Im Mai 2025 habe ich berichtet, dass mein eBook-Reader "Tolino Epos 2" die Hufe in den Himmel gestreckt hat. Die Suche nach einem Ersatz hat ein Dreivierteljahr gedauert. Nun habe ich mich für den PocketBook Era zum Preis von 150 CHF entschieden. Dabei handelt es sich um ein 7-Zoll-Gerät der Firma:
Pocketbook International SA
Adresse: Crocicchio Cortogna, 6, 6900 Lugano, Switzerland
Telefon: +41 91 922 07 05
Warum schreibe ich hier über ein proprietäres Gerät? Weil es im Bereich der freien E-Book-Reader keine Geräte gibt, die man ernsthaft benutzen kann. Das ist schade, aber eine Tatsache. Wenn es eine freie Hardware zum Lesen von Büchern gäbe, wäre ich der Erste, der darüber schreiben würde.
Unboxing
Pfui, Unboxing ist auch so ein Influencer-Ding. Es interessiert doch keine Sau, wie man ein Gerät auspackt. Oder doch? Das PocketBook wird in einer schmalen Pappschachtel geliefert, die das Gerät, die rechtlich notwendigen Papiere und ein hybrides Kabel enthält:
Aufmerksamen Lesern werden folgende Dinge sauer aufstossen:
- Die Bildqualität des Covers (links) hat überhaupt nichts mit der tatsächlichen Bildqualität (rechts) zu tun.
- Der Testbericht (oben Mitte-links) der Computer-Bild (Computerbild Digital GmbH) ist eine Veröffentlichung der Axel Springer SE.
Mehr ist dazu nicht zu schreiben.
Produktqualität und Haptik
Das PocketBook Era ist eines der besten Geräte, die ich in den letzten zehn Jahren in der Hand gehabt habe. Die Verarbeitungsqualität ist ohnegleichen. Das möchte ich anhand einiger Kriterien messen:
- Material: Metallrahmen, geriffelte Gummi-Rückseite für einen guten Halt.
- Verwindung: Null
- Display: matt und daher reflexionsarm
- USB-Port: rechts an der Seite, mittig angeordnet
- Griffleiste an der rechten Seite. Damit lässt sich das Gerät so fassen, dass der Daumen nicht auf dem Display liegt.
- Schnelle Reaktion auf Tastendrücke oder Touch-Gesten. Aber nicht immer; manchmal reagiert der Reader sehr langsam. Das Muster ist mir nicht klar.
- Das Gerät ermöglicht das Hören von Audioinhalten über eingebaute Lautsprecher oder Bluetooth.
- Es gibt eine Text-to-Speech-Funktion, mit der man sich Texte vorlesen lassen kann.
Diese Schwächen sehe ich:
- Der Era hat vier haptische Tasten am rechten Rand der Griffleiste (rechts, oben) (nicht an der Seite). Dieses Design ist optimal, wird aber von der Firma PocketBook nur halbherzig implementiert. Es gibt vier Tasten:
- Oben schmal: Ein-/Aus-Taste mit weiteren wichtigen Funktionen während des Lesens
- Mitte oben breit: Nächste Seite
- Mitte unten breit: Vorherige Seite
- Unten schmal: Hauptmenü
- Der Hub der oberen und unteren Tasten ist zu gering. Diese Tasten drückt man, ohne zu wissen, ob man sie gedrückt hat.
- Im völligen Gegensatz dazu sind die beiden mittleren Tasten (zum Blättern) ergonomisch optimal kalibriert, weil deren Hub ein Zehntelmillimeter höher ist, als die äusseren Tasten.
- Ein 7-Zoll-Format mit Griffleiste ist vermutlich das Optimum für die meisten Leser. Mein vorheriges Gerät (Tolino Epos 2) hatte 8 Zoll und eine Griffleiste. Ich meine, dass 8 Zoll besser als 7 Zoll sind, aber das ist eine Frage der Hosentasche.
Wer sich einen eBook-Reader in dieser Kategorie kaufen möchte, sollte sich auch den Tolino-Epos-3 ansehen, der 100 CHF teurer ist. Verkennt bitte nicht, dass dieses Produkt eure Privatsphäre genauso mit Füssen treten wird.
