschließend können Freigabelinks zu allen oder ausgewählten Abschnitten an unterschiedliche Gast-Leser:innen verschickt werden:
Reviewer müssen über keinen eigenen Account verfügen. Nach dem Klick auf dem Link erhalten Sie das Kapitel zusammen mit einem Auswahlmenü angezeigt. Unterschiedliche Arten der Bearbeitung stehen offen - jeweils mit einem kurzen Kommentar, der dem Autor anzeigt, warum ein Vorschlag eventuell besser passt.
Nach der Einreichung der Änderungsvorschläge wird das Kapitel auf dem Server gesperrt. Der Autor wird benachrichtigt und kann Original und Änderungsvorschläge vergleichen bzw. übernehmen.
Und noch ...
Import und Export
Markdown- und RTF-Dateien können importiert werden. Es besteht auch die Möglichkeit der Kapitel-Zuordnung. Der Export bietet die Formate EPub, Word, RTF, PDF und Markdown. Es muss nicht die gesamte Geschichte exportiert werden, es können auch ausgesuchte Abschnitte für den Export angekreuzt werden.
Enthält eine Import-Datei Überschriften-Ebenen, so können diese zu Gliederungspunkten im Hammer-Dokument werden:
Die Kapitel (Szenen) und andere Hammer-Elemente befinden sich in einem einzigen Verzeichnis. Damit gelingt zumindest zwischen Desktop-Systemen der Sync problemlos ohne zusätzlichen Server.
Ablenkungsfreier Modus
Mit einem Klick können die meisten Bedienelemente ausgeblendet werden, sodass man sich ganz auf den Text konzentrieren kann.
Reihenfolge ändern
Anpassungen der Reihenfolge von Abschnitten lassen sich in der Sidebar einfach via Drag-and-drop vornehmen. Das klappt auch über Kapitelgrenzen hinweg.
Vergleich von Entwürfen, Backup-Funktion
Es kann mit verschiedenen Entwürfen eines Kapitels gearbeitet werden. Die Darstellung der Versionen erfolgt in Spalten, Änderungen sind farblich hervorgehoben.
Weiterhin gibt es eine Backup-Funktion zur Sicherung der Projekte. Das Projekt wird aktiv entwickelt. Die Funktionen werden mit kleinen Tutorial-Videos erklärt.
Wer also Spaß daran hat, seinen eigenen Kosmos zu bauen, der sollte sich das Programm einmal näher ansehen. Mir gefällt es gut. Der Entwickler hat an viele Kleinigkeiten gedacht, die man bei anderen Programmen erst mühsam einrichten muss.
Bildnachweis:
Titelbild vom Artikelautor
[1] The Big Bang Theory, S4E6.




















