Zum Wochenende: Thread oder Threat?

  Ralf Hersel   Lesezeit: 4 Minuten  🗪 5 Kommentare

Argumente für oder wider die Aufnahme des Meta-Dienstes ins Fediverse.

zum wochenende: thread oder threat?

Hinweis: Das ist ein Meinungsartikel.

Vor ein paar Wochen war es Bluesky, jetzt wird Threads als nächste Sau durch das Social-Media-Dorf gejagt. Dass TwiX für Werbetreibende, Firmen und Politiker mittlerweile pfui ist, scheint Konsens zu sein. Damit lässt sich das Hyperventilieren der Aufmerksamkeits-Heischer und -Geber erklären. Die grösste Panik in den Augen verorte ich bei Politikern, Influencern und den Medienschaffenden. Politiker und Influencer suchen das grosse Publikum und die Presse schafft das Publikum, bzw. muss ja irgendwo abschreiben.

David Revoy: „Meta: „MAY I JOIN YOU?““; Creative Commons Attribution 4.0

Während sich Jack Dorseys Bluesky mit seinem eigenen AT-Protokoll aus dem ActivityPub-basierten Fediverse heraushält, wird letzteres Protokoll von Mark Zuckerbergs Threads unterstützt. Seit einigen Tagen findet die Suchfunktion von Mastodon auch Threads-Accounts, denen man folgen kann, sofern die eigene Masto-Instanz, die Threads-Server nicht blockieren.

Die Diskussion, ob man Meta mit seinem neuen Social-Media-Angebot in den gallischen Dörfern des Fediverse Einlass gewähren möchte, wird unter den Instanz-Admins zurzeit kontrovers besprochen.

Der Diskussionsraum umspannt die technischen, kulturellen und Reichweite-orientierten Argumente. Der Mastodon-Gründer Eugen Rochko sieht den Anschluss von Threads an das Fediverse positiv:

Macht keinen Fehler, dies ist für Mastodon von großer Bedeutung. Derzeit müssen sich die Leute zwischen X, Mastodon und Threads entscheiden, und Netzwerkeffekte spielen bei dieser Entscheidung eine große Rolle. Wenn wir sagen können, dass man von einem Mastodon-Account aus auf alle Leute zugreifen kann, die zu Threads gegangen sind, dann macht das Mastodon zu einer viel attraktiveren Option mit all seinen anderen Vorteilen.

Das in erster Linie eine Reichweite-orientierte Argumentation und in zweiter Linie technisch begründet. ActivityPub wurde aus der technischen Perspektive genau dafür geschaffen, nämlich um Social Media zu dezentralisieren und zu verbinden.

Demgegenüber stehen die kulturellen oder sozialen Argumente. Klaudia Zotzmann-Koch (ViennaWriter) beschreibt das in diesem Artikel treffend als Toleranzparadoxon; hier ein Auszug:

Das Fediverse wurde erfunden, um eben genau nicht zu sein wie die algorithmengesteuerten SocialMedia-Plattformen, sondern als echte soziale Plattform, die den Menschen dient. Und genau, wie eine Gruppe nur dann weiter tolerant sein kann, wenn sie Intolerante ausschließt, kann ein Netzwerk auch nur dann frei bleiben, wenn es sich alles einverleibende Anbieter ausschließt.

Ich persönlich finde Klaudias Erklärung überzeugender, als Eugens. Beim gestrigen Treffen der FSFE-Zürich (Weihnachtstreffen) haben wir darüber diskutiert. Es wurde angeführt, dass man Software, die GPL-lizenziert ist, auch für jeden Zweck verwenden darf (Freiheit Nummer 0), z. B. Atombomben programmieren. Das basiert jedoch auf der lizenzrechtlichen und technischen Ebene. Die ethische Ebene ist nicht Bestandteil der GPL. Beim Fediverse, bzw. dem ActivityPub-Protokoll, kann man das ähnliche sehen. Aus technischer Sicht kann jede andere Social-Media-Plattform mit-föderieren. Doch aus der sozialen, kulturellen und ethischen Ebene ist es die Entscheidung der Instanz-Admins und der Fediverse-Community, mit wem sie spielen wollen.

Falls ihr als Mastodon-Anwender:in meiner Meinung seid, könnt ihr Threads blockieren:

  1. "threads.net" in der Suche eingeben
  2. beliebigen User dieses Servers auswählen
  3. drei Punkte im Profil anklicken
  4. "threads.net sperren" auswählen

Diese Anleitung gilt für das Webinterface von Mastodon. Die Blockade wirkt in beide Richtungen: Du findest keine Threads-Accounts, Threads-Anwender:innen finden Dich nicht.

