Serie: Zusammenspielen - Wiring

  Ralf Hersel   Lesezeit: 7 Minuten  🗪 6 Kommentare Auf Mastodon ansehen

In dieser Serie geht es um die technischen Herausforderungen, die das gemeinsame Musizieren über das Internet mit sich bringen. Heute bündele ich zwei Audio-Eingänge zu einem.

serie: zusammenspielen - wiring

Serienverzeichnis

  1. Einleitung
  2. Latenz
  3. Wiring (das ist dieser Artikel)
  4. Online Jamning
  5. Erfahrungen

Nachdem ich in der Einleitung den Sinn dieser Serie erklärt und wir im zweiten Beitrag den Audio-Stack kennengelernt haben, geht es jetzt um das Verdrahten der Geräte. Noch einmal kurz zur Aufgabenstellung. Ich habe zwei Audiogeräte:

  • E-Gitarre → Interface → USB an PC
  • Mikrofon → Interface → USB an PC

Die beiden Eingänge sollen zu einem Audio-Eingang kombiniert werden. Das ist nötig, um mit anderen Leuten zusammen über das Internet musizieren zu können. Ob mir das gelingt, wird sich im Verlauf dieses Artikels zeigen.

Mit den Bordmitteln einer normalen Linux-Distribution lässt sich das nicht erreichen. Dazu benötigt man eine Wiring-Software. Man könnte auch ein zusätzliches Hardware-Gerät verwenden, welches zwei USB-Eingänge zu einem USB-Ausgang mischt. Nach einer halbstündigen Suche im Internet habe ich kein Gerät für diesen Zweck gefunden. Ausserdem habe ich keine Lust, mir noch ein Gerät hinzustellen.

Eine Patchbay muss her

Man kann sich eine Patchbay als das Gehirn oder den zentralen Ort für alle Audioeingänge und -ausgänge in einem Live- oder Studio-Setup vorstellen. Patchbays ermöglichen eine einfache Änderung des Signalflusses, ohne dass Kabel physisch abgezogen und neu angeschlossen werden müssen. Sie sind besonders nützlich, wenn man mit einer grossen Anzahl von Audioquellen arbeiten und das Aufnahmestudio so organisiert und effizient wie möglich halten möchte. Digitale Patchbays verwenden digitale Verbindungen, um Audiosignale zu routen, und werden oft in Verbindung mit digitalen Audio-Workstations verwendet.

Im Umfeld von JACK-Audio ist die Patchbay Catia bekannt. Diese Software ist die Grundlage/Idee für die Pipewire-Patchbays, die später zur Sprache kommen.

Im Screenshot von Catia sieht man, wohin der Hase (bzw. das Audiosignal) läuft. In einer grafischen Darstellung werden die erkannten Audio-Komponenten abgebildet. Mit der Maus kann man "Strippen" zwischen den Geräten ziehen. Viel mehr habe ich bis jetzt nicht verstanden.

Da ich Pipewire anstelle von JACK verwenden möchte, kommt Catia nicht infrage. Nach meiner Recherche bieten sich zwei Anwendungen an:

  • qpwgraph - A PipeWire Graph Qt GUI Interface
  • Helvum - A GTK-based patchbay for pipewire, inspired by the JACK tool Catia

Wie ihr seht, verfolgen alle drei Anwendungen dasselbe Konzept: grafische Verbindung von Audiogeräten. In den vielen Artikeln, die ich für diese Serie gelesen habe, schneidet qpwgraph bei der Bedienbarkeit etwas besser ab als Helvum, weshalb ich es damit versuchen werde. Andererseits bin ich ein GNOME-Fanboy; da würde sich Helvum anbieten. Beide Anwendungen stehen nativ und als Flatpak zur Verfügung.

Helvum oder qpwgraph?

Ich habe beide als native Anwendung installiert. Vorher habe ich überprüft, ob ich sowohl die Gitarre als auch das Mikrofon in Audacity aufnehmen kann, was der Fall war. Helvum präsentiert sich ziemlich einfach:

Auf der linken Seite sieht man die erkannten Eingänge (capture), auf der rechten Seite die Ausgänge (playback) und unten gibt es ein paar andere Devices. Das Focusrite ist mein Mikrofon-Interface und der Spark ist der Gitarrenverstärker. In Helvum kann man die einzelnen Knoten mit der Maus anordnen, damit es übersichtlicher wird. Dann habe ich die Eingänge (capture_FL/FR/MONO) mit "Internes Audio Analog Stereo" verbunden, da mir das als die einzige logische Variante erschien. Im Screenshot seht ihr die Verbindungslinien zwischen den Geräten. Warum die eine Verbindung grün ist, weiss ich nicht.

Anschliessend habe ich eine Aufnahme in Audacity gestartet, die jedoch nur entweder das Mikrofon oder die Gitarre aufnahm: Ziel verfehlt. Zwischendurch ist Helvum abgestürzt, sodass ich den PC hart herunterfahren musste; da half auch kein SysReq+REISUB.

