Warum Starbuntu

Fr, 11. November 2022, Peter Starfinger

Der Artikel gibt die persönlichen Erfahrungen und Meinungen des Autors wieder.

Meine ersten Erfahrungen mit Linux (damals Knoppix mit KDE 3.5.9) liegen nun schon fast 20 Jahre zurück, und nach einer sechsjährigen Testphase parallel zu Microsoft Windows beschloss ich 2009, mich nur noch auf Linux, genauer Ubuntu, zu stützen. In den Folgejahren probierte ich einige Varianten aus: Kubuntu mit KDE 4, Lubuntu, Ubuntu Mate.

Auch wenn ich meinen Umstieg von Windows auf Linux nie bereut, sondern von Anfang an die Stabilität, Quelloffenheit und die Einladung zur digitalen Selbstbestimmung und Eigenverantwortung geschätzt habe, gab es doch immer auch kleinere oder grössere Anlässe, mich über schlecht oder schlampig programmierte Software zu ärgern.

Mal fehlten wichtige Features, mal stolperte ich über hartnäckige Programmfehler, die auch nach Jahren noch nicht korrigiert waren, mal musste ich enttäuscht feststellen, dass eine bestimmte von mir geschätzte Software gar nicht mehr weiterentwickelt wurde.


Wenn z. B. der Dateimanager eigentlich das Plug & Play voll unterstützt, aber in Wirklichkeit den eingesteckten USB-Stick oft nicht erkennt oder dessen Inhalt unverständlicherweise erst nach Eingeben des Userpassworts anzeigt, kommt Frust auf.

Oder wenn die Task-Leiste instabil ist und manchmal unversehens verschwindet oder plötzlich ihre Einstellungen verliert, sodass man alles wieder neu konfigurieren darf, steigert das die Freude nicht. Natürlich hofft man auf das nächste Upgrade, oft aber auch vergebens. Mich wundert schon, wie beharrlich sich so mancher Bug jahrelang hält.

Noch etwas stiess mir mehr und mehr auf, nämlich die zunehmende Selbstherrlichkeit der Ubuntu-Entwickler, was einerseits das sang- und klanglose Einmotten geschätzter und andererseits den Einbau überflüssiger, zum Teil nicht gerade ressourcenschonender Software betrifft. Warum verbannt man z. B., angeblich aus Sicherheitsgründen, das bewährte Paket gksu als praktische GUI des Terminalbefehls sudo und verpflichtet den User stattdessen zum Gebrauch des viel umständlicheren Befehls pkexec? Oder warum will man dem User plötzlich die Containersoftware-Ideologie von snap mit all ihren Nachteilen bzgl. Laufzeit, Platzbedarf und Sicherheit aufzwingen?

Vor diesem Hintergrund beschloss ich im Herbst 2019, eine eigene, nur noch auf dem Ubuntu-Kern aufsetzende Distribution, nämlich Starbuntu, zu entwickeln. Einerseits trieb mich die pure Neugier, und die Herausforderung reizte mich. Andererseits wollte ich die angesprochenen Fehlentwicklungen meiden, bei der Auswahl verfügbarer Software möglichst gewissenhaft vorgehen, und dort, wo mich die Software nicht überzeugte oder erst gar nicht vorhanden war, eigene Programme schreiben. Dabei war und ist meine Hauptmotivation durchaus auf mich selbst und nicht auf die Community bezogen: endlich keine faulen Kompromisse mehr machen zu müssen, sondern das, was ich mir von einer guten Desktop-Umgebung wünsche, einfach selbst umzusetzen. Das geht nämlich am besten in der eigenen Werkstatt und nicht am fremden Produkt!

Nach der Einrichtung des X-Window-Systems (damals noch alternativlos) stellte sich das erste Problem: welchen Fenstermanager nehmen? Ich hatte schon viele ausprobiert, konservative wie exotische, ohne oder mit Schnickschnack (z. B. andockbare, wackelnde oder ex- und implodierende Fenster), mehr oder weniger stabil. Schliesslich entschied ich mich für OpenBox, den Weltmeister in den Disziplinen Schlichtheit und Stabilität, denn ich wollte keinen Paradiesvogel, sondern Zuverlässigkeit!

Die nächste Kardinalfrage war die Wahl eines guten Dateimanagers. Ausschlaggebend war hier, welchen Spielraum ich hatte, ihn nach meinen Vorstellungen "aufmotzen" zu können. Nach längerer Suche fiel meine Wahl auf den ROX-Filer, einen wunderbaren leichtgewichtigen, superschnellen und nach eigenem Gusto fast beliebig erweiterbaren Dateimanager, der zwar zunächst viel Konfigurationsaufwand erfordert, diesen aber später doppelt und dreifach zurückzahlt. Die hochgezüchteten Konkurrenten bieten m. E. keine grosse Modulierfähigkeit. Obendrein bringt der ROX-Filer gleich noch eine konfigurierbare Desktopverwaltung mit.

