Rauschen im Office-Wald

  Ralf Hersel   Lesezeit: 3 Minuten  🗪 13 Kommentare Auf Mastodon ansehen

ONLYOFFICE beklagt Lizenzverletzung durch Euro-Office. Die Document Foundation zankt sich mit Collabora über Meritokratie. Und wir halten eine Recherche zurück.

rauschen im office-wald

Vom Gezänk zwischen der Manjaro-Community und der Manjaro GmbH & Co. KG hört man seit zwei Wochen nichts mehr, was ich als positives Zeichen werte. Vermutlich hat man sich darauf geeinigt, dass öffentlich ausgetragene Streitigkeiten dem Projekt mehr schaden als nützen. Ich nehme an, dass wir im Laufe der nächsten Wochen eine Bekanntgabe der beteiligten Parteien sehen werden, in der sie ihre Pläne für die zukünftige Zusammenarbeit vorstellen werden.

Ganz anderes vernimmt man von den freien Office-Lösungen.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass!

In der letzten Woche wurde bekannt, dass ein Konsortium (Nextcloud, Ionos und weitere) unter dem Namen Euro-Office das lettische ONLYOFFICE forkt. Darauf reagierte die ONLYOFFICE-Firma Ascensio System SIA am 30. März 2026 mit einem Blogpost, in dem Euro-Office ein Bruch der Lizenzbedingungen vorgeworfen wird. ONLYOFFICE steht unter der AGPL v3 Lizenz, die durch weitere Klauseln ergänzt wurde, was zulässig ist. Doch gerade um diese Zusätze dreht es sich bei den Streitigkeiten.

Um es kurz und verständlich zu machen: Diese Zusätze enthalten zwei widersprüchliche Klauseln:

  1. Das ONLYOFFICE-Logo muss erhalten bleiben.
  2. Das ONLYOFFICE-Logo darf nicht verwendet werden.

Das stelle ich hier stark vereinfacht vor, ohne es juristisch korrekt wiederzugeben. Mir geht es darum, aufzuzeigen, dass sich der Streit nicht um die Lizenz selbst dreht, sondern um den widersprüchlichen Anhang. Für widersprüchliche Klauseln in Vertragswerken kennt das Zivilrecht in den europäischen Ländern klare Regeln, die ich ebenfalls stark verkürzt so erklären möchte:

Bei widersprüchlichen Formulierungen wird die Klausel gegen die Partei ausgelegt, die sie formuliert hat (§ 305c BGB). Unerfüllbare Bedingungen werden nichtig, ohne die übrigen Vertragsteile zu beeinträchtigen (Salvatorische Klausel).

Somit sehe ich das Euro-Office Konsortium klar im Vorteil. Die Ascensio System SIA kann zwar Widersprüchliches an die AGPL anhängen, doch dieses entfaltet keine Wirkung.

Meritokratie-Utopie

Beim zweiten Fall sind sich die Document Foundation (TDF) und das Unternehmen Collabora Productivity in die Haare geraten. Dabei geht es im Wesentlichen um meritokratisches Hierarchie-Geplänkel, wie es in FLOSS-Projekten häufig vorkommt:

  • Wer bezahlt, bestimmt.
  • Wer das Produkt baut, bestimmt.

Meiner Meinung nach, sind das überflüssige Sandkastenspiele. Doch was bedeutet Meritokratie?

Meritokratie (das Verdienst) ist eine Herrschaftsform, in der Personen aufgrund ihrer gesellschaftlich bzw. institutionell anerkannten, individuellen Leistungen oder besonderer Verdienste ausgewählt werden, um führende Positionen als Herrscher, sonstige Amtsträger und Vorgesetzte zu besetzen. Im Idealfall nimmt jedes Mitglied der Gesellschaft mit dem Nachweis seines Könnens eine verdiente Position ein. 

Der letzte Satz in dieser Wikipedia-Definition führt die Meritokratie ad absurdum. Im Idealfall ist eine Entwicklerin eine gute Entwicklerin und nicht zwingend eine gute Buchhalterin. Im Idealfall ist ein Fundraiser ein guter Fundraiser und selten ein guter Software-Entwickler. Ein erfolgreiches Projekt beruht auf den Fähigkeiten von vielen Personen und der Zusammenarbeit zwischen ihnen.

