Vorwort (von Ralf Hersel)
Dieser Artikel wurde von Samuel Rüegger am 4. April bei GNU/Linux.ch per Artikelformular eingereicht. Am selben Tag ist der Text im LinuxGuides-Forum erschienen. Der Artikel ist gut geschrieben und sehr ausführlich. Warum wir ihn erst eine Woche später bei uns veröffentlichen, liegt an der einseitigen Darstellung des Sachverhalts. Da uns eine ausgewogene Berichterstattung wichtig ist, haben wir Kontakt mit The Document Foundation (TDF) aufgenommen und sie um eine Stellungnahme für jeden Absatz des Artikels gebeten. Italo Vignoli (Marketing & PR bei TDB) hat sich der Aufgabe angenommen und Samuels Kapitel kommentiert. Ihr erkennt seine Antworten an der Zitat-Formatierung und am TDF-Prefix. Wir hoffen, damit dieses Thema objektiver wiedergeben zu können. Hinweis: Die Antworten der TDF wurden mit deepl aus dem Englischen übersetzt.
Vielen Dank für eure Arbeit, Samuel und Italo.
Nachtrag
Nachdem dieser Artikel am Freitag erschienen war, klingelte mein Telefon. Michael Meeks (CEO Collabora Productivity) war am Apparat und fragte, ob wir eine Stellungnahme zur Stellungnahme der TDF in den Artikel aufnehmen würden. Wir haben das im CORE-Team kurz beraten und dem Wunsch zugestimmt. Unter "Zum Einleitungstext schreibt die TDF" findet ihr deshalb die "Stellungnahme von Collabora", die von Thorsten Behrens geschrieben wurde.
Danke, Michael und Thorsten.
Zum Einleitungstext schreibt die TDF:
Die TDF-Mitgliedschaft der 30 Kernentwickler wurde ausgesetzt, doch sie sind weiterhin Mitglieder des Engineering Steering Committee, gehören anderen Gruppen in der Community an, beteiligen sich an Mailinglisten und Foren, sind bei TDF-Veranstaltungen willkommen und würden, sofern sie nicht von Collabora unterstützt werden, die gleiche Reisekostenerstattung erhalten wie jedes andere Mitglied der Community.
Was geschehen ist, ist eine Folge von zwei fehlgeschlagenen Finanzprüfungen aufgrund von Interessenkonflikten im Zusammenhang mit dem Ökosystem, die Ausschreibungen, Marken und andere Themen betrafen. Aus diesem Grund sehen die Community-Satzungen nun vor, dass eine TDF-Mitgliedschaft während des Zeitraums, in dem Rechtsstreitigkeiten eines bestimmten Umfangs andauern, nicht möglich ist.Der Anwendungsbereich wird in der Satzung der Gemeinschaft wie folgt definiert: „Mitglieder, die in Rechtsstreitigkeiten verwickelt sind, weil sie die Stiftung gefährden, z. B. durch die Gefährdung des gemeinnützigen Status, den Missbrauch von TDF-Mitteln, die Beschädigung von TDF-Vermögenswerten oder den Versuch, eine dieser Handlungen zu begehen“.
Mit anderen Worten: Sie decken nicht jeden potenziellen Rechtsstreit ab, sondern nur die schwerwiegendsten Fälle, die den Kern unserer Stiftung gefährden und die von mehreren unabhängigen externen Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten identifiziert und dokumentiert wurden.
Zudem wurden in der Vergangenheit mildere Maßnahmen erprobt, wie beispielsweise eine erste Richtlinie zu Interessenkonflikten im Jahr 2021. Doch unter den früheren Vorständen – denen auch Vertreter des kommerziellen Ökosystems angehörten – wurden die von den TDF-Anwälten vorgeschlagenen Fassungen, die für einen ordnungsgemäßen Umgang mit Konflikten erforderlich waren (z. B. die Durchsetzung der Stimmenthaltung bei der Diskussion eigener Angelegenheiten), nicht genehmigt. Die stattdessen genehmigte Fassung war offensichtlich nicht geeignet, solche Probleme zu vermeiden.
Stellungnahme von Collabora
Leider entsprechen etliche der von der TDF hier aufgestellten Behauptungen nicht der Wahrheit. Ohne im Detail auf jeden einzelnen Kommentar einzugehen, möchten wir folgendes klarstellen:
- Die Mitgliedschaft der mehr als 30 Entwickler wurde durch Rauswurf in Verbindung mit einer dreijährigen Beitrittssperre beendet. Von einer ruhenden Mitgliedschaft kann keine Rede sein.
- Nach unserer Ansicht haben die beschuldigten ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder stets in gutem Glauben versucht, im besten Interesse von TDF zu handeln. Sie haben sich dabei auf die Informationen gestützt, die ihnen zu den jeweiligen Zeitpunkten zur Verfügung standen. Weiterhin haben sie aktiv an der Lösung insbesondere der beiden genannten Hauptprobleme gearbeitet, der Vorwurf der Blockierung, Verzögerung oder Umgehung ist schlicht falsch. Darüber hinaus haben die Firmen seit Jahren immer wieder großzügige Angebote zur Beilegung der Streitigkeiten gemacht, jedoch wurde keines dieser Angebote von der TDF angenommen.
- Auch die Behauptung, Mitarbeiter der Firmen hätten Gelder der Stiftung für eigene Zwecke (Rechts- und Kommunikationsberatung) verwendet, entspricht nicht der Wahrheit. Vielmehr wurden diese Beratungsfirmen nach Vorstandsbeschluss mit einem ersten Versuch zur Mediation in einem zerstrittenen Vorstand, sowie zur Ausarbeitung eines rechtlich abgesicherten Vorstands- und Mitarbeiter-Verhaltenskodex beauftragt.
- Und schließlich möchten wir uns mit Nachdruck gegen die Behauptung verwahren, dass Mitarbeiter unserer Firmen wiederholt versucht hätten, die Stiftung in eine nicht mit dem Steuerrecht vereinbare Richtung zu lenken, oder sich sonstwie rechtswidrig verhalten zu haben. Richtig ist vielmehr, dass ein auf der Initiative eines unserer Mitarbeiter hin erstelltes Rechtsgutachten auf einige mögliche Probleme hingewiesen hat, welche dann unsere Mitarbeiter zusammen mit dem restlichen Vorstand unverzüglich angegangen sind.
Wir finden es ist bedauerlich, dass die Stiftung die berechtigte öffentliche Kritik am Rauswurf der Hauptentwickler zum Anlass nimmt, unwahre Tatsachen über Ex-Vorstände zu verbreiten – während gleichzeitig der amtierende Vorstand, dem keine Mitarbeiter unserer Firmen angehören, in über zwei Jahren Amtszeit keine der angeblich so dringenden, und angeblich durch unsere Mitarbeiter blockierten Probleme gelöst bekommt.
Hier beginnt Samuels Haupttext:
Die Welt der freien Software erlebt momentan eine ihrer schwersten Stunden
Die Welt der freien Software erlebt momentan eine ihrer schwersten Stunden. Und wer LibreOffice im Alltag nutzt, sollte wissen, dass sich hinter den Kulissen ein gewaltiger Umbruch vollzieht. Einer, der das Zeug hat, die Landschaft der freien Bürosoftware dauerhaft zu verändern. Der Streit zwischen der Document Foundation aus Berlin und dem wichtigsten Entwicklerteam von Collabora ist im April 2026 vollkommen eskaliert. Es geht dabei nicht um irgendwelche technischen Details am Rande, sondern um die brutalste Frage, die man in einem Open-Source-Projekt stellen kann: Wem gehört die Software eigentlich? Und wer gibt die Richtung vor, wenn Idealismus auf wirtschaftliche Realität trifft?
Um die aktuelle Lage zu verstehen, muss man die Geschichte und die technischen Entscheidungen betrachten, die diesen Konflikt über Jahre hinweg befeuert haben. Denn dieser Bruch kam nicht über Nacht. Er war absehbar - und wer genau hingeschaut hat, konnte die Risse schon seit 2020 sehen.
Die Akteure und das verspielte Vertrauen der Gemeinschaft
Auf der einen Seite steht die Document Foundation (TDF), eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Berlin, die die Markenrechte an LibreOffice hält und die Infrastruktur für die Gemeinschaft bereitstellt. Klingt wichtig. Ist es auch. Aber hier kommt der Haken: Die Stiftung selbst beschäftigt kaum Programmierer. Sie verwaltet primär die Spenden der Nutzer und pflegt die Aussenwirkung. Code schreiben? Das machen andere.
TDF: Basierend auf Git-Daten der letzten 12 Monate haben die 8 bei The Document Foundation beschäftigten Entwickler 4077 Patches (37 %) beigesteuert, während die 47 bei Collabora beschäftigten Entwickler 4763 Patches (43 %) beigesteuert haben. Es sieht nicht so aus, als würden nur andere LibreOffice-Code schreiben, wie der Journalist andeutet. Zudem hat zwar die Anzahl der Patches an sich keine große Aussagekraft, doch hat jeder TDF-Entwickler 509 Patches beigesteuert, während jeder Collabora-Entwickler 101 Patches beigesteuert hat.
