Zum Wochenende: 10 Linux Mythen

Fr, 21. Januar 2022, Ralf Hersel

Das ist ein Meinungsartikel.

Es fällt mir schwer, diesen Artikel im Jahr des Linux Desktops zu schreiben. Ist das in 2022 wirklich nötig? Das hängt von der Perspektive ab. Fast alle Leser:innen von GNU/Linux.ch sind Eulen, die man nicht mehr nach Athen tragen muss. Sie sind überzeugte Nutzer von freien Betriebssystemen und Anwendungen. Darüber wird oft vergessen, dass wir uns in einer Blase befinden. Bei einem Desktop/Mobile-Marktanteil um die 1%, gibt es 99 % Anwender:innen, die sich ein MacBook, einen Windows-PC oder ein Smartphone kaufen. Sie wollen einen Computer, ohne über die Details nachdenken zu müssen.

Viele haben entweder noch nichts von alternativen Betriebssystemen gehört, oder glauben an den alten Mythos vom schwierigen Linux, das nur für Nerds und Hacker geeignet ist. Dieser Artikel richtet sich nicht an die Leser:innen von GNU/Linux.ch, sondern an alle, die uns noch nicht lesen.

Das Ziel ist es, Argumente zu liefern, um Umsteigewillige, Zweifler, Bekannte, Uninformierte (nicht Uniformierte :) und Bedenkenträger davon zu überzeugen, einen Schritt zu mehr Freiheit zu wagen. Dabei geht es mir nicht um ein Missionieren, sondern um die reinen Argumente und Informationen. Anhand von mehreren Punkten, versuche ich mit den Mythen aufzuräumen und überzeugende Argumenten zu liefern.

1. Wenn ich einen neuen Computer brauche, gehe ich in den Mediamarkt und kaufe ein Gerät

Die Firma Microsoft hat es über die letzten Jahrzehnte geschafft, Computer-Hersteller dazu zu zwingen ihre Geräte ausschliesslich mit MS-Windows vorinstalliert auszuliefern. Falls diese sich nicht daran halten, wird ihnen die OEM-Lizenz entzogen. Hersteller sind am Massenmarkt interessiert, weshalb sie Geräte mit einem Betriebssystem ausliefern, das sich am häufigsten verkaufen lässt.

Mittlerweile gibt es viele Computer-Händler, die Geräte mit vorinstalliertem Linux vertreiben. Der Vorteil ist, dass man Linux-konforme Hardware erhält und, aufgrund des KMU-Charakters dieser Händler, einen besseren und persönlicheren Support erhält als bei den grossen Windows-Computer Herstellern, wie DELL, HP, Acer, ASUS, Lenovo, Medion, usw. Ja, DELL und Lenovo bieten auch Linux-Geräte an, wenn man danach sucht. Die Reihe der Linux-konformen Händler ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Zu den bekannten gehören Firmen wie:

Diese Liste liesse sich noch um viele Einträge erweitern. Fazit ist, dass es eine grosse Auswahl von Geräten mit vorinstalliertem Linux gibt. Damit entfällt das Argument, dass sich Neulinge die Installation eines Betriebssystems nicht zutrauen oder nicht durchführen wollen. Davon abgesehen, lässt sich eine einsteigerfreundliche Linux-Distribution schneller und einfacher installieren, als das bei Windows 11 der Fall ist.

Tipp: Beim nächsten Hardware-Kauf, lohnt es sich die Angebote der oben genannten Anbieter in Erwägung zu ziehen.

2. Unter Linux laufen meine Programme nicht

Diese Aussage ist schlichtweg falsch. Richtigerweise müsste sie lauten: "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht". Was hier so flapsig daherkommt, hat einen ernsthaften Hintergrund. Der Ausdruck "meine Programme" bezieht sich auf die Konditionierung der Anwender:innen. Wenn jemand seit der Schule nichts anderes gesehen hat als Word und Excel, wird er Probleme mit anderen Textverarbeitungen und Tabellenkalkulationen haben, egal ob diese unter Windows oder Linux laufen. Leider wird immer noch zu viel Produktwissen und zu wenige Fähigkeiten vermittelt. Man will nicht "Word" können, sondern "Textverarbeitung" können. Dann ist es kein Problem, ob die Anwendung Word, Writer oder sonst wie heisst.

