Zum Wochenende: Der Plattform-Effekt

Fr, 16. Dezember 2022, Lioh Möller

Git ist dezentral. Ein einfacher Workflow sähe wie folgt aus: Ein Entwickler cloned sich ein Repository und führt Änderungen durch. Daraus wird ein Patch erstellt und dieser wird dem für die Veröffentlichung zuständigen Team via E-Mail zum Review zugesandt, zumeist an eine Mailingliste. Dies mag auf den ersten Blick aufwendig erscheinen, ist allerdings transparent nachvollziehbar und wird beispielsweise im Rahmen der Kernel-Entwicklung immer noch so praktiziert.

Lösungen wie GitHub erweitern klassische Workflows mit eigenen Prozessen wie der Erstellung von Forks, Pull Requests oder Issues via Web-GUI, Clients oder APIs. Für Anwender stellt dies zunächst einen grossen Mehrwert dar, was dazu führt, dass sich fortlaufend weitere Projekte für die Nutzung solcher Plattformen entscheiden. Diese gewinnt dadurch an Zuwachs und kann weitere Dienstleistungen wie eine zentrale Suche anbieten.

Diese Entwicklung führt wiederum dazu, dass verstärkt die in den Plattformen integrierten Suchmaschinen zurate gezogen werden, um interessante Projekte aufzufinden. Oftmals entscheiden sich dann weitere Projekte zu einer Präsenz auf ebendiesen Plattformen, um die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen. In diesem Moment entsteht der Plattform-Effekt, dem sich zu widersetzen kaum möglich ist.

Ähnliche Vorgänge sind bei nahezu allen zentralistisch angelegten Angeboten zu beobachten. Ein prominentes Beispiel wird im Bereich von sozialen Netzwerken deutlich, indem sich Nutzer weiterhin für Twitter entscheiden, auch wenn sie die aktuell zu beobachtenden Ereignisse wie das Blockieren von unliebsamen Konten oder gar ganzer Länder nicht unterstützen. Eigene moralische Grundsätze werden übergangen, um die Reichweite zu erhöhen.

Alternative Lösungen wie Mastodon bieten zwar in der Bedienung einen vergleichbaren Komfort, können aber nur bedingt den gewünschten Effekt erzielen. Begründet liegt dies an der fehlenden zentralen Datenbank zur Auffindung von Benutzern oder Beiträgen. Dies wird teilweise dadurch kompensiert, dass etwa Konten, denen bereits ein Nutzer der eigenen Instanz folgt, auch dort aufgefunden werden können. Ähnlich verhält es sich bei der Suche nach Hashtags, sofern ein Beitrag, welcher das gesuchte Schlagwort enthält, bereits auf der Instanz bekannt ist. In der Vergangenheit wurden dazu oftmals sogenannte Follow-Bots eingesetzt, welche Konten anderer Instanzen folgten und diese somit auf der eigenen Instanz sichtbar gemacht wurden.

Verhindern liesse sich dies nur durch eine zentrale, wenn auch verteilte Datenbank, ein vom Signal Entwickler Moxie Marlinspike gerne aufgebrachtes Argument gegen dezentrale Systeme. Technologische Ansätze gäbe es bereits, wie beispielsweise BitTorrent oder auch die oftmals verhasste Blockchain.

Insbesondere bei einer Vernetzung von Software-Repositories müsste dabei jedoch die Authentizität eines Suchergebnisses gewährleistet werden. Andernfalls könnten sich so bösartige Angreifer für ein Projekt ausgeben und unbedarften Anwendern Schadcode ausliefern. Lösungen wie GitLab oder auch Gitea böten grundsätzlich das Potenzial einer verteilten zentralen Suche und so könnten Projekte selbst entscheiden, ob sie im öffentlichen Index aufgeführt werden möchten oder nicht.

Alternativen wie ad-hoc Abfragen erweisen sich hingegen als zu wenig performant. Ein Beispiel wäre das Fediverse Frontend Smithereen, welches Remote-Bilder jeweils beim Aufruf der Timeline dynamisch vom Server des Gegenübers abruft.

Gegen den Plattform-Effekt steht der zuvor beschriebene Netzwerk-Effekt, welcher bei Mastodon bereits gut zu funktionieren scheint. Durch die Erhöhung der Nutzerzahl gewinnt das soziale Netzwerk als Ganzes eine zunehmende Sichtbarkeit, wenn auch nicht in einer vergleichbaren Frequenz, wie es bei zentralistischen Ansätzen der Fall wäre. Wenn viele Benutzer auf einer Instanz aktiv sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass einer dieser Nutzer beispielsweise bereits einem Konto einer entfernten Instanz folgt, welches auch für mich interessant sein könnte. Für das Fediverse könnte dies bedeuten, dass eine grosse Anzahl mittelgrosser Instanzen der effektivste Weg ist, um konkurrenzfähige Lösungen anbieten zu können. Die bisherige oft verbreitete Ansicht, dass im besten Falle jede Person seine eigene Instanz betreiben solle, kann zumindest ohne eine zentrale, wenn auch verteilte Datenbank, so nicht gehalten werden. Denn eine Plattform, auf der man sich nur alleine befindet, eignet sich bestenfalls für Mussestunden.

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Plattform, dezentral, Suche, Sichtbarkeit, Mastodon, Fediverse