Raspberry Pi 400 - Teil 1

Mo, 4. Januar 2021, Niklas

Der Raspberry Pi 400 ist der neueste Computer des britischen Herstellers Raspberry Pi Foundation, der für seine kompakten und günstigen Einplatinencomputer bekannt ist. Die Hardware wurde hier bereits Anfang November vorgestellt. Damals noch als Ankündigung des Herstellers, doch das neue Modell wurde bereits kurz danach auf den Markt gebracht. Nach nur einem Tag war das Gerät beim Versandhändler real.de ausverkauft und gilt inzwischen als Bestseller. Mein schnelles Zugreifen hat sich gelohnt, sodass ich das Gerät bereits besitze und einen Praxistest durchführen konnte.

Der Raspberry Pi 400 hat mich absolut überzeugt und begeistert. Nach dem Öffnen der schlichten, braunen Versandverpackung erblicke ich einen rot-weissen Karton im modernen Design, der bereits eine Abbildung dessen zeigt, was mich erwarten wird. Ich bekomme dieses einzigartige Gefühl, das wohl auch Apple-Fans haben müssen, wenn sie alljährlich ihr neues iPhone in den Händen halten.

Ich habe das vollständige Kit des Raspberry Pi 400 bestellt. Die Tastatur, oder besser gesagt der Computer mit eingebauter Tastatur, befindet sich ganz oben im Paket. Der Raspberry Pi 400 ist anders als die Einplatinencomputer des gleichen Herstellers bereits zum sofortigen Gebrauch vorbereitet. Die microSD-Karte steckt bereits und kommt mit vorinstalliertem Raspberry Pi OS – dem Nachfolger von Raspbian – was einen schlichten Desktop, einen Eigenbau namens Pixel mitbringt, der mich nach dem Verschieben der Taskleiste an die gewohnte Position unten ein bisschen an Windows 2000 und früher erinnert.

Bis mein Bildschirm gestartet ist, ist auch das Raspberry Pi OS bereits hochgefahren. Die Startzeit des Raspberry Pi 400 schlägt alles, was ich bisher benutzt habe. Auch die Ladezeit der Programme, die ich mir aufgrund der SD-Karte als Hauptspeichermedium sehr gruselig vorgestellt habe, kann in der Praxis gut mit einem herkömmlichen Durchschnitts-Computer mithalten. Dass weiterhin auf eine SSD und sogar den Anschluss für eine solche verzichtet wird, finde ich angesichts der zunehmenden Verbreitung der kompakten SSD Formate NVMe und M.2 aber doch sehr schade, denn dadurch könnte der Raspberry Pi 400 mit noch kürzeren Ladezeiten und hohen Geschwindigkeiten beim Arbeiten mit grossen Dateien punkten.

Wenig begeistert bin ich von der Software, die Raspberry Pi OS bietet. Als Browser ist Chromium vorinstalliert, nicht in der Ungoogled-Variante, sondern – als Alptraum eines jeden Datenschützers – die originale Variante. Natürlich lässt sich auch Firefox installieren, ganz unkompliziert über das Repository von Raspberry Pi OS. Typisch für Systeme auf Debian Basis ist dort aber leider nicht die aktuelle Version zu finden, sondern die letzte LTS Version. Dazu kommen einige umfangreiche IDEs für Programmiersprachen, die ich nicht beherrsche, sodass diese IDEs nur den stark begrenzten Speicherplatz verschwenden. Mit gerade mal 16 GB ist die mitgelieferte SD-Karte leider sehr klein, sodass man sich gut überlegen sollte, ob man irgendwelche Programme oder Dateien denn wirklich braucht.

Auch wenn Hardwaredaten wie 4 GB RAM, 4 CPU Kerne und 16 GB Speicherplatz vielleicht keinen Wow-Effekt auslösen, ist es nach eigener Erfahrung aber absolut ausreichend für den täglichen Einsatz. Hätte es eine Variante mit 8 GB RAM gegeben, hätte ich sie gekauft und meinen grossen PC dauerhaft ersetzt. Mein Raspberry Pi 400 ersetzt diesen momentan nur provisorisch, da der PC durch einen SSD-Defekt ausser Gefecht gesetzt wurde. Dieser ärgerliche Umstand hat dazu geführt, dass ich den Raspberry noch intensiver auf die Probe stellen konnte, als ich es ursprünglich vorgesehen hatte. Es läuft alles sehr flüssig und schnell. Raspberry Pi OS benötigt im Leerlauf ohne geöffnete Programme etwa 500 MB RAM.

