Das Jahr des Linux Desktops - ein Kommentar

Do, 20. Januar 2022, rlx

Das ist ein Meinungsartikel, der sich auf diesen Beitrag bezieht: Wann ist das Jahr des Linux Desktops?

Fraglos hat sich Linux – oder besser; haben sich viele Linuxe – in den letzten Jahren ziemlich weiterentwickelt. Da sind Software-Produkte herangereift, die alltagstauglich sind. Bislang ist Linux allerdings ein Nischenprodukt, zumindest auf Desktops. Ist Linux also reif für ein größeres Publikum? Nur bedeutet ‚reif‘ für den (Massen)Markt noch lange nicht, dass es den Massenmarkt auch tatsächlich erreicht.

Was braucht es also für den nächsten Level? Linux ja bietet schon eine ganze Menge, was Nutzer*innen vermutlich auch wertschätzen – Lioh bricht die Grundbedürfnisse auf drei griffige Elemente herunter:

    • Wartungsfreiheit
    • Einfache Bedienbarkeit
    • Sicherheit

Allerdings gibt es für Kunden mit derlei Bedürfnissen bereits ein etabliertes Angebot – nämlich Google Chromebooks. Ein Chromebook ist einfach zu warten, einfach zu bedienen und ein ziemlich sicheres System (sofern man mal das Thema Datenschutz außen vor lässt).

Womit wir beim Thema Alleinstellungsmerkmal wären. Was könnte eines von Linux sein? Welchen Grund gibt es, Linux zu installieren, einen Linux-Computer zu kaufen oder andere Menschen gar für Linux zu begeistern?

Ein besserer Schutz der eigenen Privatsphäre könnte einer sein, transparente (sprich: Open Source) Software ein anderer. Theoretisch zumindest. So schwerwiegend diese beiden Aspekte auch sein mögen. Vermutlich wird das aber noch nicht reichen, um eine Linux-Wechsel-Welle an den Computern dieser Welt loszutreten: Wer sich an etwas gewöhnt hat, der wird nicht einfach bereit sein, Neues und Unbekanntes auszuprobieren. Oder mit anderen Worten: Wer sein Leben lang Windows- oder Mac-Nutzer war, der wird dabei bleiben. Da müsste es schon verdammt stark krachen, damit sich daran etwas ändert. Wie aber die Vergangenheit gezeigt hat, haben weder der Cambridge-Analytica-Skandal 2016 noch die Änderung der Geschäftsbedingungen bei WhatsApp im vergangenen Jahr wirklich eine große Wechselwelle losgetreten (höchstens ein ganz kleine). Verhaltensveränderung ist schwieriges Terrain.

Was braucht es also, damit sich viele Menschen für Linux begeistern?

Meiner Meinung nach braucht es vor allem vier Dinge: Linux muss Teil eines attraktiven Pakets aus Hard- und Software werden, zudem es braucht einen Purpose (einen leicht verständlichen Grund), einen neuen Namen für dieses Linux-Paket und Vorbilder (Menschen, die solch ein Linux-Paket erfolgreich nutzen):

  • Linux als attraktives Bundle. Linux muss als Paket daher kommen, attraktive Hardware mit einem stimmigen Softwarepaket. Linux muss man anfassen und kaufen können, im Zweifelsfall auch beim Technikmarkt um die nächste Ecke – nicht nur bei irgendwelchen weniger bekannten Onlinehändlern. Die Basis-Software sollte alle wesentlichen Bereiche abdecken – Browser Office, E-Mail, Kalender, Cloud (die Anbindung an bestehende Systeme muss einfach sein und im Zweifelsfall die Nutzer unterstützen, die eigene Privatsphäre effektiv schützen und idealerweise mit zehn Jahren garantierten Software-Updates.

