"Es war eine kalte und stürmische Nacht." Damit beginnt bei Snoopy jeder Manuskript-Entwurf, wenn er auf seiner Hundehütte in die Schreibmaschine tippt. Prinzipiell könnte man tatsächlich einen beliebigen Texteditor nehmen und einfach schreiben, wenn man zu den glücklichen Schriftstellern gehört, die sich vor Einfällen nicht retten können. Für die meisten Autoren ist hingegen die Erstellung eines umfangreichen Manuskripts harte Arbeit. "Spezialisten" unter den Textverarbeitungen können hier eine wirkliche Hilfe sein. novelWriter ist ein solcher Spezialist, Open Source, kostenlos und für Linux/Win/MacOS erhältlich.
Vorbemerkung: Text pur
novelWriter hat das Prinzip, alle "Steuerelement" wie Verweise, Verknüpfungen, Notizen usw. direkt im Text aufzunehmen. Es muss also wenig über Menüpunkte oder Schalter gearbeitet werden. Einen Hinweis auf weiterführende Informationen zu einem Schauplatz leitet man beispielsweise durch "@location" ein:
Die Mini-Syntax erfordert eine kleine Lernkurve, aber nach ein paar Minuten sollte man mit dem Prinzip vertraut sein. Dazu gibt es ein Beispieldokument, an dem alles ausprobiert werden kann. Und eine sehr umfangreiche - und aktuelle! - Dokumentation.
Weiterhin ist es eine bewusste Design-Entscheidung des Entwicklers, keine Funktionen für Grafiken zu integrieren. Mit diesem Editor soll man sich vollständig auf die eigentliche Story und die Handlungsstränge konzentrieren können. Wenn die Bilder-Integration wichtig ist, so empfiehlt er Markdown-Editoren wie z. B. Ghostwriter.
Zentral für die Arbeit: Gliederung und Navigation
Die Arbeitsfläche von novelWriter ist in mehrere Spalten aufgeteilt, die unterschiedlich befüllt werden können. Aus meiner Sicht eine der der wichtigsten Funktionen bei einer umfangreichen Textarbeit: Immer die Gliederung angezeigt zu bekommen und leicht Abschnitte neu anordnen zu können.
Bei einem neuen Buchprojekt erwarten die Verlage von mir ohnehin ein Exposé mit einer möglichst vollständigen Gliederung. Mein persönliches Vorgehen: Ich nehme diese Gliederung auf, habe sie ständig im Auge und schreibe nicht linear, sondern fülle verschiedene Kapitel mit ersten Ideen und Entwürfen. [1] Via Drag-and-Drop kann ich dabei Reihenfolgen ändern, füge zusätzliche Gliederungspunkte ein oder streiche Ideen, die ich am Anfang hatte.
Markdown und ablenkungsfreie Texteingabe
Manchmal möchte man "am Stück" einen längeren Text eingeben, ohne durch zu viele Optionen abgelenkt zu werden. Auch dafür ist gesorgt mit dem "ablenkungsfreien Modus". Hier kann man sich auf die Markdown-Eingabe konzentrieren und je nach Wunsch dezent noch ein paar kleine Buttons oder Gliederungshinweise einblenden.
Hinzu kommen noch viele Shortcuts, die man direkt im Text einfügen kann - etwa für Tags, Personen, Zusammenfassungen, Notizen usw.
novelWriter speichert die Kapitel im reinem Textformat. Daher kann man zu jedem Zeitpunkt das Tool wechseln.
Verweise
Besonders stark ist novelWriter auch im Punkt der Filter und Verknüpfungen. Sobald man einen Shortcut verwendet, wird im Hintergrund ein Filter erstellt, der zeigt, in welchen Abschnitten der gleiche Name oder Schauplatz noch auftaucht.
Die Person "Snoopy" erscheint also nicht nur im aktuellen Abschnitt "Krimi" - auch in den Kapiteln "Earth" und "Mars" ist sie zu finden. Ein Klick in der Tabelle führt zur entsprechenden Stelle im Gesamt-Manuskript. Oder wenn bei meiner Story "Das Geheimnis der Schatztruhe" der Schauplatz "@location:Dachboden" eine besondere Rolle spielt, so kann auf diese Weise alles eingeblendet werden, was sich auf dem Dachboden abspielt - auch wenn das Skript 2000 Seiten umfasst.