Die materielle Produktqualität ist hervorragend. Das ist keine Plastikzumutung, sondern eine Fertigung, die man von einem Schweizer Unternehmen erwartet. Daumen hoch für die Handwerker in Lugano! Zur Akkuleistung kann ich nicht viel sagen. Seit ich das Gerät im Dezember gekauft habe, musste es noch nicht ans Ladegerät.
Inbetriebnahme
Eine Anmeldung ist nur dann nötig, wenn man den integrierten eBook-Shop, die PocketBook-Cloud oder Dienste wie „Send-to-PocketBook“ nutzen will. Zum reinen Lesen von E-Books, die man per USB aufspielt (oder z.B. aus Calibre überträgt), muss kein Konto angelegt werden und man kann das Gerät vollständig offline nutzen.
Meldet man sich doch an, geschieht das während der Inbetriebnahme. Es werden die üblichen Informationen abgefragt: Konto anlegen, Sprache auswählen, Firmware-Update machen, usw. Danach kann man die WLAN-Verbindung abschalten, falls man keine Bücher aus dem angebundenen Buchladen beziehen möchte. Da ich meine Bücher ausschliesslich aus der örtlichen Bücherei (Onleihe) beziehe, kann ich zum integrierten Buchladen nichts sagen.
Bedienung
Im Standby-Modus sieht der Reader so aus, wie es auf dem Foto im Kapitel "Unboxing" zu sehen ist. Ich finde diesen Off-Bildschirm uninspiriert und nichtssagend. Das Gerät wird mit einem 2-Sekunden-Druck auf die oberste Taste in der Seitenleiste eingeschaltet. Wie bereits erwähnt, hat diese Taste einen sehr geringen Hub, weshalb man sich nicht ganz sicher sein kann, ob man sie gedrückt hat. Das ist Jammern auf hohem Niveau, weil die Taste trotzdem funktioniert. Vermutlich wollten die Designer damit ein unbeabsichtigtes Einschalten verhindern.
Nach dem Einschalten landet man entweder im zuletzt gelesenen Buch oder auf dem Home-Bildschirm:
Ich vermute, dass dieses Verhalten von der Standby-Zeit abhängt. Ist diese kurz, wird das zuletzt geöffnete Buch angezeigt. Bei längerer Lesepause wird der Home-Bildschirm geöffnet. Auf diesen kommt man immer durch Drücken der unteren Taste in der Seitenleiste. Auf Home sind zu sehen:
- Tag, Uhrzeit, Quick-Menü, Beleuchtung, Akku-Stand
- Die aktuellen Bücher. Das zurzeit gelesene Buch wird am grössten dargestellt.
- Vorschläge aus dem integrierten Buchladen
- Zugriff auf: Bibliothek, Hörbücher, Shop, Notizen und Apps
Soweit ich das sehe, kann man den Home-Bildschirm nicht konfigurieren. Von den fünf Schaltflächen am unteren Rand kann ich nur zu zweien etwas sagen, weil ich keine Hörbücher habe, den Shop nicht verwende und bisher keine Notizen erstellt habe. Hier seht ihr die Bibliothek und die Apps:
Die Bibliothek enthält alle Bücher, die sich auf dem Gerät befinden, egal, ob man diese im Shop gekauft oder auf den Reader kopiert hat. Hier gibt es folgende Funktionen:
- Listen- oder Kachel-Darstellung
- Sortierung einstellen
- Suchen
- Blättern
Bei den Büchern wird der Lesefortschritt angezeigt. Das ist wichtig, um zu wissen, was und wie viel man bereits gelesen hat. Bei den Apps finden sich einige interessante Programme: Seht selbst. Bisher habe ich die Apps nicht ausprobiert, doch ein Spielchen (Schach oder Sudoku) kann ich mir gut vorstellen. Auch der Taschenrechner und das Wörterbuch machen Sinn. Ob man einen Webbrowser, die Verwendung des Geräts als Bilderrahmen oder einen RSS-Reader braucht, sei dahingestellt.