TDF prüft derzeit auch die Einstellung weiterer Entwickler, um an mehr Bereichen des Codes zu arbeiten und vor allem ihr Wissen über Blogbeiträge, Dokumentationen, Videoaufzeichnungen, Hackfests, Konferenz-Workshops und mehr mit der Community und der breiten Öffentlichkeit zu teilen.
Auf der anderen Seite steht Collabora Productivity - ein Unternehmen, das aus den ursprünglichen Gründern von LibreOffice besteht und seit über einem Jahrzehnt die technologische Hauptlast des Projekts trägt. Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache: Fast die Hälfte des gesamten Programmcodes stammt von Collabora-Mitarbeitern. Caolán McNamara allein hat über 37'000 Commits beigesteuert. Stephan Bergmann über 21'000. Noel Grandin über 20'000. Das sind keine Hobby-Beitragenden, die am Wochenende mal ein paar Zeilen schreiben. Das sind Vollzeitentwickler, die seit Jahren das Rückgrat von LibreOffice bilden.
TDF: Es handelt sich hierbei um historische Daten, die bis in die Zeit von OpenOffice.org zurückreichen. Laut Git-Daten der letzten 12 Monate sind unter den 20 aktivsten Git-Mitwirkenden 8 Entwickler von TDF und 11 Entwickler von Collabora zu finden. Eine recht ausgewogene Verteilung. Außerdem berücksichtigen die Daten nicht die beiden neuen Entwickler, die gerade von TDF eingestellt wurden und erst seit kurzem Beiträge leisten.
Jahrelang funktionierte die Partnerschaft zwischen TDF und Collabora hervorragend. Die Stiftung sorgte für Unabhängigkeit und Neutralität, Collabora machte die Suite für grosse Unternehmen und Behörden fit und gab den Code brav an die Gemeinschaft zurück. Alle waren zufrieden. Alle profitierten. Doch dieses Gleichgewicht ist nun zerstört - und zwar nicht durch einen externen Angriff, sondern durch die Stiftung selbst.
Im April 2026 hat die Document Foundation über 30 der wichtigsten Entwickler und Gründungsmitglieder aus ihren Gremien ausgeschlossen. Dreissig. Darunter Leute, die LibreOffice von der ersten Zeile Code an mitaufgebaut haben. Die Begründung? Neue "Community Bylaws", die im Januar 2026 verabschiedet wurden und besagen, dass niemand mitentscheiden darf, dessen Arbeitgeber in einen Rechtsstreit mit der Stiftung verwickelt ist. Da die TDF zeitgleich selbst rechtliche Schritte gegen Collabora eingeleitet hat, war die Falle perfekt: Erst verklagt man den Partner, dann schliesst man seine Leute mit Verweis auf die Klage aus. Man muss kein Jurist sein, um zu erkennen, wie zynisch dieses Manöver ist.
TDF: Das Gerichtsverfahren gegen Collabora existiert nur in der Vorstellung einiger Leute. Es finden rechtliche Beratungen zwischen den Anwälten der TDF und denen von Collabora statt, die sich auf vergangene Vorfälle beziehen, bei denen Vertreter von Collabora, die in den Vorstand der Document Foundation gewählt wurden, unter einem offensichtlichen Interessenkonflikt Entscheidungen im Interesse ihrer Unternehmen und nicht im Interesse der gemeinnützigen Stiftung getroffen haben, wodurch das Risiko entstand, dass die Stiftung ihren gemeinnützigen Status verliert.
Zudem würde nicht jedes beliebige Gerichtsverfahren zum Verlust der TDF-Mitgliedschaft führen, da der Umfang der Klage eng gefasst und konkret sein muss, beispielsweise im Hinblick auf eine Gefährdung der Stiftung, was eine sehr schwerwiegende Angelegenheit ist, die nicht „konstruiert“ werden kann.
Das Ende der Meritokratie - oder: Wenn die Verwalter die Macher vertreiben
Ein zentraler Begriff in dieser Debatte ist die Meritokratie. In der Welt der offenen Software bedeutet das: Diejenigen, die den meisten Code schreiben und die schwierigsten Probleme lösen, sollen auch bestimmen, wohin die Reise geht. Es ist das Fundament, auf dem LibreOffice einst aufgebaut wurde, um sich von der Bevormundung durch Oracle zu befreien. Damals, 2010, war das Versprechen glasklar: Nie wieder soll ein einzelner Akteur die Macht über die Software an sich reissen können.
Sechzehn Jahre später hat sich dieses Versprechen in sein Gegenteil verkehrt. Nur dass der Akteur diesmal nicht Oracle heisst, sondern Document Foundation.
Michael Meeks, der technische Kopf von Collabora und einer der Urväter von LibreOffice, wirft der Stiftung vor, das meritokratische Prinzip geopfert zu haben. Und seine Argumente sind schwer zu entkräften. Der aktuelle Vorstand (Board of Directors) der TDF besteht fast nur noch aus Personen, die selbst keine Software entwickeln. Drei davon sind bezahlte Mitarbeiter der Stiftung - Leute, die von den Spenden der Community bezahlt werden und die nun darüber entscheiden, wer mitreden darf und wer nicht. Michael Meeks nennt das "Electoral Gerrymandering" (Wahlkreisschiebung) man hat die Wählerschaft so manipuliert, dass bei den nächsten Wahlen keine Opposition aus den Reihen der Entwickler mehr zu erwarten ist.
TDF: Wir haben einen Blogbeitrag über unser Verständnis von Meritokratie veröffentlicht. Wenn das Verständnis von Meritokratie bei Collabora darin besteht, Patches zu zählen, anstatt das große Ganze im Blick zu behalten und zur zukünftigen Entwicklung des Projekts beizutragen, dann spielen wir in völlig unterschiedlichen Ligen. Das mag im letzten Jahrhundert akzeptabel gewesen sein, heute jedoch nicht mehr – angesichts der Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen (Wettbewerb durch Microsoft), und der Chancen, die sich uns bieten (Übergang zur digitalen Souveränität).
Das ist keine Verschwörungstheorie. Das sind dokumentierte Fakten. Sieben der zehn aktivsten Entwickler in der gesamten Geschichte von LibreOffice sind direkt von den Sanktionen betroffen. Die Leute, die den Code geschrieben haben, der LibreOffice überhaupt erst zu dem gemacht hat, was es heute ist, haben kein Stimmrecht mehr. Stattdessen entscheiden Verwalter, Marketingleute und Bürokraten über die Zukunft eines Softwareprojekts, zu dem sie selbst kaum eine Zeile beigetragen haben.
Die erste Eskalation: Das "Personal Edition"-Debakel von 2020
TDF: Ich gehe davon aus, dass dieser gesamte Absatz auf völlig falschen oder voreingenommenen Informationen beruht, da die tatsächlichen Vorgänge ganz anders abliefen. Als Marketingleiter seit Beginn des Projekts war ich für den gesamten Prozess verantwortlich. Leider würden weitere Hintergrundinformationen Details offenlegen, die für Collabora nicht vorteilhaft sind, und aus diesem Grund haben wir versucht, in diesem speziellen Bereich nicht näher darauf einzugehen.
Wer die heutige Krise verstehen will, muss zurückschauen. Denn der Riss zwischen der Document Foundation und ihren kommerziellen Partnern begann nicht im Jahr 2026, er begann schleichend im Sommer 2020.
Das Grundproblem war so alt wie LibreOffice selbst: Wer bezahlt die Entwickler? Die Stiftung sammelt zwar Spenden, aber sie beschäftigt kaum Programmierer. Die eigentliche Arbeit wird von Firmen wie Collabora geleistet, die ihre Entwickler bezahlen müssen. Und genau hier lag das Dilemma. Grosse Unternehmen, Banken und Behörden setzten LibreOffice ein, ohne einen einzigen Euro für professionellen Support auszugeben. Warum auch? Die Software war kostenlos, die Community half bei Problemen, und niemand zwang sie, etwas zurückzugeben. Für Collabora bedeutete das: Man investierte Millionen in den Code, und die grössten Profiteure zahlten nichts dafür.
TDF: Bitte werfen Sie einen Blick auf den soeben im TDF-Blog veröffentlichten Beitrag, der eine transparente und genaue Darstellung der Zahlen liefert (die jeder über das öffentliche TDF-Dashboard einsehen kann). Die Behauptung, dass die eigentliche Arbeit (nur) von Collabora geleistet wird, wird durch diese Daten nicht gestützt.
Darüber hinaus bildet das „Next Decade Manifesto“ (https://www.documentfoundation.org/media/tdf-manifesto.pdf) die Grundlage für The Document Foundation, das von allen Projektgründern vor der Gründung von TDF als juristische Person verabschiedet wurde. Einer seiner Grundsätze lautet: „Die digitale Kluft in der Gesellschaft zu beseitigen, indem jedem kostenlos Zugang zu Office-Produktivitätswerkzeugen gewährt wird, damit alle als vollwertige Bürger am 21. Jahrhundert teilhaben können“.
