Es ist passiert. Ich habe wieder den „Platzhirsch“ geöffnet, obwohl ich dachte, ich wäre längst darüber hinweg. Während ich mich über mich selbst ärgere, fällt mir das Stufenmodell von Prochaska ein – und plötzlich wird klar: Ich war einfach auf der falschen Stufe. Damit das nicht wieder passiert, schaue ich mir beim dritten di.day an, was beim Ändern von Verhalten wirklich zu beachten ist. Dass Mama gerade ein Logo für mich entwirft und dabei bewusst die verschiedenen Stufen durchläuft, passt perfekt.
1. Stufe: „Ich habe kein Problem“ – Mama und der Illustrator
Mama sitzt vor ihrem Linux-Rechner und starrt auf den nicht vorhandenen Adobe Illustrator.
„Seit END OF 10 arbeite ich nur noch mit Linux. Illustrator läuft hier nicht nativ“, murmelt sie.
Ich schaue über ihre Schulter:
„Und du willst das neue Logo trotzdem wieder mit Adobe Illustrator erstellen?“
Mama erwidert: „Na ja, ich kenne mich mit dem Illustrator am besten aus, ich kann damit professionell arbeiten und alle Grafiken super benutzerfreundlich innerhalb der Adobe-Bubble austauschen und weiterverarbeiten. Ich könnte WINE ausprobieren.“
„Oder auf Open Source wie Inkscape wechseln!“, werfe ich mamabelehrend ein.
Mama jedoch sieht noch kein akutes Problem. Illustrator fühlt sich vertraut an. Der Gedanke, etwas Neues zu lernen, wirkt anstrengend.
Typisch für diese Phase:
- Technische oder menschengemachte Einschränkungen werden ignoriert oder umgangen.
- Die Frage „Warum sollte ich etwas ändern?“ steht im Raum.
- Externe Impulse (wie der di.day) können erste Zweifel säen.
Mich erinnert das ein bisschen an Onkel Toni, der meinte, es sei Quatsch, dass Rauchen ungesund ist. In meiner Erinnerung steht er mit einer Zigarette im Garten: „Ach was, mein Opa ist 90 geworden und hat geraucht.“ Dass er jeden Morgen hustet wie ein startender Diesel, blendet er aus. Problem? Welches Problem?
2. Stufe: „Vielleicht gibt es doch ein Problem“ – Ambivalenz und Zweifel
Mama beginnt zu realisieren: Vielleicht gibt es ein Problem – und früher oder später müsste ich etwas ändern. Aber sofort zu handeln, wäre verfrüht.
„Illustrator funktioniert ja noch. Es fühlt sich vertraut an. WINE nervt, aber ich habe es doch immer geschafft … irgendwie.“
Sie wägt ab und denkt hin und her: Die Nachteile wie
- Abhängigkeit durch fehlende offene Standards,
- Kosten durch das Abo-Modell
sind sichtbar, aber der Aufwand für einen Wechsel wirkt groß.
Was hilft in dieser Phase?
- Pro- und Contra-Listen erstellen
- Ängste und Unsicherheiten bewusst machen
- Mit anderen sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder in der gleichen Situation stecken
Mein Onkel-Toni-Moment:
Beim Treppensteigen bleibt Toni kurz stehen. „Vielleicht sollte ich doch mal weniger rauchen.“ Fünf Minuten später steckt er sich „nur noch diese eine“ an. Ambivalenz in Reinform.
3. Stufe: „Ich entscheide mich“ – Vorbereitung und erste Schritte
Mama sagt sich:
„Meine Pro- und Contra-Listen zeigen klar: Illustrator Inkscape ist in meiner aktuellen Lage mit meinen Wertvorstellungen die bessere Alternative. Ich werde handeln und beginne jetzt mit den Vorbereitungen!“
Sie installiert Inkscape, testet Funktionen und zeichnet erste Entwürfe.
„Nur als Worst-Case-Fallback gibt es den Illustrator noch in der Hinterhand.“, erklärt sie bestimmt!
Der Fokus liegt auf kleinen, machbaren Schritten – und der Einsicht, dass Probleme dazugehören. Das Leben ist kein Ponyhof.
Praktische Tipps:
- Wichtig ist, sich immer wieder bewusst zu machen, warum man sich entschieden hat
- Aktionsplan erstellen (Installation, Grundfunktionen, Tutorials)
- Community-Ressourcen nutzen
- Erfolge in der Vorbereitung sichtbar machen
- Hilfreiche Anleitungen für die erste Zeit nach der Umstellung griffbereit ablegen
Onkel-Toni-Moment:
Toni hängt über seinem Schreibtisch das Bild einer schwarzen Raucherlunge auf, kauft sich eine Packung Nikotinpflaster und bereitet sich gut vor. „Morgen höre ich auf - ohne Wenn und Aber.“
4. Stufe: „Ich handle“ – Jetzt geht es ans Eingemachte
Mama übt: Kreise zeichnen, Pfade kombinieren [6], Text ausrichten.
