Distroschwemme

  Ralf Hersel   Lesezeit: 3 Minuten Auf Mastodon ansehen

Jedes Jahr erscheinen 1000 neue Linux-Distributionen. Ist das die Voraussetzung für ein Einhorn, oder sind es verschwendete Ressourcen?

distroschwemme

Ist euch das auch aufgefallen? Beim täglichen Durchstreifen meines Newsfeeds, sehe ich fast jeden Tag neue Linux-Distributionen. Damit meine ich nicht neue Versionen von bekannten Distros, sondern Ersterscheinungen. Warum ist das so, wer braucht das, wer steckt dahinter?

Um meinen Eindruck zu quantifizieren, habe ich im Internet nach Neuerscheinungen von Distributionen im Jahr 2026 gesucht. Dabei fand ich nur einzelne Berichte, die kein Gesamtbild abgaben. Auch mit einer KI-Suche konnte ich keine befriedigende Liste erstellen. Einen Hinweis findet man bei Distrowatch. Dort gibt es (ganz unten links) eine Warteliste von Distros, die noch nicht in den Bestand aufgenommen wurden:

Diese neuen Distros sind mit einem Datum versehen, so dass man auf die Neuerscheinungen im Jahr hochrechnen kann. Die Liste deckt 5 Tage ab, in denen 16 Distros in die Warteliste aufgenommen wurden. Das ergibt ca. 3 neue Distros pro Tag. Auf ein Jahr gerechnet, sind das mehr als 1000 Neuerscheinungen.

Grundsätzlich ist Vielfalt in der Distro-Welt eine tolle Sache. Jeder soll sich seine Distribution basteln, wie sie ihr gefällt. Dann sei aber die Frage nach der Nachhaltigkeit erlaubt. Was soll die Community mit 1000 Eintagsfliegen anfangen? Wo liegt der Nutzen, wo ist die Nachhaltigkeit? Alle Entwickler:innen, die in der Lage sind, eine eigene Distribution auf die Beine zu stellen, könnten bei den etablierten Projekten mitarbeiten, um deren Qualität und Nachhaltigkeit zu sichern.

Basis-Distributionen

Wenn man über Distributionen schreibt, lohnt sich ein Blick auf den Stammbaum. Obwohl es tausende Distros gibt, stehen 99 % davon auf den Schultern von Giganten, den Basis-Distributionen. Viele davon bestehen seit den Anfängen von GNU/Linux, als da wären (sortiert nach Entstehungsjahr):

  • Slackware – 1993
  • Debian – 1993
  • SUSE – 1994
  • Gentoo – 2000
  • Arch Linux – 2002
  • Fedora Linux – 2003
  • NixOS – 2003
  • Alpine Linux – 2005
  • Void Linux – 2008
  • KaOS – 2013
  • Solus – 2015

Ohne es geprüft zu haben, behaupte ich, dass die meisten anderen Distributionen auf Debian und Arch Linux aufbauen. Eine interessante Kennziffer wäre die Anzahl an Personen, die bei den Distros mitarbeiten. Mir ist es nicht gelungen, für die oben genannten Projekte verlässliche Zahlen zu finden. Lediglich beim Debian-Projekt werden 1045 stimmberechtigte Entwickler:innen genannt.

Die Neuerscheinungen

Um die Neulinge aus diesem Jahr beurteilen zu können, habe ich mir zufällig drei Distributionen herausgegriffen.

ErgenOS

ErgenOS ist eine unabhängige, auf Arch Linux basierende Distribution, die auf GNOME, Btrfs-Wiederherstellung und einem grafischen Installationsprogramm aufbaut. Sie nutzt die Arch-Repositories und das Rolling-Release-Modell und ergänzt diese um einen eigenen Installationsablauf, Systemstandardwerte und eine Wiederherstellungskonfiguration. Das Projekt hat einen Kontributor.

LumaOS

LumaOS ist eine Wayland-orientierte Linux-Distribution, die auf dem scrollbaren Kachel-Compositor „Niri“ basiert. Geschwindigkeit, Eleganz und eine Ästhetik, die an den Weiten des Weltraums erinnert – zu einem stimmigen Ganzen vereint. Diese Distro basiert auf Ubuntu LTS. Das Projekt hat einen Kontributor.

ReyOS

ReyOS ist eine ruhige, zuverlässige KDE-Plasma-Linux-Distribution auf Arch-Basis: einfach genug, dass auch ein Neuling sie installieren, nutzen und aktualisieren kann, ohne zum Linux-Administrator werden zu müssen, und leistungsstark genug, dass ein erfahrener Nutzer niemals in seiner Freiheit eingeschränkt wird. Das Projekt hat zwei Kontributoren.

Fazit

Diese drei zufällig ausgewählten Neuerscheinungen bestätigen meine These: zwei bauen auf Arch und eine auf Ubuntu (also Debian) auf. Diese Distributionen stammen von Einzelpersonen; es gibt keine Entwickler-Community dahinter. Dem kann man entgegnen, dass Ian Murdock im August 1993 auch alleine mit Debian angefangen hat. Ein weiteres Beispiel ist der Rising Star am Distro-Himmel: CachyOS gibt es erst seit drei Jahren, befindet sich aber seit zwei Jahren unter den Top-Ten der beliebtesten Linux-Distributionen. Das Kernteam von CachyOS besteht aus 13 Personen. 

Was haltet ihr von der Distroschwemme? Sind viele Neuerscheinungen (1000 pro Jahr) ein Segen für den Linux-Markt, weil sich dadurch die Wahrscheinlichkeit für Perlen erhöht? Oder sind das verschwendete Ressourcen, die ihre Ideen und Leistungen besser in die Verbesserung von etablierten Distributionen stecken sollten?

Ich persönlich halte eine Mischung von beidem für den besten Weg. 1000 Eintagsfliegen pro Jahr sind zu viele, aber wenn aus der Nummer 785 ein Einhorn wird, möchte ich das nicht verpassen.

Titelbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/Tsunami?uselang=de#/media/File:Tsunami_by_hokusai_19th_century.jpg

Quelle: https://distrowatch.com/

Tags

Distributionen, Schwemme

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