20 Jahre Open Document Format

  Ralf Hersel   Lesezeit: 4 Minuten  🗪 6 Kommentare Auf Mastodon ansehen

Der Dateistandard ODF ist herstellerneutral und kann unter einer freien Lizenz genutzt werden. In Bezug auf digitale Souveränität gibt es viele Argumente, die für das Format sprechen. Allerdings wird auch Kritik daran geäussert.

20 jahre open document format

Geburtstag

Der weltweit genormte quelloffene Standard für Dateiformate von Bürodokumenten wie Texten, Tabellendokumenten und Präsentationen, feierte seinen 20. Geburtstag. Am 3. Mai 2006 erfolgte die einstimmige Annahme des Entwurfs des Open Document Format (ODF) als internationaler Standard. ODF wurde am 30. November 2006 unter der ISO/IEC 26300 freigegeben.

ODF ist ein lizenzfrei implementierbares Dateiformat, das auf XML basiert. Es ist offen und gut dokumentiert. Bekannt sind verschiedene Dateiendungen des Standards:

  • odt (Textdokumente)
  • ods (Tabellenkalkulation)
  • odp (Präsentationen)
  • odg (Zeichnungen)
  • odf (Formeln)

Als Standarddateiformat wird es von freien Anwendungen wie LibreOffice, Collabora Online und Apache OpenOffice verwendet.

ODF bietet den Vorteil, dass es Herstellerneutralität, Archivierungsrobustheit und Interoperabilität im Open-Source-Bereich bietet. Im Hinblick auf eine digitale Souveränität, die viele Regierungen und Unternehmen anstreben, ist der Standard aufgrund der Hersteller- und Lizenzunabhängigkeit zu empfehlen. Behörden und der öffentliche Sektor in Deutschland und vielen anderen Ländern raten daher, ODF einzusetzen.

Im Deutschland-Stack wird ODF als Standarddateiformat ausdrücklich erwähnt. Europäische Länder wie Frankreich, Grossbritannien, Belgien und die Niederlande sowie die EU-Kommission befürworten das ODF‑Format. In Ländern ausserhalb Europas wie Brasilien sind offene Dateiformate wie ODF gesetzlich vorgeschrieben.

Obwohl ODF in zahlreichen Ländern als empfehlenswert angesehen wird, stellen verbindliche Vorgaben die Ausnahme dar. Im Alltag dominieren immer noch die Microsoft-Office-Formate. Der Trend zur digitalen Souveränität eröffnet jedoch die Möglichkeit, dass ODF eine grössere Marktdurchdringung erreicht.

Die Document Foundation feiert das zwanzigjährige Bestehen von ODF mit Veröffentlichungen und Community-Veranstaltungen. Die LibreOffice-Konferenz räumt ODF einen gesonderten Themenbereich ein, dessen Ausgestaltung in enger Abstimmung mit dem Technischen Komitee von OASIS erfolgt.

Falls ihr etwas mehr dazu lesen möchtet (insbesondere über das Format-Gezänk mit Microsoft), empfehle ich diesen Heise-Artikel.

Kritik

So schön ich das Durchhaltevermögen der Document Foundation und des OASIS-Gremiums finde, und so schön es ist, Geburtstage zu feiern, gibt es dennoch ein paar Kritikpunkte.

Wenn sich Staaten und Staatengemeinschaften (EU) auf einen Standard einigen oder einen solchen zur Regel machen möchten, heisst das noch lange nicht, dass das Papier die Tinte wert ist (sagt man das so?). Wer den de facto Standard von Microsoft in Europa ablösen möchte, benötigt einen langen Atem oder rigide Vorgaben. Dabei spricht alles für ODF und gegen die Formate aus Redmond: Herstellerunabhängigkeit, eine klare Spezifikation, Produktunabhängigkeit. Doch ich höre die falschen Argumente aus der Elternschaft und aus den Unternehmen:

  • Meine Kinder sollen in der Schule die Produkte lernen, die sie später im Beruf brauchen.
  • In unserer Firma lassen wir uns nicht von Ideologien lenken. Wir setzen auf den Industriestandard.

Beide Argumente sind grundfalsch und gefährlich. Schüler sollen Textverarbeitung anstatt MS-Word lernen. Damit sind sie breiter aufgestellt als durch eine Produktschulung. Wer weiss denn, was in 10 Jahren im Beruf verlangt wird? Das Argument der Firmen ist noch gefährlicher, weil ihnen niemand garantiert, dass eine docx-Datei in ein paar Jahren von irgendeiner Software gelesen werden kann. Oder wenn Donnie entscheidet, dass Microsoft-Produkte für Europa nicht mehr zur Verfügung stehen. Oder wenn die Lizenzkosten von einem KMU nicht mehr finanziert werden können.

