Telegrams Freiheit

Di, 31. August 2021, Ralf Hersel

Der Messenger Telegram, bzw. das soziale Netzwerk Telegram, ist in letzter Zeit mehr und mehr in die Kritik von Regierungen, der Presse und der freien Community geraten. Liest man die Äusserungen des Gründers und Eigentümers, Pavel Durov, gerät man schnell in einen Zwiespalt zwischen Glaubwürdigkeit und Glaubhaftigkeit (was ein grosser Unterschied ist), der öffentlichen Meinung und den persönlichen Präferenzen.

Pavel Durov schreibt ab und zu einmal auf seinem Telegram-Kanal über allgemeine Themen aus der Netzpolitik. So auch gestern in diesem Beitrag über den Verlust der Freiheit in den letzten 20 Jahren. Es ist gut, eine kritische Meinung gegenüber dem Geschäftsmodell, der Technik und der Rechtsstaatlichkeit dieses Unternehmens einzunehmen. Dennoch kann man Durov eine Logik und ethische Haltung in seinen Äusserungen nicht absprechen. Lest selbst, was er gestern geschrieben hat:

Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass die Welt jedes Jahr besser wird. Doch wenn es um die individuellen Freiheiten geht, ist das Gegenteil der Fall. Die meisten Studien zeigen, dass die Menschheit heute weniger frei ist als noch vor einigen Jahren.

Vor 20 Jahren hatten wir ein dezentralisiertes Internet und ein relativ ungehindertes Bankensystem. Heute zensieren Apple und Google die Informationen und Anwendungen auf unseren Telefonen, während Visa und Mastercard einschränken, für welche Waren und Dienstleistungen wir bezahlen können. Jedes Jahr geben wir mehr Macht und Kontrolle über unser Leben an eine Handvoll nicht rechenschaftspflichtiger Firmenchefs ab, die wir nicht gewählt haben.

Die meisten von uns tragen bereitwillig Peilsender - unsere Telefone - bei sich und erlauben den Unternehmen, unsere privaten Daten zu nutzen, um uns mit Inhalten zu versorgen, die uns mit minderwertiger Unterhaltung ablenken. Anders als vor 20 Jahren sind wir heute von Überwachungskameras umgeben, die in Ländern wie China mithilfe von KI sicherstellen, dass sich niemand verstecken kann.

Im Jahr 2017 hat China die USA als größte Volkswirtschaft der Welt gemessen an der Kaufkraft überholt und der Welt gezeigt, dass individuelle Freiheiten für die wirtschaftliche Entwicklung nicht erforderlich sind. Mit Blick auf Chinas Erfolg werden immer mehr Länder autoritär und schränken grundlegende Menschenrechte wie Rede-, Bewegungs- und Versammlungsfreiheit ein.

Die aktivsten und kreativsten Köpfe unserer Generation sind zu sehr damit beschäftigt, im rasch schrumpfenden Sandkasten namens "freies Unternehmertum" zu spielen oder digitale Inhalte zu produzieren, um alle anderen länger an ihre Geräte zu fesseln. Der Rest scheint durch die Fülle an billiger digitaler Unterhaltung zu sehr abgelenkt zu sein, um den Trend kritisch zu bewerten und Massnahmen zu ergreifen.

Wenn ich das sehe, frage ich mich, was das Vermächtnis unserer Generation sein wird. Werden wir als diejenigen in die Geschichte eingehen, die zulassen, dass sich freie Gesellschaften in dystopische Alpträume verwandeln? Oder wird man sich an uns als diejenigen erinnern, die die Freiheiten verteidigt haben, die sich frühere Generationen so hart erkämpft haben?

(Übersetzt aus dem Englischen.)

Quelle: https://t.me/durov/165

Wie ist eure Meinung zu Pavel Durovs Aussage? Seht ihr das als Plattform-Propaganda, oder als ehrliche Meinung? Bei GNU/Linux.ch könnt ihr über mehrere Kanäle mitreden und mitschreiben:

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