Das Software-Angebot für freie Betriebssysteme wächst seit Jahrzehnten ständig und rapide. Ich kenne heute keinen Anwendungsbereich für den es unter GNU/Linux nicht mehrere Alternativen gibt, mit denen man genauso gut unter Linux, wie unter Windows oder MacOS arbeiten kann. Eine gute Anlaufstelle ist z.B. die Seite https://alternativeto.net/

Tipp: Seid nicht so fixiert auf genau das eine Programm.

3. Ich kann Linux nicht auf meiner Hardware installieren

Hier gibt es zwei Punkte: Zum einen kann es sein, dass die eigene Hardware teilweise nicht unterstützt wird. Das liegt an der Unwilligkeit von Komponentenherstellern, Gerätetreiber für Linux anbieten zu wollen, wie z.B. der Grafikkarten-Hersteller Nvidia. Wer sein Gerät bei einem Linux-Hardware-Anbieter kauft, hat diese Sorgen nicht. Ansonsten sollte man darauf achten, das Gerät vorher mit dem Live-Boot einer Distribution zu testen. Dies ist mit fast allen Linux-Distributionen möglich. Man kann das Betriebssystem von einem USB-Stick starten, ohne die bestehende Installation auf dem Gerät zu beeinflussen. Damit kann man gut testen, ob alle Hardware-Komponenten unterstützt werden. Falls überhaupt, könnte es Probleme mit brandneuer Hardware, exotischer Hardware oder Geräten geben, die älter als 15 Jahre sind. Somit hat man heutzutage keine Schwierigkeiten mit der Hardware.

Beim zweiten Punkt geht es um das Unwissen, wie man zu einer Linux-Distribution kommt und diese auf einem bestehenden PC oder Notebook installiert. Wer sein neues Gerät bei einem Linux Geräteanbieter kauft, hat das Problem nicht, weil das Betriebssystem bereits installiert ist und die Hardware garantiert unterstützt wird. Möchte man Linux auf einem existierenden Geräte installieren, findet man im Internet einfache Anleitungen, wie man eine Distribution bezieht und zu Probezwecken installiert.

Tipp: Testet, ob Linux das Gerät ausreichend unterstützt, bevor ihr es kauft.

4. Ich kann mich nicht entscheiden, welche Distribution und welchen Desktop ich verwenden soll

Obgleich ein Luxusproblem, ist dies vermutlich einer der grössten Hürden für willige Linux-Einsteiger:innen. Das Sprichwort sagt: "Wer die Wahl hat, hat die Qual". Windows- und MacOS-Anwender kennen dieses Problem nicht, denn hier lautet das Motto: "Friss oder stirb". Wer keine Wahl hat, muss sich dem fügen, was vorgesetzt wird. Windows- und MacOS-Anwender haben keinerlei Wahl.

Die normale Konsumentin würde sich wundern, wenn sie beim Autokauf nur ein Modell zur Wahl hat, oder im Supermarkt immer nur dieselbe Pasta-Sosse kaufen könnte. GNU/Linux-Distributionen bieten hier die Auswahl, die man in anderen Konsumbereichen gewohnt ist, und schmerzlich vermissen würde.

Zum einen gibt es die Wahl der Distribution. Als Neuling würde ich mir über die Distro keine grossen Gedanken machen, sondern eine der bekannten wählen: Fedora, Manjaro, OpenSUSE (Ubuntu habe ich bewusst nicht genannt, weil es sich bei dieser Distro nach meiner Meinung um eine Sackgasse handelt). Einsteiger sind eher von der Vielzahl an Desktop-Umgebungen beeindruckt, bzw. verwirrt. Auch hier empfehle ich eine einfache Entscheidung zwischen KDE oder GNOME, evtl. Xfce, falls man eine alte Kiste hat. Um alle Feinheiten, wie Release-Modell, Paketmanagement, Desktop-Derivate, kann man sich später kümmern.