Die Idee der Meritokratie ist leider im FLOSS-Umfeld weitverbreitet, obwohl sie gegen alles spricht, was Freie Software erfolgreich macht:

  • Arbeitsteilung
  • Fokussierung auf das eigene Können
  • Zusammenarbeit und Teilen
  • Flache Hierarchien und demokratische Prinzipien

Eigentlich wollten wir eine ausführliche Recherche zum TDF-Collabora-Drama am Ostermontag veröffentlichen. Wir haben uns dagegen entschieden, weil dieser Artikel zu einseitig ist. Stattdessen haben wir Kontakt mit der Document Foundation aufgenommen und vorgeschlagen, eine Gegendarstellung für jedes Kapitel des Collabora-nahen Artikels zu schreiben. Damit möchten wir zu einer ausgewogenen Berichterstattung zu einem kritischen Thema beitragen. Da der Originalartikel sehr ausführlich ist, kann es ein paar Tage dauern, bis die TDF auf jedes Kapitel angemessen antworten kann.

Titelbild:

https://pixabay.com/photos/laptop-woman-education-study-young-3087585/

https://freesvg.org/folders-selection-vector-image

Quellen: im Text

Tags

Office, OnlyOffice, euro-office, LibreOffice, Collabora

Nick
Geschrieben von Nick am 7. April 2026 um 10:53

Bin unsicher, ob ich das Problem -bei zugegebenermassen oberflächlicher Lektüre meinerseits- korrekt verstanden habe:

Die Regelung, ein Logo gleichzeitig zu verwenden und gleichzeitig nicht zu verwenden, erscheint auch mir klar widersprüchlich. Den Eigentümer zu befragen, was denn nun gelten soll, um es einstweilig nicht zu verwenden, erschiene mir schlüssig.

Allgemein sollte gelten, wer bezahlt darf zumindest mitbestimmen, oder zumindest seinen Senf dazugeben, und es muss natürlich "im FLOSS-Umfeld" auf eine möglichst gute Lösung hinauslaufen. Dass etwa ein "Fundraiser" ein guter Fundraiser sein darf, insbesondere weil er ein guter Fundraiser ist, klingt für mich...

...lediglich konsequent.

Dirk
Geschrieben von Dirk am 7. April 2026 um 13:58

Der wichtigste Satz im Artikel: "Die Ascensio System SIA kann zwar Widersprüchliches an die AGPL anhängen, doch dieses entfaltet keine Wirkung."

Inzwischen haben sogar die Verfasser der (x)GPL eine Stellungnahme zu dem konkreten Fall abgegeben und die sehen es ganz genau so. Sie sagen, der Grund der Lizenz besteht darin den Source Code frei verfügbar zu machen. Und das kann man eben nicht einfach nach seinem eigenen Gutdünken mit irgendwelchen weiteren "Vorgaben" oder "Verpflichtungen" Verknüpfen und damit erweitern. Also eigentlich ist der Fall recht klar.

Nick
Geschrieben von Nick am 8. April 2026 um 09:32

Danke. Die europäischen 'klaren Regeln' zu widersprüchlichen Klauseln in Vertragswerken machen den Quatsch natürlich primär in Europa unwirksam.

Klar muss darüber hinaus sein, dass es generell unwirksam sein muss, und mit solchen 'Stunts' nicht mit Vorsatz "Sand ins Getriebe" gestreut wird –wie Du sagst, "Grund der Lizenz, den Source Code frei verfügbar zu machen", und somit falls erforderlich "forkbar".

Das Logo sollte natürlich nicht verwendet werden, bzw. nur freiwillig.

Newsleser
Geschrieben von Newsleser am 7. April 2026 um 12:42

Ich finde es eine Frechheit, dass ihr Recherchen zurückhaltet. Die DF hätte ja auch im Vorfeld mal was sagen können dazu. Unabhängig ist was anderes.

