Zum Wochenende: Gebrauchte Hardware

Fr, 26. August 2022, Götz

In diesem Artikel werde ich mich nicht mit den dazu klassischen Fragestellungen beschäftigen. Die der Ökologie oder Ökonomie. Dazu gibt es hinreichend Texte und Informationen. Ich möchte viel mehr auf etwas anderes hinaus: die menschliche Komponente. Ich setzte mich mit der Frage auseinander, warum gebrauchte Rechner kein Thema in der Öffentlichkeit sind. Warum man hier nicht darüber spricht, den Rechner gebraucht zu erwerben.

Wer heutzutage ein Mitglied der modernen Gesellschaft sein möchte, kann sich dem Besitz eines Rechners nicht mehr entziehen. Wir müssen unsere Steuererklärung online verfassen, Termine mit dem Bürgeramt online vereinbaren und unsere Bankgeschäfte sind auch online zu erledigen. Wir leben jetzt in einer Zeit, in der selbst bürokratische Kolosse, wie Deutschland, es verstehen: Die Welt des Vordrucks, des Lückentextes und der Hängeregister für jeden Bürger, Patient oder Steuerschuldner ist vorbei.

Sehen wir uns einmal den aktuellen Zustand an: Smartphones, Tablets und PC sind technologisch fertig entwickelt. Jede neue Generation kann das Gleiche wie die vorige, aber auch nur um ein µ besser. Es gibt keinen zwingenden Grund, das Neuste zu kaufen. Also warum tun wir es? Warum kaufen wir immer wieder das Gleiche?

Betrachten wir einmal exemplarisch den Erwerb eines Laptops: Für den Erwerb müssen wir wissen, was wir wollen. Unser Konsument muss einen Bedarf für einen neuen Laptop haben. Im Regelfall erwirbt dieser nun nach kurzer Recherche/Beratung (Online oder im Fachgeschäft) ein entsprechendes Gerät. Das ist leicht, hierbei ist kein Aufwand seitens des Konsumenten aufzubringen, im Prinzip sagt dieser auch nur: „Nimm mein Geld und gib mir Funktion!“.

Doch will unser Konsument einen gebrauchten Laptop kaufen, so muss er erst einmal wissen, was dieser möchte. Er muss einen Bedarf erkennen, seine Anforderungen an das neue Gerät festlegen und wissen, welche Arten von „gebraucht“ es gibt. So existieren professionelle Shops, die sich an den Kunden richten, sie bieten das Gerät mit Garantie und einer professionellen Aufbereitung an. Der Kunde kann sich sicher sein, dass sein Gerät sauber, geprüft und funktionsfähig ist.

Der Verkäufer muss auch transparent machen, welche Mängel sich durch den Vorbesitzer schon ergeben haben:

  • Kratzer im Gehäuse
  • Akku hat noch 80 % der ursprünglichen Kapazität
  • Folgendes Zubehör ist vorhanden

Diesen Aufwand scheuen die meisten Menschen. Die Ursachen sind dabei vielfältig. Es ist die Angst eine falsche Entscheidung zu treffen, die man dann bereut, schliesslich entspricht das Gerät nicht dem neusten technologischen Stand. Ist die Funktionalität wirklich ausreichend? Könnte ich nicht etwas verpassen? Ist das Gerät nicht „verbraucht“?

Diese Ängste und Zweifel beruhen auf der Tatsache, dass die meisten Menschen nicht das technische Fachwissen haben einzuschätzen, welche „Innovation“ wirklich innovativ oder doch eher ein überzogenes Marketingversprechen ist. Dieser Aufwand der Auseinandersetzung wird gescheut, da die Meisten den deutlichen Zeitaufwand nicht investieren wollen, oder es sich nicht zutrauen, diese Entscheidung qualifiziert zu treffen. Aber muss das sein?

Nein, denn wir sehen an vielen anderen Punkten, dass es funktioniert. Beispiel: Das Auto. Es ist überhaupt kein Problem, wenn man als Laie zum Autohaus geht und dort einen „Gebrauchten“ erwirbt. Niemand macht sich Sorgen um die Abnutzung, hat Zweifel wegen der verbliebenen Restlaufzeit oder fühlt sich durch die Komplexität überfordert. Was ist also der Unterschied? Beim Auto handelt es sich um ein qualitatives Gebrauchsstück, beim Rechner um ein billiges Verbrauchsstück. Wir haben gelernt, dass es sich bei dem Auto um ein langlebiges Stück Technologie handelt. Beim Rechner haben wir das nie so verstanden, wir betrachten ihn als Wegwerfprodukt. Wir haben gelernt, dass die Computerindustrie so innovativ ist, dass es sich nicht lohnt, den Rechner als Qualitätsprodukt mit Langlebigkeit in Verbindung zu bringen. Wenn dieser die ersten Macken zeigt oder angebliche Funktionen fehlen: Schmeiss weg und Kauf neu.

Die im oberen Absatz angesprochene vermeintliche Überforderung der modernen Technologie ist somit nur fiktiv. Wir empfinden auch nicht bei gebrauchten Autos so, wir vertrauen unserem Händler, wir vertrauen dem Hersteller, wir vertrauen dem Regulierer, dass wir hierbei ein funktionsfähiges, modernes Produkt erhalten. Die Wertschätzung ist hier eine andere. Wir brauchen hier nicht mehr Bildung, oder eine Informationskampagne. Wir brauchen einen Wechsel in der Kultur.  Wir müssen lernen, dass wir auch vermeintliche Gebrauchsprodukte endlich als Qualitätsprodukte ansehen und einen Gebrauchtmarkt aufbauen, der entsprechende Produkte vertreibt. Nicht den wabbeligen Büro-PC für 399 € mit dem schreienden Lüfter, dem surrenden Netzteil und der extrem langsamen SSD.

Nein, in einem solchen Gebrauchtmarkt wird qualitativ hochwertige Hardware angeboten. Der Laptop mit der auswechselbaren Batterie, Tastatur und strapazierfähigen Scharnieren. Dieser Laptop wird dann auch überall angeboten, neben dem teuren Neugerät steht der wiederaufbereitete Gebrauchte. Der mit dem neuen Akku, der gereinigten Tastatur und dem frisch polierten Display. Der mit der neuen Wärmeleitpaste und dem durchlaufenen Funktionstest.

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