Leider zweifle ich daran, dass meine Argumente verstanden und in konkrete Handlungen umgesetzt werden.

Standards kommen, um zu bleiben. Ich stelle mir die Frage, ob ein Standard, der seine Ursprünge in den 90er-Jahren hat, heute noch zeitgemäss ist. Office-Formate, die in den 90er-Jahren erfunden wurden, würde man heute als falsch verstandene Digitalisierung bezeichnen. Die meisten Formate bilden das Analoge auf das Digitale ab:

  • Das Format einer Textverarbeitung portiert das Schreiben von Briefen auf normiertem Papier. Wer interessiert sich denn für Seiten und Seitennummern?
  • Die Tabellenkalkulation bildet analoge Rechenblätter ab. Zugegeben, dieses Beispiel ist nicht offensichtlich.
  • Präsentationsgrafiken imitieren Folien, die man einst auf Overhead-Projektoren gelegt hat.

Hinzu kommen die vergoldeten Griffe. Alle Office-Anwendungen – und damit auch die zugrundeliegenden Formate – sind over-engineered. Niemand braucht den Funktionsumfang von LibreOffice oder Microsoft-Office, ausser man möchte das Analoge reproduzieren.

Selbstverständlich gibt es Anwendungen und Formate, die die analoge Welt hinter sich lassen:

  • Textverarbeitung: Markdown (ja, das ist nicht standardisiert)
  • Tabellenkalkulation: Dazu fällt mir nichts ein. Kann von mir aus bleiben, solange man keine Datenbanken damit erstellt.
  • Präsentationen: Unendliche Weiten (auch das ist noch nicht standardisiert). Beispiele: Sozi, Prezi.
  • Formulare: Schon wieder ist kein moderner Standard in Sicht. Kommt mir nicht mit PDF, das ist ein Standard aus der Hölle.

Ich wünsche mir, dass Produktivitätsformate für die heutige Welt neu gedacht und standardisiert werden.

Titelbild: https://blog.documentfoundation.org/wp-content/uploads/2026/05/chooseodf-1024x559.png (modifiziert)

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/OpenDocument

https://www.open-std.org/keld/iso26300-odf/is26300/iso_iec_26300:2006_e.pdf

https://www.oasis-open.org/tc-opendocument/

https://www.ecmguide.de/news/odf-feiert-20jaehriges-jubilaeum/

https://www.heise.de/hintergrund/Am-Ende-der-Sieger-Das-Open-Document-Format-ist-der-Standard-11287440.html

Tags

ODF, Open Document Format, LibreOffice, Document Foundation

Karl Voit
Geschrieben von Karl Voit am 12. Mai 2026 um 09:15

Mir ist schon klar, dass das nun leider nur die Vollnerds anspricht aber das Ganze kann man sogar noch weiterspinnen im Sinne eines Informations-zentrierten Systems https://karl-voit.at/2017/02/10/evolution-of-systems/ wo einem Programme als auch Dateiformate immer unwichtiger werden.

In meinem Fall praktiziere ich das mit Org-mode https://karl-voit.at/orgmode/

Damit sind mir inzwischen sogar Dateien weitestgehend egal geworden, da in meinem Personal Knowledge Managment (PKM) Tabellen mit Spreadsheetfeatures gleich neben Diagrammen/Bildern und annotierten PDFs, Todos/Tasks/Projekte neben Listen, usw. kunterbunt nach Thema sortiert herumliegen.

Bei Bedarf kann ich in alle relevanten Formate (inkl. ODF) exportieren - nicht zuletzt auch dank pandoc. Das ist auch durch ein sehr nettes LibreOffice-Feature super cool für Office-Dokumente, die einer bestimmten entsprechen müssen: https://karl-voit.at/2017/12/17/pandoc-docx-reference/

Damit spare ich mir auch all die haarsträubenden Probleme in der Praxis, die sich durch das Markdown-Chaos ergeben ein: https://karl-voit.at/2025/08/17/Markdown-disaster/ (beruflich muss ich mit dem MD-Chaos leider viel arbeiten)

Aber ja: schön ist es, wenn man in der Ausbildung möglichst viele verschiedene (offene) Technologien lernt, damit man die Grundlagen aufbaut und sich nicht schon gleich am Anfang auf ein proprietäres Ding geistig einsperrt. Danach kann man beliebig kreativ werden, wenn man möchte.