Dann habe ich es mit qpwgraph versucht:

Diese Patchbay sieht ähnlich aus wie Helvum, bietet jedoch viel mehr Optionen. Leider kam ich auch mit qpwgraph nicht zum gewünschten Ergebnis. Korrekterweise muss ich sagen, dass ich es gar nicht überprüfen konnte, weil nach dem durch Helvum provozierten Absturz Audacity nicht mehr läuft.

Zwischenfazit

Nichts funktioniert; alles ist kaputt. Jetzt werde ich beide Patchbays deinstallieren und schauen, wie ich Audacity wieder zum Laufen bringe. Ohne Audacity kann ich nicht überprüfen, ob ich beide Eingänge (Mikrofon und Gitarre) als einen Kanal aufnehmen kann.

Nachdem ich beide Patchbays deinstalliert und eine kleine Aufräumaktion durchgeführt habe ('pamac clean; flatpak uninstall --unused --delete-data') läuft Audacity wieder. Somit bin ich zumindest wieder Podcast-fähig. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass ich dem eigentlichen Ziel um keinen Schritt nähergekommen bin.

Zweiter Versuch

Nach meinem Fehlschlag mit den Patchbays (Helvum und qpwgraph) versuche ich es mit dem Werkzeug Sonusmix. Aus vielen Internet-Recherchen (hier ist eine Quelle) weiss ich, dass man ein virtuelles Gerät bauen muss, um die zwei Eingänge auf eines zu kombinieren. So wie ich es sehe, ist das mit den Patchbays nicht möglich.

Zwischen dem bisher geschriebenen Text und dem nachfolgenden, ist ein Jahr vergangen. Zu gross war meine Angst, den Audio-Stack zu zerschiessen, den ich jede Woche für die Podcast-Aufnahme brauche. Doch nun geht es mit frischem Mut weiter.

Sonusmix gibt es ebenfalls als Flatpak. ....

flatpak install https://flatpak.sonusmix.org/Sonusmix.flatpakref

Es gibt auch ein AppImage, mit dem ich nichts anfangen konnte. Deshalb habe ich das Flatpak installiert. Vor dem entscheidenden Test, habe ich die beiden Geräte (Mikrofon und Gitarre) über ihre Interfaces per USB mit dem Rechner verbunden. Dann habe ich getestet, ob ich die einzelnen Geräte in Audacity aufnehmen kann. Das hat funktioniert. Doch das Ziel ist es, beide Geräte gleichzeitig aufnehmen zu können.

Im Gegensatz zu den Patchpanels, ist die Bedienung von Sonusmix selbsterklärend:

Beim Starten von Sonusmix sind die drei Bereiche (Sources, Sinks, Virtual Devices) leer. Mit dem Plus-Symbol lassen sich die Geräte hinzufügen. Im Screenshot seht ihr unter "Sources" mein Mikrofon-Interface (Focusrite Scarlett) und den Gitarrenverstärker (Spark Mini). Auf der Empfängerseite (Sinks) habe ich die Audio-Karte des Computers ausgewählt. Um die beiden Eingänge mit dem Ausgang zu verbinden, wird ein virtuelles Gerät benötigt. Genau das ist es, was Sonusmix auf einfache Weise ermöglicht. Unter "Connected Sources" seht ihr, dass ich die beiden Eingabegeräte ausgewählt habe. Bei "Connected Sinks" wählt man die eine Sink aus, die man unter "Sinks" hinzugefügt hat. Nun folgt die Probe. Funktioniert das wirklich?

Zum Testen habe ich wieder Audacity verwendet. Dort muss man bei den Geräten nichts ändern; es bleibt bei ALSA, default. Stattdessen muss in den Audio-Einstellungen des Betriebssystems (bei mir GNOME) der Eingang auf das in Sonusmix erstellte virtuelle Gerät umstellen:

Der Name "Group 1" wird von Sonusmix vergeben. Den kann man in etwas Sinnvolleres umbenennen, z. B. in "Gitarre + Mikrofon". Die Aufnahme in Audacity sieht dann so aus:

Und das ist der endgültige Beweis dafür, dass es funktioniert. Mein Mikrofon-Gelaber (am Anfang der Spur) und die Gitarre (am Ende der Spur) werden gleichzeitig aufgezeichnet. Wie ihr seht, sind die Lautstärken unterschiedlich. Das ist kein Problem, weil man in Sonusmix die Pegel der Geräte (Sources) separat einstellen kann.

Der Hauptgrund, warum ich das Thema ein Jahr liegengelassen habe, war die Frage, ob das Pipewire-Gefummel über Patchbays oder Sonusmix den Audio-Stack kaputtmacht. Keine Sorge, nachdem man Sonusmix beendet hat, verschwindet das virtuelle Gerät aus der Auswahl in den Audio-Einstellungen, und alles ist wieder so, als hätte man nie etwas geändert.

Die Entwicklung bei Sonusmix scheint zu stagnieren. Bei der Installation des Flatpaks, werden die alten 46er-GNOME-Libraries installiert. Der letzte Commit erfolgte vor 6 Monaten. Wie dem auch sei; ich bin froh, endlich eine funktionierende Lösung für das Koppeln mehrerer Eingabegeräte gefunden zu haben.

