Zum Wochenende: Sagt nicht Ihr, sondern Wir

  Ralf Hersel   Lesezeit: 2 Minuten  🗪 13 Kommentare Auf Mastodon ansehen

In schweren Zeiten gilt es, zusammenzuhalten. Die Trennung von "ihr und wir" ist kein gutes Rezept für die Gesellschaft. Die Besinnung auf Gemeinsamkeiten bringt uns weiter.

zum wochenende: sagt nicht ihr, sondern wir

In den Kommentaren auf Mastodon oder unter den Artikeln, lese ich manchmal solche Formulierungen:

@gnulinux Vielleicht solltet Ihr die FOSDEM noch etwas befeuern und 31. 1. endet CfP für Grazer Linuxtage!!!

Oder man liest so etwas:

  • Schreibt doch mal was zum Thema XY
  • Habt ihr euch mal überlegt, ob ...
  • Könnt ihr bitte dies oder das machen.

Solche Anforderungen sind fast immer freundlich formuliert und verständlich. Ich sehe sie als Anregung und Anerkennung für das Community-Projekt GNU/Linux.ch. Das ist schön und ehrenwert, verkennt jedoch die Intention hinter dem Projekt.

Die Trennung zwischen Ihr und Wir entspricht nicht dem, was wir mit GNU/Linux.ch seit fast 6 Jahren bezwecken. Hier schreibt, spricht und organisiert die Community für die Community. Ihr seid GNU/Linux.ch und damit wird aus dem Ihr ein Wir. Ohne euch, gäbe es dieses Projekt nicht.

Ich verstehe, dass man im Kopf einen Schalter umlegen muss, damit diese Trennung aufhört. Im normalen Leben, oder auf anderen Webseiten gibt es eine klare Trennung, zwischen Leistungsersteller (Ihr) und Leistungsempfänger (Wir). In der Regel ist das mit Kosten, der Preisgabe von Daten oder dem Ertragen von Werbung verbunden. Das ist meiner Meinung nach nicht im Sinne einer Freien Gesellschaft, für die sich GNU/Linux.ch engagiert.

GNU/Linux.ch ist keine kommunistische Plattform. Das kann gar nicht sein, weil die Community ein breites gesellschaftliches und politisches Spektrum abdeckt. Und GNU/Linux.ch ist nichts anderes als ein Spiegelbild der Community. Dennoch gibt es bei diesem Projekt Regeln, die freiheitlich-demokratische Werte sicherstellen möchten. Das Projekt ist für alle Ideen, Einstellungen und Ausrichtungen offen, solange sich diese in einem würdigen Rahmen befinden.

Selbstverständlich gibt es bei GNU/Linux.ch Strukturen. Es gibt die Leser und Hörerinnen, es gibt alle, die uns im Fediverse folgen, es gibt die Redaktion und die Matrix-Räume, in denen die Community mit der Community diskutiert und man sich gegenseitig hilft. Und es gibt das CORE-Team, das versucht, alles im Sinne der Community zu organisieren.

Der Gegensatz "ihr und wir“ ist ein mächtiges Deutungsmuster, das Zugehörigkeit stiften, aber auch Ungleichheit, Gewalt und Ausschluss produzieren kann. Das kann überwunden werden, wenn man die eigene Sprache reflektiert und sich bewusst macht, welche Bilder damit transportiert werden. Zudem kann man Differenzen anerkennen, ohne diese abzuwerten. Mit Dialog und geteilter Verantwortung, können sich alle Beteiligten als Teil einer gemeinsamen moralischen Gemeinschaft sehen.

Ich wünsche mir, dass sich die Gesellschaft mehr auf das Wir besinnt. Schönes Wochenende!

Titelbild: https://pixabay.com/photos/happy-holidays-women-talking-laugh-2567915/

Quellen: im Text

Tags

Community, Gemeinschaft, Wir, Zusammenarbeit

Tim
Geschrieben von Tim am 23. Januar 2026 um 17:20

Willkommen beim betreuten Denken!

Ist man heutzutage nicht mehr in der Lage, zu diffenzieren? Weil wir sprachlich zwischen "Ihr" und "Wir" wechseln, produzieren wir (oder Ihr) Auschluss, Gewalt und Ungleichheit? So kann man natürlich alles "kaputtreden" ...

Wer entscheidet dann, was "WIR" machen?

Leute, was ist los mit EUCH?

Ralf Hersel Admin
Geschrieben von Ralf Hersel am 24. Januar 2026 um 17:00

Mir war klar, dass dieser Artikel missverstanden werden kann. Ich gebe zu bedenken, dass es ein "Zum Wochenende"-Artikel ist. Die sind immer ein wenig speziell und sollen auch zum Denken anregen. Somit zielst Du mit "betreutem Denken" in die richtige Richtung.

Ich kenne Leute, die reden häufig in der Wir-Form: "Wir haben letztes Jahr XY erreicht". Mit "Wir" ist die Community gemeint, egal, ob man selbst an XY beteiligt war. Das kann man als Stolz oder Überheblichkeit einordnen. Bei mir hinterlässt eine solche Aussage ein gutes Gefühl. Da heisst es nicht "Ich bin der Tollste und Beste", sondern "Wir haben gemeinsam etwas erreicht".

Tim
Geschrieben von Tim am 25. Januar 2026 um 12:28

Auch so eine Unart: erst was machen, dann zurückrudern! Wenn man weiss, dass etwas missverstnaden werden wird, warum schreibt man dann nicht von Beginn an vernünftig? Experiment? Wer hat das entschieden? Wir alle?

Und ich wusste nicht, dass zum Wochenende die Belehrungen zulässig sind. Wochentags nicht, wo ist da der Unterschied?

Ich bin immer davon ausgegangen, dass dies hier eine Art Tech-Blog ist. Hier nehmen Personen teil, die z.T. Linux nutzen (Mint, arch, Debian, Ubuntu usw. usw.), verschiedene Custom-ROMs, OpenSource, Foss oder Fediverse in seiner gesamten Fülle und Bandbreite. Wenn ich als Linux Mint-User jetzt in die Runde fragen würde, wie "Ihr" mit der Debian-Version zufrieden seid, spreche ich doch deren Nutzer an. Sollte doch für jeden klar sein. Fühlen sich da die Nichtnutzer aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und ausgegrenzt? Echt jetzt?

Habe die Befürchtung, der Gesellschaft werden zunehmend die Theapieplätze ausgehen, wenn die Leute nicht nach jedem Kackerlie hochgelobt werden, einen Lollie bekommen und ein Strassenfest zur Gemeinschaftstärkung organisert wird. ("WIR finden, dass hast du tollgemacht. Du bist einer von UNS") - Ironie off

Stefan
Geschrieben von Stefan am 26. Januar 2026 um 12:03

Hallo, wer aufmerksam liest oder den Podcast hört wird erkannt haben, das es eine Community ist, die von den Leuten gebildet wird die daran Interesse haben und "mitarbeiten". Wer die Artikel liest, mal kommentiert ist schon in der Community dabei. So mein Verständnis. Wer einen Artikel schreibt noch mehr. Ich habe bisher einen Artikel geschrieben um der Community meine Erfahrungen bei einem privaten "Projekt" zurückzugeben. Das ging auch unproblematisch über das Formular. Nach ein paar Tagen (über das weshalb und warum es etwas länger dauert wurde ich informiert) wurde der Artikel veröffentlicht und gut war.

Was mir immer wieder in irgendwelchen Foren wo sich fast keiner persönlich kennt, auffällt ist folgendes.

Jetzt was zum Aufregen. -> Man muss halt die Buchstaben auch lesen und verarbeiten. Das fehlt häufig und dann wir ohne Rücksicht auf Verluste kommentiert, beschwert usw.

Pascal
Geschrieben von Pascal am 23. Januar 2026 um 19:12

Guter Punkt!

Thoys
Geschrieben von Thoys am 24. Januar 2026 um 09:15

Guten Morgen, danke für den Beitrag. Wir leben ja in Zeiten, wo alles eingeteilt wird. Flinta, Queere, Männer, Ausländer, alles Einteilungen, um ein wir und ein ihr zu schaffen, was am Ende des Tages zu einer Spaltung führt.

Könntet ihr (ha ha) darstellen, wie man zu einem wir wird. Ich spiele schon lange mit dem Gedanken über Freie Software auf RC Sendern zu schreiben, nur scheue ich die Mühe einen eigenen Blog zu erstellen. Wie ist denn der Weg eines Artikels als Gastschreiber bei euch? Natürlich habe ich eure "Mitschreiben" Seite gelesen. Hier steht, dass nach einer Prüfung der Artikel veröffentlicht wird. Genau hier wirds ja interessant. Wer prüft denn da, wie viele Gremien, wie ist der Weg eines Artikels? Wie schnell geht das? Kann ich da mit jemand telefonieren oder gibt es nach Wochen eine Mail von irgendwem?

