Stargate - einfach noch eine DAW mehr?

Mo, 15. November 2021, Daniel Schär

Nachdem wir hier schon über einige Audio-Editoren und DAWs berichtet haben, stelle ich an dieser Stelle einen Neuzugang vor: Stargate, eine freie DAW mit einem Pattern-basierten Workflow, deren Engine und Plugins in C geschrieben sind und für Linux, Windows und macOS, für x86 und ARM verfügbar ist. Stargate beinhaltet: 

  • unbegrenzte Spurenzahl mit Audio/MIDI
  • ein Paket integrierter Effekt-Plugins
  • einen einfachen Wave-Editor
  • Audio- und MIDI-Hardware-Unterstützung mit Portaudio und Portmidi
  • eine Track-Routing-Matrix mit einfachem Sidechaining
  • einen modularen Mixer
  • Unterstützung für Bildschirmauflösungen von 720p bis 4k und mehr.

Stargate ist besonders ressourcenschonend: Die empfohlene Mindesthardware ist ein Raspberry Pi 4 oder ein 15 Jahre alter Laptop mit einer Dual-Core-CPU, 1 GB RAM und einem 720p-Display.

Die Idee hinter Stargate wird vom Entwickler beschrieben als: 

Stargate hat nicht die Absicht, eine DAW wie jede andere DAW zu sein.

Worin unterscheidet sie sich dann? Da heisst es gerade zu Beginn, dass der Entwickler bewusst auf VST-Unterstützung verzichtet, um seine eigene Plugin-API zu verwenden. Klingt für Musiker oder Produzenten, die ihr bekanntes Plugin-Arsenal weiter verwenden möchten, auf den ersten Blick nicht sehr attraktiv. Dadurch verspricht man sich neue Möglichkeiten. Stargate ist anscheinend ein Ein-Mann-Projekt, aber der Entwickler hofft, dass er mehr Personen für die Entwicklung gewinnen kann. 

Das Erscheinungsbild

Beim Splashscreen begrüsst einen ein Inka-Gott (Indiana Jones lässt grüssen) und es wird eine Projektseite geladen, auf der man ein vorhandenes Projekt laden oder ein neues anlegen kann. Bei einem neuen Projekt lädt der Arbeitsbereich erst mal eine gewisse Anzahl von leeren Spuren, die mit Audio oder MIDI-Daten gefüttert werden können. Man kann sich auch ein Demo-Projekt herunterladen und damit beginnen. Nett, denn das gibt es weder bei Audacity noch bei Ardour. Wem das voreingestellte dunkle Farbschema mit den violetten Hervorhebungen nicht gefällt, kann ein neues Theme heruntergeladen.

Zur Oberfläche: Zuoberst ist die Transportleiste, die auffälligerweise nur drei Knöpfe hat: Play, Stop und Record. Daneben findet man den Knopf "Host", der erlaubt, zwischen DAW und Wave-Editor umzuschalten. Wenn man über einen unbekannten Knopf fährt, erhält man Tooltips - gute Sache. Stargate setzt voll auf Tabs, was man schon von Waveform kennt - bei der Komplexität einer DAW sicher ein guter Ansatz. So müssen Plugins oder das Routing nicht in Untermenüs gesucht werden. Auf der rechten Seite findet man einen Explorer, in dem man MIDI- und Audio-Dateien anwählen und mit Drag 'n Drop auf die Spur ziehen kann. Man kann nun das Tempo einstellen, Tracks anlegen und mit dem Stift einen Clip anlegen. 

Der Workflow

Zuallererst will ich die Hardware-Einstellungen ändern, was Stargate mit einem Neustart der App bestätigt, einleitet und leider wieder abbricht. Ein erneutes Starten bricht mit einer Dialog-Box ab, mit der Nachricht, es sei schon eine andere Instanz am Laufen, man soll doch bitte diese schliessen, sonst funktioniere es nicht. Ein Problem, das ich bei gleicher Hardware auf Audacity so nie hatte. Nach einem Neustart geht auch das wieder. 

Tracks importieren geht leicht. Man kann die Clips verschieben (im Takt-Raster) oder schneidet sie zu mit den Anfassern an den Clip-Ecken. Für mehr genügt ein Doppelklick, um den Item-Editor zu öffnen, wo man Fade-in oder -outs machen, normalisieren oder die Tonhöhe verändern kann.  Scheiden kann man mit dem Knopf oben neben dem Transportfeld. Kurz mal ein Plugin anwählen geht auch rasch, da muss kein externes Verzeichnis eingelesen werden, weil ja alle eingebaut sind. Die Auswahl ist noch relativ gering aber es ist alles dabei, was man wirklich braucht: von EQ, Compressor, Limiter bis zu Delay und Reverb. Mein erster Eindruck von der Soundqualität der Plugins ist positiv.

Nun suche ich den Record-Button. Während man bei Audacity einfach den Record-Knopf drückt muss man hier die Spur scharf stellen, ähnlich wie bei Ardour, wo der neben Solo und Mute zu finden ist. Aber Fehlanzeige, dort ist er nicht. Ähm, da war doch ein Link zum Handbuch unter "Help". Hm, schade nur, dass dies so leer und unübersichtlich (md-Dateien) ist. Da muss man auf Youtube-Videos zurückgreifen.

Spuren können rasch umbenannt oder neu angeordnet werden und die Spurhöhe kann mit dem Schieberegler verändert werden (deutlich angenehmer als bei Audacity). Die Un-Solo und Un-Mute sind gerade bei grösseren Projekten sehr sinnvoll.

Die Mixer-Ansicht ist flexibel. Leider werden dort keine Plugins angezeigt. Da muss man immer zurück zur Plugin-Ansicht. Der Export geht rasch und unkompliziert, allerdings nur in WAV 32bit und sonst gar nichts. Eigenartig, weil ich dann doch beim Menü File einen MP3/OGG-Konverter finde. Na ja, vielleicht wird der noch beim Export-Dialog eingebaut.  

Fazit

Der Workflow erschliesst sich einem nicht sofort, man kommt aber nach kurzer Eingewöhnungszeit damit klar. Dass auf VSTs verzichtet wird ist für einige sicher ein No-Go. Für alle, die solche nicht benötigen, kann es von Vorteil sein, weil man auf die eingebauten Butter-und-Brot-Effekte zurückzugreifen kann, ohne lange herumzufummeln. Die DAW reagiert wirklich sehr flüssig und man gut damit arbeiten. Der Look mag nicht jedermanns Sache sein, lässt sich aber teilweise anpassen. Mir persönlich erschliesst sich der Unterschied zwischen Wave-Editor und Item-Editor nicht ganz, genauso wenig der fehlende MP3/OGG-Export. 

Die grössten Wermutstropfen sind aber (noch) die zwischenzeitlichen Abstürze, die englischsprachige Oberfläche lässt sich nicht auf andere Sprachen umstellen, während dem Abspielen kann man den Zoom nicht verändern und das Handbuch ist karg und unübersichtlich. Aber dennoch schliesst Stargate die Lücke irgendwo zwischen Audacity und Ardour in der Nähe von LMMS oder Qtractor.

Quelle: https://github.com/stargateaudio/stargate/blob/main/docs/project_design_principles.md