Collabora und andere Ökosystem-Partner drängten deshalb seit Jahren darauf, dass die TDF eine klare Unterscheidung einführt zwischen der kostenlosen Version für Privatanwender und einer Version mit professionellem Support für Unternehmen. Nicht, um Funktionen einzuschränken, der Code sollte identisch bleiben. Sondern um ein psychologisches Signal zu setzen: Wenn du diese Software geschäftlich nutzt, dann kaufe Support bei einem der Partner, die den Code auch tatsächlich schreiben.
TDF: TDF hat diese Unterscheidung stets recht deutlich gemacht, insbesondere bei der Ankündigung neuer Versionen, da alle Pressemitteilungen einen eigenen Absatz zu Unternehmensimplementierungen enthielten, der mit einem Link auf die Webseite führte, auf der Partnerunternehmen des Ökosystems erwähnt wurden. Nach dem Gemeinnützigkeitsgesetz ging dies bereits über das hinaus, was als akzeptabel gilt, da eine gemeinnützige Organisation keine Werbung für ein kommerzielles Produkt machen darf.
Darüber hinaus verfügte TDF auf der Download-Seite über einen gut sichtbaren Button „Business user?“ (siehe z. B. die Webarchiv-Links für https://www.libreoffice.org/download/download-libreoffice/), der direkt auf das Ökosystem verwies – und das von einer Website aus, die täglich zehntausende Male aufgerufen wurde.
TDF bemühte sich sehr, sich an die sich wandelnden Bedürfnisse und Anforderungen der Unternehmen des Ökosystems anzupassen, musste sich aber gleichzeitig an die Standards halten, die bei der Gründung festgelegt und allen Mitwirkenden zugesichert worden waren.Das Problem, dass Unternehmen die kostenlose Version von FLOSS-Software nutzen, ohne in irgendeiner Weise einen Beitrag zurückzugeben, ist bekannt und betrifft alle FLOSS-Projekte, die in Unternehmen eingesetzt werden. Es ist ein schwer zu lösendes Problem, insbesondere wenn die Unternehmen, die die für den Einsatz in Unternehmen optimierten Versionen der FLOSS-Software verkaufen, nicht in der Lage sind, ihr Produkt ordnungsgemäß zu vermarkten – also über eine Struktur mit Support vor, während und nach dem Verkauf. In der Regel gehen diese Unternehmen aus einer Gruppe von Entwicklern hervor und sind daher sehr gut in der Entwicklung, lassen jedoch die kommerzielle Perspektive vermissen, die von den Unternehmen erwartet wird.
Collabora bildet hier keine Ausnahme. Ich erinnere mich noch genau daran, als ich ihren Vertriebsmitarbeiter um ein Angebot für 15.000 Lizenzen der unternehmensoptimierten Version von LibreOffice von Collabora bat und eine Liste mit den Stundenkosten der Entwickler erhielt, was natürlich vom potenziellen Kunden abgelehnt wurde. Die Situation hat sich nun geändert, da Collabora die SaaS-Umgebung verlassen hat und gezwungen war, eine Vertriebsstruktur mit Projektmanagern einzurichten, die die Kunden betreuen.Zu dieser Zeit war das Unternehmen jedoch kaum in der Lage, Produktpakete zu verkaufen, während es erfolgreich Entwicklerkapazitäten vermittelte. Dies führte dazu, dass die überwiegende Mehrheit der Kunden auf Projektbasis tätig war und somit keinen regelmäßigen Einkommensstrom generierte.
Zu diesem Zeitpunkt beschloss TDF, Collabora durch die Umsetzung eines Marketingplans zu unterstützen, der konkrete Maßnahmen zur Förderung der für Unternehmen optimierten Versionen der Software vorsah, wobei jedoch stets zu berücksichtigen war, dass das Gesetz über gemeinnützige Organisationen bestimmte Einschränkungen vorsieht (d. h. es erlaubt keine Maßnahmen, die als offener kommerzieller Support ausgelegt werden könnten). Wie bereits erwähnt, war ich für die Entwicklung und Umsetzung des Plans verantwortlich.
Mit dem Release Candidate von LibreOffice 7.0 schien dieser Plan endlich Wirklichkeit zu werden. Im Startbildschirm tauchte plötzlich die Bezeichnung "Personal Edition" auf, ergänzt durch den Hinweis "intended for individual use". Für Collabora war das ein lang ersehnter Durchbruch. Endlich würde es einen sichtbaren Anstoss geben, der Unternehmen in Richtung bezahlter Angebote lenkt. Italo Vignoli, damals Sprecher der TDF, verteidigte den Schritt öffentlich und argumentierte, dass die Nutzung der freien Version durch gewinnorientierte Unternehmen ohne Gegenleistung eine ineffiziente Nutzung der Zeit von Freiwilligen darstelle.
TDF: Während der Diskussionsphase gab es verschiedene Optionen für einen Slogan, und „persönlich“ war ebenso eine davon wie „Gemeinschaft“. Natürlich gab es einige Entwürfe für die verschiedenen Slogans, aber keiner davon wurde im Produkt umgesetzt. Ich habe mich für den Slogan „persönlich“ ausgesprochen, aber die Entscheidung lag nicht allein bei mir.
Doch die Community explodierte. In Foren, auf Mailinglisten und in sozialen Medien brach ein Proteststurm los. Nutzer aus dem Bildungssektor befürchteten, dass ein Label wie "Personal Edition" den Einsatz in Schulen und Universitäten rechtlich oder moralisch erschweren würde. Non-Profit-Organisationen sahen sich plötzlich in einer Grauzone. Und viele Privatanwender witterten schlicht den Anfang einer Freemium-Falle, bei der professionelle Funktionen irgendwann hinter einer Bezahlschranke verschwinden.
TDF: Das Problem zeigte sich auch während des ersten Corona-Lockdowns, als mehrere Personen vorschlugen, Schulen und Universitäten die Leistungsfähigkeit von FLOSS zu demonstrieren, beispielsweise durch die Einrichtung einer Modellinstanz für einige ausgewählte Bildungseinrichtungen oder gemeinnützige Organisationen. Dieser Plan wurde jedoch nie umgesetzt.
Die TDF knickte ein. Nicht langsam und abwägend, sondern schnell und ohne Rücksprache mit den Partnerunternehmen, die diesen Plan jahrelang vorangetrieben hatten. Mit Version 7.1 wurde aus der "Personal Edition" eine deutlich harmlosere "Community Edition". Ein einseitiger Kompromiss, der niemandem wirklich half. Der Name "Community Edition" setzte kein Signal mehr an Unternehmen, sondern klang einfach nur nach einer netten Variante neben einer nicht existierenden "Pro Edition". Für Collabora war dieser Kompromiss bereits eine Niederlage, weil er das eigentliche Ziel - die geschäftliche Differenzierung - vollständig verwässerte.
TDF: Der Slogan „Community Edition“ wurde von der Mehrheit der Vorstandsmitglieder gewählt, die zwischen „Advance“, „Community“ und „Rolling“ wählen konnten (was bestätigt, dass „Personal“ nicht einmal zu den Endauswahlmöglichkeiten gehörte). Die Abstimmungsergebnisse können hier eingesehen werden: [https://community.documentfoundation.org/t/vote-libreoffice-7-1-tag-label/8898](https://community.documentfoundation.org/t/vote-libreoffice-7-1-tag-label/8898).
Aber es kam noch schlimmer. Selbst dieser zahnlose Kompromiss überlebte nicht lange. Im Dezember 2025, mit der Ankündigung von Version 26.2, liess die TDF den Zusatz ganz fallen und kehrte schlicht zum Namen "LibreOffice" zurück. Keine Edition, kein Suffix, keine Differenzierung. Die Entscheidung fiel im Board of Directors, jenem Gremium, das zu diesem Zeitpunkt bereits von Nicht-Programmierern dominiert wurde. Die Partner, die jahrelang um ein nachhaltiges Geschäftsmodell gekämpft hatten, wurden vor vollendete Tatsachen gestellt.
TDF: Nach einigen Jahren war allen klar, dass der Slogan „Community Edition“ nicht funktionierte, denn um Unternehmen zu überzeugen, braucht es weit mehr als nur einen Slogan: Erstens braucht man ein Produktpaket, das in den Augen potenzieller Kunden wie die Produkte der Konkurrenz aussieht; zweitens braucht man Vertriebsmitarbeiter, die regelmäßig bei ihnen vorstellig werden; drittens braucht man eine solide und aggressive Marketingstrategie.
Selbst FLOSS-Software, die proprietäre Klauseln in ihre OSI-konformen Lizenzen aufgenommen hat, um Unternehmen dazu zu bringen, für ihre Produkte zu bezahlen, ist gescheitert. Die Aufgabe ist schwierig bis unmöglich, und selbst einer der brillantesten (und auf dieses Thema fokussierten) FLOSS-Manager – Dries Buytaert von Drupal und Acquia – versucht seit Jahren, die einzelnen Punkte miteinander zu verbinden, um Ergebnisse zu erzielen, und war (laut seinen Blogbeiträgen) nicht ganz erfolgreich.