Statistiken, Ziele, Kalkulationen
Nimmt ein Verlag ein Buchprojekt an, so kommt sehr früh die Kalkulation ins Spiel. Mit welchem Verkaufspreis kann kalkuliert werden und welche Seitenzahl lässt sich damit abdecken. Richtschnur ist hier auch heute noch die Papierseite, auch wenn die Publikation vielleicht zugleich in einem digitalen Format erscheinen wird. Daher muss man als Autor die Statistik im Blick behalten. Ich nutze dies zugleich, um mir Tagesziele zu setzen. Wenn bei einer Publikation X für mich als Autor der Betrag Y zu erwarten ist, dann darf mich das nur XYZ Stunden bzw. Tage kosten. Okay, wenn mir ein Thema Spaß macht, dann nehme ich das nicht so genau - aber als Richtschnur sind solche Werte immer recht nützlich.
Infos immer im Blick
Pfiffig ist die Infospalte aufgebaut. Hier hat man gleichzeitig im Blick: Kommentare, Zusammenfassungen, Notizen plus Verweise, Charaktere und Schauplätze sowie Kurzbeschreibungen. Eine Fülle von Informationen - aber durch Tabellendarstellung und Aktivierungsbuttons trotzdem sehr übersichtlich gelöst:
Auch Markierungen via Farbe oder Icons sind nützlich. So erhält man einen raschen Überblick, welche Kapitel weitgehend abgeschlossen sind oder welche Abschnitte noch ergänzt werden müssen:
Export und Weitergabe
Die Exportmöglichkeiten sollten für die meisten Fälle ausreichend sein. Verlage geben ihren Autoren meist eine MS-Wordvorlage an die Hand, die eventuell spezielle Makros enthält. novelWriter beherrscht ja dieses Export-Format, so dass es hier keine Schwierigkeiten geben sollte. PDFs für Testleser können auch weitergegeben werden. EPUB habe ich jetzt nicht entdeckt, dafür aber Markdown-Export. Editoren wie z. B. Typora erzeugen daraus recht hübsche E-Books.
Vor dem Export kann man umfangreiche Filter anwenden, also z. B. nur jene Kapitel einbeziehen, die noch nicht fertig sind. Oder nur Handlungsstrang A. Oder nur Sachverhalte, die für die Besprechung mit dem Dozenten für die Examensarbeit wichtig sind usw.
Eine Extra-Menüpunkt für Backups ist vorhanden. Dieser Überblick ist nur eine kurze Einführung, novelWriter bietet noch sehr viel mehr an Möglichkeiten. Es müssen ja nicht immer gleich "dicke Bücher" werden, die man damit schreibt. Shortstorys, Fanfiction, Geschichten zu Familienfeierlichkeiten, das Festhalten von Erinnerungen usw. - all dies ist mit novelWriter sehr gut machbar. Durch den Markdown-Export kann man die Texte auch leicht in ein Blog-System übernehmen - warum nicht auf diese Weise mal eine Fortsetzungsgeschichte veröffentlichen?
[1] Für meine Sachbücher habe ich unter Windows und MacOS Scrivener verwendet, sehr zu empfehlen, leider nicht für Linux erhältlich.
Quellen:
Titelbild: eigene Screenshots












Das ist ja wirklich erstaunlich. Sowas habe ich noch nie gesehen - ich dachte das alle autoren halt eirgendeinen Editor benutzen. Wirklich cool.
Ich glaube ich convertiere mal ein Buch aus Projekt Guttenberg in dieses Format, um zu sehen wie das bei einem größeren Projekt am ende aussieht.
Danke für diwsen hochinteressanten tipp.
Danke für die nette Rückmeldung! Auch lange Texte sollten kein Problem sein, da "Text pur" gespeichert wird und damit keine großen Ressourcen beansprucht werden. Wenn man längere Texte schreibt, so sind derartige Editoren sehr hilfreich. Es gibt noch ein paar, die sich gut eignen. Vielleicht bespreche ich bei Gelegenheit noch weitere.
Mir fallen dazu 3 ähnlichen Programme ein:
Gibt noch Papyrus, aber nur für Windows & Mac und wohl leider nur kommerziell zu haben https://papyrus.de/
Danke für den Hinweis auf die App - wirklich spannend. Ich nutze bisher selbst auch Scrivener, auch unter Linux - Lutris macht's möglich ;) Aber ne native App, das wäre natürlich ein Traum!
Ich wollte ja schon immer kein Buch schreiben, weil ich so fantasielos bin, aber jetzt juckt es mich direkt in den Fingern. 😀
Interessant. Würde mir sicher helfen, schriebe ich ein Buch.
Ich mache dies mit ghostwriter (Markdown) mit einem YAML header und pandoc. Auf diese Weise stehen einem alle gängigen Formate offen, ob epub, html oder PDF. Das Inhaltsverzeichnis ist so ebenfalls automatisch mit dabei.