Dieter Meier
Geschrieben von Dieter Meier am 12. Mai 2026 um 10:12

Die Kinder sollen LaTeX lernen!

Reto
Geschrieben von Reto am 12. Mai 2026 um 10:12

Ich teile die Gedanken. Die Hoffnung ist, dass wir mit fortschreitender Digitalisierung mehr zu einem Content-First-Ansatz kommen und uns davon weg bewegen Dokumente als digitales Papier zu sehen. Das macht dann auch einfache und offene Formate attraktiv: z.B. Markdown, CSV, JSON etc. Dateiformate wie ODF sehe ich höchstens für den Übergang und im Kontext digitaler Unabhängigkeit als Austausch- und Archivformat wichtig. Generell sollte unser Arbeiten aber stärker struktur- und inhaltsgetrieben als layoutgetrieben sein. Was wir unseren Kindern und Enkeln - hier stark eingegrenzt auf den Kontext von Dokumenten(!) - selbst und in der Schule mitgeben sollten:

  • Dokumentenverwaltung statt Textverarbeitung, Datenanalyse statt Tabellendesign, Präsentationslogik und -didaktik statt Foliendesign.
  • 10‑Finger‑Schreiben ist noch lange eine unschlagbare Kulturtechnik: schnell, hervorragend such- sowie weiterverarbeitbar - entgegen Tablet-Krücken mit Stifteingaben für Unterricht, Vorlesung, Meeting (Spracheingabe/-verarbeitung wird zunehmen). So gewinnen wir Interoperabilität, Langlebigkeit und schlanke Werkzeuge – ohne in die 90er‑Jahre‑Metaphern zurückzufallen.
Reto
Geschrieben von Reto am 12. Mai 2026 um 10:18

@Ralf: den letzten Satz meines Kommentars bitte aus der Aufzählung als Schlusssatz herauslösen.Dank und Gruß!

Nick
Geschrieben von Nick am 12. Mai 2026 um 20:44

In der belgischen Niederlassung einer US Firma habe ich mal erlebt, wie mit zwei Versionen von "MS-Word" –hauseigene!– Dokumente sich blöderweise nicht lesen ließen.

Sobald man die Datei dekomprimierte, ließ sich seinerzeit der Inhalt .."freilegen". Eine in "Excel 95"(?) hin gestöpselte Formelsammlung hatte ich mir mal zerlegt, als es galt mit "Excel 97"(?) weiter zu arbeiten. Seither arbeite ich nur noch mit Latex Formelsatz.


Mit den "Vorlagen in Pandoc" hat der Karl recht, und würde Markdown alle scheinbaren "Schwierigkeiten" lösen, würde auch niemand da irgendeinen Kram noch mit ran flanschen.

TROTZDEM: Beschränkt man sich aufs Wesentliche, auch wenn man leider keinen Org-mode hat, kann man aus Markdown mit Pandoc über eigene "Templates" [1] u.a. Text und Präsentationen erzeugen, jederzeit auch als ODF, aber -falls erforderlich- auch als Latex File.

Zeichnungen und Tabellen [2] könnenmüssen aber nicht– "Mehraufwand" erfordern: Vektorgraphik läßt sich umwandeln und verpacken, letzteres gilt auch für Pixel. Tabellarische Ausgangsdaten können sql, csv sein, und als Zwischenformat evtl. json.


[1] gnulinux.ch/mark-up-my-word-pandoc-templates-fuer-docx

[2] Termine - Hier ohne Org-mode. ODF -würde ich vermuten- kann nicht ohne weiteres Termine und Kontakte verwalten, bzw. würde man das –quasi als "Zwischenlösung"– in irgendwelchen "Tabellen" vorhalten.

BuffaloBill
Geschrieben von BuffaloBill am 13. Mai 2026 um 06:56

Phu das ist wiedermal idelogisch gefärbt. Frage: Wer garantiert mir denn, das mein docx in 10 Jahren noch gelesen werden kann? Antwort: LibreOffice (Ja, das ist gemein, aber technisch ein Fakt), oder WPS Office, oder Textmaker oder....(Setzte hier jedes andere Office paket ein) Jetzt drehen wir das mal um: Frage: Wer garantiert mir denn, das mein odf in 10 Jahren noch gelesen werden kann? Ja Microsoft Office kann auch ein bischen ODF, aber die unterstützung ist eher rudimentär. Also eigentlich nur LibreOffice und dessen Klone. Selbst bei OnlyOffice ist ODF eher exot und wird nur mit Mühe unterstützt - vieleicht ändert sich das noch bevor es zum EuroOffice wird.