Die meisten Taskleisten (Panels) werden im Verbund mit einer ganzen Desktop-Umgebung angeboten: das MATE-Panel, das LXDE-Panel, das XFCE-Panel usw. Daher kamen sie für mich nicht infrage, denn ich wollte bei der Wahl einer Taskleiste unabhängig sein. Auch hier liess ich mich von den beiden Kriterien Schlichtheit und Stabilität leiten. Natürlich sollte sie auch ansprechend aussehen, allerdings ohne so überflüssige Features wie ein 3D-Design oder auf den Mauszeiger reagierende hüpfende Icons. So entschied ich mich schliesslich für Tint2, eine absolut fehlerfreie und zuverlässige, aber auch ansprechende Leiste, und habe diese Wahl nicht bereut.

Einige Entscheidungen für eine geeignete Software waren nahezu alternativlos, wie z. B. das Libreoffice-Paket oder die Ebook-Verwaltung von Calibre, andere basierten auf persönlichen Erfahrungen oder Vorlieben und sind sicherlich diskutabel. Eine Übersicht über die Standard-Software (GUI) von Starbuntu findet sich hier.

Nun wäre eine selbst entwickelte Linux-Distribution nicht unbedingt existenzberechtigt, würde sie sich in einer mehr oder weniger willkürlichen Zusammenstellung bekannter Software, vielleicht noch verziert mit nettem Design, erschöpfen. Ihr würde nämlich der eigene Stallgeruch fehlen, das Alleinstellungsmerkmal, das sich nicht nur in einer individuellen Gestaltung (Themes, Hintergrundbilder usw.), sondern vor allem in einer selbstgeschriebenen Lücke füllenden Software findet.

Die Notwendigkeit für eine solche Software zeigte sich mir an vielen Stellen, von denen einige beispielhaft erwähnt seien:

  • Der Dateimanager ROX-Filer zeigt andere Festplattenpartitionen wie auch eingesteckte Speichermedien nicht von selbst an. Daher war es nötig, einen Daemon zu schreiben, der die Ports überwacht und anhand eines Hilfsprogramms entsprechende Icons dynamisch auf den Desktop bringt, nach deren Anklicken der Dateimanager den Inhalt des jeweiligen Mediums anzeigt.
  • Ebenso bietet der Dateimanager von sich aus keine Möglichkeit an, auf Daten-Images oder entfernte Dateisysteme (ISO-Images, FTP-, SSH- oder WebDAV-Server) zuzugreifen, sodass auch hier Programmierarbeit nötig war.
  • Für den ROX-Filer musste ein Papierkorb eingerichtet werden, da er nur endgültiges Löschen anbietet.
  • Das Hintergrund-Design für den ROX-Desktop wurde dynamisiert.
  • Tint2 bietet kein Applikationsmenü an. Da es in der Linux-Welt kaum unabhängige Standalone-Applikationsmenüs gibt, wurde ein eigenes geschrieben, sowie ein weiteres Programm zur Konfiguration des Applikationsmenüs.
  • OpenBox wurde um die Möglichkeit der Positionierung, Zentrierung und Kachelung von Fenstern ergänzt.
  • Wie oben schon ausgeführt, war es nötig ein eigenes grafisches Programm für den Benutzerwechsel, meist zum Root, zu schreiben.
  • Es wurde eine leistungsfähige Generalapplikation geschrieben, die das deutlich limitierte Standardprogramm xdg-open ersetzt.
  • Für diverse Aufgaben wurde ein Verwaltungsprogramm für editierbare und erweiterbare Listen geschrieben, das auch Befehle als Listeneinträge zur Ausführung bringen kann.
  • Es wurde ein History-Generator geschrieben, der in verschiedensten eigenen Programmen Anwendung findet.
  • Eine browserunabhängige Texteingabebox zur Internet-Recherche mit History für die Suchmaschinen Google, DuckDuckGo oder Startpage wurde geschaffen.
  • Es wurde ein Starbuntu-spezifischer Dateityp *.url als Zeiger auf lokale Dateien und Verzeichnisse, Webseiten, FTP-, SSH- und WebDAV-Server, Mailempfänger u. a. kreiert, dessen gespeicherte Zieladresse immer mit der dafür vorgesehenen Anwendung geöffnet wird.
  • Eine Starbuntu-eigene Verwaltungssoftware für die benutzerspezifischen Tastenkombinationen mit alphabetischer Label- oder Hotkeysortierung wurde geschaffen.
  • Ein Starbuntu-eigener Clipboard-Manager mit getrennter History und Bearbeitungsmöglichkeit für die primäre und die sekundäre Selektion sowie für das Clipboard wurde entwickelt. Dieser Clipboard-Manager erlaubt bis zu drei parallele Zwischenablagen, legt aber nur das ab, was abgelegt werden soll.

Ich denke, erst durch diese und viele weitere Programmierarbeiten ist Starbuntu zu einer Distribution gereift, in der Einfachheit, Klarheit, Übersichtlichkeit, Praxistauglichkeit, aber auch Schönheit realisiert sind.

Hinweis: Die vielen GUI-Dialoge in meinen Programmen hätte ich ohne das hervorragende GTK+-Dialog-Programm yad (yet another dialog) von Victor Ananjevsky nicht realisieren können. Dafür gebührt ihm mein grosser Dank.

Webseite: https://die-starfingers.de/Starbuntu/de/
Download: https://die-starfingers.de/Starbuntu/Starbuntu.iso

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Ubuntu, Distribution