Das PocketBook Era bietet viele Einstellmöglichkeiten, von denen ich hier nur einen Bruchteil zeigen kann:
Was mir bei den Einstellungen besonders gut gefallen hat, sind diese Optionen:
- Ein-/Ausblenden der Titelleiste (Zeit, Quick-Menü, Beleuchtung, Ladestand)
- Eigene Gesten und freie Belegung der Tasten. So habe ich z. B. eingestellt, dass ein Doppelklick auf die Ein-/Aus-Taste (oben in der Seitenleiste) die Beleuchtung ein-/ausschaltet.
- Bei der Beleuchtung lassen sich die Helligkeit und die Farbtemperatur manuell oder automatisch regeln.
Für das Übertragen von Büchern auf das PocketBook, schliesst man das Gerät per USB-Kabel an den Computer an. Das Era wird von Calibre erkennt und lässt sich problemlos mit den Epubs aus eurer Sammlung bespielen.
Lesen
Die wichtigste Funktion eines E-Book-Readers ist natürlich das Lesen. Wie gut das gelingt, hängt von mehreren Faktoren ab. Die Qualität des E Ink Carta™ 1200 Bildschirms würde ich als mittelmässig beschreiben. Bei guter Raumhelligkeit oder Lampen, kann man auf die interne Beleuchtung verzichten. Ich habe das Gerät bisher fast nur mit eingeschalteter Beleuchtung verwendet (50 % Helligkeit, 50 % Farbtemperatur). Die Fotos geben die Wirklichkeit recht gut wieder. Hier verweise ich wieder auf das Foto im Kapitel "Unboxing"; links sieht man die Wunschvorstellung und rechts die Realität.
Die Haptik und Qualität des PocketBooks ist über alle Zweifel erhaben. Mein einziger Kritikpunkt betrifft den Druckpunkt der oberen und unteren Taste in der Seitenleiste. Das Gerät lässt sich während des Lesens sehr gut bedienen. Das Gewicht dürfte ein paar Gramm niedriger sein. Es muss ja nicht unbedingt ein Rahmen aus Krupp-Stahl verwendet werden.
Im linken Foto seht ihr das Quick-Menü, welches sich mit einem Druck auf den Pfeil (oben, Mitte) öffnet. Dort könnt ihr z. B. zwischen dem hellen (schwarz auf weiss) und dem dunklen Modus (weiss auf schwarz) wechseln. Zudem kann man die Beleuchtung an-/ausschalten und die Helligkeit regeln.
Andere für das Lesen relevante Einstellungen erreicht man mit einem Druck in der Mitte des Bildschirms. Im zweiten Foto erkennt ihr die Möglichkeiten. Über die "Einstellungen" (links unten) öffnet man die Optionen für das Aussehen der Seite, die Schriftart und -grösse, sowie den Vollbild-Modus.
Fazit
Zum Preis von ca. 150 Euro bietet die Firma PocketBook mit dem Modell Era ein grundsolides Gerät mit vielen Funktionen und sinnvollen Einstellmöglichkeiten. Dieser E-Book-Reader bietet nicht in allen Bereichen das Beste vom Besten, überzeugt aber mit soliden und sinnvollen Funktionen. Der Bildschirm ist nicht der beste, die Menüführung ist nicht die beste, aber in seiner Gesamtheit bietet das Gerät eine überzeugende Leistung.
Quellen
Titelbild: https://pocketbook.ch/uploads/6/30742-paralax_2_pocketbook_era.jpg
Produkt: https://pocketbook.ch/de-ch/catalog/e-readers/pocketbook-era-copper-ch
Email: info@pocketbook-int.com
Information für Massenmedienvertreter: press@pocketbook-int.com





Hallo Ralf,
Artikel über E-Reader lese ich immer gerne; vielen Dank dafür. Ich habe auch einen PB Era und möchte ergänzend hinzufügen:
Über die Einstellungen kann man den Werbungsteil auf dem Home-Screen ausblenden. Ebenso kann man die Icons unten durch langes Drücken darauf ändern/austauschen.
Außerdem, und da sind wir wieder beim Thema Open Source: Man kann als Lese-Anwendung auch den KOReader verwenden. Auf den PocketBooks lässt sich die Anwendung recht einfach installieren.