Für Collabora war das ein verheerendes Signal, und im Rückblick vielleicht der Moment, in dem die Weichen endgültig auf Trennung gestellt wurden. Die Botschaft der Stiftung war unmissverständlich: Wir nehmen euren Code gerne, aber euer Geschäftsmodell ist nicht unser Problem. Die TDF hatte gezeigt, dass sie bereit war, die wirtschaftlichen Interessen ihrer wichtigsten Beitragenden zu opfern, sobald der Wind der öffentlichen Meinung sich drehte. Collabora zog daraus den einzig logischen Schluss: Wenn die Stiftung uns nicht hilft, uns selbst zu finanzieren, dann müssen wir unsere eigene Zukunft bauen - unabhängig von der TDF.
TDF: All das sind reine Spekulationen, die auf nichts beruhen. Die Document Foundation hat niemals eine solche Botschaft gesendet, weder offen noch zwischen den Zeilen. Währenddessen begannen die Vertreter von Collabora im Vorstand hingegen, sich gegen die Lösung rechtlicher Probleme zu wehren, die sich aus falschen Entscheidungen bezüglich der freien Nutzung der Marke LibreOffice und der Abwicklung des Ausschreibungsverfahrens für die Entwicklung ergaben.
Der Krieg um die Cloud: Wie die Stiftung ein totes Pferd wiederbelebte
Der eigentliche Zündfunke der aktuellen Eskalation liegt in der Cloud. Und hier wird die Geschichte richtig bizarr.
LibreOffice Online (LOOL) wurde ursprünglich als gemeinsames Projekt entwickelt, wobei Collabora den überwiegenden Teil der Ingenieursleistung erbrachte. Millionen von Euros flossen in die Entwicklung. Doch die TDF bot keine fertigen Pakete an und bewarb auf ihrem Portal auch Konkurrenten, die selbst kaum Code beigesteuert hatten. Im Oktober 2020 zog Collabora die Reissleine und erstellte einen Fork: Collabora Online (COOL). Der Grund war simpel, man konnte es sich nicht leisten, die eigene Arbeit kostenlos an Trittbrettfahrer zu verschenken.
TDF: Zwar hat Collabora in das Online-Produkt investiert, das auf einer Technologie basiert, die für eine andere Ausschreibung im Bereich Mobile-Entwicklung (finanziert aus TDF-Mitteln) entwickelt wurde, doch das eigentliche Problem betraf die Popup-Meldung, die daran erinnerte, die Enterprise-Version zu erwerben, wenn mehr als X Personen dasselbe Online-Dokument bearbeiteten. Einige waren gegen das Popup und wollten es loswerden. An diesem Punkt beschloss Collabora, anstatt sich an einen Tisch zu setzen, um eine Lösung zu finden, eine Abspaltung vorzunehmen, da sie den TDF-Vorstandsmitgliedern nicht vertrauten.
Vor der Abspaltung wurde ich sogar von Michael Meeks beschuldigt, die Vorstandsmitglieder wie Marionetten zu kontrollieren (als ob das möglich wäre), obwohl ich an der Diskussion überhaupt nicht beteiligt war, sie aber mit Interesse verfolgte. Aus den mir vorliegenden Informationen habe ich geschlossen, dass Collabora damals Investoren zufriedenstellen musste und dass ein LibreOffice-Online-Repository außerhalb der Kontrolle von Collabora für die Investoren wahrscheinlich etwas war, das sie nicht verstehen und akzeptieren konnten, sodass der Fork in gewisser Weise unvermeidlich war.
Die TDF reagierte, indem sie das ursprüngliche LOOL-Repository in den "Attic" verschob - einen digitalen Dachboden für eingestellte Projekte. Dort lag es jahrelang und sammelte Staub. Niemand rührte es an. Kein einziger ernsthafter Commit. Gleichzeitig entwickelte Collabora sein COOL zu einer marktreifen Lösung weiter, die heute bei Behörden und Grossunternehmen im Einsatz ist.
TDF: Die Entscheidung, das LOOL-Repository in den „Dachboden“ zu verlegen, wurde von einem Vorstand getroffen, in dem Vertreter der Entwickler die Stimmenmehrheit hatten. Es handelte sich weder um einen Vorschlag von Community-Mitgliedern noch um eine Entscheidung, die den Willen der Mehrheit der Community widerspiegelte.
Und dann, im Februar 2026, passierte das Unfassbare: Die TDF holte den verstaubten LOOL-Code aus dem Archiv und verkündete, man wolle "eine Online-Version von der Community und für die Community" aufbauen. Michael Meeks bezeichnete diesen Schritt als "Vandalismus". Und man muss ihm recht geben. Es ergibt keinen technischen Sinn, ein totes Repository wiederzubeleben, wenn bereits eine aktive, offene Gemeinschaft rund um Collabora Online existiert. Es war ein reiner Machtmove - eine Vergeltungsmassnahme der TDF, ein "Tit-for-Tat" als Reaktion auf Collaboras Desktop-Produkt.
TDF: Die Entscheidung, den LOOL-Quellcode aus dem Archiv zu holen, ging auf Wunsch von Mitgliedern der Community zurück, und der Vorstand handelte entsprechend. Es gab sogar einen offenen Brief, in dem die Wiederbelebung des Repositorys gefordert wurde: [https://community.documentfoundation.org/t/open-letter-for-revive-lool-add-your-1-if-you-agree/9142](https://community.documentfoundation.org/t/open-letter-for-revive-lool-add-your-1-if-you-agree/9142)
Natürlich können wir nachvollziehen, dass diese Entscheidung nicht den Erwartungen von Michael Meeks entspricht, aber wenn man Teil einer Gemeinschaft ist, muss man die Wünsche der Mitglieder respektieren und mit ihnen zusammenarbeiten, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. LibreOffice Online benötigt ebenso wie Collabora Online und jede andere Cloud-Office-Suite weitere Software, um eine brauchbare Lösung zu sein, und das bedeutet, dass die bloße Wiedereröffnung eines Repositorys keine Bedrohung für Collabora darstellen kann.
Besonders pikant: In Community-Foren wurde bereits offen darüber diskutiert, ob man mittels künstlicher Intelligenz und automatisierter Skripte sämtliche Bugfixes und Features von Collabora Online einfach massenhaft in das wiederbelebte LOOL-Repository kopieren könnte. Ein "AI-automatisierter Krieg", bei dem man dem kommerziellen Partner systematisch die Geschäftsgrundlage entzieht. Die Lizenz (MPLv2) erlaubt das technisch. Aber es wäre ein Akt der gezielten wirtschaftlichen Zerstörung - verpackt in der hübschen Sprache der Open-Source-Freiheit.
TDF: Komisch, wir sind in denselben Foren angemeldet und haben noch nie solche Beiträge gesehen. Bei TDF hat die Diskussion über LibreOffice Online noch gar nicht erst begonnen.
Der technologische Befreiungsschlag: Collabora Office for Desktop (CODA)
Bereits im November 2025 - also Monate vor dem grossen Knall - vollzog Collabora einen strategischen Schritt, der im Nachhinein als Vorbote der Trennung gesehen werden muss. Das Unternehmen veröffentlichte mit Collabora Office for Desktop eine völlig neu gedachte Version der Bürosoftware, intern bekannt als CODA.
Um zu verstehen, warum Collabora eigenes Desktop-Produkt veröffentlichte, muss man einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Was hatte Collabora zu diesem Zeitpunkt eigentlich in der Hand?
Seit dem Fork von LibreOffice Online im Oktober 2020 hatte Collabora sein Cloud-Produkt Collabora Online (COOL) konsequent weiterentwickelt. COOL lief bei Behörden, Bildungseinrichtungen und Unternehmen in ganz Europa. Collabora hatte sich im öffentlichen Sektor und bei datenschutzbewussten Organisationen einen Namen gemacht, die eine selbst gehostete Alternative zu Google Docs und Microsoft 365 suchten. Das Produkt funktionierte, die Kundenbasis wuchs, und vor allem: Collabora hatte eine komplett eigene Benutzeroberfläche entwickelt, die im Browser lief und mit dem klassischen LibreOffice-Interface nichts mehr gemeinsam hatte. Modern, aufgeräumt, mit Reitern statt verschachtelter Menüs.
Und genau hier lag die strategische Erkenntnis, die zur Geburt von CODA führte: Wenn wir bereits eine hervorragende Oberfläche haben, die im Browser läuft - warum bringen wir sie nicht einfach auf den Desktop?
Die Motivation war dabei mehrschichtig. Erstens gab es ein handfestes Kundenproblem. Unternehmen, die Collabora Online in der Cloud einsetzten, beschwerten sich regelmässig über den Medienbruch. Ihre Mitarbeitenden arbeiteten im Browser mit einer modernen, schlanken Oberfläche und wenn sie ein Dokument lokal öffneten, landeten sie im klassischen LibreOffice mit seinen unzähligen Werkzeugleisten, anderen Tastenkombinationen und einem völlig anderen Look. Das erzeugte Schulungsaufwand, Verwirrung und Frust. Die Kunden fragten: Warum kann das auf dem Desktop nicht genauso aussehen wie im Browser?
