Zum Wochenende: Rechte Tasche, Linke Tasche

  Ralf Hersel   Lesezeit: 4 Minuten  🗪 3 Kommentare Auf Mastodon ansehen

Was nützt es, wenn sich Freie Projekte gegenseitig Spenden zuschieben? Wenn sich der Blinde und die Lahme gegenseitig stützen, ist das sozial, aber nicht nachhaltig.

zum wochenende: rechte tasche, linke tasche

Im Rahmen unseres diesjährigen Transparenzbericht gab es Fragen zu unseren erhöhten Ausgaben im Vergleich zu den Vorjahren. So fragte Theodor:

Am Ende des Berichtes stellt Ihr die Frage, was mit dem Überschuss an Spenden geschehen kann?
Wie wäre es das Eine oder Andere Projekt zu unterstützen? Vielleicht ein kleines Projekt, das zwar wichtig für freie Software ist aber leider zu wenig Aufmerksamkeit bekommt?

Meine Antwort an ihn lautete:

Wir spenden bereits an Freie Projekte; bisher nur an solche, die wir selbst für den Betrieb von GNU/Linux.ch nutzen. Unsere erste Idee war, Beitragende zu GNU/Linux.ch zu unterstützen, was an organisatorischen, buchhalterischen und regulatorischen Hürden gescheitert ist.

Wenn es um die Unterstützung von anderen Freien Projekten geht, sehen wir ein Inzucht-Problem. Beispiel: Wenn Gimp an Inkscape spendet, ist das "linke Tasche, rechte Tasche". Damit ist keinem der Projekte geholfen. Es kann doch nicht sein, dass sich die Projekt gegenseitig spenden. Spenden müssen von den Anwendern (Personen, Firmen, Organisationen, Behörden, Regierungen) kommen.

Ich weiss nicht, ob ihr meine Meinung teilt, dass das gegenseitige spenden von Projekt A an Projekt B zielführend ist. Die meisten freien Projekte sind mit eher knappen Budgets ausgestattet, sodass diese Mittel für die Fortentwicklung des Projektes anstatt zur Unterstützung anderer freier Projekte eingesetzt werden sollten. Das kann man auch ganz anders sehen, weshalb ich diesen Artikel geschrieben habe. Mich interessiert eure Meinung dazu.

Zum Glück hat sich die Situation bei der öffentlichen Unterstützung in den letzten Jahren verbessert. So gibt es seit 2022 die Sovereign Tech Agency, die von der deutschen Bundesregierung unterstützt wird. Ihr Ziel ist die Förderung und Absicherung von Open-Source-Basistechnologien. Bis 2024 wurden Fördergelder in Höhe von 51 Millionen Euro an freie Projekte ausgezahlt. Bis 2025 wurden 36 Projekte unterstützt, darunter z. B.: ActivityPub, cURL, FFmpeg, Gnome, Log4j, OpenStreetMap, OpenSSH, usw.

Ein weiteres Beispiel öffentlicher Unterstützung ist der Prototype Fund. Dieser wird ebenfalls durch nationale Steuergelder finanziert. In Deutschland durch das BMFTR und in der Schweiz durch zwei Stiftungen. Der Prototype Fund ist ein niedrigschwelliges Förderprogramm für freie Entwickler:innen und kleine Teams, die innovative Open-Source-Software aus der Gesellschaft und für die Gesellschaft entwickeln. In Deutschland können Einzelentwickler:innen eine Förderung bis zu 47'500 Euro und Team bis zu 95'000 Euro erhalten. Seit 2016 wurden 408 Projekte unterstützt. In dieser Liste findet man nicht die grossen Namen wie bei der Sovereign Tech Agency, sondern kleine und innovative Projekte.

In den europäischen Ländern und auf EU-Ebene gibt es weitere Fördermittel für freie Software, entweder von staatlichen Stellen oder häufig durch Stiftungen. Diese belaufen sich im Schnitt auf niedrige zweistellige Millionenbeträge.

Demgegenüber stehen Ausgaben in Milliardenhöhe für proprietäre Lizenzen an Firmen mit Sitz in nicht vertrauenswürdigen Staaten.Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen Bundestagsabgeordneten Rebecca Lenhard hervorgeht, hat die Bundesverwaltung im vergangenen Jahr 481,4 Millionen Euro für Software-Lizenzen an Microsoft gezahlt. Das geht aus einem Dossier der Süddeutschen Zeitung (Paywall) hervor. Dies entspricht einer Erhöhung von 75 % innerhalb von zwei Jahren. Die Ausgaben des Bundes für Software und IT-Dienstleistungen überstiegen 2024 erstmals 1,2 Milliarden Euro. Microsoft ist dabei der grösste Einzelprofiteur.

