Zum Wochenende: Die unfreie Gesellschaft

Fr, 11. Februar 2022, Tim Moritz

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Meinungsbeitrag!

Lesern von gnulinux.ch braucht man vermutlich die Vorteile von Freier Software nicht mehr zu erklären. Wir alle wünschen uns viel mehr freien Content, ob nun in Form von Software, öffentlichen Daten oder anderen Schöpfungen. Im Bild der Freien Gesellschaft sind all diese Dinge gegeben. Man schafft nur noch Mehrwert, weil man Lust dazu hat. Eine Welt, wie Gene Roddenberry die Erde des 23sten Jahrhunderts in Star Trek beschreibt. Fiktion, aber sicherlich ein erstrebenswertes Ziel.

Aber sind wir schon an dem Punkt, an dem man die bisherigen Normen der Gesellschaft einfach ablegen kann? Und wenn ja, ist das sinnvoll?

Mitglieder unserer Community haben bereits bewiesen: Ein Leben mit (fast) ausschliesslich Freier Software ist möglich. Man muss nur konsequent genug sein. Sicherlich kann man auch auf anderen unfreien Content verzichten und sich bspw. bei Musik und Büchern ausschliesslich an freien Inhalten bedienen. Man könnte es vielleicht mit einem Leben als Vegetarierin oder Veganerin vergleichen.

Bleibt die Frage nach dem Sinn. Beim jetzigen Stand der Gesellschaft macht es für mich keinen Sinn, die Existenz von proprietären Inhalten zu ignorieren oder gar zu verteufeln. Ich persönlich halte es sogar für kontraproduktiv.

Keine Frage, freie Inhalte sollten ihren proprietären Geschwistern immer vorgezogen werden. Nichtsdestotrotz geht es hinter dem Tellerrand weiter. Nicht wenige Innovationen in der Softwareentwicklung konnten nur entstehen, da es Leute gibt, die in Vollzeit an Software arbeiten und damit ihre Brötchen verdienen. Mir ist klar das dies auch mit Freier Software möglich wäre, aber einfach ist das sicher nicht und im Sinn der Freien Gesellschaft hätte Software auch keinen finanziellen Wert. Noch dazu müssten in einer Freien Gesellschaft auch die BäckerInnen ihre Brötchen frei zur Verfügung stellen und an diesem Punkt sind wir noch lange nicht.

Sollte ich also lieber einen Job machen, der keinen Content produziert und der lediglich dazu dient BäckerInnen usw. zu entlohnen, bis auch denen ein Licht aufgegangen ist? Ausschliesslich meine Freizeit nutzen, um Inhalte zu produzieren?

Nein! Wenn ich 8 Stunden am Tag proprietäre Software entwickeln würde und in 4 Stunden Freizeit Freie Software, dann würde das die Entwicklung deutlich weiter bringen, als wenn ich die 8 Stunden damit verbringen würde Post auszutragen (nichts gegen PostbotInnen :-) ). Zum einen können in diesem Beispiel die freien Projekte aus den Erfahrungen der Entwicklerinnen in den proprietären Projekten profitieren, zum anderen entsteht so viel mehr Zeit für Innovationen. Ich glaube, die Daniela Düsentrieb, die das Beamen erfindet, macht das nicht in ihrer Freizeit. Und das Beamen bringt uns näher an die Freie Gesellschaft, Ignoranz hingegen trägt zum Stillstand der Entwicklung bei.

Wir sollten also explizit den Blick über den Tellerrand werfen und aus unfreiem Content lernen und ihn zu unserem Vorteil nutzen, statt einfach nur zu verteufeln. Verteufeln kann man Geschäftspraktiken, Umgang mit (persönlichen) Daten, Fake News, (politische) Fehlentscheidungen und was euch sonst noch so einfällt.

Wenn ihr das Glück habt, für die Produktion von freien Inhalten entlohnt zu werden, ist das so ziemlich das beste, was euch passieren kann. Ansonsten lasst uns doch alle verfügbaren Ressourcen nutzen. Letztendlich ist es doch egal wo der freie Nahrungsreplikator in unserer zukünftigen Freien Gesellschaft mal seinen Ursprung hatte.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist wichtig, dass freie Inhalte produziert und gefördert werden. Also schaut euch um wo immer es möglich ist, lernt daraus, schreibt Artikel bei gnulinux.ch, spendet an freie Projekte oder beteiligt euch auf einem anderen Weg an freien Inhalten. Der Weg ist das Ziel!