Zweitens war da die technische Frustration. Das klassische LibreOffice basiert auf dem jahrzehntealten VCL-Toolkit (Visual Class Library) - einem Grundgerüst, das über dreissig Jahre auf dem Buckel hat und so träge auf Neuerungen reagiert wie ein Öltanker auf eine Kursänderung. Jede Änderung an der Oberfläche musste durch endlose Abstimmungsprozesse innerhalb der TDF geschleust werden. Collabora-Entwickler, die eine Schaltfläche verschieben oder ein Menü modernisieren wollten, stiessen regelmässig auf Widerstand von Community-Mitgliedern, die jede Veränderung als Angriff auf ihre gewohnte Arbeitsumgebung empfanden. Das VCL-Toolkit war nicht nur technisch veraltet - es war auch politisch blockiert.
TDF: Der letzte Satz – der nicht nur völlig unrealistisch ist, da die Community die von den Entwicklern von Collabora und Red Hat vorgenommenen Modernisierungen stets anerkannt und begrüßt hat – steht in krassem Widerspruch zu der vorherigen Aussage, wonach der gesamte Code von Collabora entwickelt werde. Wenn dies zuträfe, wie könnte die Community dann die Änderungen blockieren?
Drittens - und das war nach dem "Personal Edition"-Debakel der vielleicht wichtigste Punkt - brauchte Collabora ein eigenes Produkt, das unter dem eigenen Namen lief und über dessen Ausrichtung die Stiftung nicht mitbestimmen konnte. Solange Collabora nur Dienstleistungen rund um LibreOffice verkaufte, war man vollständig abhängig von den Entscheidungen der TDF. Wenn die Stiftung morgen beschloss, die Markenrechte anders zu handhaben oder die Lizenzbedingungen für App-Stores zu ändern, stand Collabora mit leeren Händen da. CODA war die Antwort auf diese existenzielle Verwundbarkeit: ein Produkt, das Collabora gehört, das Collabora kontrolliert und das Collabora unabhängig von der Stiftung weiterentwickeln kann.
Die technische Umsetzung war dabei elegant. CODA nutzt im Kern dieselbe Engine wie Collabora Online. Das Interface wird mittels JavaScript, WebGL und Canvas gerendert, wobei die systemeigenen Browser-Engines (wie WebView2 unter Windows) zum Einsatz kommen. Im Grunde ist CODA die Cloud-Version in einer lokalen Hülle - und genau das löst das Kundenproblem auf einen Schlag. Wer online arbeitet und wer lokal arbeitet, sieht exakt dieselbe Oberfläche. Dieselben Reiter, dieselben Schaltflächen, dieselben Tastenkombinationen. Kein Medienbruch, kein Schulungsaufwand.
Und dann ist da noch der Punkt, der technisch versierte Nutzer aufhorchen lässt: CODA braucht kein Java. Das klassische LibreOffice benötigt Java für viele Assistenten und Datenbankfunktionen, was regelmässig zu Performanceproblemen, Sicherheitslücken und frustrierenden Konfigurationsorgien führt. Wer jemals auf einem frisch installierten Linux-System LibreOffice Base öffnen wollte und von einer kryptischen Java-Fehlermeldung begrüsst wurde, weiss genau, wovon hier die Rede ist. CODA hingegen ist ein schlankes, in sich geschlossenes Paket, das schneller startet und diese Abhängigkeit komplett hinter sich lässt.
Die Botschaft von Collabora war unmissverständlich: Wir brauchen euch nicht mehr. Wir haben die Technologie, wir haben die Entwickler, wir haben die Kunden - und wir bauen unsere eigene Zukunft.
TDF: All das ist reine Spekulation – abgesehen von einigen technischen Details, die vielleicht zutreffen mögen, aber nicht der Teil zu Java, da LibreOffice auch ohne Java einwandfrei funktioniert, es sei denn, man möchte „Base“, das Datenbankmodul, nutzen, an dem seit Jahren nicht mehr gearbeitet wurde (allerdings hat TDF gerade einen Entwickler eingestellt, der an „Base“ arbeiten soll) – und stammt von jemandem, der wahrscheinlich noch nie mit einem echten Nutzer gesprochen hat. Hätte er jemals mit einem echten Nutzer gesprochen, wüsste er, dass die Benutzeroberfläche ein kleines Problem darstellt und das Hauptproblem der Widerstand gegen Veränderungen aufgrund langjähriger Gewohnheiten ist.
Das neue Collabora-Desktop-Produkt soll OnlyOffice auf dem Desktop Konkurrenz machen, da dies ein direkter Konkurrent von Collabora ist (es ist auch ein Konkurrent von LibreOffice, aber während Collabora um Marktanteile konkurriert – was für ein Unternehmen völlig angemessen ist –, konkurriert TDF nicht um Marktanteile, sondern um die Freiheit der Nutzer. Tatsächlich verfügt das neue Collabora-Desktop-Produkt über denselben begrenzten Funktionsumfang wie OnlyOffice.
Natürlich ist sich die Community einiger Probleme von LibreOffice bewusst, die von StarOffice über OpenOffice.org übernommen wurden. Die Entwickler von TDF arbeiten daran, diese Probleme zu lösen, und es wird in Zukunft Ankündigungen zu diesen Überarbeitungen des Quellcodes geben. Wenn man jedoch alle Funktionen beibehalten möchte, ist der Zeitaufwand erheblich, während die Aufgabe tatsächlich einfacher ist, wenn man auf viele Funktionen verzichtet.
Die TDF-Führung wertete die Veröffentlichung von CODA natürlich als Beweis dafür, dass Collabora plane, sich vollständig von LibreOffice zu lösen und ein konkurrierendes Produkt aufzubauen. In gewisser Weise hatten sie damit sogar recht. Aber was die TDF dabei geflissentlich verschwieg: Es war ihr eigenes Verhalten - die gescheiterte Differenzierung, die Blockade im VCL-Toolkit, die schleichende Entmachtung der Entwickler - das Collabora in genau diese Richtung getrieben hat. Man kann ein Pferd nicht jahrelang treten und sich dann darüber wundern, dass es irgendwann durchgeht.
TDF: Es gibt interne Dokumente aus dem Jahr 2022, in denen auf die Risiken einer Abspaltung von LibreOffice durch Collabora hingewiesen wird, da diese Gefahr bereits damals für alle offensichtlich war.
Die Steuerfalle: Deutsches Gemeinnützigkeitsrecht als Vorwand?
Man könnte nun meinen, dass die TDF nach der Veröffentlichung von CODA einfach hätte zurückschlagen können - mit besserer Technologie, mit attraktiveren Angeboten, mit einem überzeugenden Gegenkonzept. Doch die Stiftung griff nicht zu technischen Mitteln. Sie griff zu juristischen.
Und hier kommt ein Faktor ins Spiel, der auf den ersten Blick so langweilig klingt, dass man ihn fast übersieht - der aber in Wirklichkeit die gesamte Eskalation befeuert hat: das deutsche Steuerrecht.
Die Document Foundation ist in Berlin als gemeinnützige Stiftung registriert. Dieser Status bringt erhebliche Vorteile mit sich: Spenden sind steuerlich absetzbar, die Stiftung selbst zahlt kaum Steuern, und der gemeinnützige Rahmen verleiht dem Projekt eine Glaubwürdigkeit, die rein kommerzielle Anbieter nicht haben. Aber dieser Status hat einen Preis. Das deutsche Finanzamt stellt strenge Bedingungen an die Trennung von gemeinnützigen Aufgaben und wirtschaftlichen Aktivitäten. Und genau hier geriet die TDF offenbar ins Visier der Behörden.
Das Problem drehte sich um die Einnahmen aus digitalen Läden wie dem Apple Store und dem Microsoft Store. LibreOffice wird dort gegen Geld verkauft - teils von Partnern, teils unter Beteiligung der Stiftung. Für das Finanzamt sah das nach wirtschaftlicher Tätigkeit aus, die mit dem Status einer gemeinnützigen Stiftung schwer vereinbar ist. Sollte die TDF ihren gemeinnützigen Status verlieren, drohen rückwirkende Steuerzahlungen auf Spenden in Millionenhöhe. Das wäre nicht bloss peinlich - das wäre der finanzielle Ruin der Stiftung.
TDF: TDF ist eine gemeinnützige Organisation, die über eine angegliederte Gesellschaft verfügt, um jene Aktivitäten zu verwalten, die nicht von der gemeinnützigen Organisation selbst abgewickelt werden können, wie beispielsweise den Verkauf in Geschäften, den Verkauf von Waren und Ähnliches. TDF entrichtet sowohl Mehrwertsteuer als auch Körperschaftssteuer auf diese Umsätze; dies lässt sich anhand der Buchhaltungsunterlagen überprüfen, die monatlich auf der Website veröffentlicht werden. Die Behörden prüfen die Buchhaltungsunterlagen von TDF seit Jahren und haben keine Unregelmäßigkeiten festgestellt, die den Status als gemeinnützige Organisation gefährden könnten.
Und genau an dieser Stelle wird die Geschichte giftig. Denn die TDF-Führung behauptet, sie habe die harten Regeln, die neuen Bylaws und letztlich auch den Ausschluss der Collabora-Entwickler durchsetzen müssen, um dieses Steuerproblem zu lösen. Die wirtschaftlichen Verflechtungen mit Collabora, so das Argument, hätten den gemeinnützigen Status gefährdet, und man habe keine andere Wahl gehabt, als sauber zu trennen.