  • Purpose. „Wofür brauche ich ein Linux-Paket?“, diese Frage sollte sich für Nutzer*innen ganz leicht beantworten lassen. Eine Antwort könnte zum Beispiel lauten: Als Ergänzung fürs Handy und Tablet, wenn beide zu klein sind, wenn ich einen Internetzugang braucht, aber mit einer richtigen Tastatur und mehr Privatsphäre. Oder anders gesagt: Wer ein Smartphone hat und Linux-Dings braucht keinen teuren (Windows-) Laptop mehr. Eine andere Antwort könnte auf die Nutzergruppe all jener abzielen, die sich mit Smartphones gar nicht wohlfühlen (das leider auch viel zu selten und nur viel zu leise artikulieren), die vielleicht auch viel größere Bildschirme haben möchten. Vermutlich suchen die „ein Gerät, das einfach nur funktioniert“ ohne mit Funktionen überfrachtet zu sein.

  • Branding (der neue Name). Ich bin überzeugt, dass es keinen großen Durchbruch von Linux (unter diesem Namen) geben wird, dafür ist die Linux-Szene viel zu heterogen. Vielmehr könnte ich mir vorstellen, dass es ein, zwei oder drei Ubuntus sein werden. Vielleicht heißen sie auch anders, aber auf jeden Fall braucht es Unternehmen, die die Rolle der 'Frontrunner' ausfüllen (können und wollen) und damit Erfolg haben. In deren Fahrwasser könnten dann viele andere Projekte ‚mitschwimmen‘.
    Allerdings wird es schwer, einen Markt für ein Linux-Dings zu finden. Vielmehr sollte dieser Apparat einen eingängigen Namen bekommen. Das könnte zum Beispiel ein LIS (Linux-Internet-Station) oder ein LIP (Linux-Internet-Pad) sein. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch wie vor einigen Jahren der absolute Netbook-Hype ausgebrochen ist. Netbook war die Produktkategorie der technisch etwas schwachbrüstigen, aber wirklich kleinen Computer. Kurz darauf hat Intel recht erfolgreich das sogenannte Ultrabook ersonnen: Ein Ultrabook ist eine Klassifizierung für damals extrem leichte, portable 13-Zoll-Notebooks mit Touchscreen. Warum also kreiert nicht einer der Linux-Community nahestehender Verband einfach auch Produktkategorien (um bei meinem Beispiel zu bleiben: ‚LIS‘ oder ‚LIP‘). Dann könnten beliebige Hersteller den ‚LIS‘ oder den ‚LIP‘ lizenzieren und produzieren (unter Einhaltung vordefinierter Standards – etwa für den Formfaktor, Benutzerführung, garantierter Reparierbarkeit, Open Source u.a.). Mit den Lizenzeinnahmen könnte wiederum Werbung für Linux finanziert werden.

  • Vorbilder. Als letzten Schritt brauchen wir noch Vorbilder – Menschen, die ‚LIS‘ und ‚LIP‘ nutzen und zeigen, wie einfach, selbstverständlich und cool deren Nutzung sein kann. Hilfreich könnte auch sein, wenn ein Charakter in einer angesagten Netflix-Serie so ein Ding benutzt – oder warum nicht auch der nächste James Bond.

Bevor aber die große Welle losschwappen kann, sehe ich aber Software-seitig noch einige Stellen an denen dringend nachjustiert werden solle:

  • Qualität der Software, die es auch für Mac/Win/Android/iOS als auch Linux gibt.
    Ja, es gibt sie – und immer mehr davon: Apps, die wir von anderen Plattformen her kennen. Slack ist inzwischen da, Spotify und Todoist auch, Skype sowieso. Das ist praktisch und gibt einem gleich ein wenig das Gefühl, zu Hause zu sein. Allerdings sollten die dann auch die gleichen Features bieten wie auf den anderen Plattformen und eine vergleichbare Qualität aufweisen. Das ist leider immer noch nicht selbstverständlich.