Tipp: Nicht lange fackeln, sondern eine der bekannten Distros nehmen, mit dem Desktop, der einen optisch anspricht.

5. Linux ist nur etwas für Nerds, Hacker und man muss die Kommandozeile beherrschen

Dieser Mythos sitzt tief und wird in den Boulevard-Medien immer wieder aus der Mottenkiste geholt. Richtig ist, dass Linux auch etwas für Nerds und Hacker ist. Wer sich ein Notebook mit vorinstalliertem Linux kauft, ist vom ersten Tag an startklar, ohne Lizenzverträge abzunicken, Office-Pakete zusätzlich kaufen zu müssen und Online-Konten zu erstellen. Linux bietet die bessere out-of-the-Box Erfahrung als Windows oder MacOS.

Beim Thema 'Kommandozeile' gilt die Devise: "alles kann, nichts muss". Meine Mutter verwendet seit 6 Jahren Linux und hat in dieser Zeit noch nie ein Terminal geöffnet. Allen Anwender:innen, die mehr wollen, eröffnet die Kommandozeile ein Universum an Möglichkeiten und Effizienz.

Tipp: Die Kommandozeile ist dein Freund; irgendwann wirst du sie lieben.

6. Bei Linux sieht alles ganz anders aus; damit komme ich nicht zurecht

Ja klar, ein Audi sieht auch anders aus als ein Opel. Entscheidend ist hierbei die Monopolstellung von Microsoft auf dem Desktop. Wer seit zwanzig Jahren keine andere Wahl hatte, als einen Audi zu bedienen, wird sich im 21. Jahr mit dem Opel schwertun. Wenn es unbedingt sein muss, gibt es GNU/Linux-Desktops, die die Oberfläche von Windows und MacOS perfekt nachahmen. Das ist in etwa so, als würde man einen Audi kaufen, um den Innenraum danach in der Werkstatt zum Opel umbauen zu lassen.

Jedermann und jeder Frau kommt mit den Desktops von Linux klar; spätestens nach zwei Wochen. Wer jedoch grundsätzlich in seinem Leben nichts ändern möchte, und Neuem nicht aufgeschlossen gegenübertritt, hat ganz andere Probleme, die weit über Betriebssysteme hinausgehen.

Tipp: Springe über deinen Schatten.

7. Niemand hilft mir, falls ich Probleme habe

Gegenfrage: 'Wer hilft dir bei Windows oder MacOS?'. Die Antwort lautet sicher nicht: "Der Support von Apple oder Microsoft", sondern: "Meine Kollegen, meine Kinder/Eltern/Bekannte". Und das ist bei Linux genauso, aber besser. Jeder kennt jemanden, der Linux verwendet und den man fragen kann. Darüber hinaus gibt es zahllose Foren, FAQs, Blogs und Chats in denen man Antworten auf seine Fragen findet. Man muss es nur wollen. Nicht zu vergessen sind die Entwickler von Anwendungen, die häufig bereit sind Fragen zu beantworten. Bei Windows und MacOS: unvorstellbar.

Und das bringt mich zu einem wesentlichen Punkt, dem kulturellen Unterschied. Die kommerzielle Welt der proprietären Systeme tickt völlig anders, als die Freie Software Community. Auf der einen Seite gilt das Konsumprinzip 'Geld gegen Leistung'. Auf der anderen Seite heisst es eher 'Geben und Nehmen'. Ich komme später noch genauer darauf zu sprechen.

Tipp: Fragen kostest nichts.