Schönen Gruß

Ralf Hersel Admin
Geschrieben von Ralf Hersel am 24. Januar 2026 um 17:07

Thoys, Du bist doch schon längst im "Wir" angekommen, indem Du dich für die Community interessierst und hier kommentierst.

Das Mitschreiben bei GNU/Linux.ch ist sehr einfach und es gibt mehrere Wege. Der Einfachste ist das Artikelformular. Manche schicken lieber eine E-Mail an kontakt@gnulinux.ch, um ihren Text einzureichen. Bei beiden Wegen wird der Artikel vom CORE-Team oder von der Redaktion geprüft. Leute, die häufiger schreiben möchten, nehmen wir in die Redaktion auf. Damit erhält man einen Zugriff auf das CMS und eine Schulung, um es bedienen zu können. Damit entfällt die Prüfung, bzw. findet diese auf Anfrage statt, also: "Könnt ihr bitte mal schauen, ob dieser Artikel-Entwurf in Ordnung ist".

Robert
Geschrieben von Robert am 24. Januar 2026 um 19:32

Ich habe selber hier erst einen Artikel eingereingereicht, dieser wurde aber bereits nach wenigen Tagen veröffentlicht.

Astrid
Geschrieben von Astrid am 24. Januar 2026 um 09:39

Super. Manchmal sage ich „Ihr“, weil ich mir ein „Wir“ nicht anmaßen möchte. Ich habe oft das Gefühl, mir Zugehörigkeit erst "verdienen" zu müssen. Ich glaube das geht vielen so. Sicherer im „Wir“ fühle ich mich, wenn andere es zuerst ansprechen.

Ralf Hersel Admin
Geschrieben von Ralf Hersel am 24. Januar 2026 um 17:15

So etwas lese ich häufiger: Der Elfenbeinturm. Es gibt tatsächlich Projekte, bei denen man ein halbes Jahr lang angeschnauzt wird, bevor man "dazu gehört". Bei GNU/Linux.ch ist es exakt umgekehrt. Du warst seit deinem ersten Schritt in dieses Projekt Teil davon und daher Teil der Community.

The_Raven
Geschrieben von The_Raven am 24. Januar 2026 um 19:12

Interessant, "ihr" und "wir". Nach letzter Woche dachte ich es gibt nur noch "ICH" und alle müssen einen Account auf "thruth social" erstellen.🙈

Casten
Geschrieben von Casten am 24. Januar 2026 um 20:02

Sprache ist ein wirlich weites Feld... ++Tim ++Thoys

Ihr oder Wir? Ist beides falsch, die einzige systematisch richtige Vokabel dafür lautet "Unser"! So ähnlich wie in "Unsere Demokratie" (also weder deine noch meine, sondern auschließlich Ihre Demokratie). Aber was weiß ich schon davon? https://plagiatsgutachten.com/blog/unsere-demokratie-war-eine-kampfvokabel-der-ddr/

MonteDrago
Geschrieben von MonteDrago am 26. Januar 2026 um 12:06

Ich habe jetzt mal ein wenig darüber nachgedacht.

Das "ihr" kommt sehr häufig von Leuten die dich noch nicht lange mit Linux(FOSS) beschäftigen, und deswegen noch unsicher sind, was das ganze angeht. Da ist es verständlich, das es oft noch "Könnt ihr mir bitte mal erklären..." oder "könnt ihr bitte mal schauen...", und wenn dann auf nachfrage auch nötige Infos kommen, kein Problem.

Wenn aus "bitte mal" aber ein ein "Ihr müsst" wird, dann geht bei Mir sehr schnell das Stahltor runter.🙁

Denn das zeigt halt eine Haltung aller "Ich will nicht selber machen, dafür seit ihr da". Und das wieder spricht halt auch dem FOSS Gedanken komplett, und wird von mir nicht unterstützt.

Und ja diese Einstellung (man hat mir alles vorzukauen, das ich selber nicht denken muss...) nimmt außerhalb der Community halt immer mehr zu.

Jene die nur neu und unsicher sind, helfe ich gern wenn ich kann!, für die anderen verschwende ich meine Lebenszeit nicht.