Zum Wochenende: Navigation und digitale Karten zwischen Komfort, Datenschutz und Gewohnheit

  Astrid   Lesezeit: 9 Minuten  🗪 2 Kommentare Auf Mastodon ansehen

Digitale Unabhängigkeit heißt Wahlfreiheit und nicht Verzicht: Frau ersetzt einen Platzhirschen schrittweise und kombiniert Komfort mit Selbstbestimmtheit – kleine Schritte statt radikaler Umstellung in Form einer Kurzgeschichte und eines Vergleiches.

zum wochenende: navigation und digitale karten zwischen komfort, datenschutz und gewohnheit

TL;DR Digitale Unabhängigkeit heißt Wahlfreiheit und nicht Verzicht: Frau ersetzt einen Platzhirsch schrittweise und kombiniert Komfort mit Selbstbestimmtheit – kleine Schritte statt radikaler Umstellung in Form einer Kurzgeschichte und eines Vergleiches. Ein Beitrag zum Digital Independence Day.

Kurzgeschichte

Wie Mama 2026 ihre Gewohnheiten ändert und dabei die Welt ein kleines bisschen besser macht

Und das zusammen mit Camperinnen über 50 in einer freien Gesellschaft!

Beim Jahreswechsel passieren zwei Arten von Dingen: Erstens: Gute Vorsätze werden geboren. Zweitens: Gewohnheiten zeigen, wie sie wirklich funktionieren. Das fiel auf, als im internen Chat der Camperinnen plötzlich die Frage auftauchte:

Nutzungsrealität vs. Idealismus – oder Gewohnheitsumstellung mit einem Kompromiss-Ansatz statt dogmatisch. Mama hat die Frage aufgeworfen.

Aber von vorne:

Mama hatte beschlossen, 2026 ihre Gewohnheiten zu ändern. Nicht alle – nur die wirklich wichtigen. Die, von denen sie seit Jahren sagt: „Das ändere ich dieses Jahr!”.

Der Auslöser war ein Dienstag. Dienstage sind gefährlich. An Dienstagen liest Mama Artikel. Diesmal über den Digital Independence Day – und direkt danach über digitale Abhängigkeiten, Navigation und warum manche App mehr über sie weiß als ihre beste Camper-Freundin Gabi, die immerhin weiß, wo Mama den Ersatzschlüssel versteckt.

„Ich will nicht, dass Google weiß, wo ich parke!“, sagt Mama. „Google weiß nicht, wo du parkst“, sage ich. „Doch!“, sagt Mama. „Vielleicht weiss man da sogar, wie schief ich stehe.“

Mama löscht Google Maps. Nicht nur aus Protest. Mehr aus Trotz.

Am nächsten Tag fährt sie mit dem Camper los. Deutsche Camperinnen über 50 sind eigentlich keine klassische Zielgruppe für digitale Unabhängigkeitsbewegungen. Sie stehen mitten im Leben, gewohnt, dass Produkte wie erwartet einfach funktionieren. Sie tragen Funktionsjacken, haben Klappstühle dabei und eine Meinung zu allem – besonders zu Apps und Benutzerfreundlichkeit. Viele haben die stressige Phase ihres Lebens hinter sich und nun Zeit, das zu tun, was sie wirklich interessiert. Manche möchten sich nicht mit vermeintlich schlechter Software abgeben; für andere ist es aber gerade jetzt wichtig, das Richtige zu tun.

„Ich nutze jetzt was Neues“, sagt Mama stolz auf dem Stellplatz. „Aha!“, sagt Brigitte. „Und funktioniert das?“. „Nein“, sagt Mama. „Aber es fühlt sich freier und richtiger an.“

Sie nutzt irgendwas, was sehr gut sein soll, aber aussieht, als hätte es ein Nerd gebaut, dem es an Einfühlungsvermögen fehlt.

„Man muss nur kurz die Layer einstellen“, sagt Mama, “so als wüsste sie genau, was sie da tut”. „Die was?“, fragte Gabi. „Egal“, sagt Mama. „Hauptsache, niemand trackt mich.“

Sie verfahren sich. Nicht absichtlich. Aus Prinzip – oder weil Mama so schlecht nachgeben kann.

Abends um die große Stumpenkerze in der Glaslaterne sitzend, diskutieren sie über Freiheit – nicht die große, sondern die praktische.

Mama meint: “Freiheit ist, wenn man offline navigieren kann.” “Oder wenn man sein Navi nicht mehr wissen lässt, dass man schon wieder an der Tanke war.” Oder wenn man einfach sagt: „Ich brauche diese eine spezielle App jetzt nicht mehr. Ich bin selbstbestimmt, weil ich mit Alternativen vertraut bin und Entscheidungsspielraum habe.“

Alle anderen meinen: “Es reicht eigentlich, wenn alles ganz einfach funktioniert.”

Mama war schon immer eine Quertreiberin – sagt Opa immer.

„Früher war ich bequem“, sagt Mama und rührt im Kaffee. „Heute bin ich bewusst unbequem.“

Alle blicken mitleidig auf sie.

Am dritten Tag installiert sie eine weitere App, die laut Kommentaren einfacher sein soll. „Das ist der Kompromiss“, sagt sie. „Ich werde nicht gleich zur Digital-Daten-Asketin. Ich will nur nicht komplett gläsern sein.“

Die Camperinnen nicken verständnisvoll. Sie kennen das. Fast jede hat irgendwann einmal beschlossen abzunehmen – ein paar Kilo weniger, für das Aussehen, die Gesundheit und die Hose, die wieder besser sitzen soll.

Die radikale Nulldiät hat nie funktioniert. Nachhaltig war es, sich erst einmal eine weitere Jeans zu kaufen und dann dranzubleiben. Irgendwann haben sich Bewegung und Gemüse dann fast unbemerkt ins Leben eingeschlichen. Wie bei der abendlichen Schokolade, nur umgekehrt. Jetzt transparent und selbstbestimmt.

Einige überlegen, es Mama gleichzutun und parallel einmal eine der anderen Apps auszuprobieren. Vielleicht erst einmal heimlich. Das mit dem Abnehmen hatte ja auch sein Gutes, obwohl es vorher bequemer war.

Mama navigiert jetzt mit zwei Apps: Eine für den Komfort, wenn es gerade wichtig ist oder sie sowieso genervt ist. Eine fürs Gewissen, wenn sie Zeit und Muße hat und sich auf Neues einlassen möchte.

Außerdem schaut sie immer mal über den Tellerrand in das große Angebot an Navigationssoftware und probiert das eine oder andere aus. Dümmer wird sie dabei nicht! Und manchmal findet sie eine Funktion, die sie so schon länger gesucht hat. GPX Tracks zeichnet sie mit OSMAnd auf, wenn sie gerade wieder ihre Smartwatch verlegt hat - diese Funktion hätte sie bei Google Maps nie gefunden. Und in Organic Maps ist es möglich, die Entfernung auch per Luftlinie zu berechnen, das gefällt ihr. Das kann Google Maps zwar auch, aber lange nicht so benutzerfreundlich.

Manchmal verirrt sie sich trotz der vielen Apps irgendwo in der Welt. Das nimmt sie billigend in Kauf, bei all dem Neuen, das sie erlebt und lernt. Das wirkt sich bestimmt positiv auf die Anzahl ihrer Gehirnzellen aus.

Außerdem landet sie dann manchmal irgendwo, wo sie sonst nie hingekommen wäre, trinkt Kaffee und schaut dabei auf ein kunterbuntes Fahrrad mit der Aufschrift: „Las únicas cadenas que te dan libertad son las de tu bicicleta. Oder: "Die einzigen Ketten, die dir Freiheit geben, sind die deines Fahrrads.“

Und sagt: „Siehst du? "Weil ich mich nicht mehr an eine App kette, ist die Welt ein kleines bisschen freier geworden.“

Und Google weiß nicht mal, wo sie gerade ist. Mama hat die Position im internen Chat der Camperinnen via Organic Maps geteilt: https://omaps.app/0n3eFEo4Q0/Kartenpunkt Halt eine Quertreiberin.

Vergleich von Apps

Mama ist natürlich nur eine Kunstfigur. Aber ihre Situation ist real – und weit verbreitet.

Navigation gehört zu den unscheinbaren, aber kritischsten digitalen Alltagsfunktionen. Kaum jemand plant heute noch eine Reise ohne digitale Karten. Ich wage zu behaupten, dass in Deutschland fast jeder täglich das Navi nutzt, obwohl er teilweise sogar den Weg kennt. So wie früher der Atlas in jedem Auto zu finden war, fährt heute immer ein Navi mit. Routenführung, Verkehrslage, Öffnungszeiten, Bewertungen – heutzutage in der Regel via Google Maps alles jederzeit verfügbar. Doch gerade hier ist die Abhängigkeit von einzelnen großen Anbietern besonders hoch.

