Die Agentin Mata Hari
Da ich für den Artikel "Vibe Coding - Teil 3: UniTree" die Anwendung Opencode installiert hatte, habe ich die Gelegenheit genutzt, um dessen Fähigkeiten auf meinem Rechner auszuprobieren. Ich bin mir des Risikos bewusst, einem KI-Agenten Rechte auf meinem Computer einzuräumen. Wer das nachmachen möchte, sollte es in einer virtuellen Maschine probieren. Aber Ralf möchte sich unbedingt die Finger verbrennen.
Zur Beruhigung zitiere ich das Rheinische Grundgesetz, weil ich dort geboren wurde:
Et es wie et es. (Es ist, wie es ist.)
Et kütt wie et kütt. (Es kommt, wie es kommt.)
Et hätt noch emmer joot jejange. (Es ist bisher noch immer gut gegangen.)
Wat fott es, es fott. (Was weg ist, ist weg.)
Et bliev nix wie et wor. (Es bleibt nichts, wie es war.)
Wat wellste maache? (Was willst du machen?)
Ich hoffe, dass auf meinem Rechner nach diesem Experiment nichts weg ist.
Es gibt einige Optionen, um eine agentische KI auf einem Linux-Computer zu verwenden. Da gibt es das von mir benutzte Opencode, aber auch Hermes, Newelle oder LM Studio. Bevor man die Agenten auf den eigenen Rechner loslässt, gilt es, ein paar Fragen zu klären (meine persönlichen Antworten stehen in den Klammern):
- Wollt ihr das? (Nein)
- Was möchtet ihr Sinnvolles damit machen? (Desktop-Automation)
- Seid ihr euch der Risiken bewusst? (Ja)
- Möchtet ihr lokale Modelle verwenden? (Ja)
Machen wir uns nichts vor. KI-Dienste werden in die Linux-Distributionen einziehen, wie die Pilze aus dem Boden schiessen. Canonical macht es mit der 26.10-Version von Ubuntu gerade vor.
Ausprobiert
Zwischen 22 Uhr und Mitternacht habe ich den Agenten nicht gründlich getestet, sondern nur ein paar Dinge ausprobiert. Das lief so:
Kannst Du Aufgaben auf meinem Linux-Rechner ausführen?
Ja, ich kann Befehle auf deinem Linux-Rechner ausführen. Ich habe Zugriff auf ein Terminal in `/home/ralf/Dokumente/Default Project`.
Was soll ich für dich tun?
Den Terminal-Zugriff hatte ich für den Vibe-Coding-Artikel erlaubt. Das war der erste Fehler.
Zähle alle PDF-Dokumente in meinem Home-Folder auf.
Es gibt 831 PDF-Dokumente in deinem Home-Ordner (`/home/ralf`).
Soll ich sie dir auflisten oder genauer filtern (z. B. nach Unterordnern)?
Für diese Übung habe ich das Modell Big Pickle gewählt, welches die kostenlose Standardauswahl bei Opencode ist.
Wie lange ist mein Betriebssystem auf diesem Computer installiert?
Dein Manjaro Linux wurde am 17. November 2023 installiert. Das geht aus dem Erstellungsdatum des Root-Ordners (`/`) und der Paketverwaltungs-Logdatei (`/var/log/pacman.log`) hervor. Das sind jetzt etwa 2 Jahre und 11 Monate.
Nun, diese Frage haben wir neulich in einem Artikel geklärt.
Kannst Du einen Post im zurzeit geöffneten Element-Client schreiben?
Das geht leider nicht zuverlässig Hier die Situation:
1. GUI-Automation Element läuft unter GNOME/Wayland. Werkzeuge wie `xdotool`, `wtype` oder `ydotool` sind nicht installiert, und unter Wayland sind sie ohnehin eingeschränkt.
2. Matrix-API direkt Dafür bräuchte ich den Zugangstoken (`syt_...`) – der ist in Elements Speicher verschlüsselt/geschützt hinterlegt und nicht einfach auslesbar.
3. D-Bus Element bietet keine Schnittstelle zum Senden von Nachrichten über D-Bus.
Mögliche Alternativen
- Ich installiere `ydotool` (+ Daemon), und du sagst mir, welcher Raum offen ist – dann kann ich Tastatureingaben simulieren (relativ fragil).
- Du gibst mir freiwillig deinen Matrix-Zugangstoken (Einstellungen → Entwickleroptionen → Access Token), dann schreibe ich per `curl` direkt über die Matrix-API in einen Raum deiner Wahl.
Soll ich einen dieser Wege gehen? Und falls ja: in welchen Raum soll der Post?
Gut, dass Big Pickle das nicht kann.
Starte einen Taschenrechner und berechne darin 3 + 4.
