Zeugnisse von Microsoft

Do, 26. November 2020, Ralf Hersel

Die Firma Microsoft hat unter dem Namen Workplace Analytics eine Erweiterung ihres Software-Pakets Microsoft365 bekannt gegeben. Damit ist es möglich umfangreiche Leistungsanalysen der Anwender dieser Software zu erstellen. Dazu werden verschiedene Metriken erhoben, z.B., welche und wie viele Inhalte in der Microsoft-Cloud gespeichert werden, was mit externen Anwendern geteilt wird, wann und wie häufig E-Mails und Texte in Chats oder anderen Nachrichtenkanälen geschrieben werden, welche Querverweise auf andere E-Mail-Adressen in der Korrespondenz enthalten sind. Diese Daten werden nur optional anonymisiert und enthalten den Namen, Gruppenzugehörigkeit und Standort der Anwenderin. Ausserdem weiss Microsoft365, wie lange jeder Nutzer in Videomeetings seine Kamera aktiviert und seinen Bildschirm geteilt hat.

Aus diesen Angaben lassen sich umfangreiche Auswertungen zu jedem Mitarbeitenden berechnen, die den Vorgesetzten und der Personalabteilung zur Entscheidungsfindung zur Verfügung gestellt werden können. Selbstverständlich kann die Firma Microsoft diese Daten für ihr eigenes Personal-Portal LinkedIn gut gebrauchen.

Damit verstösst Microsoft gegen Persönlichkeitsrechte, das Arbeitsrecht und gegen die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).

Szenenwechsel

Das Kultusministerium Baden-Württemberg plant derzeit an mehreren beruflichen Schulen ein Pilotprojekt zum Einsatz von Microsoft365-Programmen. Doch der Schule und ihrer digitalen Infrastruktur kommt eine wichtige Rolle als geschützter Bildungsraum zu. Die Ver­braucherzentrale Baden-Württemberg fordert deshalb, Schülerinnen und Schüler in ihrem Handeln nicht auf eine Softwarelösung zu prägen.

Angebote für den Schulbetrieb sind ein wichtiger Teil von Microsofts Konzernstrategie, weil damit die Arbeitnehmer und Privatnutzer angeworben werden. Mit der Einführung von Microsoft365 in den Schulbetrieb wäre also ein zentraler Baustein gesetzt, der Schülerinnen und Schüler in ihrem Nutzungsverhalten auf diese Software prägt und damit den Beginn der Datenkarriere bei Microsoft setzt.

Schulnoten sind von gestern

Was bei der Leistungsbewertung von Büroangestellten funktioniert, ist auch ein interessantes Angebot für Lehrer und Lehrerinnen. Da sich die Aufgaben und Inhalte von Schülerinnen und Schülern immer mehr in den digitalen Raum verlagern, liegt es nahe, dort die nötigen Metriken für die Zeugniserstellung abzugreifen. Damit dürfte in Zukunft die Beurteilung von Schülern durch ausgebildete Lehrkräfte in den Hintergrund rücken. Der Datenreichtum von Microsoft erlaubt vordergründig objektivere Zeugnisse.

Es bleibt zu hoffen, dass die Gesetzgebung und die Zivilgesellschaft, dem einen Riegel vorschiebt.

Quellen:

https://www.heise.de/news/Anwenderueberwachung-durch-Microsofts-Office-Software-4968615.html

https://www.verbraucherzentrale-bawue.de/pressemeldungen/presse-bw/verbraucherbildung-statt-verbraucherpraegung-54015

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