„Die Kurven sind noch holprig“, lacht sie. „Übung macht die Meisterin.“
In dieser Phase geht es um Ausdauer und die Freude an kleinen Fortschritten. Vieles braucht momentan noch unverhältnismäßig viel Aufwand. Die neu angelegten schmalen Denkpfade im Gehirn müssen erst zu Gedankenautobahnen ausgebaut werden.
di.day als Unterstützung:
- Festhalten, was schon klappt
- Stolz auf Fortschritte sein
- Motivation bewusst halten und immer wieder bewusst machen, warum das gerade wichtig und lohnenswert ist – warum man die Entscheidung getroffen hat
- Sich mit anderen über Erfahrungen beim Umstieg austauschen
Onkel-Toni-Moment:
Toni hält einen Tag durch. Er ist gereizt, trinkt drei Kaffees mehr als sonst und erklärt allen, wie schwer das ist. Abends sagt er: „Nur eine halbe Zigarette zur Belohnung.“ Rückfall? Fast. Dann sieht er das Bild mit der schwarzen Lunge und fühlt sich plötzlich sehr unwohl im Brustbereich. Lernmoment? Ganz sicher! Ein Fußabdruck mehr auf dem neuen schmalen Denkpfad ...
5. Stufe: „Ich bleibe dran“ – Routinen schaffen
Mama hat die ersten Schritte gemacht, aber jetzt muss sie aufpassen, dass sie nicht zurückfällt. Sie erstellt Checklisten, nutzt Tutorials und tauscht sich in der Community aus.
„Wenn ich frustriert bin, mache ich eine Pause oder frage in Foren nach“, sagt sie sich.
Strategien für diese Phase:
- Regelmäßige Übungs- und Informationszeiten einplanen
- Hilfsmittel griffbereit halten
- Rückschläge als Lernchance sehen
- Sich bewusst machen, warum die Entscheidung getroffen wurde und welche Vorteile das hat.
Onkel-Toni-Moment:
Beim Grillabend sagt jemand: „Eine geht doch.“ Toni atmet durch – und sagt: „Nee.“ Der alte, gut ausgebaute Weg der Gedanken im Gehirn wird langsam von Wildkräutern überwuchert, der schmale Pfad in Richtung Selbstbestimmung wird von Tag zu Tag mehr ausgetrampelt und ist so immer leichter zu begehen.
6. Stufe: „Alte Muster loslassen“ – Erfolg verankern
Am Ende öffnet Mama Illustrator gar nicht mehr. Inkscape ist fest in ihrem Workflow verankert. Manche Dinge klappen damit sogar besser als vorher.
„Hätte ich schon viel früher so machen sollen!“, betont sie.
Onkel-Toni-Moment:
Toni steht im Garten, riecht den Flieder und merkt erst jetzt, was er gewonnen hat.
Gelernt: Selbstbestimmt und unabhängig
Der Wechsel zu freier Software ist mehr als ein technischer Vorgang. Mama hat nicht nur ein Logo erstellt, sondern wichtige Schritte hin zu unabhängigem und selbstbestimmtem Arbeiten gemacht.
Was sind deine Erfahrungen? Wo stehst du im Veränderungsprozess? Bring dich ein beim nächsten di.day oder rede bei GNU/Linux.ch mit.
Titelbild: Die Grafik zum Beitrag wurde als Familienprojekt für https://www.strava.com/clubs/CommunityTrailrunFreiburg erstellt und darf hier verwendet werden.
Quellen: im Text und:
[1] Nur ein Beispiel: Pfadfunktionen in Inkscape neben https://inkscape.org/de/lernen/

„Meine Pro- und Contra-Listen zeigen klar: Illustrator ist in meiner aktuellen Lage mit meinen Wertvorstellungen die bessere Alternative." Müsste es nicht Inkscape heißen? ;-)
Ups. Ja. Vielen Dank für den Hinweis
Transaktionskosten...
ein immer wieder unterschätztes Problem. Die meisten Menschen, die ich an Rechnerarbeitsplätzen kenne, wollen nicht mit dem Rechner spielen, sie wollen ihre gewohnten und für sie optimierten Arbeitsabläufe nutzen um schnell Ergebnisse zu erzielen. Gibt man ihnen ein anderes Werkzeug mit anderem Handling und dem scheinbaren Fehlen lieb gewonnener Funktionen, ist Umlernen ein Übel, dass man begründen muss - insbesondere, wenn man die Kopie irgendwann einmal gekauft hat und damit sowieso besitzt.
Bei uns schlagen Studenten auf, die im Studium kommerzielle Software frei nutzen durften oder besser gesagt, damit angefüttert wurden, und sich jetzt fragen, wie sie ohne Matlab Matrizen multiplizieren sollen. Transaktionskosten. Kommerzielle Anbieter machen das aus ihrer eigenen ökonomischer Sicht richtig. Und spätestens beim CAD sind wir uns sogar einig: Freecad (1 Kern, Grafikkarte nur fürs UI und die 3D-Anzeige, nicht für Berechnungen) ist leider kein Ersatz für etwas wie SolidWorks - zumindest nicht, wenn es komplizierter wird.
Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Dazu passt vielleicht noch dieser Link.