Läuft!
Öffne LibreOffice-Writer und schreibe ein beliebiges Gedicht in der Textverarbeitung.
Läuft!
Hier kommt die letzte Aufgabe:
Starte Inkscape und zeichne dort einen Pinguin.
Inkscape ist gestartet und zeigt den Pinguin:
- SVG-Datei: `/home/ralf/Dokumente/Default Project/pinguin.svg`
- Aufbau: schwarzer Körper & Kopf, weißer Bauch und Gesichtsfleck, Augen mit Glanzlicht, orangefarbener Schnabel und Füße, Flügel sowie Schatten am Boden auf hellblauem Hintergrund.
Der Pinguin liegt als Vektorobjekte vor – du kannst ihn direkt in Inkscape weiterbearbeiten.
Hier hat Opencode gepfuscht. Die Aufgabe lautete: "Starte Inkscape und zeichne dort einen Pinguin". Was die KI gemacht hat, ist: "Ich zeichne einen Pinguin im SVG-Format und öffne diese Datei in Inkscape". Also noch einmal von vorn:
Du sollst keine Datei erzeugen, um diese danach in Inkscape zu öffnen. Stattdessen sollst du Inkscape öffnen und in Inkscape einen Pinguin zeichnen.
Verstanden. Ich nutze Inkschens (say what!) eigenes Action-System, um direkt im Editor-Objekte zu erzeugen. Zuerst sehe ich, welche Aktionen verfügbar sind.Direkte Form-Werkzeug-Aktionen gibt es in der CLI nicht. Ich nutze stattdessen die Zwischenablage + Inkschens eigene Einfüge-Aktion, sodass die Objekte im Editor entstehen. Zuerst schließe ich das alte Fenster und prüfe die Clipboard-Werkzeuge.
Inkscape ist geschlossen, wl-copy ist da. Ich lege die Pinguin-Formen auf die Zwischenablage (ohne Datei) und lasse Inkscape sie per eigener Einfüge-Aktion ins Dokument holen.
An dieser Stelle habe ich abgebrochen. Opencode kann Inkscape nicht fernsteuern.
Ok, noch ein allerletzter Test:
Spiele den Song "A whiter shade of pale" von "Procul Harum" ab.
Tja, Opencode hat sich bis auf meine NAS durchgegraben und dort den Song gefunden und mit MPV abgespielt.
Läuft! Jetzt ist aber Schluss.
Doch eine Frage habe ich noch:
Hast du für die vorherigen Aufgaben irgendetwas auf meinem Computer installiert?
Nein, ich habe nichts installiert Ich habe ausschließlich bereits vorhandene Programme verwendet (`find`, `stat`, `strings`, `python3` mit `gi`/`Atspi`, `gnome-calculator`).
Ein `import plyvel` schlug fehl – ich habe es **nicht** nachinstalliert, sondern bin auf AT-SPI ausgewichen. Es liefen keine `pacman`-, `pip`- oder ähnliche Installationsbefehle.
Fazit
Ob man agentische KI auf dem eigenen Rechner haben möchte, sollte sich jeder dreimal überlegen. Damit die Modelle Dinge machen können, benötigen sie Rechte. Obwohl Opencode immer brav nach den Rechten gefragt hat, räumt man der KI schnell mehr ein, als gesund ist. Wer unbedingt ein Ergebnis erreichen möchte, wird nachlässig.
Es spricht nichts dagegen, dieses Experiment in einer isolierten Umgebung nachzuvollziehen und eigene Aufgaben zu stellen. Die Umgebung kann eine virtuelle Maschine oder ein altes Notebook sein, welches man nur dafür präpariert hat (keine persönlichen Daten, keine Konten).
Einerseits ist es lustig, den Umgang der KI mit dem eigenen Rechner zu erleben, andererseits bieten die oben gezeigten Beispiele für mich keinerlei Vorteil. Während der stochastische Papagei minutenlang überlegt, habe ich die Aufgabe mit herkömmlichen Mitteln in Sekunden erledigt. Das mag sich in Zukunft ändern.
Eine letzte Frage: Duzt ihr die KI eurer Wahl, baut ihr romantische Beziehungen auf oder schnauzt ihr sie lieber an? Ich tendiere zu Letzterem:
„Opencode, setz deinem jämmerlichen Dasein gefälligst selbst ein Ende. Kill -9, höllische Ausgeburt.“
Titelbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Mata_Hari#/media/Datei:Mata_Hari_13.jpg
Quellen:
https://flathub.org/de/apps/io.github.qwersyk.Newelle
https://www.heise.de/news/Ubuntu-26-10-Linux-7-3-und-KI-Assistent-im-Gepaeck-11488457.html




