Oracle Linux 8 Kurztest

Di, 16. Juni 2020, Lioh Möller

Aus gegebenen Anlass haben wir uns Oracle Linux (OL) in der Version 8.2 näher angesehen. Zunächst gestaltete sich der Download als etwas schwierig. Öffnet man die offizielle Webseite wird man nach einem Klick auf Download aufgefordert sich mit einem Oracle Account anzumelden. Diesen besitzen wir nicht und möchten wir auch nicht erstellen. Nach einiger Recherche sind wir auf einen Blogartikel von Sergio Leunissen gestossen, in dem alternative Downloadmöglichkeiten aufgeführt werden. Nach dem Herunterladen der 7.8 GB grossen ISO-Datei konnte der Test beginnen.

Die Installation ähnelt stark der von CentOS oder RHEL. Lediglich das Logo am Rand (ein Tux in Ritterrüstung) ist auffällig. Wir haben uns während der Installation für die Variante Workstation entschieden, auch wenn sich OL eher für den Serverbetrieb eignet. Nach der Installation wird man von einen First-Boot-Dialog begrüsst in dem man der Oracle Lizenz zustimmen muss. Ist dies geschehen startet der Displaymanager GDM und nach der erfolgreichen Anmeldung präsentiert sich ein GNOME-Desktop in Version 3.32.2 mit etwas sumpfigen Hintergrundbild, wobei sich dessen Farbe im Laufe des Tages ändert. Lediglich ein Icon neben den Aktivitäten und der Oracle Schriftzug deuten darauf hin, dass es sich um ein Oracle Linux handelt.

Schon nach wenigen Sekunden erscheint eine Notification, welche den Anwender ermahnt, dass man sich bei Oracle registrieren sollte um Updates beziehen zu können.

Dies ist allerdings so nicht korrekt. Die Repositories sind frei zugänglich und auch bereits vorkonfiguriert. So werden bei einem yum update bereits einige Aktualisierungen eingespielt. Wir entscheiden uns daher für die Variante ohne Registrierung.

Die Netzwerkverbindung wird wie auch bei RHEL oder CentOS nach der Installation nicht standardmässig aktiviert. Dies kann in der NetworkManager-Konfiguration angepasst werden. Dies betrifft ausschliesslich kabelgebundene Netzwerkverbindungen. Wireless LANs werden automatisch verbunden.

Einige Zeit später erhalten wir eine weitere Benachrichtigung, welche uns auf einen SELinux-Konfigurationsfehler aufmerksam macht. Hier scheint die Policy-Konfiguration nicht vollständig zu sein, was durch ein Update der selinux-policy behoben werden könnte.

Daher empfiehlt sich ein regelmässiger Blick in die von Oracle gepflegt Errata-Liste. Dabei handelt es sich wie von RHEL bekannt um Bündelungen von Updates in einem bestimmten Kontext. Eine etwaige verfügbare Aktualisierung des genannten Paketes würde auch dort aufgeführt werden.

Bei der Nutzung als Desktop/Workstation fällt schnell auf, das wichtige Pakete wie vlc nicht verfügbar sind und auch LibreOffice nicht vorinstalliert ist. Letzteres kann aus dem sogenannten Appstream Repository, welches standardmässig aktiviert ist, nachinstalliert werden. Allerdings nicht als Metapaket sondern nur als einzelne Applikationen wie zum Beispiel libreoffice-writer. GIMP ist ebenfalls in einer älteren Version (2.8.22) in den Repositories verfügbar. Bei Multimedia-Anwendungen bietet die Nutzung von Flatpaks eine Alternative. Flatpak selbst ist vorinstalliert, wobei das Flathub Repository allerdings standardmässig nicht im GNOME-Software-Center aktiviert ist. Dies kann schnell nachgeholt werden indem man das Flathub Repository File herunterlädt und mit der GNOME-Software Anwendung öffnet. Nach dem nächsten Login kann man über das Software Center eine Vielzahl von aktuellen Anwendungen wie vlc, Riot, Telegram oder eine aktuelle LibreOffice Version installieren.

Zusammenfassend bietet Oracle Linux genau das was es verspricht: einen grundsoliden RHEL-Clone. Lediglich die Aufrufe zur Registrierung und lästige SELinux-Warnungen trüben das Erlebnis etwas. Grundsätzlich ist auch ein Wechsel von CentOS auf OEL möglich, das dazu bereitgestellte Script unterstützt bisher allerdings die Version 8 noch nicht. Für Serveradministratoren stellt die Distribution eine gelungene und sichere Alternative zu CentOS dar. Desktop-Anwender müssen zwangsläufig zu Flatpaks greifen um ein nutzbares System zu erhalten. In der Kombination mit der grundsoliden Basis und den aktuellen Flatpak-Anwendungen kann auch dies durchaus eine Möglichkeit darstellen. Zu beachten ist, dass bei einer Nutzung auf einem Laptop Suspend beim Schliessen des Laptopdeckels standardmässig deaktiviert ist und manuell in der Konfigurationsdatei /etc/systemd/logind.conf eingestellt werden muss.