TDF: Tatsächlich haben Vertreter von Collabora (darunter auch Vertreter von Allotropia, die nach der Übernahme des Unternehmens von Collabora übernommen wurden) wiederholt versucht, die Lösung der beiden wichtigsten rechtlichen Probleme hinauszuzögern oder zu umgehen, wodurch ein Problem entstanden ist, das zum vollständigen Verlust des Gemeinnützigkeitsstatus führen kann.
Dieses spezifische Problem im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von Unternehmensvertretern wurde sowohl 2023 als auch 2024 von unabhängigen Wirtschaftsprüfern schriftlich anerkannt und bestätigt. Dieses Fehlverhalten reicht bis ins Jahr 2020 zurück, obwohl die Behörden die erste Prüfung erst 2023 angefordert haben.
Während sie versuchten, die Lösung der beiden wichtigsten rechtlichen Fragen zu verzögern oder zu umgehen, gaben Vertreter von Collabora zusätzliche TDF-Gelder für Rechts- und Kommunikationsberater aus, die eine andere Meinung als die bereits von den Rechtsberatern der TDF abgegebene (und später von den Wirtschaftsprüfern bestätigte) abgeben sollten.
Collabora sieht das völlig anders. Michael Meeks und sein Team behaupten, die TDF habe das rechtliche Problem künstlich aufgebauscht - oder sogar selbst provoziert - um einen Vorwand für die Entmachtung der technischen Experten zu haben. Die Steuerfrage sei real, aber die Lösung hätte nicht im Ausschluss der wichtigsten Entwickler bestehen müssen. Es hätte andere Wege gegeben: neue Lizenzmodelle, saubere Vertragsstrukturen, eine gemeinsame Lösung mit den Partnern. Stattdessen habe die TDF das Finanzamt als Keule benutzt, um einen Machtkampf zu gewinnen, den sie auf demokratischem Weg verloren hätte.
TDF: TDF hat seit Jahren eine Lösung für die beiden wichtigsten rechtlichen Probleme vorgeschlagen, doch diese wurde von Vertretern von Collabora stets rundweg abgelehnt. Jedenfalls hat diese Lösung nichts mit dem Verlust der TDF-Mitgliedschaft von Collabora-Entwicklern zu tun; hierbei handelt es sich um eine Klausel, die den kürzlich verabschiedeten Community-Satzungen hinzugefügt wurde, um zu verhindern, dass sich das Fehlverhalten von Personen, die von ihren Mitarbeitern gewählt wurden, in Zukunft wiederholt. Die Einführung dieser Regelung wurde von Rechtsanwälten vorgeschlagen.
Darüber hinaus wurden alle Versuche, Regeln einzuführen, die eine Wiederholung rechtswidrigen Verhaltens verhindern sollten, von Vorstandsmitgliedern mit Verbindungen zu Unternehmen innerhalb des Ökosystems blockiert, während dieselben Mitglieder sogar versuchten, eine Richtlinie einzuführen, die darauf abzielte, die Meinungsfreiheit der Teammitglieder einzuschränken.
Daher wurde, wie zu erwarten war, jede mögliche Anpassung der Führungsstruktur versucht und jede alternative Lösung zu der drastischen Maßnahme – dem Verlust der TDF-Mitgliedschaft – geprüft. Leider blieben diese Bemühungen erfolglos.
Was stimmt? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Aber eines ist sicher: Wenn du deine fähigsten Leute rauswirfst, um ein Steuerproblem zu lösen, hast du danach vielleicht noch deinen Steuerstatus - aber keine Software mehr, die den Namen verdient. Und genau das zeigt die Chronologie der Ereignisse mit erschreckender Klarheit.
Die Eskalationsspirale auf einen Blick
Wer die Chronologie betrachtet, sieht ein klares Muster:
2020: Die TDF versucht das "Personal Edition"-Branding und verprellt damit Partnerunternehmen und Community gleichermassen. Das Vertrauen beginnt zu bröckeln.
TDF: Dazu habe ich mich bereits ausführlich geäußert.
Oktober 2020: Collabora forkt LibreOffice Online zu Collabora Online (COOL), weil die TDF keine brauchbare Infrastruktur bereitstellt und Trittbrettfahrer bewirbt. Die TDF verschiebt LOOL in den "Attic".
TDF: Wenn mit „Infrastruktur“ die technische Infrastruktur gemeint ist, hat TDF diese schon immer bereitgestellt, und niemand hat sich darüber beschwert. Darüber hinaus haben Mitglieder der Community Übersetzungen, Dokumentationen und vieles mehr für Online bereitgestellt.
2021-2024: Die Risse vertiefen sich still. Collabora investiert weiter Millionen in COOL, die TDF sammelt weiter Spenden, die Machtbasis verschiebt sich schleichend von den Entwicklern zur Verwaltung.
November 2025: Collabora veröffentlicht CODA - ein eigenständiges Desktop-Produkt, das technologisch einen klaren Bruch mit dem alten LibreOffice darstellt.
Januar 2026: Die TDF verabschiedet neue Bylaws mit der brisanten Klausel, dass Mitarbeiter von Unternehmen im Rechtsstreit mit der Stiftung ausgeschlossen werden.
TDF: Noch einmal: nicht „alle Rechtsstreitigkeiten“, sondern „nur eine sehr begrenzte Anzahl von Rechtsstreitigkeiten, die die Existenzgrundlage gefährden“.
Februar 2026: Die TDF holt LOOL aus dem "Attic" zurück und erklärt, eine eigene Online-Suite bauen zu wollen - direkte Konkurrenz zu Collaboras COOL.
April 2026: Der Hammer fällt. Über 30 Collabora-Entwickler werden aus den Gremien ausgeschlossen. Die TDF leitet gleichzeitig rechtliche Schritte gegen Collabora ein.
TDF: Zu all dem haben wir uns bereits geäußert. Im Einzelnen sind die Behauptungen, es fehle eine brauchbare Infrastruktur für LOOL, es würden Trittbrettfahrer begünstigt, es gäbe Pläne für eine Online-Office-Suite und es sei ein Rechtsstreit angestrengt worden, völlig falsch. Alle übrigen Aussagen sind persönliche Spekulationen.
Was das für uns bedeutet
Für uns Nutzer in der Linux-Welt bedeutet dieser Bruch weit mehr als eine interne Streiterei, die man aus sicherer Distanz beobachten kann. Die Folgen werden konkret, messbar und im Alltag spürbar sein.
Fangen wir beim Offensichtlichen an: LibreOffice ohne Collabora ist wie ein Auto ohne Motor. Die Karosserie steht noch, der Lack glänzt, aber bewegen wird es sich nicht mehr lange. Die Collabora-Entwickler haben nicht irgendwelchen Randcode geschrieben. Sie waren für die schwierigsten und wichtigsten Teile der Software verantwortlich - die Import- und Export-Filter für Microsoft-Formate, die Kern-Engine von Writer, das Build-System, das Performance-Refactoring. Das sind die Komponenten, die darüber entscheiden, ob dein DOCX-Dokument korrekt aussieht, ob dein XLSX-Tabelle richtig rechnet, ob die Software flüssig läuft oder bei grossen Dateien einfriert. Ohne die Leute, die diesen Code seit Jahren pflegen und verstehen, wird die Qualität unweigerlich nachlassen. Nicht sofort. Nicht morgen. Aber schleichend, Release für Release, bis irgendwann die frustrierten Foreneinträge überhandnehmen und die Distributionen leise anfangen, nach Alternativen zu suchen.
Und genau hier liegt die bittere Parallele zu Apache OpenOffice. Auch OpenOffice war einmal der unangefochtene Standard der freien Bürosoftware. Auch dort war es eine Governance-Krise, die das Ende einläutete - nicht ein technischer Fehler, nicht ein Mangel an Nutzern, sondern ein Machtkampf, der die Entwickler vertrieb. Heute existiert Apache OpenOffice noch. Auf dem Papier. Mit sporadischen Updates, die kaum jemand bemerkt, und einer Codebasis, die so veraltet ist, dass Sicherheitsforscher regelmässig den Kopf schütteln. Es ist kein totes Projekt - es ist ein untotes, was fast noch schlimmer ist. Die Gefahr, dass LibreOffice diesen Weg einschlägt, ist real. Nicht wahrscheinlich - aber real genug, dass man sie ernst nehmen muss.
TDF: Der Vergleich hinkt. Das Problem bei OpenOffice.org war damals die Dominanz eines einzigen Unternehmens. Dies ist der Teil der Geschichte, der sich wiederholt – nur dass die TDF genau diese Dominanz verhindert, die 2010 zur ursprünglichen Spaltung geführt hatte.
