Das Internet: Entwicklung und vergessene Dienste

Do, 21. April 2022, Norbert Rüthers

Heute möchte ich einmal beschreiben wie es damals mit dem Internet losging und mit welchen Schwierigkeiten man auch da schon zu kämpfen hatte. Dieses Wissen kann aber gerade für die jüngere Generation hilfreich sein die Dinge in der richtigen Relation zu sehen

Wenn man heute Leute über zu geringe Geschwindigkeiten klagen hört, so kann man das getrost relativieren. Denn kaum jemand kann sich heute noch erinnern, wie die Leute damals ins Netz kamen.

Wobei "Netz" am Anfang nicht Internet, sondern eine bunte Mischung verschiedene Dienste wie BTX, Mailboxen, FTP-Servern u.v.m.  bedeutete. Die Verbindung wurde i.d.R. mit Modem`s ( Modulator und Demodulator) hergestellt. Das ganze nannte sich DFÜ (Datenfernübertragung)

Die Übertragungsgeschwindigkeiten nach der Reihenfolge des Erscheinens. Das erscheinen des Standards und die Verwendung im Alltag klaffen zeitlich oft weit auseinander

  • Akustikkoppler 300 Bps (1958)
  • 1.2 KBit/s (1962)
  • 2.4 KBit/s  (1980)
  • 9.6 KBit/s (1984)
  • 14.4 KBit/s (1991)
  • 28.8 KBit/s (1994)
  • 28.8 KBit/s (1996)
  • 33.6 KBit/s (1996)
  • 56.0 KBit/s (1990)
  • 64 KBit/s  (ISDN)
  • 128 KBit/s (2x 64 KBit/s Euro-ISDN) (1994)
  • 768,0 KBit/s  (T-DSL)   (1998) Deutsche Telekom, empfängt 786 KBit/s, sendet 128 KBit/s

Es ging also mit dem Akustikkoppler los. Per Akustikkoppler stellte man eine Verbindung zu anderen Rechnern her. Dazu wurde der Telefonhörer an das Gerät angeschlossen. Datenfön nannte man die Akustikkoppler in dieser Zeit mehr oder weniger liebevoll. Und vom Chaos Computer Club kam der erste Selbstbau-Akustikkoppler: Datenklo für 300 DM. Akustikkoppler waren umständlich zu nutzen und oft störanfällig für Umgebungsgeräusche .

Bei den ersten Modems war die Schrittgeschwindigkeit oder Symbolrate, ausgedrückt in der Einheit Baud, noch identisch mit der Datenübertragungsrate, ausgedrückt in diesem Zusammenhang oft als Bitrate in bit/s oder bps

Beliebte Modemhersteller waren z.B. US Robotics, Hayes und Elsa. Ein MicroLink 28.8 TQV von ELSA kostete 1996 etwa 280 DM. Wer damals ein ELSA besass der war König. Der PC musste über einen seriellen Anschluss (RS-232) verfügen. Aber den hatten alle damaligen PC`s

Es war eine beliebte Challenge, das meiste aus den Modems diesen Geschwindigkeiten herauszukitzeln und verborgene Parameter zu aktivieren. Ab einer bestimmten Modemgeschwindigkeit spielte der UART mancher standardmässiger serieller Schnittstellen nicht mehr mit und man musste sie durch eine PC-Karte ersetzen die 115.200 Baud unterstützte

Aufgrund des damaligen Monopols der deutschen Bundespost (Vorläufer der Telekom) war es noch lange nicht gestattet jedes Modem ans Telefonnetz anzuschliessen. Wer das neueste Modem benutzen wollte, tat das also illegal und musste bei Entdeckung mit hohen Strafen rechnen. Es war übrigens auch nicht erlaubt einfach mal so ein neues stylisches Tastentelefon ohne FTZ Zulassung (Fernmeldetechnisches Zentralamt) anzuschliessen. Modems waren damals in Deutschland noch verboten, es gab zunächst nur Mietgeräte der Bundespost. Anfang 1987 betrug die Gebühr für ein BTX-MultiTel 1 monatlich 48 DM (nach heutiger Kaufkraft 45 €) und für ein MultiTel 2 78 DM (nach heutiger Kaufkraft 73 €).[3] Das erste im Mai 1988 mit FTZ-Zulassung versehene Modem kostete als Tischmodell 1950 DM (nach heutiger Kaufkraft etwa 1.810 €). Die Bundespost-Modems entsprachen den internationalen Normen der CCITT (heute ITU-T), viele Hobby-Benutzer verlangten aber nach einfacheren Standards, zum Beispiel nach Modems der Firma Hayes. Der von ihnen entwickelte AT-Befehlssatz zur Modemsteuerung wurde ein Industriestandard, der heute noch benutzt wird.