In der nächsten Folge dieser Serie geht es darum, wie man mit anderen Leuten remote zusammenspielen kann. Und ich hoffe, dass bis dahin nicht wieder ein Jahr vergeht.

Titelbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Steckfeld_(Verkabelung)

Quellen:

https://kx.studio/Applications:Catia

https://github.com/rncbc/qpwgraph

https://gitlab.freedesktop.org/pipewire/helvum

https://codeberg.org/sonusmix/sonusmix

https://superuser.com/questions/1675877/how-to-create-a-new-pipewire-virtual-device-that-to-combines-an-real-input-and-o

Tags

Musik, Musizieren, Zusammenspiel, Audio, Catia, qpwgraph, Helvum

Naja
Geschrieben von Naja am 19. Mai 2026 um 13:21

"Verdrahten" heißt auf englisch "wiring" oder hab ich ein Wortspiel nicht verstanden?

Ralf Hersel Admin
Geschrieben von Ralf Hersel am 19. Mai 2026 um 13:50

Kein Wortspiel, nur zu dumm, um es richtig zu schreiben :)

Micha
Geschrieben von Micha am 20. Mai 2026 um 09:21

Hi, ich hatte mir vor pipewire ein online Jam Setup mit Jack und raysession gebaut. Raysession ist wie Catia bzw. Claudia. Zum jammen verwendete ich natürlich Jamulus. Mit Synthis, drummachines und echten Gitarren und Mics. Alles so verdrahtet wie gewünscht, in den Jamulus Eingang, der Jamulus Ausgang auf die Kopfhörer. Raysession merkt sich die Verdrahtung.
Habe dann zur Umstellung auf pipewire lediglich das Paket pipewire-jack installiert und die Verknüpfung zum starten von raysession geändert auf pw-jack raysession bzw. mir einen alias angelegt. Nach Aufruf des aliases startet raysession wie gewohnt und läuft voll mit pipewire. Alle Verbindungen sind da, die Programme werden automatisch gestartet. Abstürze bisher keine, läuft so sicher wie jack zuvor. Wenn ich in raysession eine neue App starte, z.b. yoshimi wird es ebenfalls automtisch mit pw-jack gestartet und ist sofort in qpwgraph sichtbar.

Naja
Geschrieben von Naja am 21. Mai 2026 um 10:25

Weil ich gestern mal wieder selber drüber gestolpert bin: Audacity ist sehr praktisch, aber am besten wenn es alleine verwendet wird. Im Zusammenspiel mit anderen Anwendungen kann es nerven, denn dieses portaudio-Interface integriert sich nur sehr schlecht. Beispielsweise gehen alle meine jack-Verbindungen in Ardour/Mixbus verloren, wenn ich Audacity starte, Audacity kappt die einfach. Das könnte ein Grund für deine Abstürze sein.

Wenn es dir nur um reine Aufnahme geht, versuch doch mal eine andere Anwendung, einfach nur um zu sehen, ob tatsächlich Audacity das Problem ist.

KannebTo
Geschrieben von KannebTo am 21. Mai 2026 um 23:03

Danke für Lösung mit dem virtuellen Audiogerät. Sonusmix kannte ich noch nicht.

Ich glaube, beim Verdrahten im Patchbay warst du nicht ganz auf dem richtigen Weg. Man verbindet Quelle mit Ziel. Das Ziel ist in diesem Fall der Eingang von Audacity. Aber wie Naja schon richtig angedeutet hat, verhält sich Audacity leider nicht so, wie es für (Pro-)Audiosoftware unter Linux üblich ist. Wenn Audacity startet, sollte es eigentlich als neuer Kasten im Patchbay erscheinen. Dies tut es aber nur, wenn es gerade tatsächlich auf den Audioinput zugreift, also z.B. während einer Aufnahme. Es gibt aber einen Trick. Wenn man oben in Audacity die Pegelanzeige für das Mikrofon einschaltet, ist nun ein neuer Kasten im Patchbay dauerhaft zu sehen. Nun kannst du deine GItarren- und Mikro-Signale dorthin verkabeln und bei beiden müsste dann der Pegel ausschlagen. Blöderweise werden dann aber diese Verbindungen beim Starten der Aufnahme wieder zurück gesetzt... Also nicht brauchbar.

Bei der Verkabelung im Bildschirmfoto des Artikels verbindest du die Signale ja nur mit der Tonausgabe deines Rechners (hoffentlich mit Kopfhörern und nicht mit Lautsprechern, sonst Rückkopplungsgefahr). Das lässt sich auch zu Nutze machen, wenn man einfach das Computeraudio aufzeichnet (Monitor-Signal von "Internes Audio..."). Aber leider lässt sich auch diese Quelle nicht in Audacity auswählen. Von daher ist es gut, dass es so etwas wie Sonusmix gibt (bzw. Pipewire das kann).

Micha
Geschrieben von Micha am 22. Mai 2026 um 08:53

Sonusmix gibt es leider nur für AMD64. Hätte es gerne ausprobiert.