Sparsam surfen: Gemini und Gopher

Mo, 15. März 2021, Niklas

Heute kaum noch vorstellbar, aber das Internet besteht nicht nur aus dem HTTP(S) Protokoll und HTML Dokumenten. Diese Kombination ist es, die sich aufgrund ihrer Flexibilität und Erweiterbarkeit auf dem Massenmarkt durchgesetzt hat, aber die vielen Möglichkeiten bringen auch ihre Nachteile mit sich: Seiten werden riesengross, überladen, unübersichtlich und langsam. Technologien wie Cookies und Javascript legen den Grundstein für Verfolgung und Analyse.

Das muss doch auch anders gehen. Mit weniger Traffic verbrauch, mehr Datenschutz und schön übersichtlich. Diese Überlegungen stellte ein Entwickler im Juni 2019 an und so startete er das Gemini Projekt. Inspiriert wurde er dabei sicherlich von Gopher, einem sehr alten Protokoll, das in den Anfangszeiten des Internets mit HTTP konkurriert hat.

Gemini ist aufgrund seiner Vorzüge bei einfachen Inhalten mit viel Text wie etwa Blogs oder Nachrichtenartikeln stark am Wachsen. Auch Gopher gewinnt wieder an Beliebtheit. Beide sind bis jetzt hauptsächlich unter Nerds beliebt, aber mit benutzerfreundlichen Clients können sie sicher auch ihren Weg in den Mainstream schaffen.

Auch wenn einem Gemini und Gopher aufgrund des Fehlens von Medien langweilig erscheinen mag, so kann man doch nicht abstreiten, dass diese Protokolle insbesondere unterwegs auf dem Handy bei begrenztem Datenvolumen und schlechtem Empfang enorm von Vorteil sind. Während normale HTTP Webseiten unter bestimmten Umständen Minuten zum Laden brauchen, sind Gemini und Gopher nach wenigen Sekunden fertig.

Das Gemini Dokumentenformat ist ganz einfach aufgebaut. Es nutzt eine vereinfachte Form von Markdown, in der nur normaler Text, Unterschriften bis zu 3 Ebenen, Listen, Zitate und Links vorkommen, wobei Links immer eine eigene Zeile haben müssen und nicht, wie bei Markdown, mitten im Fliesstext stehen können. Ein Gemini Dokument kann keine anderen Dateien einbinden: Keine Bilder, keine Stylesheets, keine Javascripts und so weiter. Das war eine bewusste Entscheidung, um einen Gegenentwurf zum heutigen überladenen Web zu bieten.

Das Protokoll ist ebenfalls sehr einfach gehalten und enthält nur das, was wirklich wichtig ist. Auf User-Agents und Referrer verzichtet man ganz bewusst, um Tracking zu erschweren. Auch Cookies existieren hier nicht. Trotzdem sind zugangsbeschränkte Seiten möglich. Dazu werden TLS Client Certificates benutzt, die viel sicherer als Cookies sind und vom Nutzer bewusst und beabsichtigt installiert werden müssen. Die Sicherheit bei Gemini ist allgemein zu loben: Es wird grundsätzlich alles TLS verschlüsselt übertragen, das ist ein fester Bestandteil des Protokolls, unverschlüsselte Verbindungen sind nicht vorgesehen.

Gopher sieht für den Nutzer sehr ähnlich aus, ist jedoch komplett unterschiedlich aufgebaut. Das Protokoll aus dem Jahr 1991 wurde ohne Verschlüsselung entworfen. Diese wurde bis heute nicht nachgerüstet. Gopher Seiten sind auf dem Server meistens Ordner. Diese enthalten eine Gophermap, eine Ansammlung von Links, und eine reine Textdatei ohne jegliche Formatierung.

Aufgrund der Einfachheit der Gemini und Gopher Protokolle gibt es für beides bereits eine grosse Anzahl an Serversoftware und Browsern. Oft unterstützen die Browser beide Protokolle gleichzeitig, weshalb ich mich auch entschieden habe, diese als ein grosses Thema zu behandeln. Es gibt auch die Möglichkeit, die gleichen Inhalte unverändert über Gopher und Gemini auszuliefern.

Einer der prominentesten Vertreter im Gopherspace, so werden die Webseiten im Gopher Netzwerk zusammenfassend bezeichnet, ist ohne Zweifel die Berliner Tageszeitung "taz". Ich lese vor allem unterwegs aufgrund des Geschwindigkeitsvorteils nur noch die taz und immer über Gopher, denn so funktioniert es einfach besser.

Dem bedeutend jüngeren Geminispace hilft der GitHub-Konkurrent sourcehut bei der Verbreitung: Neben einer Projektseite im HTTP(S) Netzwerk bekommt jedes Projekt auch eine im Geminispace unter der gleichen Subdomain. Damit lädt die Git Hosting Plattform zumindest dazu ein, sich das Gemini Protokoll einmal anzuschauen.

Beide Protokolle könnten mehr Inhalte vertragen, um interessanter zu werden. Sie werden hauptsächlich für private Webseiten genutzt. Populäre Inhalte wie die taz sind eher die Ausnahme. Und doch eignen sich die Protokolle sehr gut, um schlichte Informationsseiten oder auch Blogs zu veröffentlichen. In beiden Netzwerken gibt es bereits Mirrors von Wikipedia (Gemini/Gopher). Ausserdem gibt es Suchmaschinen, die allerdings noch nicht mit denen im normalen Web mithalten können.

Quellen: