Zum Wochenende: Mama, ihr Fitness-Tracker und die digitale Unabhängigkeit

  Astrid   Lesezeit: 7 Minuten  🗪 6 Kommentare Auf Mastodon ansehen

Große Fitness-Plattformen sind bequem – aber sie entscheiden, was, wann und für wen läuft. Was, wenn man selbst mehr Kontrolle haben möchte? Hier erfahrt ihr, wie Mama vom zentralisierten System zu ihrer eigenen Fitness-Instanz gewechselt ist.

zum wochenende: mama, ihr fitness-tracker und die digitale unabhängigkeit

Es ist etwas passiert, was ich unbedingt mit euch teilen möchte.

Ich war Joggen und saß völlig reizüberflutet vor dem Fitness-Tracker-Angebot. Eine persönliche Bestzeit bin ich gelaufen und wollte das unbedingt auf Strava meinen Sportfreundinnen zeigen. Die Strecke war gigantisch schön - nahe Cartagena mit Blick zum Meer und auf die Berge. Die Freundinnen, die sich für landschaftlich schöne Strecken interessieren, sind verteilt auf Komoot, Wikiloc … alle sind woanders … ein Dilemma.

Und plötzlich kam mir dieser Blogbeitrag über dezentrale Netze und eine Sprache, die alle verstehen - Activity Pub - in den Sinn [9]. 

Ich hatte damals Zeit zum Experimentieren.[10]

Ich hatte so ein Herzklopfen, war so aufgeregt, als meine ersten Joomla-Beiträge in meinem Test-Mastodon-Konto erschienen. Es war nur ein Entwurf und erst ein Anfang, aber ich hatte das Gefühl, dass ich hier auf etwas ganz Großes gestoßen bin.

Und heute. Ich schaue 39c3 Videos [12] und eines lässt mich nicht mehr los.

Und plötzlich war sie wieder da:
Die Lust zum Experimentieren, 
Ein Problem vor Augen, für das es eine Lösung gibt.

Und dann dachte ich:
Genau dieses Gefühl - dieses „Oh mein Gott, Das ist es! Bei zentralen Systemen ist man gebunden und dezentrale Systeme, die sich untereinander austauschen, sind die Lösung“. Das ist es, was ich mir vom monatlichen di.day wünsche.

Hier nun mein zweiter di.day Schritt, bei dem es um Fitness-Tracker geht.

Dezentrale Systeme - wo sie haken und wie man die Haken lösen kann

Warum Mama heute ihre eigene Fitness-Tracking-Instanz betreibt und warum das gut ist.

Im ersten Beitrag zum Digital Independence Day [14] ging es um eine einfache Erkenntnis:

Große Anbieter sind nicht per se böse.
Sie sind bequem, durchdacht und funktionieren gut.

Das Problem beginnt dort, wo Bequemlichkeit zur Alternativlosigkeit wird – und Alternativlosigkeit zur Macht. Machtkonzentration ist gefährlich [1]. 

Dieses Mal geht es nicht um Firmen, sondern ganz allgemein um Software-Architektur: zentral oder dezentral. Und darum, dass auf die Dauer nur Power hilft [2].

Bevor wir tiefer einsteigen: zurück zu Mama.

Mama läuft – und alles läuft mit

Mama läuft.
Schuhe an, Smartwatch dran, los.

*Piep.*

„Läuft“, sagt Mama.
„Was läuft?“, fragt Gabi.
„Alles.“

Stravarina startet ohne Nachfrage.
Strecke erkannt, Puls passt, alles schön bunt.
Nach hundert Metern vibriert die Uhr: ein Kudo.

„Ich fühle mich motiviert“, sagt Mama zufrieden.

Nach dem Lauf zeigt sie stolz ihr Handy:
Zeit, Strecke, wichtig wirkende Diagramme, neue Follower.
Menschen, die sie nicht wirklich alle kennt – die sie aber anfeuern.

„Früher bin ich einfach gelaufen“, sagt Mama.
„Und heute?“
„Heute laufe ich – und bin dabei nicht allein.“

Stravarina weiß, was Mama braucht:
keine nervigen Einstellungen, keine langweiligen Erklärungen,
Motivation und Inspiration zur richtigen Zeit. Und Community.

Es funktioniert einfach und macht Spaß.

Zentrale Software – warum sie so beliebt ist



Stravarina steht für zentral geführte Software [3].

Ihre Stärken:

  • Standardfunktionen sofort benutzerfreundlich nutzbar
  • große Community, starker Netzwerkeffekt
  • Motivation durch Vergleiche und Anerkennung
  • hohe Zuverlässigkeit
  • kein technisches Wissen nötig

Kurz: bequem.

Mama läuft – und Stravarina stolpert

Am nächsten Morgen trackt Mama ihren Lauf nicht.
Nicht aus Faulheit – Stravarina ist down.

„Alles weg“, Brigitte ist empört.
„Auch mein Lauf von gestern?“
„Alles.“

Am Nachmittag kommt eine Mail:
Neue Premium-Features, neue Preise.
Dann eine weitere:
Strava wurde verkauft. Neue AGB.