Der Digital Independence Day lädt dazu ein, diese Abhängigkeiten bewusst zu hinterfragen – nicht dogmatisch, sondern pragmatisch.

Müssen wir wirklich Dinge, die wir als problematisch einschätzen, sofort ersetzen? Oder gibt es einen Weg, Komfort und digitale Selbstbestimmung miteinander zu verbinden? Hat digitale Selbstbestimmung mit Hilfe von freier Software anstelle von proprietärer Software vielleicht gute Seiten, die man nicht auf den ersten Blick sieht und sich deshalb ein genaueres Hinsehen lohnt?

Digitale Unabhängigkeit beginnt mit Alternativen – nicht mit Verzicht

Dieser Artikel wirft einen subjektiven Blick auf vier Navigation-Apps: Google Maps, OsmAnd, Organic Maps und Mapy. Es gibt viele mehr. Ich habe diese vier gewählt, weil sie wichtige Punkte aufzeigen, nämlich Benutzerfreundlichkeit oder “alles funktioniert out of the box”, Datenschutz und Selbstbestimmtheit.

Google Maps

Vorteile

  • Extrem benutzerfreundlich
  • Fast jeder kennt es und man kann sich gegenseitig helfen
  • Sehr zuverlässige Navigation für Auto, ÖV, Fahrrad und zu Fuß
  • Echtzeit-Verkehrsdaten, Stau- und Unfallmeldungen
  • Riesige POI-Datenbank, Öffnungszeiten, Bewertungen
  • Nahtlos integriert in Android und viele Webdienste

Nachteile

  • Vollständige Bindung an einen Anbieter
  • Umfangreiches Tracking von Standort- und Nutzungsdaten
  • Offline-Nutzung eingeschränkt
  • Geschlossene Software, keine Kontrolle über Datenverarbeitung
  • Mitmachen ist möglich. Der Konzern entscheidet allerdings, ob Ergänzungen oder Korrekturen integriert werden und ganz wichtig: wann und wem die Daten angezeigt werden.

Fazit: Google Maps funktioniert hervorragend – genau deshalb ist der Abschied so schwer. Der eigentliche „Preis“ wird nicht in Geld, sondern in Daten und mit Abhängigkeit bezahlt.

OsmAnd

Vorteile

  • Open Source
  • Über F-Droid frei verfügbar
  • Nutzt OpenStreetMap-Daten, ein Projekt, bei dem jeder mitmachen kann.
  • Datenschutzfreundlich, keine Tracker
  • Vollständig offline nutzbar
  • Sehr viele Einstellungsmöglichkeiten (Profile, Kartenstile, Navigation)
  • Keine verpflichtende Datensammlung, alle Daten können lokal bleiben.

Nachteile

  • Komplexe Benutzeroberfläche
  • Überfordert Einsteiger schnell
  • Teilweise träge Performance auf älteren Geräten
  • Einige Funktionen nur in der Bezahlversion sinnvoll nutzbar

Fazit: OsmAnd ist mächtig – aber nicht einladend. Für technisch versierte Nerds ein Traum, für Alltagsnutzer oft eine Hürde. Digitale Freiheit erfordert hier echte Lernbereitschaft und ein Überwinden der Komfortzone.

Organic Maps

Vorteile

  • Open Source
  • Über F-Droid frei verfügbar
  • Datenschutzfreundlich, keine Tracker
  • Sehr schnelle und schlanke App
  • Vollständig offline nutzbar
  • Klare, einfache Benutzeroberfläche
  • Keine verpflichtende Datensammlung, alle Daten können lokal bleiben.
  • Nutzt OpenStreetMap-Daten, ein Projekt, bei dem jeder mitmachen kann.

Nachteile

  • Keine Verkehrsdaten in Echtzeit
  • Weniger Zusatzinformationen (POIs, Bewertungen)
  • Weniger geeignet für komplexe Routenplanung

Fazit: Weniger ist mehr. Organic Maps trifft einen Sweet Spot: genug Funktionen für den Alltag, ohne Datenhunger. Ideal für Freizeit, Reisen und Navigation, bei deren Daten man mitbestimmen können möchte: Fehlt einem eine Verbindung auf der Karte oder ist etwas nicht mit der richtigen Oberfläche gemappt, kann man es in der OSM-Datenbank korrigieren oder per Note korrigieren lassen.