Auf der anderen Seite steht Collabora mit CODA als moderne Alternative. Schneller, schlanker, konsistenter zwischen Desktop und Cloud. Für professionelle Anwender, die eine zuverlässige Suite brauchen, klingt das verlockend. Aber hier muss man ehrlich sein: CODA ist ein kommerzielles Produkt. Ja, der Kern ist Open Source. Ja, die Lizenz erlaubt es jedem, den Code zu lesen und zu verändern. Aber die Entwicklungsrichtung bestimmt ein einzelnes Unternehmen, nicht eine Gemeinschaft. Das ist nicht per se schlecht - Red Hat macht es mit Fedora ähnlich, Canonical mit Ubuntu. Aber es ist ein anderes Modell als das, was LibreOffice einmal versprochen hat. Wer CODA nutzt, vertraut darauf, dass Collabora langfristig die richtigen Entscheidungen trifft. Bei LibreOffice konnte man zumindest theoretisch mitbestimmen. Bei CODA nicht.
Für die Linux-Distributionen wird die Lage besonders heikel. Fedora, openSUSE, Ubuntu - sie alle liefern LibreOffice als Standard-Office-Suite aus. Wenn die Qualität von LibreOffice spürbar nachlässt, stehen die Paketbetreuer vor einer unangenehmen Entscheidung: Weiter an LibreOffice festhalten aus Loyalität zur Marke? Auf CODA wechseln und damit ein kommerzielles Produkt zum Standard machen? Oder auf OnlyOffice setzen, das zwar modern aussieht, aber eine völlig andere Codebasis hat und bei der ODF-Unterstützung noch Nachholbedarf zeigt? Keine dieser Optionen ist ideal. Und keine wird ohne heftige Diskussionen in den Distribution-Communities ablaufen.
Was mich persönlich am meisten beschäftigt, ist aber etwas anderes: der Vertrauensverlust. LibreOffice war für viele von uns mehr als eine Software. Es war ein Beweis dafür, dass das Open-Source-Modell funktioniert. Dass eine Gemeinschaft aus Freiwilligen und Unternehmen gemeinsam etwas aufbauen kann, das mit den Produkten der Tech-Giganten mithalten kann. Dass man Software schaffen kann, die niemandem gehört und allen dient. Dieser Beweis hat jetzt einen tiefen Riss bekommen. Nicht weil die Technologie versagt hat, sondern weil die Menschen dahinter versagt haben - oder genauer: weil die Strukturen versagt haben, die verhindern sollten, dass genau so etwas passiert.
Es bleibt die Hoffnung auf einen Governance-Reset. Dass eine neue Generation von Community-Mitgliedern die umstrittenen Bylaws kippt, die ausgeschlossenen Entwickler zurückholt und die Brücken wieder aufbaut. Aber mit jedem Monat, der verstreicht, wird dieses Szenario unwahrscheinlicher. Vertrauen lässt sich nicht per Vorstandsbeschluss wiederherstellen. Und Entwickler, die einmal vor die Tür gesetzt wurden, kommen selten freiwillig zurück.
Momentan sieht alles nach einer dauerhaften Spaltung aus. Und das ist nicht nur für LibreOffice eine Tragödie. Es ist eine Warnung an jedes Open-Source-Projekt, das glaubt, seine wichtigsten Beitragenden ersetzen zu können, ohne einen Preis dafür zu zahlen. An jede Stiftung, die vergisst, dass ihre Daseinsberechtigung nicht in der Verwaltung von Markenrechten liegt, sondern im Dienst an denen, die den Code schreiben. Und an jeden von uns, der glaubt, dass gute Software von alleine entsteht, solange nur der Name stimmt.
TDF: Natürlich ist niemand von der Situation begeistert, aber sie ist zumindest auf absehbare Zeit nicht so schlimm, wie sie dargestellt wird.
Collabora hat wiederholt versucht, The Document Foundation in eine Richtung zu lenken, die mit dem Gemeinnützigkeitsrecht nicht vereinbar ist. Wenn dies das bevorzugte Geschäftsmodell der Entwickler und ihrer Unternehmen ist, wird es niemals funktionieren. Wenn dies das Geschäftsmodell ist, das eine Gruppe von FLOSS-Befürwortern anstrebt, unterscheidet es sich erheblich von dem Geschäftsmodell, das die FLOSS-Community rund um The Document Foundation anstrebt.
Entwickler sind für FLOSS ebenso wichtig wie für proprietäre Software, aber das bedeutet nicht automatisch, dass sie das Recht haben, FLOSS-Projekte trotz der gesetzlichen Bestimmungen zu beherrschen. Das gilt natürlich für alle FLOSS-Mitwirkenden. Wenn das F in FLOSS für Freiheit steht, wäre es in einer Gemeinschaft, in der eine Gruppe von Mitwirkenden einen Vorteil hat, schwierig, von Freiheit zu sprechen.
Uns liegt Freiheit am Herzen, und wir blicken optimistisch in die Zukunft.
Nachwort (von Ralf Hersel)
Wahrscheinlich ist das der längste Artikel, der je bei uns erschienen ist. Sowohl durch seine Länge, als auch durch die inhaltliche Tiefe, qualifiziert er sich für das "Wort zum Sonntag" (aka: Zum Wochenende). Mein Dank gilt Samuel Rüegger und Italo Vignoli für die Arbeit, die beide für diesen Artikel geleistet haben. Inhaltlich möchte ich mich nicht äussern, weil Samuel und Italo bereits alles gesagt haben. Ich bin froh, dass wir die unterschiedlichen Meinungen in einem Artikel zusammentragen konnten, anstatt sie über viele Posts zu verstreuen. Mein Dank gilt auch Michael Meeks und Thorsten Behrens für die Stellungnahme zur Stellungnahme. Und damit soll es genug sein.
Bevor ich euch ins Wochenende entlasse: Der Titel dieses Artikels ist immer noch biased und zum Titelbild sage ich gar nichts.
Titelbild: KI-generiert
Quellen:
https://www.collaboraonline.com/blog/tdf-ejects-its-core-developers/
https://www.libreoffice.org/about-us/credits/
https://www.theregister.com/2026/03/02/libreoffice_online_deatticized/
https://linuxiac.com/libreoffice-will-always-be-free-software/
https://www.phoronix.com/news/LibreOffice-262-Drops-Community



FLOSS und Geschäft. Genau an diesem Punkt sieht man das komplexe Problem sehr deutlich. Ich finde den Artikel vorbildlich gemacht. Mich begeistert der sachliche Ton und die gründliche Aufbereitung. Ich mag mich gerne Ralf anschließen und mich bei allen Beteiligten bedanken.
Dank auch von mir für den journalistisch (durch beide Meinungen) sehr guten Text.
Vielleicht liegt der Keim des Übels auch in der schwachen MPL Lizenz . Starkes Copyleft (GPL/AGPL) hätte mutmaßlich Einiges in eine andere Richtung laufen lassen.
Die GPL (General Public License) zwingt jeden, der den Code verändert und verbreitet, diese Änderungen ebenfalls unter der GPL zu veröffentlichen. Die AGPL (Affero GPL) schließt das „Cloud-Schlupfloch“: Auch wer die Software nur als Dienst über das Internet anbietet (SaaS), muss den Quellcode offenlegen.
Vieleich hätte es aber auch z.B. Collabora demotiviert eine dynamischen Code-Entwicklung zu betreiben? Ich glaube nicht.
Wo ich mir erheblich sicherer bin: Das Rechtssubjekt der Gemeinnützigen Stiftung ist für solch große FLOSS Projekte wie geschaffen, nicht nur fiskalisch.
Collabora-Online und die daraus abgeleitete Desktopversion sind genau wie OnlyOffice viel zu beschränkt für seriöses Arbeiten. Nur LibreOffice hat das Zeug Microsoft den Rang abzulaufen.
Ich hoffe daher, dass es in eine Richtung läuft, die uns LibreOffice nicht nur erhält, sondern dass es auch weiterhin dynamisch weiterentwickelt wird. Möge LibreOffice nie im Reich der Untoten enden.
Irgendwie hatte ich bisher eher die Jungs von Callabora als Burokraten empfunden. Das jene, die den Verein leiten nicht die selben sind wie jene die Codieren? Geschenkt. Das sind ja auch zwei völlig verschiedene Jobprofile mit völlig anderen Anforderungen. In einer kleinen Bäckerei mag der Bäcker auch der Verkäufer sein, aber ab mittlerer Grösse beginnt man die Aufgabenbereiche zu trennen, undjeweils geeignetes Personal einzustellen. Woher kommt die korrude Vorstellung, das Zeilen Code ein Führungsmerkal sein sollte. Als Coder bist du im Detail, als Führungskraft hast du die Adler Perspektive. Das ist nicht dasselbe.
Arbeitsteilung: JA - Rollen-/Aufgaben. (Be) Wertung. NEIN. Die nur wenig versteckte Wertung, dass "Führung" wichtiger und "höher-wertiger" sei ist schlicht falsch und hat schon einige Unternehm(ung)en zu falschen Entscheidungen geführt.
Danke für die ausführliche Gegenüberstellung.
Das Problem – oder die Probleme – liegen so tief und sind so komplex, dass ich mir als Außenstehender gar keine Meinung zu bilden vermag.