Bildquelle: David Revoy: „Meta: „MAY I JOIN YOU?““; Creative Commons Attribution 4.0

Quellen:
https://www.viennawriter.net/blog/das-fediverse-meta-und-das-toleranzparadoxon/
https://mastodon.social/@Gargron/111577245779454067
https://www.viennawriter.net/blog/das-fediverse-meta-und-das-toleranzparadoxon/
https://Pertsch.social/@Sebastian/111577648445993570

Tags

Meta, Threads, Fediverse, ActivityPub

UbIx
Geschrieben von UbIx am 16. Dezember 2023 um 09:03

Ich finde es intolerant, ein Netz zu blocken, das man noch nicht kennt! Das gebietet mir mein Freiheits und Rechtsempfinden. Deshalb warte ich mal ab und entscheide individuell (sofern möglich, also nicht vom instanzbetreiber schon geblockt).

Astrx
Geschrieben von Astrx am 16. Dezember 2023 um 17:54

Intolerant wäre es aus meiner Sicht nur, wenn du keine andere Möglichkeit hättest mit den Personen bei Thread zu kommunizieren. Aber es steht dir ja frei dort einen Account zu eröffnen. Aus ethischer Sicht bin ich hier völlig mit Ralf einer Meinung.

Thomas Gutte
Geschrieben von Thomas Gutte am 16. Dezember 2023 um 20:19

Sorry, wer wird denn hier ausgegrenzt? Plattformen oder User von Plattformen? Soweit ich es mitbekommen habe geht die Kommunikation derzeit nur in eine Richtung - User vom Fediverse können Accounts von Threads-Usern folgen. Wenn Ihr als Admins von Instanzen Eure Blockaden aufbaut, grenzt Ihr Eure eigenen User aus über den Tellerrand zu schauen. Ich bin jemand der Meta vollkommen ablehnt und ständig darauf hinweist, dass dieser Konzern nicht nur moralisch verwerflich ist, sondern aktiv Missbrauch mit den Daten seiner User macht. Aber wie kommt Ihr denn nun darauf, dass Threads intolerant ist? Und was ist das denn für eine Argumentation, dass tolerante nur tolerant bleiben können, wenn sie intolerante ausschließen? Ich glaube da verrennt Ihr Euch gerade. Toleranz ist ein sozialethischer Begriff für Gewährenlassen und Geltenlassen anderer oder fremder Überzeugungen. Und dabei sollte es auch bleiben! Ausgrenzung, egal in welcher Richtung und auf Grund welcher Motivation hat definitiv nichts mit Toleranz zu tun und ist eher der Intoleranz zuzurechnen. Das Gute unserer Community ist doch, dass wir offen und tolerant sein wollen, also überdenkt bitte Euer Handeln in dieser Angelegenheit. Vielen Dank!

IB
Geschrieben von IB am 17. Dezember 2023 um 10:45

Auch wieder mal typisch - erst mal alles gleich blockieren oder verbieten statt erst mal zu schauen was passiert und dann entsprechend zu reagieren - falls es überhaupt nötig ist.

Mutant77
Geschrieben von Mutant77 am 18. Dezember 2023 um 11:18

Das Problem ist schon die Benutzung des Toleranzparadox als Bestätigung dafür, dass man jede andere Meinung ausschliessen kann, in dem der Überträger willkürlich als Intolerant eingeordnet wird. Und wer den im verlinkten Artikel gezeigten Wikipedia Eintrag liest müsste auch verstehen, dass so wie es viele verwenden nicht gemeint sein kann, was Popper damit sagte. Er hat nämlich klar definiert wen er damit meinte und ich sehe meist keine "Verweigerung des rationalen Diskurs" bei denen die mit dem Toleranzparadox ausgeschlossen werden sollen.

Zumal es in dem Fall um Kommerz und dessen Rolle in den sozialen Medien geht. Aber die Frage ist seit dem Erfolgen von zunächst mySpace und dann Facebook schon längst geklärt. Es geht darum, dass grosse Konzerne Inhalte, die Menschen austauschen zentral kontrollieren können. Und dabei geht es dann am Ende nicht um "die bösen US-Konzerne", sondern - wir Wissen es eigentlich seit Snowden - die grössten Geheimdienste der Welt möchten gerne diesen Austausch im Zweifel komplett überwachen.

Für die Menschen waren die kleinen dezentralen Foren und Newsgroups die es früher gab, wesentlich angenehmer und friedlicher. Ich kenne einige die sich diese (Rück-)entwicklung von Mastodon erhofft hatten. Jetzt aber mit Sorge die Zunahme der Aktivisten, Meinungsführer und Haltungsjournalisten in dem Netzwerk beobachten.

In dem Sinne, finde ich ausgrenzen eine völlig logische Angelegenheit. Gebt den Menschen die Möglichkeit zurück innerhalb ihrer Kreise zu bleiben und sie werden glücklicher. Kaum jemand kann mit anderen Meinungen wirklich auf Dauer umgehen, auch ohne Paradox. Und dieses vermeintlich alles Wissen und über alles informiert sein, überfordert die meisten auf Dauer.