LilyPond - freier Notensatz

Do, 4. August 2022, David

Der Einsatz von Notationssoftware ist für Musikschaffende mittlerweile kaum noch wegzudenken. Die Anwendungszwecke sind vielfältig und reichen vom Aufschreiben kleiner Skizzen bis hin zum Realisieren von großen Besetzungen.

Bei Berufsmusikern und Verlagen haben sich hauptsächlich proprietäre Produkte wie z.B. Finale, Sibelius oder Dorico durchgesetzt. All diese Programme basieren auf dem Prinzip WYSIWYG. Ebenso tut es die Freie Software MuseScore, die aus meiner Sicht ihren Zweck durchaus erfüllt und für einfache Notationen gut geeignet ist.

Als Berufsmusiker und jahrelanger Sibelius-Nutzer, stieß ich jedoch relativ schnell an die Grenzen von MuseScore. Sehr komplexe Notationen und individuelle Layout-Wünsche konnte das Programm nicht zufriedenstellend umsetzen, ebenso wenig gefiel mir die Handhabung. Außerdem hat die Muse Group, die auch MuseScore entwickelt, mit der Übernahme des freien Audio-Editors Audacity ihre Interessen eindeutig über die der Community gestellt und dadurch mein Vertrauen gänzlich verspielt.


Wem es ähnlich geht, oder wer einfach gerne etwas Neues ausprobiert, dem sei LilyPond ans Herz gelegt. LilyPond ist eine Freie Notationssoftware und wird unter der GPL, sowie unter der GFDL veröffentlicht.

Wie funktioniert LilyPond?

Im Gegensatz zu den bereits genannten Programmen folgt LilyPond nicht dem WYSIWYG-Prinzip, sondern funktioniert ähnlich wie LaTex im Bereich Textverarbeitung. Die Noten und alle erforderlichen Informationen werden als LilyPond-Code in eine Textdatei geschrieben. Das Programm kompiliert anschließend den eingegebenen Code und gibt auf Wunsch z.B. eine PDF und eine MIDI-Datei aus.

Wie arbeitet es sich mit LilyPond?

Zugegebenermaßen ist die Lernkurve anfangs sehr steil, und man benötigt eine gewisse Einarbeitungszeit. Wer die Syntax jedoch beherrscht, kann damit sehr schnelle und präzise Ergebnisse erzielen. Die Code-Eingabe erspart das mühsame Durchsuchen von Menüs und erleichtert das Navigieren in großen Partituren.

Frescobaldi

Die Dateien nehmen kaum Platz ein und lassen sich mit jedem Texteditor bearbeiten. Gerade für den Einstieg kann ich den LilyPond-Noten-Editor Frescobaldi empfehlen. Frescobaldi ist ebenfalls Freie Software und bietet eine leichtgewichtige und zugleich mächtige Programmoberfläche u.a. mit PDF-Vorschau, Autovervollständigung und integrierter MIDI-Wiedergabe, sowie der Einbindung eigener Shortcuts. Nach meiner Erfahrung läuft LilyPond deutlich stabiler als andere grafische Notationssoftware.

Audioausgabe

Die in LilyPond erzeugten MIDI-Dateien lassen sich mit jedem MIDI-Sequenzer bearbeiten und in anderen Formaten (z.B. mp3) übertragen. Die MIDI-Sounds können durch die Einbindung eigener Soundfonts verbessert werden und klingen in meiner Konfiguration sogar hochwertiger als die mitgelieferten Sibelius-Sounds.

Zukunftssicher und kompatibel

Bei LilyPond handelt es sich um ein über viele Jahre gewachsenes Projekt mit einer großen, internationalen Entwicklergemeinschaft und einer aktiven Community. Dateien können ganz einfach zwischen verschiedenen Versionen und unabhängig vom verwendeten Betriebssystem ausgetauscht werden. LilyPond wird für GNU/Linux, Windows und MacOS angeboten.

Da der Quellcode frei zur Verfügung steht und das Programm immer weiter genutzt werden kann, werden die Dateien niemals ihre Gültigkeit verlieren. Der Verbleib meiner elektronischen Noten ist also nicht an die wirtschaftlichen Interessen eines einzelnen Unternehmens gebunden.

Bildschöner Notensatz

Eine Eigenschaft von Notationssoftware hat mich schon immer gestört. Den Noten sieht man stets an, dass sie von einem Computer gesetzt wurden. Nun ja, so soll es doch auch sein, könnte man denken. Ja schon, aber die meisten Notensatzprogramme sind primär darauf bedacht, die Positionen und Proportionen des Notentextes mathematisch präzise abzubilden.

Lange vor der Erfindung des Computers wurden Noten mühsam mit der Hand gestochen. Das Ergebnis hatte nicht die Perfektion, die wir heutzutage von computergesetzten Noten kennen. Die einzigartige Ästhetik eines handgestochenen Notensatzes unterlag ganz anderen Kriterien. Die Initiatoren von LilyPond haben die Merkmale von handgestochenen Noten minutiös analysiert und sie mit computergesetzten Noten verglichen. Alle Details dazu findet ihr im Aufsatz zur Geschichte LilyPonds.


Kurzum: LilyPond imitiert die Schönheit und Ausgeglichenheit eines handgestochenen Notensatzes und kombiniert sie mit den heutigen Maßstäben eines digitalen Druckes. Lohnt sich dieser Aufwand? Meiner Meinung nach schon. Ein gutes Notenbild trägt maßgeblich zur Aufführungsqualität von Musik bei und sollte nicht unterschätzt werden.

Sämtliche Freiheiten in der Gestaltung

LilyPond überlässt dem Nutzer sämtliche Freiheiten in der Gestaltung des Notentextes. Die Abstände, Größen und Positionen aller Objekte können exakt bestimmt werden. In dieser Hinsicht steht es den anfangs erwähnten proprietären Anwendungen in nichts nach.

Versionsschema, Dokumentation und Support

LilyPond ist in den Software-Repositories der meisten GNU/Linux Distributionen enthalten und kann dort über die interne Paketverwaltung installiert werden. Die aktuellsten Versionen stehen außerdem auf der Webseite des Projekts zum Download bereit: die stabile Version trägt eine gerade Versionsnummer, die Entwickler-Version eine ungerade Versionsnummer. Dort befinden sich u.a. auch eine Einführung, eine umfangreiche Dokumentation und Notenbeispiele. Unterstützung gibt es zusätzlich im deutschsprachigen LilyPond-Forum.

Zur Entwicklung wird die Plattform GNU Savannah genutzt. Hierbei handelt es sich um eine Entwicklerseite der Free Software Foundation, die eine freie Alternative zum populären Github darstellt.

Falls ich euer Interesse geweckt habe, probiert LilyPond einfach mal aus. Ich arbeite mittlerweile beruflich und privat fast ausschließlich mit GNU/Linux und Freier Software und möchte es nicht mehr missen.

Quellen: siehe Links im Text

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Notensatz, Notensatzprogramme, Musik, Musikanwendung, Lilypond