Viele Grüße Martin
> Warum schreibe ich hier über ein proprietäres Gerät? Weil es im Bereich der E-Book-Reader keine Geräte gibt, die man ernsthaft benutzen kann.
Irgendwie wird aus dem Antwort-Satz kein Schuh draus. Es gibt keine E-Book-Reader-Geräte, die man ernsthaft benutzen kann? Das bezweifele ich doch mal sehr stark.
Ja, welchen nicht Proprietären denn? Jemand hat das PineNote vorgeschlagen, aber ein 10.3 Zoll Gerät ist etwas gross für einen E-Book-Reader.
Hi Ralf, ich weiß schon wo du mit der Aussage hinwillst, doch finde ich ist der Satz etwas missverständlich formuliert. Du meinst, es gibt bisher keine "offenen" Geräte, die unseren Ansprüchen gerecht werden.
Ja, genau das meine ich. Deshalb habe ich den Satz ein wenig umformuliert.
Danke dir, so passt es viel beser.
Ich nutze seit einem Jahr ein PocketBook Verse. Aus meiner Sicht ein super E-Reader. Vorher hatte ich über Jahre einen Sony RTS, den es leider nicht mehr gibt. War aus meiner Sicht betreffend Ladung unübertroffen. Aus meiner Sicht ist Kindle von Amazon proprietär und nicht PB.
Zur Qualität des Screens: Meines Wissens hat eine Firma (noch) das Monopol auf die E-Ink Module, weshalb alle Reader-Hersteller ungefähr dasselbe verbauen (wenngleich vielleicht etwas unterschiedlich implementieren) und sich bei der Qualität der E-Ink Technologie die letzten Jahre wenig getan hat (außer Farbe).
Ich glaube das Pocketbook ERA hat noch ne Antikratz-Beschichtung oder Glas, oder ähnliches? Zwar praktisch, aber könnte die Schärfe etwas trüben.
Ja, das ERA hat eine solche Beschichtung und die sieht man auch deutlich.
Ja, den Webbrowser brauchts. Die Benutzung der Onleihe über meinen Tolino ist eine Qual, und wenn ich Ebooks kaufe dann ausschließlich über meinen PC. Aaaaber um diese zu übertragen wechsle ich auf dem PC in das Verzeichnis, starte dort mit
python3 -m http.server 5204einen Webserver und hole dann mit dem Browser von http://_meinrechner_:5240/ die Datei rüber. Wer hat schon immer ein USB-Kabel zur Hand?Taugt das PocketBook Era auch für PDFs? Wie geschmeidig geht das Zoomen und Verschieben in einer Seite?
PDFs habe ich noch nicht ausprobiert. Ich reiche die Informationen nach ... falls ich daran denke :)
Muss natürlich in beiden Fällen 5204 heissen. Der Port kann frei gewählt werden, darf nur noch nicht vergeben sein und im Falle eines einfachen Users >1000?
Ich lese nun seit >15 Jahren nur noch e-reader (Bücher).
Nichts geht über Kindle. Ich hatte nie einen mit Amazon-Konto. Immer Jailbreak rauf und eine freie Lesesoftware rauf. 1A Hardware, Akkulaufzeit und günstiger Preis. Festgefahren habe ich mich auf Koreader. Echt die State of the Art Software.
Einen Pocketbook habe ich auch mal zeitweise ausprobiert, Kobo (Tolino ist ein Rebrand davon) auch. Ist leider alles nicht auf Kindle Qualität.
Ich kann den Test so bestätigen. Ich habe das Gerät nun ein paar Jahre und bin überzeugt. Nicht da "NonPlusUltra" aber derzeit so ziemlich das beste Preisleistungsverhältnis (unter dem Gedanken, dass die Geräte allgemein sehr teuer geworden sind auf Grund von Mangel von Wettbewerb). :)
Vor vielen Jahren hatte ich auch mal ein Pocketbook. Es war das Foss-este, das ich gefunden hatte. Es läuft laut wikipedia immerhin Linux drauf und ich finanziere so kein Microsoft (Kern). Darauf folgen wohl Dateien, die man nicht ändern/einsehen/wasauchimmer kann.
Wäre natürlich cool, wenn es ein ordentliches Pocketbook Repo auf Github gäbe.