Zum Wochenende: Memento mori

Fr, 28. Oktober 2022, Ralf Hersel

Wie ihr wisst, schreiben wir zum Wochenende kritische und gesellschaftlich relevante Artikel. Diese dürfen auch einmal unter die Haut gehen, so wie es bei diesem Beitrag der Fall ist. Damit unterstützen wir unseren Anspruch, auch über die Freie Gesellschaft zu schreiben. Heute geht es um die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Gesellschaft.

Wer mir folgt, weiss, dass ich den Begriff "Künstliche Intelligenz" nicht mag, weil er eine Daseinsberechtigung für eine künstliche Intelligenz postuliert. Tatsächlich ist der Begriff "Intelligenz" noch nicht einmal genau definiert. Alternativ wird das Wort "Maschinelles Lernen" oder "Künstliches neuronales Netzwerk" (KNN) verwendet. Der letztgenannte Begriff gibt es am besten wieder.

Nun lasst uns in den Untergang eintauchen.

Zur Einstimmung habe ich ein paar Zitate zusammengefasst:

Wenn die Realität des Todes in den Hintergrund unseres Bewusstseins rückt, tauchen schnell andere Probleme auf, die die Freude rauben und die Lücke füllen.

Bedenke, dass du sterben wirst.

Bedenke, dass du ein Mensch bist.

Sieh dich um und bedenke, dass auch du nur ein Mensch bist.

"Memento mori" ist ein Aufruf, sich trotz aller Erfolge und Leistungen nicht überheblich zu verhalten, sondern immer die eigenen Grenzen im Blick zu behalten. Die Erfolge und Leistungen der Menschheit ziehen sich wie ein roter Faden seit der Antike bis zur Neuzeit durch unsere Gesellschaft. Sie waren auch immer mit Ängsten verbunden:

  • Der Arbeiter hatte Angst vor der Dampfmaschine
  • Der Kutscher hatte Angst vor dem Automobil
  • Die Schreibkraft hatte Angst vor der Spracherkennung
  • Der Schachspieler hatte Angst vor dem Schachcomputer
  • Der Redakteur hatte Angst vor GPT3
  • Die Künstlerin hatte Angst vor DALL-E2

In der Vergangenheit haben sich die meisten Ängste als unbegründet erwiesen. Durch den Wegfall des Alten gab es neue Chancen und Berufe durch das Neue. Gerade in der vorindustriellen- und industriellen Zeit, war die Verbesserung leicht nachvollziehbar. Lieber auf dem Traktor sitzen, als den Pflug selber ziehen. In einer Dienstleistungsgesellschaft sind die Vorteile schwerer zu verstehen. Wenn die Bankangestellte durch den Bankautomaten ersetzt wird, ist keine Erleichterung für die Betroffene ersichtlich, sondern lediglich die Chance auf eine Umorientierung hin zu einem höherwertigen Job.

Mittlerweile befinden wir uns in einer Wissensgesellschaft. Es geht jetzt nicht mehr um das Wegrationalisieren von Arbeiten im Dienstleistungssektor, sondern um den Ersatz menschlicher kognitiver Fähigkeiten. Es geht nicht mehr um das Handeln, sondern um das Denken. Ein Meilenstein wurde im Jahr 1997 erreicht, als der Schachcomputer Deep Blue einen ganzen Wettkampf unter Turnierbedingungen gegen den Schachweltmeister Kasparow gewann. Dieses Ereignis ist deshalb bemerkenswert, weil das Denken und nicht das Handeln von einer Maschine geschlagen wurde.

Die Einschätzung der Menschheit als "Krone der Schöpfung" basiert auf der kognitiven, emotionalen und künstlerischen Überlegenheit gegenüber allem anderen. Seit den Fortschritten bei KNN in den letzten 20 Jahren, fällt diese letzte Bastion menschlichen Selbstverständnis. Überzeugende Beispiele sehen wir in den letzten Jahren zuhauf:

  • OpenAI's GPT3 schreibt überzeugende Zeitungsartikel auf der Basis weniger Stichwörter
  • OpenAI's DALL-E2 generiert künstlerisch ansprechende Bilder aus einer Beschreibung

Hier ist ein Beispiel: "A baroque painting of an astronaut in the ocean" führt zu diesen Ergebnissen:

Oder wie wäre es mit einem Podcast, in dem Joe Rogan ein Interview mit Steve Jobs führt; komplett KNN generiert:

Nun kann man sich fragen, ob die generierten Bilder als Kunst zu bezeichnen sind, ob jemand einen künstlichen Nachrichtenartikel lesen möchte, oder ob man ein Interview hören möchte, das so nie stattgefunden hat. Ein letztes Beispiel habe ich noch: Google Imagen generiert Video-Clips aus einer Textvorgabe: "Wooden figurine surfing on a surfboard in space".

Was macht das mit uns und welche Konsequenzen sollen wir daraus ziehen?

  • Wir können die Echtheit von Texten, Bildern, Gemälden, Videos, Podcasts, Musik nicht mehr überprüfen.
  • Damit verlieren wir das Vertrauen und den Glauben an alles, was wir nicht unmittelbar (kein Internet) sehen und anfassen können.
  • Geistige und künstlerische Werke werden wertlos, bzw. zweifelhaft, weil ihr Ursprung und die Intention dahinter unklar sind.

Wie gehen wir damit um und welche Konsequenzen können wir ergreifen? Verbote haben noch nie geholfen, bzw. werden von der Geilheit der Leute und den wirtschaftlichen Interessen übersteuert. Ich würde zumindest für eine Attributierung stimmen. Erst kürzlich habe ich mit Lioh gescherzt, ob man die Artikel und die Podcasts bei GNU/Linux.ch mit diesem Label auszeichnen soll:

Memento mori - bedenke, dass Du ein Mensch bist.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Memento_mori

Tags

Künstliche Intelligenz, Souveränität, Selbstbewusstsein, Kunst, Mensch