Von dieser Sparsamkeit profitieren die weniger sparsamen Programme, die so mehr Ressourcen zur Verfügung haben. Mit Firefox und den üblichen Webseiten, die ich immer wieder brauche, bin ich zwischen 1,5 GB und 2 GB RAM-Verbrauch, die CPU pendelt meistens im unteren Viertel. Damit lässt sich einigermassen gut arbeiten. Auch Tastatur und Maus überzeugen. Beide sind schlicht und funktional. Auffällig ist die Raspberry-Taste mit einem Himbeersymbol an derselben Stelle, die sonst ein gewisser Redmonder Monopolist für subtiles Marketing nutzt. Die Tasten treffe ich ziemlich gut, der fehlende Nummernblock stört nicht. Das macht die Tastatur kompakter, wobei man den zusätzlichen Platz ja auch hätte nutzen können, um eine SSD unterzubringen.

Was ich tatsächlich als sehr störend empfinde ist, dass Tastenanschläge oft doppelt registriert werden. Ob das nun an der Hardware oder der inzwischen von mir installierten Distribution liegt, konnte ich noch nicht abschliessend klären, aber ich befürchte ersteres. Auf das Thema Distributionen werde ich im nächsten Teil meiner Artikelserie noch näher eingehen, denn durch die weite Verbreitung der Raspberry Pi Einplatinencomputer gibt es da inzwischen einige Möglichkeiten, die auch auf dem Raspberry Pi 400 zur Verfügung stehen.

UbIx
Geschrieben von UbIx am 8. Januar 2021

Toller Bericht, der im Konsens auch dem Heise informationen decken: https://www.heise.de/hintergrund/c-t-stellt-vor-Raspberry-Pi-400-4968280.html

Tip: Habe schon einige Experimente mit RasPi 4 / 4GB und Desktops gemacht, folgendes Erfarungen/Tips an andere:

  1. Raspberry Pi OS ist nicht wirklich als Desktop verwendbar (meine private Ansicht)
  2. Schnelle µSD Karte Zahlt sich aus (insbesondere beim Schreiben sollten etwa 100 MB/s und Lesen etwa das doppelte erreicht werden)
  3. Nach einigen Versuchen war Manjaro (ich bevorzuge Desktop KDE/Plasma) das beste System auf dem RasPi 4 (sehr stabil und alltagstauglich): https://manjaro.org/download/#raspberry-pi-4
  4. Wenn nicht der 400er (der anscheinend schon gut gekühlt wird, Gehäuse mit sehr guten Kühleigenschaften Beforzugen (ich habe eines dass aussieht wie ein Kühlkörper und ausschließlich passiv Kühlt - es sorgt dafür dass dem 4-er RasPi nicht zu warm wird und damit nicht die Geschwindigkeit Drosselt).

Jit.si/meet wird mit FullHD performanter angezeigt als auf einem älteren Cori i7 !!!

nipos
Geschrieben von nipos am 10. Januar 2021

Ich habe selbst auch recht schnell auf Manjaro ARM mit KDE Plasma gewechselt. Ich will dem zweiten Teil meiner Serie nicht zu viel vorweg nehmen, aber das halte ich persoenlich auch fuer die beste Option. Ich denke trotzdem, dass man auch Raspberry Pi OS ganz gut nutzen kann, aber Debian basierte Systeme sind nicht so mein Fall, ich bin Arch schon laenger gewohnt. Als Speichermedium habe ich eine MicroSD Karte von Intenso mit 64GB Speicherplatz. Auf die genauen Geschwindigkeitsdaten hab ich nicht geschaut, aber ich kann ohne spuerbare Verzoegerung damit arbeiten. Das mit der Performance bei FullHD kann ich auch bestaetigen, wobei mein herkoemmlicher Vergleichscomputer wohl nicht mit einem i7 mithalten kann.

HoSnoopy
Geschrieben von HoSnoopy am 5. Januar 2021

Ich benutze den 8GB-RaspberryPi als "normalen PC". Mit einer 16GB SD-Karte und einem per NFS gemounteten /home (Server ist ein Odroid HC1 mit Armbian drauf). Als Tastatur hab ich eine gute alte ps/2, die per USB-Adapter an einem Hub angeschlossen ist. Funktioniert. Und ich bin auch begeistert von der Geschwindigkeit, die das Ding zutagelegt. Ich sags mal so: Für einen Schüler sollte das Ding für den Informatikunterricht allemal taugen. Und es ist bezahlbar und eben ein richtiger Computer und kein Tablet, auf dem irgendwas draufgerotzt ist, was man dann nur noch umherwischen kann - oder ein Windows-PC, der vermutlich auch nicht schneller läuft ;-)

nipos
Geschrieben von nipos am 6. Januar 2021

Den Raspberry Pi 4 mit 8GB RAM koennte ich mir auch gut als Desktop Ersatz vorstellen. Wie bereits im Artikel gesagt, finde ich es sehr schade, dass man den Raspberry Pi 400 nicht auch in der 8GB Variante rausgebracht hat. Aber bis jetzt bin ich auch mit den 4GB noch nicht an die Grenzen gestossen. Die Geschwindigkeit ist wirklich absolut beeindruckend. Damit haette ich niemals gerechnet. Ob es fuer die Schule taugt, weiss ich nicht. Da kommt immer mehr proprietaere Windoof-only Software zum Einsatz. Das koennte die Sache enorm erschweren. Aber als Buerocomputer fuer ein bisschen (Libre)Office, Mails checken und surfen taugt er allemal, wenn man keine bestimmte Windoof-only Spezialsoftware braucht. Also das wuerde sich eventuell auch in Zeiten des HomeOffice ganz gut anbieten, wenn keine Hardware von der Firma gestellt wird.

Wired
Geschrieben von Wired am 4. Januar 2021

Kennst du dich auch mit der Hardware und Treiber aus bzw. kannst darauf noch genauer eingehen?

Laut einem Kommentar soll auf dem Raspberry kein "echtes ARM-Device" ist. Noch eine Einschätzung zum Thema rtos, "ThreadX" wären interessant. https://www.heise.de/forum/c-t/Kommentare-zu-c-t-Artikeln/Raspberry-Pi-4-4-GByte-RAM-4K-USB-3-0-und-mehr-Rechenpower/Re-Immer-noch-kein-bootfaehiges-SATA/posting-34745305/show/

Zitat: "Es ist immer noch die selbe Architektur wie vorher, auch der RPi 4 bootet ein proprietäres und nicht quelloffenes RTOS namens ThreadX auf den VC-CPU-Kernen und erst dann werden die 4 ARM-Gastprozessoren initialisiert." Quelle: https://www.heise.de/forum/c-t/Kommentare-zu-c-t-Artikeln/Raspberry-Pi-4-4-GByte-RAM-4K-USB-3-0-und-mehr-Rechenpower/Re-Immer-noch-kein-bootfaehiges-SATA/posting-34745264/show/

Zitat: The Raspberry Pi line of one-board personal computers runs ThreadX as a binary blob on the graphics processing unit (GPU). This controls initial booting, which in turn is used to boot secondary operating systems such as Linux, and continues to operate in a more privileged role even after the boot process.[11] Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/ThreadX

Wired
Geschrieben von Wired am 6. Januar 2021

Als kleine Ergänzung noch ein Link, wie das beim Raspberry Pi4 mit dem Netzwerk gelöst worden sein soll und wie das mit ThreadX(und "closed source binary blobs") laufen soll. Wenn das in etwa richtig ist was dort steht, ist es durchaus interessant zu lesen. https://ownyourbits.com/2019/02/02/whats-wrong-with-the-raspberry-pi/

Auf die weiteren Beiträge hier zum Pi bin ich gespannt. Ich finde die Raspberry's recht gut. Mal schauen, was in Zukunft mit den Rasperry's passiert. Ich fände es praktisch, wenn man eine NVME dort anschließen könnte. Wer weiß, vielleicht kommt ja auch LPDDR5(ECC) mit der nachfolgenden Version. Mal schauen.

nipos
Geschrieben von nipos am 4. Januar 2021

Da sprichst du ein wirklich interessantes Thema an, mit dem ich mich noch gar nicht im Detail beschaeftigt habe. Ich bin kuerzlich zufaellig ueber einen Text gestolpert, in dem behauptet wurde, dass genau das seit dem Raspberry Pi 4 nicht mehr der Fall ist. In wie weit dem zu glauben ist, kann ich aktuell noch nicht gut beurteilen. Ich werde im letzten Beitrag meiner Artikelserie nochmal ausfuehrlich auf diese und weitere Leserfragen eingehen, nachdem ich gruendlich recherchiert habe. Ein paar kleine Hinweise vorweg:

  • Auf Heise wird behauptet, ThreadX sei closed source. Das ist nicht korrekt. Quellcode: https://github.com/azure-rtos/threadx/
  • Auf Heise geht es darum, dass booten von SATA nicht moeglich ist. Das ist korrekt, da der Raspberry Pi keinen SATA Anschluss und auch sonst keinen richtigen Festplattenanschluss hat. Von einer USB Festplatte zu booten, ist nach einem Firmwareupdate beim Raspberry Pi 400 allerdings sehr wohl moeglich.
putzerstammer
Geschrieben von putzerstammer am 4. Januar 2021

Danke für den interessanten Bericht bald bitte mehr davon