Ein Anbieter musste also genügend Telefonleitungen und Modems bereitstellen um den Zugang zu seinen Diensten sicherzustellen. Doch oftmals waren diese Kapazitäten zu klein und man bekam ein Besetztzeichen zu hören. Grosse Mailboxen hatten so oft Racks mit hunderten einzelner Modems.

Dazu kam, dass derjenige der zu Hause mit dem Modem "online" war die Telefonleitung blockierte und damit den Hass der Familie auf sich zog. Das wurde mit ISDN etwas besser, weil dort 2 Leitungen (B-Kanäle) nutzbar waren. Derjenige der Kanalbündelung nutzte um mit 128 KBit/s anstatt 64 KBit/s im Netz zu sein diesen Vorteil zunichte machte. Und wer wollte nicht so schnell wie möglich unterwegs sein. Für ISDN musste man seinen PC mit einer ISDN Karte ausrüsten. AVM wurde dadurch bekannt und in diesem Segment Vorreiter. Das nächste Problem für damalige Onlineenthusiasten waren die horrenden Verbindungsgebühren. Gespräche, also auch Modemverbindungen wurden im Minutentakt und nach Entfernung abgerechnet.. Deutschland war in Zonen aufgeteilt. Man zahlte je nachdem Orts, regional oder Ferntarif was zusätzlich noch zeitlich unterteilt war. Ferntarif war abends und nachts billiger als tagsüber

Wenn sich das Ziel also weit entfernt befand ging das sehr schnell ins Geld. Dazu kamen dann noch je nach Ziel Minutenpreise für die angebotenen Dienste. Z.B. Compuserve und AOL verfuhren auf diese Weise. Ich kann mich erinnern einmal eine Telefonrechnung von 450 DM plus 400 DM Dienstgebühren gehabt zu haben, was mich dann erstmal ernüchterte. Denn die Stunden die man online verbrachte vergingen schnell und man vergass die Zeit. Wohl dem der sich einen Wecker stellte.

Ich fing mit einem 14.4 er Modem an und besuchte mit Telix (ein Terminalprogramm für DOS) die Mailboxen in Deutschland.

Telix war das Mittel der Wahl und konnte alles. Später kam auch eine Windowsversion von Telix heraus.

Es unterstützte das Z-Modem Protokoll und verfügte über eine eigen Scriptsprache(Script Application Language for Telix)

AT-Befehle waren einem sowieso in Fleisch und Blut übergegangen. Mit ihnen steuerte man wie und was das Modem tun sollte. Aufgrund der geringen übertragenen Datenmengen war die gefühlte Geschwindigkeit mit einem Modem rückwirkend betrachtet gar nicht mal so schlecht. Heute dauert der Aufbau bei manchen Seiten oft genauso lange. In Mailboxen konnte man Dateien tauschen, Nachrichten schicken und sich über den neuesten heissen Scheiss austauschen. Die Cybercity BBS mit mehreren Standorten in Deutschland war ein angesagtes Ziel. Hier eine Liste mit hunderten verschiedener Mailboxen zur Anschauung. Einige Leute haben auch privat eine Mailbox gehostet. Der WDR Computerclub betrieb ebenfalls eine Mailbox mit dem Namen Komcom. Nach über drei Millionen Anrufen seit 1984 wurde der Rechner 1995 vom Netz genommen

Auch das Usenet mit seinen tausenden verschiedener newsgroups war sehr angesagt und ein Geheimtipp.

Natürlich gab es weltweit Mailboxen, aber die waren aufgrund der Telefonkosten unerreichbar. Deshalb trieb der Missbrauch auch kuriose Blüten. Leute die unauffällig Klingeldrähte an Telefonverteilern anbrachten um z.B. abends den Anschluss des Nachbarn oder einer Firma in der Nachbarschaft zu benutzen.Als die ersten Anbieter auf den Markt kamen, die einen Flatzugang über eine zentrale Einwahlnummer anboten, war das eine Sensation. Leider rechnete sich das wohl nicht und genauso schnell verschwanden sie auch wieder. Einer davon war z.B. Freenet

Das Internet erreichte eigentlich erst mit Einführung von DSL Anschlüssen eine breite Masse. Es war ein verwunschener Ort der mit vielen Mythen behaftet war. Man erreichte man es zunächst i.d.R. nur über Portale wie t-online, Compuserve und AOL. Bei t-online gab es auf der Einstiegsseite einen Button der mit Internet beschriftet war und man bekam beim erstenmal schon feuchte Hände und einen trockenen Hals. Es war neu und unbekannt.

Es gab auch noch keine Suchmaschinen. Es gab Bookmark-listen die von vielen Portalen angezeigt und verbreitet wurden oder die man privat austauschte. Diese Listen gab es zu allen möglichen Themen und Interessen und dort klickte man sich durch die Inhalte. Vor Google gab es eine Vielzahl von Suchmaschinen

  • Web Crawler. Foto: Screenshot / Web Crawler / Makeuseof. ...
  • Lycos. Foto: Screenshot / Lycos / Fastcompany. ...
  • Alta Vista. Foto: Screenshot / Alta Vista / Digital.com. ...
  • Excite. ...
  • Dogpile. ...
  • Yahoo. ...
  • Ask Jeeves.

Der Browser der Wahl hiess für die meisten Netscape. Es gab zwar schon den ersten Internet Explorer von Microsoft aber den wollte kaum jemand benutzen. Er war zu fehlerbehaftet und von ständigen Abstürzen betroffen. Technik bedingt konnte auch immer nur ein PC pro Anschluss das Internet benutzen. Router und Switche waren im privaten Umfeld noch unbekannt.

Ein typisches Setup sah so aus

Oder so

Im Laufe der Zeit schossen private Homepages wie Pilze aus dem Boden und Dienste wie Geocities profitierten davon. Die Dienste waren kostenlos. Man musste nur mit ein paar harmlosen Werbebannern leben. Es gab keinerlei Zensur und jeder baute das was er wollte. Diese Homepages hatten ihren ganz besonderen Charme und kamen mit wenig Bandbreite aus. Manche übertrieben es und plazierten dutzende animierter GIFs die einen beim aufrufen erstmal erschlugen

Ein Beispiel für einen Dienst von dem viele wohl noch nie gehört haben:

Gopher

Gopher ist ein Netzwerkprotokoll zum Abrufen von Dokumenten über das Internet. Gopher wurde 1991 unter der Leitung von Mark P. McCahill an der Universität von Minnesota entwickelt und ähnelt dem World Wide Web (WWW) in einem frühen Zustand.  Die Überlegung, die zu Gopher führte, war die umständliche Handhabung von FTP (file transfer protocol), bei dem man sich einloggen und über Konsolenbefehle in Verzeichnisse wechseln musste, um die gewünschte Datei finden und herunterladen zu können. Zudem wollte man ein einfach zu administrierendes Informationssystem schaffen, das wenig Ressourcen benötigt.  Mitte der 1990er Jahre hatten manche Organisationen, die über einen Internetzugang verfügten, zum Beispiel Universitäten oder Regierungen, einen Gopherserver und stellten der Allgemeinheit darauf Informationen aus allen Bereichen zur Verfügung.  Mit dem Aufschwung des WWW und den inzwischen wesentlich komfortableren FTP-Programmen ging jedoch die Zeit des Gopherspace zu Ende. Ursächlich für den Niedergang war auch die Entscheidung der Universität von Minnesota, die das Urheberrecht an Gopher hält, für die kommerzielle Nutzung des Dienstes Gebühren zu verlangen. Heute gibt es nur noch wenige Gopherserver, die Tendenz ist jedoch seit 2018 steigend.Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei Gopher um ein eigenständiges, etwa von HTTP oder FTP unabhängiges Protokoll handelt, werden zur Suche nach Gopher-Inhalten im Internet auch eigene Suchmaschinen benötigt. Eine der ältesten, aber trotzdem nach wie vor noch aktiven, ist Veronica. Zudem gibt es einige Weiterentwicklungen wie Veronica-2.

Mit zunehmender Verbreitung des Internet gerieten die vorigen Dienste immer mehr an Bedeutung. Die Leute zog es ins WWW und eine neue Zeit brach heran. Das lief solange positiv und kreativ ab. bis die grossen Firmen das "Net" als einträgliche Einnahmequelle entdeckten und Marketingstrategen das sagen hatten. 

Die Idee zu diesem Artikel kam mir als ich den Artikel "Die Zentralisierung des Internet" las und kann als Ergänzung gesehen werden. Ich hoffe das lesen hat euch genauso viel Spass gemacht wie mir das schreiben. Eigene Erfahrungen dürft ihr gerne in den Kommentaren posten

Quellen:

https://www.computerworld.ch

https://de.wikipedia.org/wiki

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dfü, Internet, Modem, dsl, Dienste, retro, KBit, ISDN, WWW, Mailbox, DM, Gopher, Akustikkoppler