8. Ich will nur, dass es läuft und habe Angst vor Veränderung

Wir alle wollen, dass der Computer als unser Arbeits- und Freizeit-Instrument, läuft. Und Linux läuft: schneller, einfacher, schöner, vielfältiger und sicherer als die Angebote der kommerziellen Konkurrenz. Als Anwender:in einer GNU/Linux-Distribution erhältst du viel mehr: mehr Unterstützung, mehr Leistung, mehr Auswahl und mehr Freiheit. Stimmt, da war doch noch etwas: die vier Freiheiten. Freie Software auf Linux-Distributionen, gibt dir Rechte, statt sie dir zu nehmen. Und zwar diese:

Wer Angst vor Veränderung hat, macht keinen Schritt vorwärts. Nicht nur im digitalen, sondern auch im realen Leben. Es lohnt sich den Schritt zu GNU/Linux zu machen, weil es neue Horizonte eröffnet.

Tipp: Probieren geht über studieren.

9. Unter Linux kann man nicht spielen

Lange Zeit stimmte diese Aussage. Die grossen Game-Studios haben nicht für Linux entwickelt, weil der Marktanteil zu klein war. In den letzten Jahren hat sich diese Situation geändert. Mit Valve's Steam ist eine komfortable Spiele-Verwaltung verfügbar, in der man unzählige Spiele für Linux findet. Darüber hinaus gibt es zuhauf native Linux-Spiele.

Auch bei der Basistechnologie hat sich viel getan. Proton ist eine auf Wine basierende quelloffene Software, die von Valve entwickelt wird. Ziel von Proton ist es, Steam-Spiele, die für Windows erstellt wurden, auch unter Linux spielen zu können. Proton verwendet zur Implementierung von DirectX 11 und DirectX 12 die Computergrafik-Programmierschnittstelle Vulkan.

Tipp: Schliesse dich der Play-Community bei GNU/Linux.ch an.

10. Was nichts kostet, taugt doch nichts

Auch dieser Mythos gründet sich auf den Erfahrungen der realen, kommerziellen Welt. Eine Ware hat einen Preis; je höher dieser Preis ist, desto höher schätzen wir den Wert der Ware ein. Bis vor ca. 20 Jahren funktionierte diese Gleichung. Heute ist diese Erfahrung wertlos, weil der Preis nicht mehr von der Leistung und Qualität abhängt, sondern vom Markenwert. Die Qualitätsvermutung hat sich vom Dinglichen in die soziale Anerkennung verschoben. Beispiel: Ein solides Kleidungsstück hat heute weniger Wert als ein Instagram-fähiges Kleidungsstück. Eine handwerklich perfekt produzierte Handtasche hat heute weniger Wert als eine Handtasche, auf der das richtige Label prangt.

Die Überschrift sollte eher lauten: "Was etwas kostet, taugt noch lange nichts".

Der Markenwert von Freier Software ist verschwindend gering gegenüber dem Wert proprietärer Labels. Im Gegensatz dazu ist der Produktwert Freier Software um den Faktor 100 höher als der von kommerzieller Software. Mehr als 90 % aller Computerprogramme basieren auf Freier Software, insbesondere in Industrien, der Forschung und im Bereich kritischer Infrastruktur: Kraftwerke, Energieversorgung, Netzwerke, usw.

Niemand hat gesagt, dass GNU/Linux und Freie Software kostenlos ist. Das Gegenteil ist richtig: Freie Software wird von Entwicklern geschaffen, die essen und wohnen müssen. Wer den Unterschied zwischen 'Freier Rede' und 'Freibier' nicht verstanden hat, hat Freie Software nicht verstanden. Als Nutzer von Freier Software sollte es selbstverständlich sein, einen Beitrag (eine Gegenleistung) zu erbringen. Zum Glück ist das nicht an einen Kaufpreis gebunden, sondern kann auf vielfältige Weise erbracht werden.

Wer auf seinem Computer das Linux-Betriebssystem und Freie Software einsetzt, sollte dies nicht tun, um kostenlose Produkte zu verwenden, sondern weil er/sie vom Konzept einer qualitativ hochwertigen Leistung und einer kooperativen Gemeinschaft überzeugt ist. Diese Leistung und Qualität kann man bezahlen, indem man spendet, unterstützt, mitarbeitet oder weitererzählt.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende.