Gründe für Rolling Releases

Mo, 4. April 2022, Ralf Hersel

Ihr habt die Wahl zwischen zwei Arten von Desktop-Distributionen:

  • Fixed-Release-Systeme, die zwar Sicherheitsaktualisierungen bieten, aber in der Regel Anwendungsaktualisierungen bis zur nächsten Versionsveröffentlichung hinauszögern; oder
  • Rolling-Release-Systeme, bei denen alle Pakete regelmässig aktualisiert werden, sodass unter normalen Umständen keine Neuinstallation oder Versionsaktualisierung erforderlich ist.

Es gibt mehrere Gründe, eine Rolling-Release-Distribution zu wählen:

1. Aktuelle Anwendungen

Viele Anwender:innen stört es nicht, wenn sie mit alten Versionen ihrer Programme arbeiten, solange diese funktionieren und machen, was nötig ist. Ein Rolling-Release-Benutzer hat immer die neuesten Versionen seiner Anwendungen zur Verfügung und damit in der Regel auch eine verbesserte Funktionalität und Sicherheit. Dass sich mit aktuellen Versionen häufiger Fehler einschleichen als bei abgehangenen Versionen, ist verständlich. Diese Fehler werden für gewöhnlich in kurzer Zeit behoben. Ich arbeite seit einem Jahr mit einem Rolling-Release und kann mich an keinen Fall erinnern, bei dem mich ein solcher unentdeckter Fehler bei der Arbeit gestört hätte.

2. Neuester Kernel

Wenn ein Linux-Benutzer einen neuen Laptop oder Desktop-Computer besitzt, kann der Zugang zu einem aktuellen Linux-Kernel den Unterschied ausmachen, ob sie Linux installieren und ausführen kann. Mit jeder neuen Kernel-Version werden neue Funktionen (einschliesslich Treibern) eingeführt, die Funktionen in das Basissystem einbetten.

Bei einer Rolling-Release-Distribution erfolgt der Zugriff auf den neuesten Kernel normalerweise automatisch. Zwar ist es bei einer Fixed-Release-Distribution oft möglich, einen neueren Kernel zu installieren, aber es besteht die Gefahr, dass dies zu Instabilitäten führt. Bei den meisten Distributionen, egal ob fixed oder rolling, kann der Benutzer mehrere Kernelversionen behalten (zwei oder drei sind üblich), sodass sie im Falle eines Ausfalls einer dieser Versionen mit einer früheren Version booten kann.

3. Früher Zugang zu Innovationen in der Desktop-Umgebung

Aktiv entwickelte Desktop-Umgebungen (DE) wie Gnome, KDE, Cinnamon, Budgie, Mate und LXQt veröffentlichen regelmässige Updates, die oft Fehler beheben und neue Funktionen bieten. Es stimmt zwar, dass eine neue DE beim ersten Start manchmal lästige Regressionen mit sich bringt, aber diese Fehler werden meistens mit den nachfolgenden Point-Releases behoben. Für viele Benutzer lohnt es sich, sich mit kleinen Problemen (wie der Inkompatibilität von Gnome-Erweiterungen) abzufinden, um in den Genuss der neuen Funktionen zu kommen.

4. Kein System-Upgrade erforderlich

Mit einer Rolling-Release-Distribution wird das System ständig aktualisiert und die Notwendigkeit, alle 6, 9, 12 oder 24 Monate ein grosses Release-Upgrade oder eine Neuinstallation durchzuführen, entfällt. Da Release-Upgrades die Ursache für fast alle Probleme mit Fixed-Release-Systemen sind, ist die Möglichkeit, dieses Ritual zu vermeiden, ein wichtiger Grund, sich für eine Rolling-Release-Distribution zu entscheiden.

5. Rolling kann so stabil wie Fixed sein

Die gängige Meinung besagt, dass Distributionen mit festen Releases wie Debian, Ubuntu und OpenSUSE Leap sehr stabil sind, während Rolling-Release-Distributionen wie Arch, OpenSUSE Tumbleweed und Debian Sid von Natur aus instabil sind, da sie ständig neue Paketversionen einführen, die nicht so gründlich getestet werden wie bei festen Releases.

Tatsächlich ist es so, dass Arch, Tumbleweed, Debian "Unstable" (Sid) und die meisten anderen Rolling-Release-Distributionen eine Art Test- oder Evaluierungsphase durchlaufen, bevor Pakete in den Haupt-Repositories veröffentlicht werden. Im Fall von Manjaro, das drei separate Repository-Kanäle anbietet (Stable, Testing und Unstable), ist Unstable fast identisch mit Arch Mainstream, sodass die Arch-Pakete, wenn sie den Stable-Kanal von Manjaro erreichen, genauso gründlich getestet wurden wie viele andere Fixed-Release-Distributionen. Dieses Vorgehen nennt man auch 'curated rolling release' oder 'semi rolling'.

Fazit

Wer Zugriff auf die neueste Software haben und Versions-Upgrades vermeiden möchte, sollte auf eine Rolling-Release-Distro setzen. Diese kann genauso stabil sein wie Fixed-Release-Distros, solange man auf Update-Benachrichtigungen in Foren und E-Mail-Listen achtet und bereit ist, im Internet nach Lösungen für kleinere Probleme zu suchen. Habt ihr bisher einsteigerfreundliche Distribution wie Ubuntu oder Linux Mint verwendet, ist es an der Zeit eine Rolling-Distro auszuprobieren. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ihr dabei bleiben werdet.

Beispiele für Rolling-Release-Distributionen

Wenn ihr in die 'immer aktuelle Welt' der Rolling-Distros einsteigen möchtet, ist es gut einen Überblick über das Angebot zu haben. Deshalb habe ich mit Minder eine Mindmap erstellt, die aktiv gepflegte Distributionen zeigt:

In der Grafik ist ersichtlich, welche Distro auf welcher anderen aufbaut. Die Zahlen in Klammern geben das Popularitäts-Ranking von DistroWatch wieder (welches mit Vorsicht zu betrachten ist). Meine persönliche Empfehlung für eine rollende Distribution ist Manjaro, weil sie 'curated rolling' ist und somit einen mehrwöchigen Testzyklus durchläuft, bevor die Updates auf euren Rechnern ankommen. Die offiziellen Desktop-Umgebungen bei Manjaro sind KDE-Plasma, GNOME und Xfce.