Also, nach meinem Eindruck kommt Collabora hier nicht sonderlich gut weg. Nicht mal im ursprünglichen Text abseits der TDF-Stellungnahmen …
Es wird sich zeigen, ob etwas gutes aus dem Konflikt hervorgeht.
Ich sehe forks als einen großen Vorteil von Open Source Projekten. Denn nur wer der Meinung ist, es ohne den anderen besser zu können, geht diesen Weg.
Am Ende hat der User die Auswahl zwischen zwei Projekten und jedes Projekt wird sich anstrengen es besser zu machen.
LibreOffice hat lange Jahre gebraucht um die Marke OpenOffice in den Schatten zu stellen. Wir werden sehen was Collabora schaffen kann.
Betrachtet man die Codebasis von LibreOffice, ist ein "Neuanfang" wie es Collabora macht, nicht das schlechteste. Vor allem auch für neue Contributore. Wissen über Webtechnologie ist halt wesentlich verbreiteter als VCL.
Wir werden sehen. Ein unausgesprochener Konflikt bringt auch niemanden was.
Der erste Bericht war nur einseitig (gut, dass ihr sowas nicht veröffentlicht habt). Dann hat die TDF die Möglichkeit sich dazu zu äußern bekommen und jetzt wieder die Collabora. Wird der Krieg jetzt hier fortgeführt? Ist doch klar, dass jede Partei nur ihren Standpunkt darstellt und auch gelten lassen will.
Wäre besser gewesen, ihr hättet da selbst einen neutralen Bericht dazu veröffentlicht.
> Wäre besser gewesen, ihr hättet da selbst einen neutralen Bericht dazu veröffentlicht.
Wieso denn das? Was gibt es besseres als die verschiedenen Standpunkte darzustellen? Denken musst du dann schon selber.
Ein "neutraler Bericht" hätte sich doch dem Vorwurf der Einseitigkeit ausgesetzt. Woher wüsstest du, dass der Bericht "neutral" ist?
Aber so bekommt meiner Meinung nach, nur Collabora die Möglichkeit sich öffentlich kundzutun, und TDF gerät da in den Hintergrund. Ist halt eine Schlammschlacht. Wen man nach den Antworten von TDF es so gelassen hätte, wäre alles gut aber so hat dann doch wieder die Firma das letzte Wort erhalten. Und Gott sei Dank, muss noch jeder selbst Denken und sich eine Meinung dazu bilden. Was aber einige dann doch nicht tun.
Mir gefällt diese Gegenüberstellung sehr, auch wenn das Thema wahrscheinlich etwas zu kompliziert für nur einen Artikel ist.
Ein Verbesserungsvorschlag meinerseits: könntet ihr das nächste Mal zusätzlich die originalen englischen Kommentare veröffentlichen? (Zum Beispiel Artikel 2 Mal, einmal übersetzt einmal nicht) Ich denke die meisten hier sind der englischen Sprache mächtig und gerade wenn es um emotionale Themen geht verlieren Übersetzungen oft ihren Tonfall
Auf jeden Fall danke für den ausführlichen Artikel!
Man mag mich gerne berichtigen, aber mich lässt der Eindruck nicht los, dass wo jetzt breites, öffentliches Interesse an einer O365-Alternative besteht, das Fell des Bären neu verteilt werden soll. Stört da die "lahme" Foundation?
Zwei Streithähne gehen aufeinander los. Wer da eine sachliche Auseinandersetzung erwartet ist fehl am Platz. Wie bei Mozilla und TDF hat sich die Konstruktion der Stiftung als hinderlich für eine sinnvolle Entwicklung gezeigt. Auch den Entwicklern zu viel Mitsprache zu erlauben leitet das Produkt in eine falsche Richtung. Einzig und allein die Zielgruppe, die Nutzer, sind entscheidend. Man sieht auch eine Parallität zu Linux. Auch dort nehmen die Entwickler meist keine Rücksicht auf Bedürfnisse der Nutzer (dort sind zudem och die Interessen von IBM/RedHat und Suse im Spiel). Die Zielgruppe von Collabra ist nicht die breite Masse. Und die der TDF? Mir zumindest unbekannt. Ich habe mich vom sperrigen LibreOffice schon lange verabschiedet. Das Produkt war einfach in der Anwendung sperrig.
Schwer sich zu positionieren, am besten lässt man es erst mal bleiben und konzentriert sich auf die nächsten Schritte und Vorschläge die vermutlich bald folgen werden.
Was mir persönlich aber auffällt ist
Gewinnorientierte oder auf Gewinne angewiesene Teilnehmer müssen auf anderen Wegen zu bezahltem Support kommen. Ich wünsche es ihnen bzw. ist deren Gewinn genauso wichtig für das Projekt wie der FOSS-Geist selbst. Es läge meines Erachtens im Interesse aller, wenn Gewinne in die Software zurückfließen, Banner oder Labels wie "Personal Edition", o. ä. sollte aber in LO selbst nicht enthalten sein. Es müssten andere Wege gefunden werden, wie sich Unternehmenskunden an den Kosten beteiligen. Was sie zweifelsohne tun sollten.
Beim "Euro Office" fragte ich mich weshalb man nicht auf LO/Collabora setze. Vielleicht ist dieser Zank einer der möglichen Gründe.
So wie ich diesem Artikel gelesen habe, bin ich der Meinung, dass der gesamte Text hätte verworfen und von Grund auf neu geschrieben werden sollen, nachdem die Stellungnahmen von TDF eingetroffen sind. Es scheint als würde es so viele Fakten geben, über die sich der Autor und TDF nicht einig sind. Zumindest hätten diese geklärt werden müssen. Und die Tatsache, dass generative AI im Banner benutzt wird und dass einige Aussagen (wie jene zum Forum) ohne Verweis getroffen werden, lässt mich an allen Quellen zweifeln und mich fragen, wie viel davon tatsächlich wahr ist und nicht nur halluziniert.
An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal einen großen Lob an das GNU/Linux.ch Team aussprechen, das ebenfalls der Ansicht war, dass der Artikel zu einseitig formuliert worden ist und daraufhin kontakt mit TDF aufgenommen hat. Das macht den Text im ganzen zwar nicht besser, aber deutlich harmloser, da so nun zumindest jeder seine eigene Meinung deutlich besser bilden kann.
Volle Zustimmung zu diesem Kommentar. Aus meiner Sicht trifft außerdem dieser Satz in der Einleitung "Der Artikel ist gut geschrieben und sehr ausführlich." nur mit seinem zweiten Teil zu. Zumindest wenn man mit "gut geschrieben" auch eine inhaltlich solide Recherche mit Quellenangaben meint. Sprachlich gut auf ein Ziel hin geschrieben, ja das ist er. Wer seine Meinung kundtun möchte schreibe einen kurzen und als solchen gekennzeichneten Meinungskommentar aber nicht dutzende unbelegte Tatsachen.
Eigentlich hätte das Titelbild mich tatsächlich vorwarnen können, was den Text des Hauptautors angeht - aber ich muss zugeben, dass ich den AI Slop gar nicht mehr groß beachte, und vermutlich geht es den meisten so...
Aber ja, ich will auch nicht so klingen als wäre der Text hier ganz nutzlos - durch die eingefügten Antworten beider Seiten ist der Streit, der ja scheinbar schon Jahre schwelt immer noch besser zusammengefasst als ihn in irgendwelchen Foren nachzuvollziehen.
Was sage ich nun zum Inhalt des Streits selbst? Ohne dass die rechtlichen Kernstreitpunkte offen auf dem Tisch liegen, kann ich mir weiterhin kein genaues Bild machen (und natürlich werden selbst dann die juristischen Feinheiten nicht einfach sein). Ich bin aber immer "biased" gegenüber sachlichen Argumenten. Ich habe bisher Libre Office genauso geschätzt wie den moderneren Ansatz von Collabora Office, das aber im Umfang noch lange nicht mithalten kann. Aktuell nutze ich Libre Office auf dem PC und Collabora auf dem Handy. Aber privat bin ich nur Gelegenheitsnutzer, ich tue mich schwer eine enge Verbundenheit mit einer Textverarbeitung oder einem Tabellenkalkulationsprogramm zu entwickeln. Sollte also eines oder sogar beide Projekte nun den Bach runtergehen, statt dass man sich weiter zumindest gegenseitig befruchtet und anspornt, so werde ich mich auch nicht scheuen, Projekte wie den neuen OnlyOffice-Fork auszuprobieren. Für den Ruf von FLOSS insgesamt wäre ein Scheitern insbesondere des selbst bei Laien sehr bekannten Libre Office-Projekts nicht gut.
Wenn ich mir die Webseite von Collabora ansehe wirkt es auf mich halt so als ob LibreOffice zu einem Microsoft Office-Klon gemacht werden soll inklusive dem Geschäftsmodell. Und wie dadurch langfristig irgendetwas besser werden soll ist mir schleierhaft.
Zum Glück gibt's LaTeX...
So richtig hab ich nie verstanden wieso collabora an LibreOffice arbeitet und wie sich diese Arbeit für die Firma rentiert. Gemeinnützigkeit und Kommerz schließen sich m.M.n. aus und es ist gut, wenn nicht zusammen ist, was nicht zusammen gehört.