Herbert Hertramph
Geschrieben von Herbert Hertramph am 7. April 2026 um 13:19

Das ist ein Standardvorgehen in der journalistischen Arbeit: Bei jeder Recherche wird dem Kritisierten Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben. Es liegt an ihm, ob er dem nachkommt oder nicht, was dann auch im Artikel vermerkt werden kann. Finde es auch aus einem anderen Grund gut: Wenn es Probleme mit beliebten Programmen gibt, geraten die Anwender rasch in Panik. "Was mache ich nur ohne Produkt XYZ?! Wer kennt eine Alternative?! Hilfe, die Welt geht unter!" - Von daher finde ich eine ausgewogene Darstellung eines Sachverhalts besonders wichtig.

cgdi
Geschrieben von cgdi am 7. April 2026 um 14:59

Sehr widersprüchlich oder kompliziert ist das bei Onlyoffice nicht. Man kann sich das Lizenzdokument mit Grundkenntnissen Englisch einfach selbst durchlesen und feststellen, dass Ascensio nur Schmarrn erzählt und es auf die Frage, wie man ein Logo gleichzeitig verwenden und nicht verwenden kann, überhaupt nicht ankommt. Das Problem bei Libreoffice ist da leider viel schwieriger, und es spricht sehr für euch, dass ihr nochmal sorgfältig nachrecherchiert, anstatt nur den Standpunkt von Collabora zu übernehmen.

Tim S
Geschrieben von Tim S am 7. April 2026 um 16:22

Bin schon sehr gespannt auf euren Artikel zur Libre-Office-Thematik! Bisher habe ich das Gefühl beide Seiten irgendwie verstehen zu können, aber wirklich in die Tiefe eingestiegen bin ich da bisher nicht.

Robert
Geschrieben von Robert am 7. April 2026 um 18:39

Hat zwar nichts mit Office zu tun, aber erinnert mich daran: Zurzeit gibt es mehrere Threads im Fediverse von GrapheneOS die gegen eine andere Partei schießen. Wollt ihr dazu mal was machen? Mich würden die Hintergründe und beide Seiten interessieren.

Christoph
Geschrieben von Christoph am 9. April 2026 um 10:14

Also, ich habe nicht verstanden, warum die Idee der Meritokratie für freie Software aus Prinzip völlig absurd sein soll. Das hängt doch von verschiedenen Faktoren ab. Eine Stiftung muss ebenfalls nicht zwangsläufig funktionieren ebenso wenig wie eine Firma oder eine Gemengelage aus verschiedenen Organisationsformen. Das mal so schnell nebenbei zu behaupten, ist weder gerechtfertigt noch fundiert, sondern ein möglicherweise grundsätzlicher Denkfehler.

David
Geschrieben von David am 9. April 2026 um 12:16

Wo stünde denn jetzt mehr zu dem Streit zwischen TDF und Collabora Productivity oder bin ich von Blindheit getroffen und sehe es einfach nicht? Ich vermisse den Link dazu, ist doch das Mindeste anzuzeigen, worauf man sich bezieht. Als Leser steh ich im Regen und vermutlich viele andere auch. Auch als Publizierer sollte man sich auch Gedanken um die Zeit seiner Leser machen und nicht erwarten dass alles sich herumgesprochen hat. Die Dialogbasis fehlt dann auch um nützliche Kommentare entgegen nehmen zu können. Denn was hat der Autor im Netz darüber gelesen und was der Leser. Das kann sehr unterschiedlich sein. Der Leser kann nicht mit der Informationsbasis der Autors abgleichen.

Das Titelbild könnte Geschlechterklischés verstärken.

Ephraim Admin
Geschrieben von Ephraim am 9. April 2026 um 16:07

Der Blogpost von Collabora: https://www.collaboraonline.com/blog/tdf-ejects-its-core-developers/

Das sind die beiden der TDF: https://blog.documentfoundation.org/blog/2026/04/05/lets-put-an-end-to-the-speculation/ https://blog.documentfoundation.org/blog/2026/04/07/our-sense-of-meritocracy/

Das Titelbild ist einfach ein normales Stockbild. Auf jeden Fall ist es aber nicht in irgendeiner weise sexistisch gemeint.

David
Geschrieben von David am 9. April 2026 um 18:24

Vielen Dank!

werschreibt
Geschrieben von werschreibt am 13. April 2026 um 12:44

Dann aber bestimmt rassistisch. 😵‍💫 Man, kann aber auch wirklich überall was hineininterpretieren …

Und wer setzt sich bitte für den armen Bleistift ein?