  • Stabile Software. Um zumindest annähernd eine Wartungsfreiheit zu erreichen, brauchen wir ‚Rock Solidness’ - Distributionen und darauf eingesetzte Software, die verlässlich funktionieren, die in verlässlichen Zyklen als wirklich stabile Version veröffentlicht werden und sich garantiert sorgenfrei installieren lassen.
    Die notwendige Neuinstallation des Systems wegen eines neuen Releases, händisches Partitionieren und all die anderen Dinge, die immer noch zum Alltag vieler Linux-Distributionen gehören, all es ist nicht massentauglich.
    Zudem wäre es aber auch noch verdammt hilfreich, wenn sich Entwickler wichtiger Softwarepakete darauf verständigen könnten, diese in regelmäßigen, aber größeren Abständen, dafür aber als stabile Versionen zu veröffentlichen. Leider werden Nutzer*innen immer selbstverständlicher als Beta-Tester für eigentlich noch unfertige Software genutzt.
    Stabile Versionen (nennen wir sie LTS-Versionen) würde ich mir beispielsweise für Office-Programme oder E-Mail-Clients wünschen. Sie sollten auf jeden Fall als LTS-Versionen kenntlich gemacht werden.

  • Peripherie. Plug&Play bei Druckern und Scannern ist sicherlich eine Idealvorstellung. Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Inbetriebnahme derartiger Geräte bei mir stets Schweissausbrüche verursacht (im Idealfall sind es nur Schweissausbrüche, meistens bleibt es aber nicht dabei). Die Inbetriebnahme vom Druckern, Scannern und Kombigeräten muss ‚out-of-the-box‘ funktionieren. Darüber hinaus müssen vollständig Linux-kompatible Peripherie als solche auch gekennzeichnet werden.

  • Income Generation. Das Gute an Paketlösungen (Hardware mit Software) ist, dass Kunden dafür Geld zahlen. Ob der an der Kasse zu zahlende Endpreis aber reicht, die Softwareentwicklung damit auch für langfristige Unterstützung auf sichere Füße zu stellen, bezweifele ich. Vermutlich werden wir uns daran gewöhnen müssen, in regelmäßigen Abständen auch für Open Source eine Abogebühr zu bezahlen. Zudem muss auch ein Verteilungssystem geschaffen werden, der es nicht nur Distributionen erlaubt, Einkommen zu generieren, sondern auch anderen Entwicklern, die womöglich nur kleine, aber womöglich sehr wichtige Teile zum Gesamtkunstwerk der Distribution beigetragen haben (Log4j lässt grüßen). Wie solche Verteilungsmechanismen aussehen könnten, wird noch zu diskutieren sein.

Ja, Linux kauert in der Nische. Allerdings gibt es da einige globale Entwicklungen, die Linux durchaus beim ‚mainstreaming‘ helfen könnten – nicht als Hauptgrund, aber vielleicht als Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Sehr viele Apps, Computerprogramme wie auch ganze Betriebssysteme sind inzwischen darauf getrimmt, in erster Linie den unbändigen Hunger der globalen Datenökonomie zu befriedigen. In diesem System werden wir Nutzer immer mehr zu Rohstofflieferanten degradiert. Aber die Gruppe derjenigen, die dieser Rolle überdrüssig sind, wird größer.

Wenn all diejenigen sich also abwenden würden – und Alternativen vorfänden….
Wenn diese Alternativen dann auch noch schick aussähen, einfach zu bedienen wären, leicht zu warten sowieso, aber zudem auch leicht zu reparieren und ebenso leicht aufzurüsten wären, damit sie auch in Zukunft noch geschmeidig funktionieren, ja dann könnte das etwas werden mit der Linux-Welle, die dann aber vielleicht anders hieße.

Womöglich wird es Zeit, diese Alternativen endlich zu produzieren.
Dann wäre das Jahr des Linux-Desktops zwar nicht 2022, weil etwas kurzfristig, aber vielleicht 2023?

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