Doch wie sieht das Verhältnis zwischen Lizenzkosten für proprietäre Software und der Unterstützung von freier Software in den Unternehmen aus? Dazu habe ich keine belastbaren Zahlen. Wenn ich von ähnlichen Verhältnissen wie beim Bund ausgehe, ergibt sich ein Faktor 100 zu Ungunsten der freien Software. Achtung, das ist eine Milchmädchenrechnung, aufgrund der ungenauen Zahlen und des nicht vergleichbaren Leistungsumfangs.

Interessanter ist die Frage, ob Unternehmen und Organisationen überhaupt für die von ihnen genutze freie Software bezahlen. Dass Firmen freie Software nutzen, steht ausser Frage; man denke nur schon an den Backend-Bereich. Aus dem Open-Source-Monitor des Branchenverbands bitkom geht hervor, dass 73 % der Unternehmen Open Source einsetzen. Dem Bericht ist nicht zu entnehmen, welche Kompensation von den Firmen an die FLOSS-Projekte erbracht wird.

Fragt doch mal in eurer Firma oder Organisation nach, ob Open Source zum Einsatz kommt und, wenn ja, ob es einen Fördertopf für die Projekte gibt, deren Leistungen man nutzt. Und vergesst bitte meine Frage vom Anfang nicht: Sollen sich freie Projekte gegenseitig Spenden zahlen, oder nur, falls deren Leistungen in Anspruch genommen werden, oder soll dies durch den Staat oder die Unternehmen erfolgen?

Schönes Wochenende

Titelbild: https://pixabay.com/photos/pockets-empty-jeans-no-money-1439412/

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sovereign_Tech_Fund

https://www.sovereign.tech/de/

https://www.prototypefund.de/

https://prototypefund.opendata.ch/

https://rebecca-lenhard.de/

https://www.sz-dossier.de/meldungen/microsoft-ausgaben-des-bundes-deutlich-gestiegen-9367b346 (Paywall)

https://www.bitkom.org/sites/main/files/2025-09/Chartbericht-Open-Source-Monitor-2025.pdf

Tags

Spenden, Freie Projekte, Geld, Unterstützen

Fairuse
Geschrieben von Fairuse am 13. Februar 2026 um 22:52

Ich nutze seit Jahren Services von disroot. Sie spenden einen Teilbetrag meiner Spende an die Projekte, die sie einsetzen und ich nutzen kann. Ich finde das gut so.

https://disroot.org/donate

Daher ist meine Antwort auf deine Frage: Macht es doch auch so. Spendet an Dienste, die ihr nutzt. Dazu zählen für mich auch Skripte, die im Maschinenraum entstehen, wie z. B. die Suche, die bei euch auf der Seite genutzt wird. Jetzt ist sie schön schnell nutzbar!

Bernd
Geschrieben von Bernd am 14. Februar 2026 um 09:24

Mein Problem beim Spenden ist, die Projekte zu finden, die es nötig haben. Bisher beschränke ich mich auf selbst genutzte Dienste, die meist "gute" Unterstützung erfahren. Von daher fände ich ein Weiterleiten an "Bedürftige" Projekte gut, die z.B. ihr eventuell besser beurteilen könnt. Für mich auf jeden Fall ein schwieriges Thema.

Olli
Geschrieben von Olli am 14. Februar 2026 um 12:41

Wenn Open-Source-Bewegungen sich gegenseitig finanzieren, tritt meines Erachtens nur ein Kannibalisierungseffekt ein. Das ist ähnlich zu betrachten wie die blödsinnigen Finanzierungen von Nvidia in KI-Unternehmen -> es entsteht ein ungesunder künstlicher Kreislauf. Staatliche Akteure, Unternehmen und Privatleute sollten einen Obulus an die Projekte entrichten, dessen Software sie nutzen. Wenn wir eine offene Gesellschaft sein und uns von Big Tech emanzipieren wollen, müssen wir unsere Kräfte und Geldscheine bündeln. Gruß Olli