Anmerkung der Redaktion: Wir empfehlen, CoMaps anstatt Organic Maps zu verwenden. Die Gründe findet ihr hier.

Mapy

Vorteile

  • Sehr benutzerfreundlich
  • Schöne Karten, gute Routenplanung
  • Offline-Karten verfügbar
  • Konto nicht zwingend notwendig
  • Gute Web- und App-Version

Nachteile

  • Kein Open Source - proprietäre Software
  • Serverstandorte und Datenverarbeitung nicht vollständig transparent
  • Weniger Community-Kontrolle als bei Open Source Projekten

Fazit: Mapy ist interessant für alle, die Komfort wollen, aber den Marktführer meiden möchten oder denen ein europäischer Anbieter wichtig ist. Ein Schritt in die richtige Richtung, wenn man vorher einen fast Monopolisten nutzte – aber kein vollständiger Bruch mit proprietären Modellen.

Datenschutz, Open Source und Benutzerfreundlichkeit? Muss man sich entscheiden?

Muss man sich damit befassen und entscheiden? Sogar als sich ganz unabhängig fühlende Camperfau im Ruhestand? Hier wird es spannend – und ehrlich.

Der Anspruch, ausschließlich freie und datenschutzfreundliche Software zu nutzen, scheitert im Alltag oft an Zeitdruck, Gewohnheit und Stress. Gerade bei Navigation gilt: Sie muss unfallfrei funktionieren – zuverlässig, ohne Frust und Umwege. Jeder, der schon einmal versucht hat, andere von vermeintlich besserer Software zu überzeugen, kennt das.

Am Ende rechtfertigt man sich entweder für die vermeintlich schlechte Empfehlung oder wird zur dauerhaften Support-Hotline.

Der Digital Independence Day soll deshalb kein Tag der Selbstüberforderung sein. Vielleicht ist es eher ein Tag der Gewohnheitsänderung.

Ein möglicher Kompromiss für Platzhirschfreunde

  1. Google Maps als täglicher Begleiter auf Abruf.

  2. Mapy oder Organic Maps einmal monatlich am Digital Independence Day und immer Mal wieder zwischendurch, wenn es gerade entspannt ist

  3. Optional: OsmAnd als langfristiges Lernprojekt für mehr Unabhängigkeit.

So entsteht kein radikaler Bruch, sondern ein bewusster Übergang. Jede neue Erfahrung ist ein Schritt in Richtung digitaler Selbstbestimmung. Wissen ist Macht, weil es Alternativen möglich macht. So holt eine Gesellschaft sich Macht stückchenweise zurück!

Digitale Unabhängigkeit ist kein Schalter. Sie ist ein Weg. Und jeder Weg beginnt – mit der richtigen Karte. Und um noch eine Floskel zu beanspruchen: Der Weg ist das Ziel!

Quellen:
Das Foto mit dem Rad habe ich selbst aufgenommen.

Tags

#did #diday, Navigation, Karten

Daniel
Geschrieben von Daniel am 2. Januar 2026 um 19:19

Ich hab OsmAnd schon seit ein paar Jahren auf dem Handy, aber eine Bezahlversion? Ist mir noch nie untergekommen.

Welche Funktionen sind da denn noch zusätzlich verfügbar? Die App kann doch schon jetzt mehr, als ich jemals durchblicken werde! Ich hab die Karte damals über f-droid installiert. Kann es sein, dass da alle Funktionen einfach so funktionieren?

Ralf Hersel Admin
Geschrieben von Ralf Hersel am 2. Januar 2026 um 21:09

Doch, es gab schon immer eine (mehrere) Bezahlversionen. Siehe hier: https://osmand.net/pricing Ich selbst verwende OsmAnd Plus seit ewigen Zeiten. Irgendwann habe ich dafür bezahlt, weil mir die unbegrenzten Offline-Karten wichtig waren. Die meisten Anwender:innen sind mit der kostenlosen Version aus F-Droid mehr als gut bedient. OsmAnd ist ein Funktionsmonster. Die meisten werden diese Fülle nicht brauchen und sind mit CoMaps besser und einfacher unterwegs. Ich habe schon viele alternative Karten-Apps ausprobiert, falle aber immer wieder auf OsmAnd zurück, weil ich dann doch die eine Spezialfunktionen brauche.