Featuritis statt Produktpflege

Do, 5. Mai 2022, Norbert Rüthers

Dieser Artikel entspricht meiner persönlichen Meinung. Einige sehen die hier angesprochenen Dinge vielleicht ganz anders. Jedoch brennt es mir dieses Thema schon lange auf der Seele. Deshalb möchte ich es hier zur Diskussion stellen.

Es scheint mittlerweile fast ein Naturgesetz zu sein, dass mit jeder neuen Version von Software  und Hardware neue Features angepriesen werden.

Im Falle der Hardware kommt spätestens jedes Jahr ein neues Modell heraus, das dieses oder jenes noch besser kann, noch toller ist und unbedingt gekauft werden soll. Besonders im Bereich Smartphones ist das besonders auffallend.

Gegen diese Entwicklung steht die Tatsache, dass die meisten Benutzer objektiv gesehen das meiste davon überhaupt nicht benötigen. Rein optisch sah ein Smartphone vor 10 Jahren eigentlich so aus wie heute. Änderungen sind nur marginal erkennbar.

  • Das Gehäuse ist immer flacher geworden
  • Besserer Prozessor (wobei das mehr an Leistung i.d.R. von immer hungrigerer Software aufgefressen wird)
  • Ein Gehäuse aus einem noch exotischeren Material
  • Eine noch bessere Kamera  

Das sind alles nur evolutionäre Prozesse, denn wirkliche Innovationen fanden nicht wirklich statt. Dazu würde ich z.B. folgende Dinge zählen.

  • Eine deutlich längere Akkulaufzeit
  • Die Möglichkeit Verschleissteile wie den Akku und das Display leicht auszutauschen
  • Ein Display, bei dem man auch draussen in der Sonne noch etwas erkennt. Bei e-Ink hat sich zwar schon etwas getan, aber es ist für viele Anwendungen noch zu träge beim Bildaufbau.
  • Ein Software Support von mindestens 5 Jahren

Zurzeit laufen in der EU Überlegungen diese Probleme anzugehen und man darf darauf gespannt sein, was herauskommt.

Dazu kommt noch die geplante Obsoleszenz bei vielen elektronischen Geräten.

Wenn man z.B. wärmeempfindliche Bauteile direkt neben Wärme produzierenden Bauteilen anordnet, dann hilft das nur dem Hersteller, der neue Geräte verkaufen will, und nicht den Kunden.

Bei Handy`s bzw. Smartphones war früher einmal die Gesprächsqualität ein Qualitätsmerkmal. Dieser Punkt findet heute überhaupt keine Beachtung mehr und oft nur Nebensache. Ein Smartphone, das auch bei schwachem Empfang eine gute Gesprächsqualität bietet, könnte aber im Ernstfall Leben retten.

Im gleichen Zeitraum sind die Preise für Smartphones exponentiell gestiegen. Die 1000 Euro Marke wird von vielen Herstellern erreicht die einstmals auch Geräte im Low Budget Bereich anboten.

Wer etwas auf sich hält, muss jedes Jahr ein neues Smartphone haben.

Da locken dann Angebote für "0 Euro" für ein Gerät, das ohne Vertrag fast 1000 Euro kostet.

Dass man damit einen Tarif buchen muss, der diese Differenz wieder ausgleicht, wird von vielen ignoriert.

Man kann ein Smartphone durchaus jahrelang benutzen. 

Ich z.B. habe noch ein Oneplus one von 2014 das nach einem Akkutausch noch tadellos funktioniert. Natürlich läuft es mit Lineageos da der Hersteller den Support schon lange eingestellt hat.

Das bringt uns zum nächsten Problem. Die viel zu kurze Unterstützung mit updates seitens der Hersteller.

Das ist sicher so gewollt denn man will ja neue Geräte verkaufen. Aber ist das noch zeitgemäss und vor allem Umweltbewusst ?

Die exponentielle Kurve der Features ist in der Regel einem Umsatzdruck geschuldet. Aber auch ganz ohne Umsatzdruck sind Produktmanager kreativ genug und wollen „produktiv“ sein – oft genug werden sie vom Management auch und gerade am quantitativen Output „innovativer Produkte“ gemessen.

Vielfach sind sich alle Beteiligten bewusst, dass zu viele Features entwickelt werden, aber trotzdem kann keiner das Hamsterrad stoppen. Was fehlt, ist eine Denkstruktur, die Entscheidungen erleichtert, wann ein zusätzliches Feature Sinn macht – und wann eben nicht.

Thema Software:

Wie oft fragt man sich nach einem Softwareupdate, wozu es eigentlich gedient hat und was nun besser sein soll. Bei der Bedienung ist nicht zu bemerken. Zum Beispiel hat Mozilla gerade den Firefox 100 herausgebracht. Natürlich sind wieder ein paar Features dazu gekommen. Der ein oder andere mag sie brauchen, die meisten aber nicht. Ein mehr an Stabilität, Geschwindigkeit und Sicherheit wäre wünschenswerter.

Ein anderes Beispiel sind Programme, die einmal schlank und schnell waren, sich aber im Laufe der Jahre zu immer trägeren Monstern entwickeln, die hunderte Megabyte auf dem Rechner einnehmen und immer unbenutzbarer werden. Hier sind speziell einige Grafik und Multimediaprogramme im Windows-Bereich gemeint, Ich will die Namen nicht nennen, aber jeder wird welche kennen. Früher war es so, dass mit jeder neuen Windows-Version auch ein neuer schnellerer Rechner nötig war. Soft und Hardwarehersteller haben sich quasi zugearbeitet.

Ein älterer Rechner der für Windows nicht mehr zu gebrauchen ist, läuft mit Linux noch hervorragend und kann noch einige Jahre benutzt werden. Erschreckend ist die Entwicklung, die jetzt mit Windows 11 eingeläutet wurde. Ein grosser Prozentsatz der jetzigen Windows 10 Rechner sind nicht für Windows 11 zu gebrauchen, weil sie nicht den geforderten Prozessor haben und/oder über keinen TPM Chip verfügen. Auch dabei kann von Nachhaltigkeit keine Rede sein. Man kann nur hoffen, dass 2025, wenn der Windows 10 Support endet, viele auf Linux wechseln werden.

Es wäre für mich und viele andere sinnvoller, wenn Firmen und die von ihnen getriebenen Entwickler mehr Manpower  zur Behebung von Stabilitätsproblemen, Bugfixes, Sicherheitslücken und Datenlecks aufbringen würden. Damit wäre langfristig jedem mehr gedient und ein Mehrwert für den Anwender geschaffen

Ich bin auf Eure Meinung gespannt. Wie seht ihr das ?

Quelle:

https://productable.de

Tags

Firefox, Hardware, Social, software