„Und wenn man nicht einverstanden ist?“.
„Dann ist man raus.“

Kurz darauf ist Mamas Konto eingeschränkt.
„Ungewöhnliche Aktivität. Mama wollte, dass halfbiken [5] von Stravarina als Sportart hinzugefügt wird, und ist damit angeeckt. Minderheiten haben in zentralen Systemen einen schweren Stand.
Außerdem hat sie vorgeschlagen, mit anderen Konkurrenten Daten zu teilen - Activity Pub zu integrieren. Quertreiber mag man gar nicht!

Mama zieht die Schuhe aus.
„Die App entscheidet,
wann ich laufen darf,
wer es sieht, 
was Sport ist
und was es kostet.“

Mama wird klar: Bei der Entscheidung für ein zentrales System ist die entscheidende Frage nicht:
Ist Stravarina heute gut?

Sondern:
Was könnte morgen passieren?

Wenn Preise steigen, Funktionen verschwinden
oder der Dienst ausfällt,
bleiben zwei Optionen:
akzeptieren oder gehen.

Beides heißt: keine Kontrolle und Scheitern ganz groß oder ganz lange.

Mama läuft – und wechselt

„Ich bin gewechselt“, sagt Mama.
„Zu einer FitTrackee Instanz [17]. 
Dezentral. Open Source. 
Selbstgehostet als Hobbyprojekt von Fedi. 
Den habe ich bei einem Hackathon kennengelernt. Seitdem folge ich ihm bei Mastodon.“

Der Server braucht etwas,
die Community ist klein,
Software noch in der Entwicklung,
aber:
keine Werbung, keine Ranglisten,
alles sehr persönlich.

„Ich kann alles mitgestalten“, sagt Mama stolz.
„Sogar Halfbike als Sportart ist möglich.“ [6]

Mama läuft mit FitTrackee, und obwohl ihre Freundin Gabi nur bei Mastodon ist, kann sie Mama folgen – wenn beide Systeme die gleiche Sprache sprechen: ActivityPub ist bei Fittrackee in der Planung [11].

Aktuell zwei Follower:
der Fedi und seine Frau.

„Überschaubar“, sagt Brigitte.
„Aber ehrlich und echt“, sagt Mama.

Dezentrale Software [4] – und ihre Schattenseiten



Am nächsten Tag wartet FitTrackee.
„Worauf?“
„Auf Fedi. Der arbeitet gerade.“

Die Aktivität lädt.
Oder auch nicht.

Abends versucht Mama zu helfen.
Sie liest über Reverse Proxy und Redis.
„Eigentlich will ich das gar nicht verstehen.
Ich will nur Sport machen.“

Kurze Zeit später überlegt Fedi,
das Projekt ruhen zu lassen.
Zu wenig Zeit. Zu hohe Kosten.

„Das ist das Problem“, erkennt Mama.
„Niemand fühlt sich verantwortlich.“

Zentral ist wie ein Alleinherrscher:
kann böse werden.

Dezentral ist wie ein netter Nachbar:
sehr freundlich –
aber wenn er nicht da ist oder keine Zeit hat, nützt die ganze Freundlichkeit nichts. 

Experimentieren ist anstrengend, wenn man keine Lust hat.

Die ehrlichen Nachteile dezentraler Systeme

  • keine garantierte Verfügbarkeit
  • weniger Komfort
  • kleinere Communities
  • kein Support-Team
  • man wird Admin, ob man will oder nicht

Das ist der Preis der Unabhängigkeit.
Und man sollte ihn nicht schönreden.
Denn: Auf die Dauer hilft nur Power.

Mama läuft – und übernimmt ein bisschen Verantwortung

„Ich mache meinen eigenen Server“, sagt Mama.
„Auf meinem alten Rechner."

Eine kleine private Instanz:
Freundinnen, Familie, Mitläuferinnen.
Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt.

„Ich bin jetzt nicht mehr nur Nutzerin“, sagt Mama.
„Ich bin Teil des Systems. Das ist selbstwirksam!“.

Trotzdem ist Mama nur ein kleines Licht, das genauso ausgehen kann wie Fedi. 

Es braucht mehr Power, die sich der Macht entgegenstellt – idealerweise aus der Zivilgesellschaft oder von sozial engagierten Firmen. 

Im Fitnessbereich gibt es viele Vereine, und wenn ich mir die Websites von Firmen ansehe, die im sportlichen Bereich aktiv sind [7], könnte auch von hier Unterstützung kommen.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass große Firmen uns im Internet eine Plattform bieten, in der alles für uns vorkonfiguriert ist. Das scheint auf den ersten Blick gut zu sein.

Warum dezentrale Systeme trotz ihrer Schwächen besser sind

Dezentrale Systeme scheitern häufiger. Aber sie scheitern klein.

Zentrale Systeme scheitern seltener. Aber wenn sie scheitern, dann für alle gleichzeitig.

Das ist wie wenn alle Süßigkeiten in einer einzigen großen Dose liegen und Opa Heißhunger bekommt. Die Mama hier im Beispiel hatte schon als Kind ihr eigenes kleines Geheimversteck. Ebenfalls ein Warnsignal für Über-Zentralisierung sind der Cloudflare-Ausfall und der AWS-Ausfall Ende letzten Jahres [15].

Und schon die Väter des Internets hatten die Nachteile von Zentralisierung im Blick: Das für militärische Zwecke konzipierte ARPANET [8] war dezentral angedacht: nicht perfekt, sondern widerstandsfähig.

Nicht alles funktioniert immer.
Dafür ist es sehr unwahrscheinlich, dass alles gleichzeitig ausfällt.

In Krisenzeiten besonders wichtig. Dann ist Dezentralität kein Hobby für Nerds, sondern eine digitale Lebensversicherung für unsere Unabhängigkeit [16].

Dezentralität beginnt nicht mit Perfektion, sondern mit Mitmachen. Für die, die Zeit und Lust zum Experimentieren haben, habe ich meine Schritte notiert [13]. Mit genug Power kann daraus etwas ganz Großes werden!


Quellen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Gewaltenteilung
[2] https://media.ccc.de/v/39c3-auf-die-dauer-hilft-nur-power-herausforderungen-fur-dezentrale-netzwerke-aus-sicht-der-soziologie
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralisation_(Wirtschaftswissenschaften)
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Dezentralisation
[5] https://halfbikes.com/de
[6] https://github.com/SamR1/FitTrackee/pull/764
[7] Ein Beispiel: https://ryzon.net/de-at/pages/about-ryzon
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/ARPANET
[9] https://gnulinux.ch/activitypub-erklaert
[10] https://magazine.joomla.org/all-issues/february-2023/turning-the-joomla-website-into-an-activitypub-server
[11] https://github.com/SamR1/FitTrackee/issues/1010
[12] https://media.ccc.de/v/39c3-die-kanguru-rebellion-digital-independence-day
[13] https://lab.uberspace.de/guide_fittrackee/
https://astrid-guenther.de/fittrackee-uberspace-installation/
[14] https://gnulinux.ch/navigation-und-digitale-karten-zwischen-komfort-datenschutz
[15] https://blog.cloudflare.com/de-de/18-november-2025-outage/
https://www.heise.de/meinung/Kommentar-zum-Totalausfall-bei-AWS-Nichts-gelernt-in-den-letzten-30-Jahren-10794622.html
[16] https://www.heise.de/news/Wie-ein-franzoesischer-Richter-von-den-USA-digital-abgeklemmt-wurde-11087453.html
[17] https://docs.fittrackee.org/en/index.html
https://gnulinux.ch/fittrackee-self-hosted-ativitaetstracker

Bilder selbst aufgenommen beziehungsweise via https://excalidraw.com/ erstellt.

Tags

diday, Fitness, Tracker, Sport, did

Lioh Möller
Geschrieben von Lioh Möller am 30. Januar 2026 um 17:11

Ich fände es noch gut, wenn die Links im Artikel direkt klickbar wären.

Astrid
Geschrieben von Astrid am 30. Januar 2026 um 20:40

Ups. Ja, du hast recht.

Kai
Geschrieben von Kai am 30. Januar 2026 um 19:49

FitTrackee ist also eine Selbst-Hosting Lösung, die es ermöglicht seine gesammelten Fitness-Daten auf dem eigenen Server zu speichern, zu verwalten und mit anderen zu teilen. Aus der Feature-Liste ist mir nicht klar geworden ob die Daten dann für alle und jeden der den Link kennt ständig öffentlich zugänglich oder geschützt sind? Da es ja um die digitale Unabhängigkeit und damit im Großen und Ganzen ebenso um Datenschutz & Privatsphäre geht, frage ich mich zudem inwiefern das in dieser Hinsicht bei Verwendung einer SmartWatch wirklich einen wesentlichen Unterschied macht? Ich besitze keine SW, deshalb meine Frage: Existieren überhaupt (freie) SmartWatches wo man sicherstellen kann, dass sie NICHT ihre gesammelten Daten zufällig automatisiert an systemeigenen Dienste des Herstellers weiterleiten oder verwechsel ich das Thema etwas zu sehr mit SmartTVs & Robo-Staubsaugern?

astrid
Geschrieben von astrid am 30. Januar 2026 um 21:37

Man kann die Zugriffsrechte für seine Daten einstellen: „Öffentlich“ sieht sie jeder, der den Link hat, oder man kann sie auf „privat“ setzen.

Zu Garmin könnte dieses Video interessant sein: https://media.ccc.de/v/froscon2025-3257-garmin_navis_mit_linux#t=6

Es gibt Apps wie https://docs.fittrackee.org/en/index.html, die habe ich aber noch nicht getestet. Ich selbst lade GPX-Tracks hoch. Wer es gewohnt ist, das nach dem Sport automatisch alles hochgeladen wird, findet das wahrscheinlich etwas umständlich.

lib4freed0m
Geschrieben von lib4freed0m am 4. Februar 2026 um 11:00

Ich freue mich hier ein Bild von einem Halfbike zu sehen :)

astrid
Geschrieben von astrid am 4. Februar 2026 um 20:08

Halfbikest du auch?